Fröhliches Fröhnen des Listenfetischismus‘: Meine deutschen Film-Top 10

Veröffentlicht: 21. Juni 2011 in Film
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(Reihenfolge ist nicht streng zu nehmen, gibt aber schon eine Tendenz wieder)

Der Himmel über Berlin (Wim Wenders) – kunstvoll und gekünstelt, vor allem in den Dia- und Monologen (von Peter Handke), aber trotzdem mit unheimlich vielen Wahrheiten über das Leben. Grandiose Bilder (nie wieder sah Berlin im Film so gut aus), tolle Schauspieler (Peter Falk!) und ein Live-Auftritt von Nick Cave.

Das Leben ist eine Baustelle (Wolfgang Becker) – Der Titel ist ebenso programmatisch wie der Slogan an der Hauswand: „Die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära“. In den ersten 30 Minuten passiert der Hauptfigur mehr als den meisten Menschen in 30 Jahren. Jürgen Vogel und Christiane Paul in den jeweils besten Rollen ihrer Karrieren. Das Leben ist hart, aber es gibt immer wieder etwas, das es trotzdem lebenswert macht. Meistens sind das andere Menschen.

Winterschläfer (Tom Tykwer) – Kurz vor seinem Welterfolg mit „Lola rennt“ lieferte Tykwer sein wahres – und bis heute unerreichtes – Meisterwerk ab. Die Seelen der Hauptfiguren sind teilweise so vereist wie das winterliche Berchtesgardener Land, wo das Schicksal sie zusammen führt. Stilistisch brilliant gestaltet in wenigen Primärfarben.

Jenseits der Stille (Caroline Link) – Faszinierender Blick in eine fremde Welt: die der Gehörlosen. Die Musik als befreiende Kraft, ein neues Leben zu beginnen. Und eines der sympathischsten Geschwisterpaare der Filmgeschichte. Bis in die Nebenrollen perfekt besetzt (Matthias Habich!).

Die zweite Heimat (Edgar Reitz) – Um ein eigener Mensch zu werden, muss man seine Heimat (und Familie) hinter sich lassen und sich eine neue schaffen. Ausuferndes und meist hoch artifizielles Epos über eine Gruppe junger befreundeter Künstler in Zeiten des gesellschaftlichen Aufbruchs. Anstrengend , aber höchst lohnend.

Gegen die Wand (Fatih Akin) – Die Quintessenz von Akins Kinoträumen, irgendwo zwischen Sozialdrama, Genrefilm und persönlichem Ausbruch erzählt er eine universelle und doch ganz im deutsch-türkischen Alltag verwurzelte Geschichte von individueller Emanzipation. Unheimlich kraftvoll, wie ein Schlag in den Unterleib.

Sommer vorm Balkon (Andreas Dresen) – Wie der 85-jährige Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase sich hier in zwei junge Frauen einfühlt, ist schier unfassbar. Schauspielerisch groß, inhaltlich zwischen Verzweiflung und Hoffnung pendelnd, mit einigen grandiosen Dialogen.

Die Katze (Dominik Graf) – einer der wenigen deutschen Genrefilme, bei denen Ambition, perfekte Inszenierung und kommerzieller Erfolg zusammen kamen. Dieser Bankraub-Thriller braucht sich vor Sidney Lumet nicht zu verstecken.

Ausgerechnet Zoé (Markus Imboden) – ein fast vergessener TV-Film aus den 90ern, die vielleicht beste Rolle von Nicolette Krebitz. Das Drama über eine junge Frau, die völlig überraschend von ihrer HIV-Infektion erfährt, ist ernst und heiter, einfühlsam, aber vor allem absolut schonungslos. Solche Szenen wie den schmutzigen Sex mit einem Fremden auf einer Kneipentoilette könnte man heute in einem Primetime-ARD-Fernsehfilm nicht mehr bringen, das Thema würde heute wahrscheinlich in einem tränendrüsenstrapazierenden Sozialkitschdrama bearbeitet werden. In den 90ern war das noch anders, da konnte man sozial relevante Themen im deutschen TV noch ambivalent umsetzen.

Fünf Patronenhülsen (Frank Beyer) – zum Schluss ein im Westen weitgehend unbekannter DEFA-Film, stellvertretend für viele sehr gute Filme von Beyer. Dies ist vielleicht sein berührendster, eben weil es mal nicht um das Ringen um den guten Sozialismus oder ums Überleben im Dritten Reich geht, sondern einfach eine spannende Geschichte erzählt wird. Ein Western aus dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem – im Gegensatz zu den „gerechten Kriegen“ der Gegenwart – tatsächlich noch Menschen für ihre Ideale starben.  Starkino auch, mit Müller-Stahl, Krug und Erwin Geschonneck.

Eine recht konservative Liste, finde ich, aber so ist das halt, manchmal sind Konsensfilme eben auch wirklich die besten. Andererseits keine Klassiker dabei, kein Nosferatu, kein Caligari, kein Fritz Lang. Der älteste Film stammt von 1960, zwei aus den 80ern, zwei aus den 00ern, der Rest aus den 90ern. Das hat vermutlich damit zu tun, dass das das Jahrzehnt war, in dem ich ernsthaft angefangen habe, mich für Filme zu interessieren, und die, die ich damals gesehen habe, halt doch die prägenden waren. Auch ist kein Beitrag des angeblich so bedeutenden Neuen Deutschen Films i.e.S. dabei, mit Wenders und Reitz aber zumindest zwei spätere Werke von zweien seiner wichtigsten Vertreter.

And the winner seems to be … überraschenderweise Tom Tykwer, der eigentlich nicht mehr zu meinen deutschen Lieblingsregisseuren gehört. Mit „Winterschläfer“ und dem Drehbuch zu „Das Leben ist…“ hatte er Ende der 90er aber tatsächlich einen hervorragenden Lauf. Danach kam leider nicht mehr allzu viel… Deutsche Lieblingsregisseure, die es knapp nicht in die Liste geschafft haben, sind hingegen Volker Schlöndorff und Hans-Christian Schmid.

Kommentare
  1. Christian Mönnich sagt:

    bist du denn stolzer eigentümer eines mitschnittes von „ausgerechnet zoé“? ich suche den film schon seit jahren. damals hatte ich so ziemlich alles gute auf vhs gebannt. auch wenn ich keine kassette mehr habe, bin ich mir sicher, diesen film noch nicht einmal aufgezeichnet zu haben. ich warte und warte, es gibt kein medium zu kaufen und von einer wiederholung hab ich auch nichts gehört. wäre echt toll, wenn man da was machen könnte,
    sei gegrüßt, christian

    • Medienjunkie sagt:

      Hallo Christian,

      ich habe den Film tatsächlich auf VHS im Regal, allerdings keine Möglichkeit zum Digitalisieren oder Kopieren (könnte allerdings mal einen Freund fragen, ob der die technischen Mittel dazu hat). Wenn du da eine Möglichkeit hast, melde dich am besten per Mail an medienjunkie [at] gmx-topmail [Punkt] de.

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