Symbolpolitik at its best: Der Fall des Dr. Guttenberg

Veröffentlicht: 24. Februar 2011 in Journalismus, Politik
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Dieser (Pseudo-)Skandal regt mich schon seit einer Woche gehörig auf. Ich wusste bis letzten Mittwoch nicht mal, dass Guttenberg überhaupt einen Doktortitel hatte. Ausnahmsweise muss ich da der Kanzlerin mal (teilweise) Recht geben: Der Mann wurde nicht als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt, auch nicht als Wissenschaftsminister, sondern für ein Amt, für das ein akademischer Titel eben kein Einstellungskriterium ist.

Dieselben Medien, die Guttenberg im vergangenen Jahr hoch geschrieben haben, wollen jetzt um jeden Preis seinen Rücktritt herbeiführen (Spiegel, Stern etc.). Ein altes Muster im Mediengeschäft: Erst jubelt man einen Politiker hoch („Lichtgestalt“, „nächster Kanzler“, „Seehofer muss sich warm anziehen“ usw.), und wenn seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung erschreckende Höhen erreichen, sägt man ihn wieder ab. Ich frage mich auch, ob die Süddeutsche nichts Anderes zu tun hat, als in alten Doktorarbeiten von irgendwelchen Spitzenpolitikern rumzustöbern. Hat sie dafür das neue Ressort „Investigative Recherche“ gegründet? Damit sie ihren hoch bezahlten Spitzenjournalisten Hans Leyendecker auf sowas ansetzen kann? Das riecht doch förmlich nach: „Irgendwelche Flecken muss es auf Guttenbergs weißer Weste doch geben, lass doch mal auf gut Glück in seiner Doktorarbeit nachgucken.“

Der eigentliche Skandal an der ganzen Chose ist aber, dass Guttenberg natürlich genügend gute Gründe hätte, zurück zu treten. Und zwar politische Gründe, keine persönlichen. Nämlich, dass er ganz offensichtlich seinen eigenen Laden nicht im Griff hat: die Bundeswehr und sein eigenes Ministerium. Da werden die wahren Umstände von Todesfällen monatelang vertuscht und der zuständige Minister hat davon angeblich nichts gewusst. Entweder das stimmt, dann hat er keine Kontrolle über die ihm unterstellten Institutionen, oder er hat doch von Anfang an die wahren Umstände gekannt, dann hat er die Öffentlichkeit belogen. Beides würde ihn als Minister untragbar machen.

Über diese wirklich skandalösen Umstände wird aber gar nicht mehr öffentlich diskutiert. Stattdessen beschäftigen sich jetzt wochenlang alle wichtigen Medien mit der Dissertation des Ministers. Reine Symbolpolitik. Ob Guttenberg nun deswegen zurücktreten muss oder nicht, ist im Grunde irrelevant. Denn an den tatsächlichen politischen Problemen hat sich so oder so nichts geändert. Ein Hörer fasste es beim Deutschlandradio letzten Samstag treffend zusammen: Die ganze Debatte lenkt nur von den wahren politischen Problemen ab. Aber wenn man schon kein Königshaus mehr hat, muss man sich die persönlichen Verfehlungen halt bei irgendwelchen Baronen im Ministeramt suchen.

Kommentare
  1. feliksdzerzhinsky sagt:

    Zu Guttenberg ist eben „der Geist der Böses will und Gutes schafft“:
    Innovation im Bildungswesen: Doktor auf Probe eingeführt!

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