Die Grenze zu Gentrifikan

Veröffentlicht: 8. April 2011 in Allgemeines
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… verläuft ungefähr 300 Meter von meiner Wohnung entfernt. Und das beste daran ist: Ich bekomme im Alltag gar nichts davon mit. Ich wohne ja in Düsseldorf-Friedrichstadt, allerdings nur jeweils wenige Meter entfernt von den Stadtteilen Bilk und Unterbilk. Im Volksmund fasst man das Ganze aber eh unter Bilk zusammen; wo genau die Grenzen da verlaufen, ist mir meist auch nicht so ganz klar. Neulich habe ich in Wohnungssuchzetteln an Laternenpfählen gelesen, dass manche wohl sogar noch zwischen Friedrichstadt-West und -Ost unterscheiden. Der Mensch wollte jedenfalls nur in -West wohnen, in -Ost wohnen wahrscheinlich die Schmuddelkinder (Ich vermute mal, Ost geht mehr in Richtung Hbf, wo ich ja auch schon mal gewohnt habe.).

In letzter Zeit ist mir mal wieder klar geworden, wie gerne ich eigentlich in Friedrichstadt/Bilk wohne (nicht auf dieser Straße, aber das liegt ausschließlich am Verkehrslärm). Einerseits gibt’s hier genügend Kulturangebote, nette Kneipen und Cafés und den Fürstenplatz, an dem man im Sommer wunderbar rumsitzen kann (auch wenn sich dort insbesondere nachmittags rund um den Spielplatz teils absurde Szenarien auftun, wenn die Kindertreffs Spielzeug verleihen; dann ist nämlich der ganze Platz inklusive Gehweg von Hüpfbällen, Rollern und Gocarts aller Art sowie Stelzen und blauen Plastikpferden überschwemmt). Außerdem ist der urige Volksgarten (und die Düssel!) mit dem Rad nur fünf Minuten entfernt. Andererseits sind Friedrichstadt und Bilk noch erfreulich wenig gentrifiziert. Mit Ausnahme einiger schicker-micker Cafés ist hier noch ein buntes Gemisch aus allen sozialen Schichten und Nationalitäten unterwegs.

Ganz anders sieht es da schon 300 Meter weiter aus, im Herzen Unterbilks. Wo ich aber nur selten hinkomme. Tatsächlich wusste ich bis vor zwei Wochen nicht mal, wo die berühmte Lorettostraße ist, die selbst die FAZ neulich entdeckt hat. Sagen wir mal so: Da hatte ich auch nichts verpasst. Die Straße inklusive Neben- und Seitenstraßen erinnert nämlich eher an Prenzlauer Berg, wie man immer darüber liest. Friseursalons heißen dort „Handwerk“, Restaurants „Menta – Mediterrane Speisen“ oder „D’Vine“ und die Kindermodeläden, die es gefühlt in jedem dritten Haus gibt, z.B. „Tim & Lucy“. Außerdem gibt es gefühlt an jeder Ecke einen Italiener und auf dem Friedensplätzchen (übrigens direkt am Hauptsitz meiner ehemaligen Berufsschule) mehrmals in der Woche einen Bauernmarkt. Da kaufen dann die ernährungsbewussten Eltern ein, die vermutlich auch im „Emma’s“ ihr Frühstück mit „Biobrot, Biowurst“ und Bionade einnehmen.

Ich kann mir vorstellen, dass es sich in diesem Viertel wunderbar wohnen lässt – so lange man das nötige Geld hat, und möglichst kleinere Kinder. Wenn es einem finanziell eher schlecht geht, man gar arbeitslos ist oder „auf Hartz IV“, kann das Leben dort wahrscheinlich eher zur Qual werden. Genauso, wenn man kinderloser Single ist oder etwas ähnlich asoziales. All die hippen jungen Eltern um einen rum, die mit der einen Hand ihren überdimensionalen Kinderwagen schieben, der manchmal eher wie ein Kleinwagen aussieht, und mit der anderen auf ihrem iPhone rumtippen oder telefonieren. Die ihren Tim oder ihre Lucy zum Spielplatz oder ins Szenecafé karren, aber trotzdem noch Zeit für ihren kreativen Job haben und natürlich mit Mitte 30 noch die gleichen coolen T-Shirts tragen wie mit 13 (nostalgisch verklärte TV-Sendungen, Bands, Brandt-Zwieback). Die vor lauter Latte Macchiato-Schlürfen gar nicht mehr wissen, wie man sich einen Kaffee kocht. Und die für alle, die beim Aldi einkaufen (müssen) bestenfalls ein bedauerndes Lächeln übrig haben (wenn nicht völliges Unverständnis).

Ein Spaziergang nach Unterbilk ist für mich wie ein Ausflug in eine andere Welt, ein Paralleluniversum, das nur 300 Meter entfernt beginnt. Wenn ich an der Friedrichstraße ankomme, fühle ich mich dann wieder heimisch. Und bin trotz Schlafens mit Ohrenstöpseln froh, dass ich auf dieser Seite der unsichtbaren Grenze wohne.

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