„Taschengeld“: Truffauts nostalgische Hommage an die Kindheit

Veröffentlicht: 19. Juni 2011 in Film
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In den 60ern/70ern soll es ja Leute gegeben haben, die „Clapton is God“ auf Häuserwände geschrieben haben. Ich würde lieber schreiben: „Truffaut ist Gott“. „L’argent de poche“ von 1976 ist sicher keines seiner Hauptwerke, eher ein kleineres, relativ schnell abgedrehtes Nebenwerk, das nur selten aufgeführt wird.  Aber selbst dieses Nebenwerk ist noch beeindruckender und mitreißender als die Hauptwerke der meisten anderen Regisseure.

Truffaut beobachtet darin den Alltag eines guten Dutzends Schüler von etwa 11 bis 14 Jahren in einer Kleinstadt in der Bretagne: Schule, Eltern, Herumhängen mit Freunden, erste Annäherungen ans andere Geschlecht, heimliche Verliebtheiten, auch in Mütter von Schulfreunden, Kino usw. Es passiert so gut wie nichts Außergewöhnliches, aber es gelingt dem Regisseur, den ganz normalen Zauber des kindlichen Alltags einzufangen, den der Zuschauer quasi durch die unschuldigen, unbefangenen Augen der Protagonisten wahrnimmt. Die wenigen Erwachsenen, die eine größre Rolle spielen, sind zwei Lehrer und einige Eltern. Sie sind alle liebenswert, einfühlsam und aufmerksam, begegnen ihren Kindern und Schülern mit Respekt und Warmherzigkeit. Es sind Lehrer und Eltern, wie man sie sich selbst gewünscht hätte, immer verständnisvoll und engagiert, den Kindern das Beste für ihren Lebensweg mit zu geben. Auch zeichnet Truffaut ein idealisiertes Bild vom Kleinstadtleben: Die Nachbarn kennen sich und helfen einander, jeder kommt mit jedem gut aus.

Aber es gibt eine Ausnahme: den neuen Schüler Julien, einen „Sozialfall“, wie der Direktor sagt. Er lebt mit seiner Familie in einer slumartigen Baracke, trägt schmutzige und zerrissene Kleidung und wird von seiner Familie misshandelt. Um trotz seines trostlosen Elternhauses über die Runden zu kommen, entwickelt er eine Art jugendlicher street smartness, auch einige kriminelle Energie. Dieser Julien ist eine Art Antoine Doinel-Figur, ein Außenseiter wie dieser bekanntere Truffaut-Charakter, wenn auch einer mit traurigerem sozialen Hintergrund. Truffaut lässt keinen Zweifel daran, dass seine Sympathie ihm genauso gilt wie allen anderen Kindern.

Die Kinderdarsteller sind überwiegend echte Glücksfälle: Sie agieren ungekünstelt und natürlich. Wie Kinder eben so sind,  reden sie mal altklug daher wie kleine Erwachsene, um im nächsten Moment wieder ganz unbeholfen zu reagieren. Ihre Figuren tragen ihre richtigen Namen. Gegen Schluss des Films tritt der Lehrer etwas aus seiner Rolle heraus und hält vor seiner Klasse eine Ansprache, die sicher als „author’s message“ gelten kann, ein flammendes Plädoyer für die Rechte der Kinder, auch für ihr Recht auf eine glückliche Kindheit mit sie liebenden Erwachsenen. „Das Leben ist hart, aber es ist auch wunderschön.“ Man kann diese Rede aufgesetzt finden. Ich fand sie sehr passend. Sie wirkt, als wolle Truffaut seiner eigenen Kindheit, die eben nicht glücklich war, eine positive Vision entgegensetzen.

So wie im Grunde der ganze „Taschengeld“ die positve Version seines Erstlings „Les 400 Coups“ ist. Der Junge mit dem schwierigen Elternhaus und der kriminellen Energie ist hier aber nur noch eine Figur unter vielen, aus der Autobiografie ist ein großflächiges Panorama geworden. Für die Kinder beginnt bald die Pubertät, die Zeit der Unbefangenheit wird dann vorbei sein, ebenso wie das Frankreich, das uns dieser Film zeigt, längst schon Vergangenheit ist. Aber vielleicht hat es das auch so nie gegeben, nur in Filmen von Regisseuren, die ein so großes Herz hatten wie Francois Truffaut.

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