Judd Apatow oder Warum es sich manchmal lohnt, Vorurteile zu überwinden

Veröffentlicht: 8. August 2010 in Film, TV
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Ich muss sagen, dass ich mich von Beziehungskomödien, die (deutsche) Titel tragen wie „40, männlich, Jungfrau sucht“ und „Beim ersten Mal“ nicht angesprochen fühle. Da erwarte ich dann flachesten Unter der Gürtellinie-Humor und Slapstick. Wenn dann noch Leute wie Adam Sandler die Hauptrolle spielen, klingt das für mich nach Pest und Cholera. Nachdem mir „Freaks and Geeks“ so gut gefallen hat, an der Judd Apatow als Executive Producer und bei einigen Folgen auch als Autor und Regisseur beteiligt war, wurde ich dann doch neugierig auf seine anderen Sachen. Naheliegenderweise habe ich mir zunächst mal seine nächste Serie angeguckt, die er dann auch selbst erfunden hatte:

„Undeclared“ ist die logische Weiterentwicklung von „Freaks…“, nach High School-Schülern geht es hier um College-Freshmen. Insgesamt ist „Undeclared“ allerdings weniger Dramedy, mehr Sitcom (die Folgen sind auch jeweils nur halb so lang, nämlich 22 Minuten), wenn auch ohne Lacher vom Band. Steve Karp war auf der High School ein Außenseiter. Das College ist für ihn die Chance, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und in einem neuen Umfeld ganz neu durchzustarten. Tatsächlich landet er gleich in der ersten Folge mit der hübschen Wohnheimnachbarin im Bett, in die er sich auch prompt verliebt. Nur um am nächsten Tag festzustellen, dass diese bereits einen Freund hat – einen höchst eifersüchtigen. Ansonsten ist es nicht einfach, sich von seinem Elternhaus zu emanzipieren, wenn jeden zweiten Tag der frisch von seiner Frau verlassene Vater im Wohnheim aufkreuzt – und sich auch noch mit den Zimmernachbarn anfreundet.

„Undeclared“ setzt ganz auf Situationskomik, und stellenweise auch auf einen deutlich vulgäreren Humor als die Vorgängerserie. Für Tiefe bleibt relativ wenig Platz, wenn die Art, in der die Charaktere gezeichnet werden, auch immer von einer gewissen Warmherzigkeit geprägt ist. Insgesamt sind die Hauptfiguren nicht so sympathisch wie die von „Freaks…“, schauspielerisch gibt es aber nichts zu meckern. Seth Rogen bekommt hier endlich mehr zu tun als in der Vorgängerserie. Er ist auch der einzige Hauptdarsteller, der aus der älteren Serie übernommen wurde. Dafür tauchen fast alle anderen Geeks und Freaks hier als Gast Stars wieder auf. Insbesondere Jason Segel als exzentrischer eifersüchtiger Freund von Steves großer Liebe sorgt in einigen Folgen für komische Höhepunkte.

Thematisch dreht sich fast alles um Liebe und Triebe, Partys und andere Exzesse. Zum Studieren bleibt den Erstsemestern nur wenig Zeit. Obwohl die Sujets meist doch arg übertrieben wirken, gibt es immer wieder Szenen, in denen man sich wieder erkennen kann. Zumindest wenn man mal studiert und/oder in einem Wohnheim gewohnt hat. Insgesamt eine nette Serie, wenn man es auch nicht so stark bedauert, wenn bereits nach 17 Folgen schon wieder Schluss ist.

Jetzt habe ich mich auch mal an einen von Apatows Filmen ran gewagt: „Knocked Up“ (den bescheuerten deutschen Titel nannte ich oben schon) zeigt eines der ungewöhnlichsten Paare in der Geschichte der romantischen Komödie: Seth Rogen als freakiger Slacker und Katherine Heigl als toughe Karrierefrau, die nach einem One Night Stand im Vollrausch entsetzt feststellen müssen, dass Alison dabei schwanger geworden ist. Ben muss nun im Schnelldurchlauf erwachsen werden, während sich Alison fragt, ob sie wirklich ihr Leben mit diesem unreifen Chaoten teilen will.

Die Verfilmung dieser Story hätte ganz übel werden können – ist sie aber erstaunlicherweise nicht. Es gibt zwar ziemlich viel Fäkalhumor, allerdings auch eine recht hohe Trefferdichte. Entscheidend ist aber wiederum, dass die Figuren immer menschlich-sympathisch bleiben, dass man eher mit ihnen lacht als über sie. Das scheint mir Apatows Erfolgsgeheimnis zu sein. Trotz aller Eskapaden und F-Wörter driftet er nie in die Klamotte ab, gibt seine Figuren nie der Lächerlichkeit preis. Was hier allerdings gar nicht funktioniert ist die Slacker-WG von Ben, die mit der Hälfte der Hauptdarsteller aus seinen beiden Serien bevölkert ist: Jay Baruchel aus „Undeclared“, Jason Segel und Martin Starr aus „Freaks and Geeks“. Deren Charaktere sind diesmal jedoch so überzeichnet, dass sie schnell nur noch nerven. Außer Sex haben sie nämlich wirklich nichts mehr im Kopf.

Über weite Strecken ist Apatow allerdings eine romantische Komödie gelungen, die wirklich witzig ist, nicht kitschig und die beide Geschlechter ansprechen dürfte. Und die ganz nebenbei nicht nur das ein oder andere Tabu bricht, das es in amerikanischen Mainstream-Komödien so sicher noch nicht zu sehen gab (ich sag nur Vagina während der Geburt), sondern auch noch einige Klischees über den Haufen wirft. In einem muss man Apatow jedenfalls zustimmen: Ehrlicher als „Brokeback Mountain“ ist sein Film wirklich. Manchmal lohnt es sich eben doch, seine Vorurteile in Frage zu stellen.

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Kommentare
  1. Olsen sagt:

    Ist mein Kommentar untergegangen? Ich hatte gefragt, was an „Brokeback Mountain“ so unehrlich sein soll. Und im weiteren interessiert mich natürlich auch, wieso du ausgerechnet diesen Film als Vergleich ranziehst.

    • Medienjunkie sagt:

      Dass in einer Liebesgeschichte zwischen zwei Schwulen kein einziges Mal gezeigt wird, wie diese Sex haben (keine Schwänze!). Regt sich einer der Freaks aus der WG in einer sehr engagierten Deleted Scene auf der „Knocked Up“-DVD auf, wobei da auch die ganze Szene über „Author’s Message“ eingeblendet werden müsste ;).

  2. Olsen sagt:

    Hahaha. Okay, jetzt versteh ich den Einwurf. Bin da natürlich anderer Meinung, klar. Und weiterhin der Meinung, dass es in „Bokeback Mountain“ nur oberflächlich um eine schwule Beziehung geht.

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