Archiv für Mai, 2011

Muss man zu einem in sich geschlossenen und im Grunde perfekten Film wie „This is England“ unbedingt eine Fortsetzung drehen? Nein, man muss wohl nicht, aber man kann. Originalautor Shane Meadows hat es jedenfalls gemacht, allerdings nicht als zweiten Kinofilm, sondern als vierteilige TV-Miniserie. „This is England ’86“ spielt drei Jahre nach dem Original und bringt dessen Besetzung wieder zusammen: Shaun ist fast erwachsen geworden, die meisten Mitglieder seiner ehemaligen Clique sind es vollends. Zufällig trifft der Teenager die Gang in einem Krankenhaus wieder und sie knüpfen an alte Zeiten an.

Im Gegensatz zum Film steht Shaun diesmal allerdings nicht alleine im Mittelpunkt, sondern teilt sich die Hauptrolle mit einigen anderen Cliquenmitgliedern, die im Film eher Nebenrollen spielten. Darunter Woody und Lol, die nach einer verpatzen Hochzeit zusammen ziehen und sich dabei entfremden. Oder Gadget, dessen wesentlich ältere Geliebte versucht, ihn nach ihrem Willen umzugestalten. Nachdem die ersten beiden Teile noch etwas vor sich hin plätschern und auch auf Grund ihres Fäkalhumors nicht immer überzeugen können, nimmt die Story im dritten Teil deutlich an Fahrt auf: Lols wieder aufgetauchter Vater zeigt sein wahres, gewalttätiges Gesicht und gleichzeitig erscheint auch Combo wieder auf der Bildfläche, der brutale Schläger, der für Shaun eine Art Vaterersatz war. Im vierten Teil kulminieren die verschiedenen Handlungsstränge in einem ebenso atemberaubenden wie heftigen Finale.

Die Miniserie ist sicher weit überdurchschnittlich, zumindest die packend erzählten und inszenierten letzten beiden Teile. Dass sie dennoch nicht an den Film heranreicht, liegt vor allem daran, dass ihr der Fokus fehlt, den der Vorgänger hatte. Der Film erzählte ja nicht nur eine interessante individuelle Geschichte, sondern war gleichzeitig eine kultursoziologische und zeithistorische Erzählung über die Ursprünge der Skinhead-Subkultur zu Beginn der 80er Jahre. In der Fortsetzung sind die Haare der Protagonisten länger geworden, die Soundtrackzusammenstellung vielseitiger. Es ist keine spezifische (Jugend-)Kultur mehr erkennbar, dadurch fehlt auch der politische Subtext. Arbeitslosigkeit und working class-Tristesse bilden eher einen pittoresken Hintergrund als dass sie zum wichtigen Handlungselement würden.

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Videothekenwüste: Was hätte Quentin dazu gesagt?

Veröffentlicht: 15. Mai 2011 in Film
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Ich glaube, das Videothekensterben haben diese sich hauptsächlich selbst zuzuschreiben. Also, ich meine jetzt die „großen“ Mainstreamvideotheken. Denn den Arthouse-Videotheken, die ich kenne, scheint es erstaunlich gut zu gehen, während von den herkömmlichen in Düsseldorf eigentlich nur noch die längst von „World of Video“ geschluckte „Tümmers“-Kette übrig geblieben ist. Und in manchen Filialen auch ihre Ladenfläche drastisch reduziert hat. So bei mir im Stadtteil, wo man mir neulich erklärte: „Oben ist jetzt nur noch Lager, und unten haben wir eine Wand gezogen, dahinter ist jetzt unsere Erotikabteilung“. Dafür flogen dann die meisten anspruchsvollen Filme gleich aus dem Angebot.

Offenbar reicht der Platz auch nicht mehr, um von Filmen/Serien, die auf zwei DVDs erscheinen, beide in beiden Formaten ins Regal zu stellen. Deswegen gibt es dort von der vierteiligen britischen TV-Serie „This is England ’86“, die gerade neu in Deutschland erschienen ist, nur Teil 3 und 4 auf DVD und dafür nur Teil 1 und 2 auf BlueRay. Das macht natürlich wahnsinnig viel Sinn, ich frag mich echt, wer dann da diesen halben Fernsehfilm ausleihen soll . Wahrscheinlich wissen die zuständigen Menschen aber selbst sowieso gar nicht, was sie da eigentlich einkaufen, also etwa, dass es zu einer DVD, auf der „Teil 3+4“ steht, wahrscheinlich auch noch Teil 1+2 gibt.

Die Mitarbeiterin hinter der Theke sprach kein Wort Englisch. Ich musste ihr den Titel erst mal buchstabieren. Auf die Frage einer anderen Kundin, was sie ihr in der Art von Stallone-Filmen empfehlen könne, meinte sie nur: „Da hab ich keine Ahnung von, dafür guck ich zuwenig Filme.“ Das ist doch genau die Antwort, die man in einem Fachgeschäft bekommen will. Man stelle sich mal vor, in einem Buchgeschäft sage einem ein Verkäufer: „Ich kann Ihnen keinen Roman empfehlen, dafür les ich zu wenig.“ Was hätte Quentin bloß zu solchen Videotheken gesagt?

Apropos Quentin: Als ich neulich mit einem filmverrückten Bekannten in der DVD-Abteilung eines großen Elektronikgeschäfts stand, fiel uns ein schönes Spiel ein: „Welche fünf Filme würde Quentin kaufen?“

Lesetipp: Die ZDFisierung der Verhältnisse

Veröffentlicht: 10. Mai 2011 in Lesetipp, TV
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Wie schlecht das deutsche Fernsehen ist, hatte ich schon wieder vergessen. Man sieht sich ja kaum noch. Und wenn doch, dann ist alles wie immer: Die „Tagesschau“ simuliert Nachrichten und macht dabei parteienhöriges Staatsfernsehen. Die Privaten sind wenigstens konsequent in ihrem Unsinn. Ansonsten spielt alle Rollen Christiane Hörbiger.

Georg Diez, der mir schon bei „Liebling“ und in der „Süddeutschen“ bzw. im „SZ-Magazin“ mit seinen Texten aufgefallen ist, kolumniert jetzt für SpOn (ebenso wie Sybille Berg und Jakob Augstein, warum krieg ich sowas nie mit?). Und hat diese Woche diesen herrlichen Rant aufs deutsche TV geschrieben, nachdem er die (französische) arte-Serie „Xanadu“ entdeckt hatte.

(via)

Der Stürmer von Springer

Veröffentlicht: 8. Mai 2011 in Politik, Print, TV
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Schön, dass man beim Springer Verlag die rechten Hunde schon am Namen erkennen kann. So lange man da Redakteure mit solchen Meinungen beschäftigt, wie sie Michael Stürmer von der „Welt“ heute im „Presseclub“ zur Liquidierung Osamas losgelassen hat, fragt man sich allerdings schon, ob der Verfassungsschutz statt der Linkspartei nicht lieber die „Welt“-Redaktion beobachten sollte. Wie man denn überhaupt darüber diskutieren könne, ob es gut sei, dass die Amis Osama abgeknallt haben. Das sei ein typisch deutsches Verhalten. Zitat: „Impotenz bringt eben auch erhöhte Sensibilität mit sich.“ Ich denke mal, das war auf die internationale Macht Deutschlands bezogen, nicht auf Herrn Stürmer selbst.

Wenn das übrigens so weiter geht, dass die „Tagesschau“ es für eine der wichtigsten Nachrichten des Tages hält, dass ein Kirchenoberhaupt eine Messe abgehalten hat, denke ich weiterhin darüber nach, ein „Tagesschau“-Watchblog zu starten. Das hat ungefähr so viel Informationswert wie die Nachricht, dass viele deutsche Bäcker heute Nacht Brötchen gebacken haben.

Ein neuer Name für Düsseldorf

Veröffentlicht: 8. Mai 2011 in Allgemeines
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Die altehrwürdige Philipshalle, der traurige Betonklotz in Düsseldorf-Oberbilk mit der schlechten Akustik, wo meistens längst verglühte Sternchen wie Chris de Burgh oder Michael Bolton auftreten, heißt ab sofort Mitsubishi Electric Halle. Ich vermute, die Hälfte der Bevölkerung kann das nicht korrekt aussprechen, die andere Hälfte ebensowenig wie die erste richtig schreiben. Das Arbeitsamt heißt ja schon seit Jahren Agentur, jetzt braucht man endlich keinen angesagten Job in ’ner Werbe- oder Mediaagentur mehr zu haben, um sagen zu können: „Isch muss morjen früh in die Ajentur.“ Das Rheinstadion heißt jetzt LTU… ach, nee, das stimmt ja auch schon nicht mehr. Düsseldorf wird glaube ich auch bald endlich umbenannt.

Höchste Zeit wird’s, denn unsere Nachbarstädte haben sich ja schon seit Ewigkeiten über den Namen lustig gemacht (sogar welche aus Wuppertal, und das sagt bei dem Städtenamen schon alles). Auch wenn unser verehrter verstorbener Ex-OB Erwin immer meinte, im Ausland käme der Name total gut an, weil die „dots above the u so fancy“ wären. Dusseldorf ist trotzdem irgendwie kein hipper Name für eine der Metropolen Europas. Am Dienstag, pünktlich zum ersten Halbfinale in der LTU… äh, ich meine natürlich in der Esprit-Arena, wird unsere Stadt deshalb umbenannt. In ESC-Stadt. Das gaben OB Elbers und der NDR-ESC-Beauftragte heute in einer Pressekonferenz offiziell bekannt. Das sei zwar auch nicht schöner als Karl-Marx-Stadt, liesse sich aber international zumindest besser aussprechen.

„Xanadu“: arte macht auf HBO

Veröffentlicht: 7. Mai 2011 in Online, TV
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Die Ausgangssituation der neuen arte-Serie „Xanadu“ könnte auch von einer HBO- oder AMC-Serie stammen: Im Mittelpunkt der acht Folgen steht ein Familienunternehmen in der Pornobranche. Im Gegensatz zu HBO gibt es aber nicht nur tits and asses en masse zu sehen, sondern gleich in der ersten Folge auch mehrfach einen nackten Schwanz, in un- bis halberigiertem Zustand. Und die Schlussszene ist dermaßen brutal, wie ich es von amerikanischen Pay-TV-Serien auch nicht kenne: Ein Fan einer verstorbenen Pornodarstellerin läuft in einer Ausstellungseröffnung mit Fotos seines „Stars“Amok und knallt wahllos Menschen nieder. Darunter auch eine der Hauptfiguren der Serie. Danach schießt er sich dann selbst das Gehirn weg, was auch zu sehen ist. Eins muss man arte lassen: An Mut fehlt es da nicht.

Inhaltlich war die erste Folge recht viel versprechend, auch wenn das Produktionsniveau  (natürlich) nicht mit US-Serien mithalten kann. (Ich glaub, das ist die erste französiche Serie, die ich seit 25 Jahren gesehen habe.) Die weiteren Folgen laufen immer samstags nach 23 Uhr im Doppelpack. Wenn die arte-Mediathek nicht so grottig wäre, könnte man sie sich danach auch noch sieben Tage legal online angucken. Zumindest auf meinem neuen Flachbildmonitor flackert das Bild aber ganz schön, und der Versuch, die zweite Folge anzugucken, scheiterte an endlosen Ladezeiten. Abgesehen davon, dass die Folgen nur zwischen 23 und 5 Uhr abzurufen sind. Ok, Jugendschutz, ist klar. Ich find’s trotzdem absurd, dass man mittags ohne irgendwelche Altersnachweise Hardcoreporno-Videos auf den einschlägigen Internetseiten ansehen kann, aber eine anspruchsvolle, vom öffentlich-rechtlichen TV produzierte Serie, in der es ab und zu mal nackte Menschen zu sehen gibt, erst ab 23 Uhr. Müsste das Jugendschutzgesetz nicht für alle Anbieter gleichermaßen gelten?

Stimmen der Vernunft

Veröffentlicht: 5. Mai 2011 in Politik
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Während die TV-Hauptnachrichtensendungen von ZDF und ARD zunehmend an Verlautbarungsorgane der Bundesregierung erinnern, bieten die Öffentlich-rechtlichen zumindest im Radio noch einige Nischen für kritischen Journalismus und kritische Diskussion. Die meldeten sich dann auch am Dienstag zu Wort (z.B. im „Zündfunk“ auf Bayern2 und in der „Lateline“ der jungen ARD-Wellen mit Holger Klein, zwei Sendungen, von denen ich sowieso öfter denke, sie wären die letzten, die sich noch nicht dem Meinungsmainstream ergeben haben), nachdem ich am Montag nur affirmative Stimmen zu Osamas Erschießung gehört habe.

Und dann gibt es doch tatsächlich auch nicht nur Kirchenvertreter, sondern auch einige hochrangige deutsche Politiker, die die Äußerungen Merkels sehr problematisch finden, sogar auch welche aus der CDU. Eine interessante Bewertung der Liquidierung und der westlichen Reaktionen darauf aus sozialethischer Sicht leistet dieser Artikel. Die beiden letzten Sätze sollte sich unsere Kanzlerin vielleicht mal übers Bett hängen:

Rache ist nicht Sache des Menschen – schon gar nicht in einem aufgeklärten Rechtsstaat. Nicht das Zurückschießen in einem Gefecht, wohl aber solche ideologische Aufladung und überhöhte Rechtfertigung des Geschehenen stellt die Aktion auf dieselbe Ebene wie die Verbrechen der Terroristen.

Osama und Obama

Veröffentlicht: 2. Mai 2011 in Politik
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Bin ich eigentlich der Einzige, der sich fragt, warum es ein guter Tag für alle friedliebenden Menschen sein soll, wenn ein vorgeblich demokratischer Rechtsstaat seinen Bediensteten den Auftrag gibt, einen ausländischen Staatsbürger auf ausländischem Territorium hinzurichten, ohne dass es je einen Strafprozess gegeben hätte, geschweige denn, dass es ein Todesurteil gegen den Exekutierten gegeben hat? Die Bilder der feiernden US-Bürger vor dem Weißen Haus unterscheiden sich für mich nur graduell von denen fanatischer Islamisten, die in irgendwelchen arabischen Ländern den Tod westlicher Führer fordern, während sie US-Flaggen verbrennen. Mit Recht, Moral und den christlichen Werten, die den Amerikanern doch angeblich so wichtig sind, hat das alles jedenfalls nichts zu tun. Merkel scheint inzwischen auch jegliche Achtung vor rechtsstaatlichen Prinzipien verloren zu haben. „Ich freue mich, dass es den USA gelungen ist, bin Laden zu töten.“ Heißt das jetzt, dass sie sich auch freuen würde, wenn irgendwer morgen in Deutschland irgendwelche Mörder einfach auf offener Straße abknallt?