Archiv für Juni, 2011

Jim Henson bloggt

Veröffentlicht: 30. Juni 2011 in Film, Online, TV
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Sozusagen. Er ist natürlich schon länger tot, aber seine Produktionfirma veröffentlicht jeden Tag im Internet einen Eintrag aus seinem Notizbuch, das er von 1965 bis 1988 geführt hat. Meistens nur einen Satz, der aber dann manchmal von dem Archivar mit Hintergrundinformationen und interessantem Bildmaterial ergänzt wird. Für Muppet-Fans wie mich eine unerschöpfliche Fundgrube.

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Plakatives Poster, aber mit grandiosen Rollenbeschreibungen; Abb.: Filmverlag der Autoren

Gabriele (Barbara Rudnik) ist Studentin, träumt von Australien, wo ihr Freund lebt, und arbeitet nachts, um die Reise dorthin zu finanzieren, in einer Peepshow. Ihr einziger echter Vertrauter in Hamburg ist ein Taxifahrer (Peter Kraus), den sie einmal in Australien getroffen hat. Der Geschäftsführer der Peepshow, Arnold (Armin Müller-Stahl), der zur Arbeit immer eine schlohweiße Vollhaarperücke aufzieht, ist heimlich in sie verliebt, was die an der Kasse sitzende Angestellte (Karin Baal) eifersüchtig macht, mit der er mal zusammen war und die ihn immer noch liebt. Aber die größere Gefahr kommt von einer ganz anderen Seite, denn die Peepshow ist nur Tarnung für das eigentliche Geschäft: Video-Piraterie. Als Arnold aussteigen will, hetzt ihm die Chefin des Business‘ (Gudrun Landgrebe im strengen Männeroutfit) ihren stummen Killer (Trio-Drummer Peter Behrens) auf den Hals.

Nachdem er bereits knapp 20 Jahre als Filmkritiker gearbeitet hatte, wechselte Hans C. Blumenberg 1984 die Seiten und inszenierte seinen ersten eigenen Spielfilm (vorher hatte er allerdings schon eine Vielzahl von Dokumentarfilmen gedreht). Seine filmischen Vorbilder und Vorlieben sind darin klar zu erkennen. 1984 war es in der Bundesrepublik tatsächlich noch möglich, fürs Kino einen Film Noir in Hamburg zu inszenieren, mit viel Atmosphäre, die wichtiger ist als die Story, die im Grunde nur aus Bruchstücken besteht und bis kurz vor Schluss nie so richtig in Gang kommt. Mit Stadtbildern, die auch in New York oder L.A. hätten entstanden sein können, einsamen Gestalten, die nachts durch neonbeleuchtete Straßen streifen, auf der Suche nach etwas Nähe und Wärme, nach einem freundlichen Wort oder eben dem Blick durch einen Wandschlitz auf eine sich entkleidende junge Frau.

Die Video-Piraten der echten Welt verkauften „Tausend Augen“ damals als „erotischen Thriller“, mit der halbnackten Barabra Rudnik auf dem Cover. Das ist natürlich Quatsch. Erotisch ist der Film höchstens in dem Sinne, in dem auch „Tote schlafen fest“ erotisch ist. Viel eher handelt es sich um einen mutigen Versuch, eine typische Genregeschichte zu erzählen, die dennoch in der deutschen Wirklichkeit verhaftet ist. Natürlich ist diese Geschichte larger than life, aber immer nur ein bisschen, so dass man sich vorstellen kann, dass sie sich vielleicht doch irgendwo im Hamburg der frühen 80er hätte ereignen können. Obwohl man sich ja heute auch kaum noch vorstellen kann, dass Video-Piraterie mal ein einnahmeträchtiges Verbrechen gewesen sein könnte!

Das Medium Videokassette ist aber noch auf einer anderen Ebene ständig präsent: Neben der Eingangstür zu Gabrieles Wohn-Hochhaus befindet sich nämlich eine Videothek mit dem Namen „Cine-Rent“, deren Leuchtreklame „VHS, Beta-Max, V 2000“-Filme verspricht. Dort treffen sich die Gestrandeten der Nacht: alte Frauen, die in den Regalen verloren nach Filmen aus ihrer Jugend suchen (Angestellte: „Alte Filme haben wir nur ganz wenige, die sind meistens in schwarz-weiß, und die gehen nicht mehr.“), junge Männer, die aus idealistischen Gründen Filme klauen (Wim Wenders in einer grandiosen Gastrolle: „Manche Films muss man einfach befreien.“), aber auch der Taxifahrer, um mit der Angestellten zu flirten.

Stilistisch ist „Tausend Augen“ brilliant: die nächtlichen Straßen, Rudnik in ihrem beleuchteten Swimming Pool, die melancholischen Lieder, die die Animierdamen in ihrem Aufenthaltraum singen und am Klavier spielen, um sich die Zeit zwischen ihren Auftritten zu vertreiben. Und dann diese SchauspielerInnen: Barabara Rudnik legte hier den Grundstein für ihre Karriere. Die Sehnsucht nach der Ferne liegt in jedem ihrer Blicke, eine große Verletzlichkeit in ihrem Gesicht, aber sie kann auch ganz tough aussehen, wenn sie als Gabriele die Männer mit ihrem Tanz verrückt macht. Dann Müller-Stahl, 50er-Jahre-Stars wie Peter Kraus (als slackerhafter Taxifahrer!) und Karin Baal an der Seite von 80er-Jahre-Star Gudrun Landgrebe, und dann noch Hannelore Hoger als Peepshow-Tänzerin! Wo sind die deutschen Filmemacher geblieben, die sich solch eine Besetzung trauen? Wo sind überhaupt die deutschen Filmemacher geblieben, die sich einen solchen Film trauen, mit unbedingtem Stilwillen und dem Mut zur ganzen großen Geste?

Die deutschen SchauspielerInnen, die das Zeug hätten, einen solchen Film zu tragen, gäbe es wohl immer noch, aber sie fristen meist ihr Dasein in Fernsehgastrollen, beim „Tatort“ und beim „Polizeiruf“ und ähnlichen Krimireihen, wo sie mal mehr und mal weniger von dem zeigen können, was sie drauf haben. Die Rudnik hat man später (etwa zeitgleich spielte sie auch in Dominik Grafs Motorradcliquen-Film „Treffer“) ja auch nur noch in TV-Filmen gesehen (so wie man heute ja auch nie Barbara Auer im Kino sieht oder meinetwegen Hannelore Elsner).

Wo ist die Tradition des deutschen Genrefilms geblieben, die es in den 80ern ja tatsächlich noch in Ansätzen gab, mit „Die Katze“, „Kaminsky“ und „Tausend Augen“? Ein Jahr später hat Blumenberg einen deutschen Samurai-Film gedreht! Warum hat nie jemand Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“ verfilmt? (Irgendwie sehe ich beim zweiten Lesen immer Fassbinder als Detektiv vor mir.) Aber irgenwie wird diese Tradition hierzulande nicht mehr geschätzt. Ein Zeichen dafür ist auch, dass es „Kaminsky“ nicht auf DVD gibt und „Tausend Augen“ nur in der schweineteuren Filmverlag der Autoren-Box, zusammen mit Hundert anderen Filmen (oder für sagenhafte 55 Euro als altes VHS bei Amazon). Wobei letzteres beim Thema Videopiraten wohl die passendere Ausgabe wäre.

Wenn man heute von Micky Maus-Comics redet, muss man ja immer erst lang und breit erklären, dass die Figur nicht immer der etwas langweilige, leicht spießige Kleinbürger und Hobby-Polizist war, als der er seit Jahrzehnten hauptsächlich in den Heften und Taschenbüchern auftritt. Jedem, der schon mal einen Fortsetzungs-Zeitungsstrip von Floyd Gottfredson gelesen hat, ist das hingegen selbstverständlich klar. Gottfredson hat den Micky-Zeitungscomic fast von Anfang an, nämlich seit 1930, sagenhafte 45 Jahre lang gezeichnet, die letzten 20 Jahre aber leider auf Drängen des Syndikats nur noch als unverbundene Gagstreifen. Seine Fortsetzungsgeschichten zwischen 1930 und 1955 gelten unter Comicfans noch heute als einer der besten Zeitungscomics überhaupt, meiner Meinung nach ist es sogar einer der zehn besten Comics aller Zeiten.

Bisher wurden sie leider immer nur sporadisch nachgedruckt, in Deutschland z.B. in den 70ern in den großformatigen „Ich, Micky Maus“ und „Ich, Goofy“-Büchern des Melzer Verlags, die dann über die Jahre noch diverse Male von Ehapa und seinem Schwesterverlag Horizont nachgedruckt und durch ähnliche Bände ergänzt wurden. Seit Ende der 80er die ambitionierte Gesamtausgabe „Mickys Klassiker “ nach wenigen Bänden wieder eingestellt wurde, habe ich auf einen neuen Versuch gewartet. Nun ist es zumindest auf Englisch endlich so weit: Fantagraphics hat diesen Monat seine „Floyd Gottfredson Collection“ mit dem ersten Band gestartet und dank günstigem Dollarkurs kann man sich den übers Internet sogar billiger bestellen als eine deutsche Ausgabe vermutlich wäre.

Und es lohnt sich, nicht nur wegen der enthaltenen Comics (fast den ersten beiden Jahrgängen des Strips), sondern auch wegen der fantastischen Aufmachung, dem Design und dem reichhaltigen Zusatzmaterial. Besser kann man eine Gesamtausgabe fast nicht mehr machen. Lediglich die geringe Größe der abgedruckten Strips macht das Lesen auf Dauer etwas anstrengend, zumal das Lettering nicht besonders deutlich ist (und die Sprechblasen eh vor seltsamem Slang strotzen). Aber sonst stimmt hier einfach alles: der aufwändige Einband, die liebevolle Gestaltung der Titelblätter zu den einzelnen Geschichten und Abschnitten und vor allem die Fülle an seltenen Abbildungen und die redaktionellen Artikel. Da schreiben Disney-Insider (Zeichner und Autoren) ebenso wie Berkeley-Professoren. Und man erfährt auch als Disney-Kenner noch so manches Neue. Zum Beispiel wird detaillert erklärt, wer nun eigentlich Mickys Aussehen entwickelt hat (es war natürlich nicht Disney) und wie der Comic Strip überhaupt zustande kam. Abgebildet werden u.a. zu jeder Geschichte internationale Coverabbildungen, aber auch frühes Werbematerial, das Disney Kinobesitzern zukommen ließ. Wir sehen auch, in welchen Comics frühe Nebenfiguren Jahrzehnte später wieder auftauchten usw.

Zeichnerisch üben die ganz frühen Disney-Comics und -Kurzfilme auf mich irgendwie einen besonderen Reiz aus. Diese noch wenig vermenschlichten Figuren, die oft wenig oder gar keine Kleidung tragen, finde ich viel liebenswerter als ihre späteren, perfekteren Inkarnationen. Nicht nur, dass sich antropomorphe Figuren wie Horace Horsecollar alias Rudi Ross wieder in vierbeinige Tiere zurück verwandeln können, wie Horst Schröder im Vorwort zum 1975er „Ich, Goofy“-Band schrieb, es funktioniert auch umgekehrt: Anfangs scheint es nämlich in Mickys Umgebung auch Tiere zu geben, die zwar nicht sprechen können und auch wie Tiere leben, aber trotzdem intelligent zu sein scheinen, und, wenn erforderlich, ihre Vorderbeine als Arme benutzen können. Diese Umgebung nennt Schröder „ländliche Anarchie“, Micky selbst scheint auf einem Bauernhof zu leben, zusammen mit eben den anderen, nicht sprechenden Hoftieren. Gleich in Gottfredsons erster Geschichte „Race to Death Valley“ bricht er aber daraus zusammen mit Minnie  zu einer langen Reise auf, die die beiden bis in den Wilden Westen führt. Schon dieses frühe Abenteuer ist eines seiner besten.

Aber wir begegnen ihm im ersten Band u.a. auch auf der Jagd nach Eierdieben, die Minnies Vater Marcus Maus (!) ruinieren wollen und zusammen mit seinen engsten Freunden (Goofy gehörte damals noch nicht dazu, er wurde erst 1933 eingeführt) auf Campingurlaub, wo sie mit einem Stamm krimineller Zigeuner aneinandergeraten. Ja, auch das gehört natürlich zu einem so alten Comic, dass manche Geschichten arg „historically dated“ sind, wie es auf dem Backcover ausgedrückt wird – sogar Hakenkreuze sind mehrmals zu sehen. In den Einführungen zu den einzelnen Geschichten werden solche politischen Unkorrektheiten aber jeweils in den historischen Kontext eingeordnet – auch das vorbildlich für eine solche Klassikerausgabe. Es ist halt eine inzwischen fremde Welt, in die uns diese Zeitreise entführt, mit anachronistischen Telefonen und Autos, aber auch mit sozialen Missständen, die sich teilweise seitdem nicht wirklich verbessert haben. Als Zeitungsstrip für ein überwiegend erwachsenes Publikum spiegelt er auch oft die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten seiner Entstehungszeit wieder, von Massenarbeitslosigkeit bis Inflation. In einer späteren Geschichte von 1938 etwa werden Micky nur Jobs angeboten, von deren Bezahlung man nicht leben kann („3 Dollar die Woche und Käsecracker“).

Kindisch ist an diesen Comics gar nichts, langweilig meist auch nichts – außer, wenn sich Gottfredson an reinen Gagfolgen versucht. Er ist ein Meister des Spannungsaufbaus von Tag zu Tag, immer wieder schafft er es, mit aussichtslos erscheinenden Cliffhangern und erzählerischem Zeitraffer (dem Ablaufen eines Ultimatums etwa), den Leser zu fesseln. Der Humor kommt dabei trotzdem nicht zu kurz, wenn er in den ersten Jahren auch oft noch etwas brachial und slapstickhaft ist. Anders als in heutigen Disney-Comics wird hier gefoltert und mit Erhängen gedroht, in einer Geschichte versucht Micky gar über mehrere Seiten, sich aus Liebeskummer umzubringen. So erwachsen wie hier war Disney danach bis zu Don Rosas Dagobert-Biografie in den 90ern nicht mehr – und Micky wohl überhaupt nie wieder.

Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Fantagraphics einen langen verlegerischen Atem beweist und dass der Dollarkurs möglichst wenig steigt. Und für alle, die keine englischen Comics lesen wollen oder können, dass Ehapa sich vielleicht doch noch mal zu einer deutschen Ausgabe entschließt. Aber angeblich sind Micky-Comics ja Kassengift. Gottfredsons sind Carl Barks‘ Duck-Geschichten aber mindestens ebenbürtig. Und Micky war darin tatsächlich der vielleicht größte Held, den die Comics bis dahin gesehen hatten.

Sam Smiths Filmplakat für die (US-) Wiederaufführung von "Welt am Draht" (in einer restaurierten Fassung); Abb.: Janus Films

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das deutsche Fernsehen in den 70ern viel mutiger war als heute. Zum Beispiel bei „Welt am Draht“, Fassbinders zweiteiliger Science Fiction-Romanverfilmung für den WDR von 1973, nach dem „Goldmann-Weltraum-Taschenbuch von Daniel F. Galouye“, wie es im Abspann so schön heißt. Klaus Löwitsch ist Dr. Fred Stiller, der irgendwann in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft – die heute längst Vergangenheit ist – beim Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung arbeitet. Das hat ein gigantisches Computersimulationsprogramm namens Simulacron entwickelt, das nichts Geringeres simuliert als eine komplette Welt. Die Menschen, die darin „leben“, so gennante Identitätseinheiten, wissen nicht einmal, dass sie keine echten Menschen sind. Als Stillers Chef plötzlich stirbt (Unfall? Selbstmord? Mord?), ist das der Beginn einer Reihe merkwürdiger Begebenheiten, die aber nur Stiller wahrzunehmen scheint. Während er die Nachfolge seines Chefs antritt und dadurch selbst zum Mordverdächtigen wird, verschwinden Menschen spurlos, die daraufhin niemand außer ihm überhaupt gekannt haben will, Straßen enden im Nichts und selbst die Zeitung von gestern sieht heute nicht mehr unbedingt genauso aus. Immer stärker wird Stillers Ahnung, dass mit der Realität um ihn herum etwas grundlegend nicht in Ordnung ist.

25 Jahre vor „Matrix“ nimmt der Film dessen Grundidee bereits vorweg. Mit dem Unterschied, dass hier nicht echte Menschen in einer virtuellen Scheinrealität festgehalten werden, sondern die Wesen, die sich selbst für Menschen halten, in Wahrheit nur Geschöpfe des Computers sind. Es sind die alten Fragen der SF, die der Film stellt: Wann ist ein Individuum ein Individuum, muss es dafür geboren worden sein und aus Fleisch und Blut bestehen oder reicht es nicht, wenn es ein Bewusstsein von sich selbst hat? Oder um es mit einem abgewandelten Shakespeare-Zitat auszudrücken: „Wenn ich mich schneide, blute ich zwar nicht echt, aber bin ich nicht trotzdem ein Mensch, da ich doch Schmerz verspüre?“. Anders als „Matrix“ mit seinem Effekte-Overkill kommt WaD gänzlich ohne Computertricks (die gab es schlicht noch gar nicht) und auch fast ohne Special Effects aus (Ganz am Ende fliegt mal eine Hütte in die Luft.). Stattdessen gelingt es ihm, durch seine langsame, aber atmosphärisch dichte Erzählweise und seine abgefahrene Ausstattung einen ganz eigenen Sog zu erzeugen. Letztere ist ein Mischung aus Retrodesign (aus heutiger Sicht) und dem, was man sich 1973 unter zukünftiger Computertechnik vorgestellt hat: Überall hängen riesige Bildschirme an der Wand, aber die Terminals haben nicht einmal eine grafische Benutzeroberfläche, sondern reine grüne Schrift auf schwarzem Hintergrund.

Schier unglaublich ist, wer hier alles als Schauspieler dabei ist. Neben Fassbinder-regulars (die wie immer meist grottenschlecht sind) wie Barbara Valentin oder Kurt Raab treten auch hervorragende Schauspieler wie Günter Lamprecht und Gottfried John auf, sowie typische TV-Darsteller der damaligen Zeit, die man in den 70ern und 80ern in gefühlt jeder zweiten Fernsehproduktion sehen konnte, etwa Karl-Heinz Vosgerau. Irgendwann taucht dann auch noch Walter Sedlmayr auf, Peter Kern und sogar Eddie Constantine. Erstaunlicherweise funktioniert dieses diparate Ensemble sehr gut, auch die gekünstelten RWF-Darsteller passen diesmal zum künstlichen Flair der Geschichte und Löwitsch spielt den Stiller mit zunehmender Verzweiflung, irgendwo zwischen beginnendem Wahnsinn und trotziger Selbstbehauptung.

Atmosphärisch sehr passend ist auch die schräge Musik von Gottfried Hüngsberg, während Michael Ballhaus‘ Kameraarbeit eher merkwürdig wirkt. Die Einstellungen sehen meistens so aus, als hätte er absichtlich das Stativ verwackelt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fassbinder-Filmen krankt WaD nicht am Drehbuch, das er zusammen mit Fritz Müller-Scherz geschrieben hat – das ist nämlich echt gut. Wenn es kein wirklich großartiger Film geworden ist, dann wegen Fassbinders dilettantischer Inszenierung: Nicht nur die Einstellungen wirken hingeschludert, auch die Schnitte sind eher beliebig angesetzt, manchmal auch, bevor ein Satz wirklich zu Ende gesprochen wurde. Vielleicht verstehe ich einfach das Konzept dahinter nicht, aber ich frage mich wirklich, wie ein solcher Dilettant jemals ein nicht nur berühmter, sondern weltweit anerkannter Regisseur werden konnte. Anders als bei seinen meisten anderen Werken ist diesmal aber zumindest ein guter Film dabei herausgekommen, allerdings nicht wegen, sondern eher trotz Fassbinders Regie.

Heute wirkt „Welt am Draht“ einerseits wie  eine visonäre Vorwegnahme späterer SF-Stoffe, andererseits wie eine Reise in ein längst vergangenes (West-)Deutschland. Eines, in dem es noch gelbe Telefonzellen gab und schrankgroße Computer mit Magnetbändern. Aber auch eines, in dem mal eben ein Schauspieler, der kurz vorher bei Godard (in „Alphaville“) aufgetreten war, als Gast in einem WDR-Fernsehfilm auftauchten konnte. Und in dem man mit für damalige Verhältnisse hohem Budget ein hoch philosofisches „Weltraum-Taschenbuch“ verfilmen konnte, vermutlich auch noch für die Primetime. Zumindest was Kulturprodukte angeht, ist die Zukunft selten besser als die Vergangenheit.

P.S.: Zur Premiere der restaurierten Fassung im New Yorker MoMA habe ich eine der verrücktesten Forendiskussionen gefunden, die ich überhaupt jemals gelesen habe.

Me & the Farm(Ville)er

Veröffentlicht: 21. Juni 2011 in Aus der Praxis, Online
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Für den epd bin ich kürzlich mal wieder in virtuelle Parallelwelten eingetaucht. Leider darf man bei diesen Agenturartikeln ja nie so deutlich schreiben, was man selbst von den vorgestellten Diensten hält. Ich denke mal, es wird aber trotzdem klar. (Wenn nicht: Farmerama hat mich nach fünf Minuten so aggressiv gemacht, dass ich am liebsten den Monitor an die Wand geworfen hätte.) Der Artikel wurde heute auch vom Main-Echo übernommen (zumindest online), das wäre für einen gewissen Leser in Aschaffenburg vielleicht endlich mal ein Grund, sich die Zeitung zu kaufen.

Überschrift: Housemartins (abgewandelt)

(Reihenfolge ist nicht streng zu nehmen, gibt aber schon eine Tendenz wieder)

Der Himmel über Berlin (Wim Wenders) – kunstvoll und gekünstelt, vor allem in den Dia- und Monologen (von Peter Handke), aber trotzdem mit unheimlich vielen Wahrheiten über das Leben. Grandiose Bilder (nie wieder sah Berlin im Film so gut aus), tolle Schauspieler (Peter Falk!) und ein Live-Auftritt von Nick Cave.

Das Leben ist eine Baustelle (Wolfgang Becker) – Der Titel ist ebenso programmatisch wie der Slogan an der Hauswand: „Die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära“. In den ersten 30 Minuten passiert der Hauptfigur mehr als den meisten Menschen in 30 Jahren. Jürgen Vogel und Christiane Paul in den jeweils besten Rollen ihrer Karrieren. Das Leben ist hart, aber es gibt immer wieder etwas, das es trotzdem lebenswert macht. Meistens sind das andere Menschen.

Winterschläfer (Tom Tykwer) – Kurz vor seinem Welterfolg mit „Lola rennt“ lieferte Tykwer sein wahres – und bis heute unerreichtes – Meisterwerk ab. Die Seelen der Hauptfiguren sind teilweise so vereist wie das winterliche Berchtesgardener Land, wo das Schicksal sie zusammen führt. Stilistisch brilliant gestaltet in wenigen Primärfarben.

Jenseits der Stille (Caroline Link) – Faszinierender Blick in eine fremde Welt: die der Gehörlosen. Die Musik als befreiende Kraft, ein neues Leben zu beginnen. Und eines der sympathischsten Geschwisterpaare der Filmgeschichte. Bis in die Nebenrollen perfekt besetzt (Matthias Habich!).

Die zweite Heimat (Edgar Reitz) – Um ein eigener Mensch zu werden, muss man seine Heimat (und Familie) hinter sich lassen und sich eine neue schaffen. Ausuferndes und meist hoch artifizielles Epos über eine Gruppe junger befreundeter Künstler in Zeiten des gesellschaftlichen Aufbruchs. Anstrengend , aber höchst lohnend.

Gegen die Wand (Fatih Akin) – Die Quintessenz von Akins Kinoträumen, irgendwo zwischen Sozialdrama, Genrefilm und persönlichem Ausbruch erzählt er eine universelle und doch ganz im deutsch-türkischen Alltag verwurzelte Geschichte von individueller Emanzipation. Unheimlich kraftvoll, wie ein Schlag in den Unterleib.

Sommer vorm Balkon (Andreas Dresen) – Wie der 85-jährige Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase sich hier in zwei junge Frauen einfühlt, ist schier unfassbar. Schauspielerisch groß, inhaltlich zwischen Verzweiflung und Hoffnung pendelnd, mit einigen grandiosen Dialogen.

Die Katze (Dominik Graf) – einer der wenigen deutschen Genrefilme, bei denen Ambition, perfekte Inszenierung und kommerzieller Erfolg zusammen kamen. Dieser Bankraub-Thriller braucht sich vor Sidney Lumet nicht zu verstecken.

Ausgerechnet Zoé (Markus Imboden) – ein fast vergessener TV-Film aus den 90ern, die vielleicht beste Rolle von Nicolette Krebitz. Das Drama über eine junge Frau, die völlig überraschend von ihrer HIV-Infektion erfährt, ist ernst und heiter, einfühlsam, aber vor allem absolut schonungslos. Solche Szenen wie den schmutzigen Sex mit einem Fremden auf einer Kneipentoilette könnte man heute in einem Primetime-ARD-Fernsehfilm nicht mehr bringen, das Thema würde heute wahrscheinlich in einem tränendrüsenstrapazierenden Sozialkitschdrama bearbeitet werden. In den 90ern war das noch anders, da konnte man sozial relevante Themen im deutschen TV noch ambivalent umsetzen.

Fünf Patronenhülsen (Frank Beyer) – zum Schluss ein im Westen weitgehend unbekannter DEFA-Film, stellvertretend für viele sehr gute Filme von Beyer. Dies ist vielleicht sein berührendster, eben weil es mal nicht um das Ringen um den guten Sozialismus oder ums Überleben im Dritten Reich geht, sondern einfach eine spannende Geschichte erzählt wird. Ein Western aus dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem – im Gegensatz zu den „gerechten Kriegen“ der Gegenwart – tatsächlich noch Menschen für ihre Ideale starben.  Starkino auch, mit Müller-Stahl, Krug und Erwin Geschonneck.

Eine recht konservative Liste, finde ich, aber so ist das halt, manchmal sind Konsensfilme eben auch wirklich die besten. Andererseits keine Klassiker dabei, kein Nosferatu, kein Caligari, kein Fritz Lang. Der älteste Film stammt von 1960, zwei aus den 80ern, zwei aus den 00ern, der Rest aus den 90ern. Das hat vermutlich damit zu tun, dass das das Jahrzehnt war, in dem ich ernsthaft angefangen habe, mich für Filme zu interessieren, und die, die ich damals gesehen habe, halt doch die prägenden waren. Auch ist kein Beitrag des angeblich so bedeutenden Neuen Deutschen Films i.e.S. dabei, mit Wenders und Reitz aber zumindest zwei spätere Werke von zweien seiner wichtigsten Vertreter.

And the winner seems to be … überraschenderweise Tom Tykwer, der eigentlich nicht mehr zu meinen deutschen Lieblingsregisseuren gehört. Mit „Winterschläfer“ und dem Drehbuch zu „Das Leben ist…“ hatte er Ende der 90er aber tatsächlich einen hervorragenden Lauf. Danach kam leider nicht mehr allzu viel… Deutsche Lieblingsregisseure, die es knapp nicht in die Liste geschafft haben, sind hingegen Volker Schlöndorff und Hans-Christian Schmid.

In den 60ern/70ern soll es ja Leute gegeben haben, die „Clapton is God“ auf Häuserwände geschrieben haben. Ich würde lieber schreiben: „Truffaut ist Gott“. „L’argent de poche“ von 1976 ist sicher keines seiner Hauptwerke, eher ein kleineres, relativ schnell abgedrehtes Nebenwerk, das nur selten aufgeführt wird.  Aber selbst dieses Nebenwerk ist noch beeindruckender und mitreißender als die Hauptwerke der meisten anderen Regisseure.

Truffaut beobachtet darin den Alltag eines guten Dutzends Schüler von etwa 11 bis 14 Jahren in einer Kleinstadt in der Bretagne: Schule, Eltern, Herumhängen mit Freunden, erste Annäherungen ans andere Geschlecht, heimliche Verliebtheiten, auch in Mütter von Schulfreunden, Kino usw. Es passiert so gut wie nichts Außergewöhnliches, aber es gelingt dem Regisseur, den ganz normalen Zauber des kindlichen Alltags einzufangen, den der Zuschauer quasi durch die unschuldigen, unbefangenen Augen der Protagonisten wahrnimmt. Die wenigen Erwachsenen, die eine größre Rolle spielen, sind zwei Lehrer und einige Eltern. Sie sind alle liebenswert, einfühlsam und aufmerksam, begegnen ihren Kindern und Schülern mit Respekt und Warmherzigkeit. Es sind Lehrer und Eltern, wie man sie sich selbst gewünscht hätte, immer verständnisvoll und engagiert, den Kindern das Beste für ihren Lebensweg mit zu geben. Auch zeichnet Truffaut ein idealisiertes Bild vom Kleinstadtleben: Die Nachbarn kennen sich und helfen einander, jeder kommt mit jedem gut aus.

Aber es gibt eine Ausnahme: den neuen Schüler Julien, einen „Sozialfall“, wie der Direktor sagt. Er lebt mit seiner Familie in einer slumartigen Baracke, trägt schmutzige und zerrissene Kleidung und wird von seiner Familie misshandelt. Um trotz seines trostlosen Elternhauses über die Runden zu kommen, entwickelt er eine Art jugendlicher street smartness, auch einige kriminelle Energie. Dieser Julien ist eine Art Antoine Doinel-Figur, ein Außenseiter wie dieser bekanntere Truffaut-Charakter, wenn auch einer mit traurigerem sozialen Hintergrund. Truffaut lässt keinen Zweifel daran, dass seine Sympathie ihm genauso gilt wie allen anderen Kindern.

Die Kinderdarsteller sind überwiegend echte Glücksfälle: Sie agieren ungekünstelt und natürlich. Wie Kinder eben so sind,  reden sie mal altklug daher wie kleine Erwachsene, um im nächsten Moment wieder ganz unbeholfen zu reagieren. Ihre Figuren tragen ihre richtigen Namen. Gegen Schluss des Films tritt der Lehrer etwas aus seiner Rolle heraus und hält vor seiner Klasse eine Ansprache, die sicher als „author’s message“ gelten kann, ein flammendes Plädoyer für die Rechte der Kinder, auch für ihr Recht auf eine glückliche Kindheit mit sie liebenden Erwachsenen. „Das Leben ist hart, aber es ist auch wunderschön.“ Man kann diese Rede aufgesetzt finden. Ich fand sie sehr passend. Sie wirkt, als wolle Truffaut seiner eigenen Kindheit, die eben nicht glücklich war, eine positive Vision entgegensetzen.

So wie im Grunde der ganze „Taschengeld“ die positve Version seines Erstlings „Les 400 Coups“ ist. Der Junge mit dem schwierigen Elternhaus und der kriminellen Energie ist hier aber nur noch eine Figur unter vielen, aus der Autobiografie ist ein großflächiges Panorama geworden. Für die Kinder beginnt bald die Pubertät, die Zeit der Unbefangenheit wird dann vorbei sein, ebenso wie das Frankreich, das uns dieser Film zeigt, längst schon Vergangenheit ist. Aber vielleicht hat es das auch so nie gegeben, nur in Filmen von Regisseuren, die ein so großes Herz hatten wie Francois Truffaut.

R.I.P. Marc Fischer

Veröffentlicht: 17. Juni 2011 in Print
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Ok, ist schon über zwei Monate her, aber ich hab’s tatsächlich erst gerade mitgekriegt: Im April starb Marc Fischer, einer der deutschen „New Journalists“ aus der „Generation Tempo“, der in den vergangenen Jahren u.a. für DUMMY schrieb. Aus dem „Spiegel“:

„Inspiriert vom New Journalism eines Gay Talese stieg Fischer sehr jung Mitte der neunziger Jahre beim Monatsmagazin „Tempo“ zum Star auf. Danach hätte er sich bei den etablierten Medien einen Schreibtisch aussuchen können, aber er streifte weiterhin durch die entlegenen Ecken der Welt, immer auf der Jagd nach Geschichten, getrieben von einer Sehnsucht nach einer gebrochenen Schönheit, die ihm wichtiger war als ein regelmäßiges Monatsgehalt.“

Aus dem Nachruf bei Spiegel Online:

Doch nie wieder gingen die Strömungen der Zeit, die Möglichkeiten, die eine Redaktion ihm einräumte, und Fischers unbestreitbares Talent so glücklich zusammen wie bei „Tempo“.

Und hier einer seiner letzten Texte. Schade.

(via)

Die Wahrheit über „Falling Skies“

Veröffentlicht: 15. Juni 2011 in TV
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… ist irgendwo da draußen. Ach nein, das war ja eine andere Serie. Nachdem ich es jetzt knapp eine Woche vor US-Start doch noch geschafft habe, eine Pressevorabkopie der beiden Auftaktfolgen zu sehen, könnt ihr auf meinem neuen TV-Serienportal „torrent“ meine Kritik lesen. Was es mit dem Portal – und dem Namen – auf sich hat, erkläre ich dann sicher bald auch noch mal.

Lesetipp: Die Lehren aus kino.to

Veröffentlicht: 13. Juni 2011 in Film, Lesetipp, Online
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Unrechtbewußtsein kann man dabei nicht erwarten, denn wie kann es unrecht sein sich z. B. die aktuellen Folgen einer Serie für Umsonst runter laden zu müssen, weil man sie selbst für Geld nicht kaufen DARF, weil ein Rechteverwerter der Meinung ist, in Deutschland soll man gefälligst noch warten?

Stefan Meiners bei Xtranews. Auch sonst kann ich dem Artikel  voll und ganz zustimmen. (via)