Mammutserie zu Ende geschaut: „The West Wing“

Veröffentlicht: 18. August 2010 in TV
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Nach knapp einem Jahr bin ich mit sieben Stafeln und 154 Folgen „The West Wing“ durch – und würde mir am liebsten die erste Staffel gleich noch mal angucken. Weil’s so schön war, aber auch, weil ich gern nach der letzten Staffel nochmal im direkten Vergleich sehen würde, wie sehr sich die Serie seit ihrem Anfang stilistisch und atmosphärisch verändert hat. Denn es ist ein weiter Weg, den sie in diesen mehr als 150 Folgen zurückgelegt hat.

Am Anfang ist die Stimmung noch durchweg positiv. Natürlich gibt es dramatische Krisensituationen mit schwierigen Entscheidungen für den demokratischen US-Präsidenten Bartlet. Aber die Atmosphäre im Weißen Haus ist fast ausschließlich freundlich, es gibt so gut wie keine Meinungsverschiedenheiten zwischen seinen engsten Mitarbeitern, und das Staatsoberhaupt selbst scheint dem Lehrbuch für Liberale entsprungen zu sein: ein hoch intelligenter, umsichtiger und bedachter Menschenfreund, der immer das moralisch Richtige tut.

In der zweiten Staffel fängt die Stimmung langsam an, sich zu verändern: durch die traumatischen Folgen, die das Attentat bei einigen Mitarbeitern hinterlassen hat, aber vor allem durch die degenerative Krankheit, die der Präsident der Öffentlichkeit bisher verschwiegen hat. In den folgenden Staffeln bekommen er und das Weiße Haus zunehmend mehr Kratzer: Zum einen muss Bartlet die eine oder andere zweifelhafte Entscheidung über Leben und Tod treffen, zum anderen zeigt sich immer deutlicher, dass selbst die Macht des mächtigsten Mannes der Welt arg beschränkt ist.

Zunehmend gewint man als Zuschauer den Eindruck, dass selbst ein Präsident meist gar nicht Herr seiner eigenen Entscheidungen ist. Gefangen zwischen seinen Beratern, Spin Doctors und Wahlkampfmanagern, den eigenen Interessen von Parteifreunden in Kongress und auf Bundesstaatsebene, der republikanischen Mehrheit im Senat und der öffentlichen Meinung, die permanent in detaillierten Umfragen gemessen wird, bleibt ihm oft nicht mehr, als den kleinsten gemeinsamen Nenner umzusetzen statt seine eigentlichen politischen Ziele zu verwirklichen.

Hinzu kommt dann noch starker Druck durch Kriminelle und Terroristen bis hin zur Entführung seiner jüngsten Tochter am Ende der vierten Staffel. Und auch seine Mitarbeiter haben zunehmend Konflikte miteinander. Nach einer doch arg zähen fünften Staffel, nachdem Serienerfinder Aaron Sorkin nach der vierten seinen Hut nehmen musste und John Wells als Showrunner das Ruder übernahm, kommt es im Laufe der sechsten zu starken inhaltlichen Veränderungen: der Vorwahlkampf um Bartlets Nachfolge beginnt, einige seiner engsten Mitarbeiter verabschieden sich aus dem Weißen Haus, um die Kandidaten der Primaries zu unterstützen oder bekommen neue Aufgaben zugewiesen.

Die abschließende siebte Staffel ist dann schon fast eine neue Serie: Im Mittelpunkt steht nun der Präsidentschaftswahlkampf zwischen dem demokratischen Kandidaten Matt Santos, dem ersten Latino, der für das höchste Amt kandidiert, und dem liberalen Republikaner Arnold Vinick. Das Weiße Haus selbst gerät in den Hintergrund, in vielen Folgen treten Bartlet und seine Mitarbeiter entweder gar nicht oder nur am noch am Rande auf. Nach der entschiedenen Wahl nimmt sich die Serie dann noch fünf Fogen Zeit für den Übergang und um die alten Handlungsstränge langsam und behutsam zu einem Ende zu führen. Hier muss man sagen, dass Wells und seine Mitstreiter fast alles richtig gemacht haben: Teils seit langem vermisste Figuren tauchen wieder auf, das ein oder andere Paar findet endlich zusammen, bei dem man schon lange darauf spekuliert hatte, und alte, stark belastete Freundschaften werden wieder gekittet.

Außergewöhnlich positiv ist auch, dass Wells den Verlierer der Wahl nicht einfach fallen lässt, sondern in einer tollen Folge den Stress und Pomp, mit dem der Gewinner nun umgehen muss, der Leere gegenüberstellt, in die der Unterlegene vom einen Tag auf den anderen plötzlich fällt: gestern noch beinahe der wichtigste Mann der Welt, heute ein Politpensionär, für den sich niemand mehr interessiert. Dass Wells ein höchst einfühlsamer Schreiber ist, sieht man dann auch in der letzten Folge, wo er selbst kleinen, aber durchgehenden Nebenfiguren wie der Sekretärin Carol oder einem der Reporter im Presseraum kleine nette Szenen einräumt.

Neben den meist hervorragenden Dialogen und Plots zeichnet sich die Serie vor allem auch durch die durchweg tollen SchauspielerInnen aus: Martin Sheen, Bradley Whitford, Richard Schiff und der während der Dreharbeiten verstorbene John Spencer sind die herausragendsten, aber auch Jimmy Smits und Alan Alda verkörpern facettenreich die beiden Präsidentschaftskandidaten. Hinzu kommt eine wie bei Wells‘ Serie ER beeindruckende Riege von wiederkehrenden Gaststars. Neben Filmschauspielern wie Christian Slater oder Armin Müller-Stahl taucht innerhalb von sieben Jahren so ziemlich jedes Gesicht auf, das man aus zeitgenössischen US-Serien kennt, von Alan Arkin bis Mary Louise Parker, von Edward James Olmos bis Matthew Parry. Am Ende bedauert man eigentlich nur, dass man nicht mehr mitverfolgen darf, wie der neue Präsident in den folgenden acht Jahren regieren wird. Aber vielleicht gibt es ja mal einen „West Wing“-Direct-to-DVD-Film.

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