Sergio Leones vergessenes Meisterwerk: „Fistful of Dynamite“ („Todesmelodie“)

Veröffentlicht: 22. Februar 2011 in Film
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Sergio Leone war eh einer der ganz großen Regisseure der Filmgeschichte. Seine Tragik liegt darin, dass er abgesehen von „Spiel mir das Lied vom Tod“ nicht gerade für seine besten Filme berühmt geworden ist. Die Dollar-Trilogie mag ja ganz nett sein, aber sein wahres größtes Meisterwerk ist natürlich sein letzter (und seinerzeit an den Kassen gefloppter) Film „Es war einmal in Amerika“, einer meiner zwei, drei absoluten Lieblingsfilme. Von „Todesmelodie“ hatte ich nun noch nie etwas gehört, bis mich vor Kurzem ein Freund darauf brachte. Dabei braucht er sich vor den beiden „Once upon a Time…“-Filmen (mit denen er eine lockere Trilogie bildet) keineswegs verstecken, wenn er auch nicht an diese heranreicht.

Eigentlich sollte der 1972 gedrehte Film auf Englisch „Once upon a Time: The Revolution“ heißen. Die Verleihfirma entschied sich aber für das reißerischere „Duck you, Sucker!“. Da gefällt mir tatsächlich der deutsche Titel, der nichts mit dem Inhalt zu tun hat, noch besser. Nachdem er kommerziell gefloppt war, brachte man ihn später unter dem neuen Titel „Fistful of Dynamite“ neu heraus – in Anlehnung an „A Fistful of Dollars“, einen von Leones erfolgreichsten Filmen.

Obwohl formal eigentlich kein Western, da er dafür zu spät spielt, nämlich 1919, und auch nicht im Westen der USA, sondern in Mexiko, ist der Film stilistisch ein typischer Italo-Western: schmutzig, episch, mit wenig Dialog und teils skurrilem Humor. Am Anfang werden wir Zeugen, wie eine Postkutschen-Reisegesellschaft von einem mexikanischen Gangster und seiner Horde unehelicher Kinder (jedes von einer anderen Mutter) überfallen wird. Dieser großmäulige, nur auf seinen finanziellen Vorteil bedachte Juan (Rod Steiger) trifft kurz darauf auf den aus Irland geflüchteten Ex-IRA-Kämpfer Sean alias John (James Coburn), der mit massenhaft Dynamit am Körper beladen ist. Über einige Umwege gelingt es Juan scheinbar, John zu einem gemeinsamen Überfall einer großen Bank zu überreden, von deren Goldeinlagen ersterer schon sein Leben lang träumt. Tatsächlich befreit Juan bei dem Überfall eher versehentlich Hunderte von mexikanischen Revolutionären und wird dadurch unfreiwillig selbst zum Helden der Revolution.

Aber in jeder Revolution gibt es auch Verräter und schon bald muss Juan den bitteren Folgen seiner Taten ins Gesicht sehen. Nach einer etwas langatmigen und eher slapstickhaft-humorigen ersten Stunde ändert sich die Stimmung des Films nun völlig. In den Mittelpunkt rückt jetzt die zunehmend tiefer werdende Männerfreundschaft zwischen Juan und John und ihr Leben zwischen Kampf gegen die Unterdrücker und Flucht vor deren Soldaten. Dabei erinnert sich John in Rückblenden immer wieder an sein vorheriges Leben in Irland, in dem es auch einen Verräter gab – Geschichte wiederholt sich immer wieder und die Regeln des bewaffneten Kampfes sind die gleichen, egal, auf welchem Kontinent er stattfindet.

In den letzten eineinhalb Stunden schöpft Leone seine gesamte Stilistik aus. Es gibt schwelgerische Kamerafahrten zu der grandiosen Musik von Ennio Morricone, Hinrichtungen im Regen, gewaltige Schlachten und vor allem natürlich Männer, die nicht reden müssen, um sich auszudrücken. Ähnlich wie in „Spiel mir das Lied vom Tod“ wird teilweise 20 Minuten lang so gut wie gar nicht gesprochen. Kein Regisseur nach Leone hat es geschafft, allein über seine Bildsprache so intensiv Gefühle zu vermitteln. Morricone schafft es wieder einmal, einen ganzen Soundtrack mit nur zwei Themen zu bestreiten, hat sich aber hier dennoch selbst übertroffen und einen seiner besten Scores abgeliefert.

Von der Thematik her ist der Film ernsthafter als „Spiel mir…“. Politik ist ein schmutziges Geschäft und die Opfer aller Revolutionen sind immer die armen Leute, die zwischen die Fronten geraten, wie Juan es einmal zusammenfasst. Trotzdem sind sie manchmal notwendig, daran lässt die Darstellung des irischen Idealisten John keinerlei Zweifel. Am interessantesten ist vielleicht die langsame, aber fast völlige Wandlung des Juan, der von der Witzfigur zum tragischen Helden wird – und am Ende ganz allein dasteht.

Nach „Todesmelodie“ sollte es 12 Jahre dauern, bis Leones nächster Film in die Kinos kam. Mit „Es war einmal in Amerika“ kam er dann endgültig in der Jetztzeit an. Einige Jahre später starb er, ohne dass das breite Publikum seine beiden letzten Filme gewürdigt hätte. Es war schon immer das Schicksal der ganz Großen, unverstanden zu bleiben.

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