„Picking up litter was the best time of my life“: die britische SF-Serie „Misfits“

Veröffentlicht: 17. Dezember 2010 in TV
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Ein weiterer Beitrag in meiner Reihe der Versuche, eine tolle TV-Serie vorzustellen, die die Seriennerds unter meinen Lesern nicht schon längst kennen. Ich kenne mich mit britischen Serien im Gegensatz zu amerikanischen nicht besonders gut aus, unter den aktuellen gehörte bisher auch keine zu meinen Favoriten. Bis ich „Misfits“ entdeckt habe, eine noch relativ neue von Channel 4 produzierte Serie, deren zweite Staffel gestern zuende ging (am Sonntag folgt noch ein Christmas Special, eine britische Besonderheit, die ich bisher nur von Doctor Who kannte).

Titelhelden sind fünf junge Straftäter, die wegen geringerer Delikte Sozilastunden ableisten müssen. Dabei geraten sie in ein ungewöhnliches Gewitter und werden gleichzeitig vom Blitz getroffen. Danach entdeckt einer nach dem anderen, dass sie über Superkräfte verfügen. Das macht ihr Leben nun nicht gerade einfacher, denn zum einen sind diese Kräfte oft eher hinderlich als hilfreich. So wird etwa jeder Mann, der die attraktive Alisha nur berührt, ab sofort zu einem willenlosen Sexmaniac, der sie gleich an Ort und Stelle vergewaltigen will. Zum anderen sind die Fünf nicht die einzigen Bürger, die von dem seltsamen Blitz getroffen wurden und so geraten sie ständig mit neuen schrägen Typen aneinander, die über die unterschiedlichsten Superkräfte verfügen. Und der ein oder andere setzt sie gerne ein, um Menschen zu killen.

Das klingt zunächst mal etwas trashig – und das ist es auch. Aber eben nicht nur. Im Gegensatz etwa zu „Heroes“ sind die Hauptfiguren hier trotz ihrer Kräfte eben keine Superhelden, sondern teilweise ziemlich asoziale jugendliche Delinquenten, die mit deftigen Sprüchen nur so um sich schleudern, die ständig Fehler machen und sich meist überhaupt nicht heldenhaft verhalten. So ist Nathan die meiste Zeit ein selbstverliebtes Arschloch, Simon ein creepy Außenseiter, Kelly eine aggressive junge Frau mit einem unfassbaren Slang usw. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist ihre neue Situation. Mehr gegen ihren Willen schweißt sie das natürlich zusammen, was aber nicht heißt, dass sie nun plötzlich die besten Freunde würden. Genauso langsam, wie die Figuren ihre gegenseitige Abneigung verlieren, schließt man sie auch als Zuschauer ins Herz. Denn zu Anfang wirken sie noch extrem unsympathisch. Erst mit der Zeit merkt man, dass jeder auch gute Seiten an sich hat.

„Misfits“ basiert locker auf der amerikanischen 80er-Jahre-Serie „Misfits of Science“, die bei uns als „Die Spezialisten unterwegs“ auf RTL bzw. damals noch RTL plus lief. Außer der Grundprämisse, dass eine Handvoll eher junger Außenseiter plötzlich Superkräfte hat, haben die beiden Serien aber im Grunde nichts gemeinsam. Außer vielleicht noch die trashigen Gegner. Da wird vor nichts zurück geschreckt, was die Klamottenkiste der Superschurken hergibt, von Gestaltwandlern bis zu lebenden Ego-Shootern und tötenden Milchverspritzern. Diese trashigen Episodenplots gehen aber einher mit tiefgründigeren episodenübergreifenden Story Arcs, die gerne mal Rätsel à la „Lost“ oder BSG aufwerfen. Da gibt es geheimnisvolle maskierte Beschützer, Zeitreisen etc. Neben viel Situationskomik und wirklich witzigen Sprüchen bleibt auch genügend Raum für stillere, bewegendere Momente.

Insgesamt ist das Ganze eine ziemlich gewagte Mischung aus SciFi-Action, Coming-of-Age-Drama und abgefahrener Comedy. Und erstaunlicherweise funktioniert diese Mischung sehr gut. Stilistisch ist die Serie alles andere als 08/15, es gibt immer wieder gelungene Regieeinfälle und optische und formale Spielereien. Hinzu kommt ein treffender Einsatz von Popsongs, ziemlich viel Sex und eine explizite Sprache, wie ich sie selbst in HBO- oder Showtime-Serien – mit Ausnahme vielleicht von „Californication“ noch nicht gehört habe. „Wank“ und „shag“ dürften wohl zu den meistbenutzten Wörtern gehören. Auch das sorgt für Realismus, denn abgesehen von der absurden Grundprämisse zeigt die Serie realistische Charaktere aus der Unterschicht statt comichafter Superhelden (die folgerichtig auch weiterhin Müll einsammeln müssen).

Anders als in „Heroes“, wo es immer gleich darum geht, die ganze Welt zu retten, entstehen die Plots in „Misfits“ meist aus den Charakteren und den Situationen heraus, in die diese geraten. So ist es ein schöner running gag, dass ihnen ständig Bewährungshelfer gefährlich werden. Auch die Superkräfte selbst sind an die Geschichten und Ängste der Charaktere angebunden: der schüchterne Simon, der für andere Menschen meist unsichtbar bleibt, kann sich plötzlich wirklich unsichtbar machen, Curtis, der wegen Drogenbesitzes seine Läuferkarriere beenden musste und sich wünscht, die Zeit zurück drehen zu können, kann plötzlich genau das etc.

Wer mal eine etwas andere Superheldenserie mit intelligenten Drehbüchern, toller Inszenierung und guten Darstellern sehen will, sollte sich „Misfits“ nicht entgehen lassen. Bis sich ARD oder ZDF mal trauen, eine solche Serie zu produzieren, werden wahrscheinlich noch ein paar Jahrzehnte ins Land gehen.

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