Geld von den Massen

Veröffentlicht: 1. Oktober 2010 in Online
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Ich selbst hab das Flattrn vorerst wieder aufgegeben. Trotzdem halte ich Micropayment und Crowdfunding prinzipiell für tolle Sachen. Einen Überblick über die verschiedenen Dienste habe ich in einem epd-Artikel zusammengestellt:

Den Fans der Science-Fiction-Serie „Pioneer One“ kann es nicht passieren, dass der Sender sie plötzlich absetzt, wenn es am spannendsten wird. Denn die US-amerikanische Serie hat gar keinen Sender. Statt Einschaltquoten entscheiden die Fans selbst, ob es weitergeht. Den 6000 US-Dollar teuren Pilotfilm haben Internetnutzer durch Spenden über die Webseite Kickstarter.com selbst finanziert. Er ist im Netz kostenlos verfügbar. Und für die Fortsetzung kamen bereits innerhalb von eineinhalb Wochen 20.000 Dollar zusammen.

Das Internet verändert zunehmend die Art, wie Menschen Musik, Filme und Texte konsumieren. Während die Verkaufszahlen von CDs und DVDs ebenso wie die Auflagen der meisten Zeitungen stark zurückgegangen sind, besorgen sich immer mehr Menschen ihre Medien im Netz. Oft ohne dafür zu bezahlen. Musik- und Filmindustrie und die großen Medienhäuser suchen noch nach Geschäftsmodellen, ihre Verluste bei den klassischen Vertriebswegen online auszugleichen. Doch längst entstehen im Internet selbst neue Bezahlsysteme, die darauf setzen, Urheber von Kultur und Medien auf direktem Weg zu entlohnen.

Manchmal braucht man dabei nicht einmal Geld. Die Erfinder der Webseite „Pay with a tweet“, auf Deutsch „Bezahle mit einer Twitter-Meldung“, gehen davon aus, dass Aufmerksamkeit im Internet eine genau so wertvolle Währung ist. Die Idee von Christian Behrendt und Leif Abraham, zwei bei einer New Yorker Werbeagentur arbeitenden Deutschen: Kreative bieten Lieder, Videos oder Texte gratis auf ihren Webseiten zum Herunterladen an. Aber wer sie haben möchte, muss vorher über den Kurznachrichtendienst Twitter eine Empfehlung an sein Freunde-Netzwerk schicken. Davon versprechen sich Anbieter wie die französische Band The Teenagers neue Fans für ihre Werke. Denn wer sich ihre Single „Made of“ gratis herunterlädt, wird das später vielleicht gegen Bezahlung mit ihrem ganzen Album tun. Und je mehr Leute über Twitter von den Lockangeboten erfahren, desto größer die Zahl der potentiellen Käufer. Inzwischen funktioniert das auch über das Soziale Netzwerk Facebook.

Während es bei diesem Dienst also nur indirekt um Geld geht, fließen bei so genannten Micro-Payment-Systemen reale Beträge. Zurzeit tauchen auf immer mehr Blogs und Online-Portalen Flattr-Buttons auf. Wer sich bei dem schwedischen Dienst Flattr.com anmeldet, kann einen Geldbetrag wählen, den er monatlich freiwillig für Texte im Internet ausgeben will. Jedesmal, wenn er dann auf eine entsprechende Schaltfläche klickt, die meist unter Texten eingebaut ist, fließt ein Anteil des Betrages an den jeweiligen Webseitenbetreiber. Der Clou: Egal, wie oft jemand im Monat klickt, seine Kosten bleiben immer gleich. Sie verteilen sich nur auf unterschiedlich viele Empfänger. Gegründet wurde Flattr im März im schwedischen Malmö. Erfinder ist Peter Sunde, der bereits das bekannte Download-Portal „The Pirate Bay“ mitgründete. „Wenn Flattr erfolgreich ist, werden viele Leute mehr Zeit mit den Sachen verbringen können, die ihnen Spaß machen“, sagte er dem ORF.

Über aktuelle Teilnehmerzahlen macht das Unternehmen keine Angaben. Sunde selbst sieht die kritische Menge, ab der das System Sinn mache, bei etwa 10.000 Nutzern. Der Online-Auftritt der Berliner „tageszeitung“ („taz“) hat im Juli durch Flattr-Spenden 1420 Euro verdient, 40 Prozent mehr als im Vormonat. „Insgesamt erfüllt das Wachstum voll unsere Erwartungen“, schrieb Online-Redaktionsleiter Matthias Urbach bereits im Juni auf taz.de.

Über andere Webseiten finanzieren freiwillige Spender ganze Projekte, die sonst nie verwirklicht würden. Der Begriff Crowdfunding bezeichnet das Finanzieren durch eine Masse meist kleiner Beiträge. Auf der im April 2009 in New York gegründeten Kickstarter-Seite suchen Musiker, Autoren und bildende Künstler nach Investoren für ihre Projekte – und jemand, der in Atlanta einen Imbiss-Truck starten will.

Auch US-amerikanische Journalisten können sich ihre Artikel von Spendern finanzieren lassen. Die 2008 in San Francisco gegründete gemeinnützige Organisation „Spot Us“ will dem Zeitungssterben in den USA etwas entgegensetzen, indem sie Berichte von öffentlichem Interesse fördert. Bisher können Bürger aus den Regionen San Francisco und Los Angeles über die Webseite spot.us lokale Themen vorschlagen. Kommt genügend Geld zusammen, macht sich ein freier Journalist an die Recherche. Zeitungen können dann die fertigen Artikel kostenlos drucken oder die Exklusivrechte an einer besonders heißen Story kaufen. So finanzierten beispielsweise 18 Spender mit insgesamt 171 US-Dollar einen Artikel über Sprachprobleme bei Rettungseinsätzen in L.A. Ein Modell, das vielleicht auch bald in deutschen Städten Schule machen könnte.

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