Was man in alten deutschen TV-Krimis alles entdecken kann

Veröffentlicht: 4. Juni 2011 in TV
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In den letzten Wochen bin ich wieder in eine Materie eingestiegen, mit der ich mich im Grunde nicht mehr beschäftigt habe, seit ich mit 15 oder so das Interesse daran verlor: deutsche Fernsehkrimis aus den 80ern und 90ern. Und obwohl ich sagen muss, dass ich mit dem behäbigen Inszenierungsstil von Serien wie „Der Alte“ & Co. nichts mehr anfangen kann, entdeckt man doch manchmal ganz schräge Sachen, die sonst im Mainstreamfernsehen und -kino eigentlich nicht üblich sind (und heute auch nicht mehr möglich wären).

Beispielsweise wurden in diesen Serien gerne französische Dichter rezitiert. Gleich in der ersten Folge von „Peter Strohm“ etwa fängt der Titelheld, der von Klaus Löwitsch gespielte Privatdetektiv, aus heiterem Himmel an, Baudelaire zu rezitieren. Ähnliches passiert in der „Fahnder“-Folge „Verhör am Sonntag“, wobei es da wenigstens eine Tatverdächtige ist, die als Agentin für einen Buchverlag arbeitet.

Überhaupt der „Fahnder“: Diese Serie hatte ich 20 Jahre lang als behäbig in Erinnerung, dabei ist sie wesentlich härter (und meistens auch schneller) als etwa die ganzen ZDF-Freitagsserien von damals. Klaus Wennemann ist ähnlich wie Löwitsch auch einer dieser unterschätzen deutschen (Fernseh-)Schauspieler aus den 80ern. Hatte den echt nicht so gut in Erinnerung. Außer als Fahnder Faber habe ich den, glaube ich, auch nur im „Boot“ gesehen, und als zweiten Hauptdarsteller in dem sehr guten Schimanski-„Tatort“ „Freunde“. Wobei die Figur des Faber schon auch ein wenig an Schimanski erinnert, wenn man davon absieht, dass ersterer besser gekleidet ist (Sakko und Mantel statt Schmuddel- oder Lederjacke). Wenn man dann mal nachguckt, was Wennnemann nach seinem Ausstieg aus der Serie noch so drehen durfte, kann man ganz traurig werden ob der vertanen Chancen.

Hab jetzt endlich mal mit Dominik Grafs „Fahnder“-Folgen angefangen, und manche davon sind richtig gut. Vor allem, wenn die Bücher von den Autoren stammen, mit denen Graf auch sonst zusammen gearbeitet hat: Rolf Basedow, Günter Schütter… Schütters Folge „Nachtwache“ wirkt wie eine Vorstudie für seinen und Grafs 2005er „Polizeiruf“ „Der scharlachrote Engel“.  Statt Edgar Selge gibt hier eben Wennemann den Ermittler, der sich zu einer zwielichtigen Zeugin hingezogen fühlt, die er in ihrer Wohnung überwacht bzw. beschützt. Wie Maja Maranow nachts auf dem Dach des Hochhauses unvermittelt zu tanzen anfängt… Wie ein Riesenactionspektakel (das Hochhaus wurde angeblich in Brand gesetzt) nur im Dialog behauptet wird, und das unheimlich spannend ist, obwohl überhaupt nichts zu sehen ist…

Wer da alles in Episodenrollen dabei war: Jürgen Vogel, Hannes Jaenicke, Peter Lohmeyer. In der bisher besten gesehenen Folge  „Bis ans Ende der Nacht“ (witzigerweise auch die einzige der ganzen Serie mit einer eigenen imdb-Bewertung) gar Heinz Hoenig, Meret Becker UND Klaus Lemke (der sinnigerweise einen Puffbetreiber gibt). Hoenig spielt den einsamen Geiselnehmer mit irrem Blick, wahnsinnig gut. Faber missachtet die Anweisungen des Einsatzleiters vom Innenministerium, den er kurz vorher noch durch ein Guckloch in der Wand im Bordell bei SM-Spielen gesehen hat. Unglaublicher Dialog am Ende zwischen Faber und seinem Assistenten: „Wie ich ihn da eben [in Gedanken] vor mir gesehen habe, war er auf einmal auch mein Feind.“ – „Du redest dich um Kopf und Kragen.“ – „Deshalb sag ich’s ja nur dir.“

Oder diese ganzen kleinen Irritationen, vor denen der „Tatort“ „Frau Bu lacht“ (1995) von Graf und Schütter nur so wimmelt: Kommissar Leitmayr kommt frühmorgens nach Passau und auf den leeren Straßen kommt ihm ein Mann entgegen, der ein riesiges Holzkreuz auf der Schulter trägt… In einem Nachtclub kommt jemand in einem Hühnerkostüm auf ihn zu – und in der nächsten Szene hat er zwei rote Federn in den Haaren hängen, ohne dass das jemand zu bemerken scheint. So menschlich und so witzig wie in dieser Folge durften Nemec und Wachtveitl auch nie wieder sein.

Das Problem mit diesen alten deutschen TV-Sachen ist: Im Gegensatz zu den meisten US-Serien ist nur schwer an sie ran zu kommen. Vieles gibt es nicht auf DVD, und wenn, dann verstecken sich die Folgen von den guten Regisseuren und Autoren oft in ansonsten uninteressanten Staffelboxen. Was würde ich für eine DVD-Box mit Grafs gesammelten Fernseharbeiten geben. Oder am besten gleich das Gesamtwerk. (Von Wim Wenders gab es sowas mal auf VHS, inklusive einzelner Episoden, die er zu Beginn seiner Karriere für eine vergessene Familienserie gedreht hat.) Was man da noch alles entdecken könnte. Und als nächstes hätte ich dann gerne die Klaus Löwitsch-Box. Danke.

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