Mormonen, Huren, Bullen und ein singender Eastwood: das herrlich schräge Western-Musical „Paint your Wagon“

Veröffentlicht: 14. März 2011 in Film, Musik
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Ich hab zurzeit irgendwie so eine Westernphase, weiß auch nicht genau, warum. Teilweise ist es Zufall, dass im Fernsehen und Kino einige interessante liefen, teilweise stolperte ich über billige DVDs von älteren Filmen. Außerdem fand ich Morricones Musik in „Fistful of Dynamite“ so toll, dass ich mir den Soundtrack runterladen musste. Gestern erstand ich auf dem Trödelmarkt dann noch eine holländische Vinylpressung von „Spiel mir das Lied…“, verzeihung, ich meinte natürlich: von „Het gebeurde in het westen“. Auf beiden Soundtracks schafft es Morricone im Wesentlichen, mit drei Melodien auszukommen (na gut, es sind schon vier bis fünf, aber jeweils nur zwei, die wirklich prägend sind und immer wieder variiert werden). Trotzdem großartig, wobei mir „Fistful of Dynamite“ tatsächlich noch besser gefällt. Meiner Meinung nach ist Morricone ja ein größerer Komponist als Mozart, ich muss aber auch gestehen, dass ich von E-Musik nicht viel Ahnung habe.

Ein weiterer Trödelmarktfund aus dem Westerngenre: „Westwärts zieht der Wind“ aka „Paint your Wagon“, ein weiterer Schritt bei meiner Erschließung des Gesamtwerks von Clint Eastwood. Die Meinungen über diese (Western-)Musical-Adaption von 1969 gehen auseinander. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Ich tendiere eher zu ersterem, auch wenn der Film mit seinen mehr als 2 1/2 Stunden (allerdings inklusive einer ca. dreiminütigen Pause, die durch eine Einblendung mit Musikuntermalung überbrückt wird) deutliche Längen hat. Hier wäre eine Straffung um eine halbe Stunde deutlich mehr gewesen.

Überrascht war ich von der Qualität der Songs: die sind durchgehend klasse, richtige Gassenhauer mit Ohrwurmpotential. Die schnelleren Stücke sind zudem so kraftvoll und voller Spielfreude der Sänger/Schauspieler inszeniert, dass man am liebsten aufspringen und mitsingen möchte. Eastwood macht seine Sache als Sänger erstaunlich gut. Er hat zwar keine besonders große stimmliche Breite, aber im Grunde eine recht schöne Singstimme und verfehlt auch nie den Ton. Allein dafür, Eastwood mit einer Gitarre in der Hand traurige Liebesballaden singen zu hören, lohnt sich im Grunde der Film. Stimmlich noch interessanter ist aber der eigentliche Hauptdarsteller, Lee Marvin. Sein „Wandr’in Star“ ist ja dann auch der einzige Song des Films, den man noch heute kennt.

Nicht besonders viel Sinn macht die Story, die auch keinen rechten roten Faden hat, sondern eher eine episodenhafte Struktur. Erzählt wird von einer Gruppe von Goldsuchern, die irgendwo in Kalifornien eine Ader entdecken. Daraufhin wächst rund um den Fluss eine Stadt immer weiter. Das wird sehr schön veranschaulicht: Erst sind es nur Zelte, dann ein paar provisorische Hütten, schließlich wird es eine richtige lebendige Stadt mit Saloons, Bordellen, Geschäften usw., bis am Schluss alles wieder genauso schnell im Erdboden versinkt oder zusammen bricht, wie es entstanden ist. Die Bewohner ziehen weiter, auf zu neuen Goldadern und neuen Abenteuern; der Pioniergeist des jungen Amerika ist hier noch ganz ungebrochen.

Die Handlung selbst ist bewusst slapstickhaft und oft ziemlich abstrus: Wenn ein Mormone vorbei kommt, der gleich zwei Ehefrauen hat, wird selbstverständlich die jüngere gleich meistbietend unter den Goldsuchern versteigert – gefragt wird sie nicht und jeder, einschließlich des ursprünglichen Ehemanns findet das ganz normal. Wenn es zuwenige Frauen in der Stadt gibt, überfällt man halt eine Kutsche, die sechs Huren in eine Nachbarstadt bringen soll – und baut ihnen gleich selbst ein Bordell. Vor allem wird hier ein völlig freies, selbstbestimmtes Leben propagiert, frei auch von gesellschaftlichen Zwängen, von in der Zivilisation herrschenden moralischen und religiösen Werten. Wenn eine Frau zwei Männer gleichzeitig liebt, spricht hier an der frontier nichts dagegen, dass sie mit beiden das gleiche Haus teilt. Pietistische Farmer von außerhalb werden mit ihren Einwänden ebenso wenig ernst genommen wie ein Pastor, der natürlich auch nicht lange auf sich warten lässt.

Aber am Ende war alles eben doch nur eine kurze Zeit der Unbeschwertheit, auf Dauer ist dieses Leben nicht ausgelegt. Wie der Wanderstern, unter dem Lee Marvins Figur angeblich geboren wurde, müssen auch die Pioniere weiterziehen, wenn der Winter einbricht.

„Paint your Wagon“ nach dem Musical von Lerner und Loewe, einem Texter/Komponisten-Gespann, das u.a. auch „My Fair Lady“ geschrieben hat, ist eine große Hollywood-Produktion, was man auch ständig merkt. Bei den Musiknummern wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, da tanzen auch gerne mal Dutzende von Statisten im Hintergrund rum. Und am Ende wird die gesamte Stadt in einer gigantischen Materialschlacht dem Erdboden gleichgemacht. Damals wollte das alles wohl kaum jemand sehen und hören (und einen sanft singenden Eastwood schon gar nicht), heute macht es einfach nur Spaß. Wo sonst bekommt man schon mal einen Bullen zu sehen, der in einer Goldmine durchdreht?

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