„Mad Men“ oder Die zwei Leben des Don Draper

Veröffentlicht: 8. Februar 2011 in TV
Schlagwörter:, , , ,

„Nobody knows what’s wrong with themselves but everybody else can see it at once.“ Diesen klugen Satz sagt eine von Don Drapers zahllosen love interests in der dritten Staffel von „Mad Men“ zu ihm. Es könnte auch das Motto der gesamten Serie sein. Denn genau darum geht es in ihr, wenn man erst einmal hinter ihre Oberfläche gesehen hat: Um Menschen, die nicht die sind, die sie vorgeben zu sein, deren äußere, meist makellose  Erscheinung etwas verbirgt: ein Geheimnis, eine Sehnsucht, manchmal ein komplett anderes Leben. Und die Charaktere selbst könnten meist am wenigsten sagen, was es genau ist, was sie da verbergen, wonach sie im tiefsten Inneren suchen, während sie nach außen hin nach Erfolg, Sicherheit oder der nächsten Affäre streben.

Vordergründig ist „Mad Men“ eine Serie über einen Haufen Leute, die in einer New Yorker Werbeagentur in den 60er Jahren arbeiten. Wie in ähnlich angelegten Serien, etwa „Six Feet Under“, sind die Kunden, die mit ihren Aufträgen in die Agentur kommen, aber nur Katalysatoren für die eigentlichen Geschichten und treten noch dazu im Laufe der Staffeln zunehmend in den Hintergrund. Auf den zweiten Blick ist „Mad Men“ eine Serie über die (langsamen) gesellschaftlichen Veränderungen, die die USA in den 60er Jahren durchgemacht haben. Erst auf den dritten Blick ist es eine Serie über einen Haufen im Grunde mehr oder weniger unglücklicher Menschen, die nicht die sind, die sie zu sein scheinen.

Allen voran natürlich Don Draper, der Star der Serie, Creative Director der Agentur, kreatives Genie, Womanizer und Egomane. Doch schon in den ersten Folgen gibt es Hinweise, dass dieser Mann, der ein scheinbar perfektes Leben führt, gar nicht Don Draper ist – oder es jedenfalls nicht immer war. Im Laufe der Serie wird diese Figur völlig dekonstruiert, während sie einem gleichzeitig zunehmend sympathischer wird. Der Selfmademan mit dem erfolgreichen Job, der perfekten Familie und dem Häuschen in einer wohlhabenden Gegend wurde in ärmlichsten und unglücklichen Verhältnissen geboren, hat eine ungewöhnliche, nicht gerade legale Chance ergriffen, sich im Folgenden neu erfunden und als neue Persona erschaffen, um den Preis, mit seiner Vergangenheit und seiner Herkunftsfamilie endgültig und unwiederbringlich zu brechen. Doch wirklich zu sich selbst kommt dieser Draper nur, wenn er nach Kalifornien zurück kehrt und wieder in sein altes Leben schlüpft wie in seine wahre Haut.

So offensichtlich wie bei Draper ist es bei den anderen Hauptfiguren der Serie nicht, aber auch die aufstrebende junge Sekretärin und spätere Junior-Texterin Peggy Olsen, der Kundenberater Pete Campell und die atombusige Chefsekretärin Joan Halloway haben ihre kleinen und größeren Geheimnisse, ihre versteckten Ambitionen, und manche zwar keine Leiche im Keller, aber etwas fast vergleichbares. Im Wesentlichen spielt hier jeder ein Spiel, das alltägliche Spiel, das jeder kennt, der sich schon mal in einem Bürojob versucht hat: bloß niemandem sein wahres Ich zeigen, immer gut drauf sein und allzeit bereit.

Selbst verglichen mit den gr0ßen HBO-Serien ist „Mad Men“ noch extrem langsam erzählt. Deshalb dauert es eine Weile bis man in die Serie hineingezogen wird. Aber die Geduld zahlt sich aus: Spätestens ab der zweiten Staffel gibt es immer wieder Folgen mit geradezu perfekten Drehbüchern, voller dichter Emotionen und teilweise skurrilstem Humor. Nicht nur, dass man die Charaktere erst im Laufe der Zeit wirklich kennen und schätzen lernt, sie entwickeln sich auch konsequent weiter. Niemand ist hier nur gut oder nur böse, jeder hat seine positiven genau wie seine negativen Seiten. Was sich in den ersten Folgen teils noch sehr klischeehaft darstellt, erweist sich als vielschichtige, glaubwürdige Figuren. Wen man gerade noch bemitleidet hat, kann man im nächsten Moment schon wieder verachten und umgekehrt.

Schauspielerisch wird die Serie ganz von ihren beiden HauptdarstellerInnen getragen: Jon Hamm IST dieser Don Draper, ein eleganter, gut aussehender Mann wie aus einem Alfred Hitchcock-Film. Aber er kann auch die ganze Zerrissenheit und Zerbrechlichkeit darstellen, in der sich dieser scheinbar so erfogreiche Mann desöfteren wiederfindet. Elisabeth Moss spielt Peggy Olsen, die junge Frau, die sich in der harten Geschäftswelt der Männer behauptet. Sie entspricht wohl am wenigsten von allen wieder kehrenden Figuren den gängigen Schönheitsvorstellungen. Aber gerade das ist es, was sie aus der Masse all der kühlen Blondchen und heißen Brünetten heraushebt. Die Beziehung zwischen Peggy und ihrem Chef und Mentor Draper ist zugleich auch die Schlüsselbeziehung der gesamten Serie. Während er mit seinen anderen Sekretärinnen entweder ins Bett geht oder auf sie herabsieht (meistens gleich beides), entwickelt er für Peggy wahren Respekt, erkennt in ihr eine Seelenverwandte. Es ist eine ungewöhnliche Freundschaft against all odds.

Die vierte Staffel, die Ende letzten Jahres in den USA lief, endet im Jahr 1965. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die in der ersten Staffel noch eher zu erahnen waren, sind längst unübersehbar. Bürgerrechtsbewegung, Drogen, Feminismus, Homosexualität, das Kennedy-Attentat: all das wird in der Serie auch verhandelt, aber eher nebenbei, nie aufdringlich oder belehrend. Eben so wie im wahren Leben. Und selbst Don Draper wohnt 1965 längst nicht mehr im spießigen Vorort, sondern im quirligen Greenwich Village. Es bleibt nur zu hoffen, dass dem kleinen Pay-TV-Sender AMC nicht vorzeitig das Geld ausgeht, damit man Don Draper & Co. noch ihren Weg durch die turbulenten Jahre 1968/69 finden sehen kann.

Kommentare
  1. Olsen sagt:

    Hattest du nicht mal gesagt, du fändest die Serie total langweilig? Ich mag mich aber auch irren.

  2. Medienjunkie sagt:

    Ja, nach den ersten vier Folgen. Deshalb hab ich ja auch geschrieben: „Deshalb dauert es eine Weile bis man in die Serie hineingezogen wird. Aber die Geduld zahlt sich aus“

  3. Tim sagt:

    Ich finde, dass gerade die 3. Staffel deutlich an Tempo und Witz gewonnen hat. Die ersten zwei Staffeln haben ja so vor sich hingeplätschert, wirklich viel „passiert“ ist ja im Grunde genommen nicht. Am Anfang habe ich die Serie nur mitgeschaut, ehrlicherweise aufgrund meiner Freundin, die unbedingt die Kostüme der 60er Jahre sehen wollte. Ich habe mir bei Amazon UK die 3. Staffel bestellt, nachdem sie in Deutschland noch nicht erhältlich ist. Nicht nur, dass die Charaktere (Don und Betty vor allem) an Tiefe gewinnen und sich auch endlich mal von den festgefügten gesellschaftlichen Beschränkungen frei machen – auch bis jetzt eher sekundären Charakteren wird deutlich mehr Platz eingeräumt. Und jetzt werde ich mir wohl die 4. Staffel bestellen, nachdem es am Ende der 3. ja ein grandioses Finale gab.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s