„Welt am Draht“: Als der WDR noch Weltraum-Taschenbücher verfilmte

Veröffentlicht: 24. Juni 2011 in Film, TV
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Sam Smiths Filmplakat für die (US-) Wiederaufführung von "Welt am Draht" (in einer restaurierten Fassung); Abb.: Janus Films

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das deutsche Fernsehen in den 70ern viel mutiger war als heute. Zum Beispiel bei „Welt am Draht“, Fassbinders zweiteiliger Science Fiction-Romanverfilmung für den WDR von 1973, nach dem „Goldmann-Weltraum-Taschenbuch von Daniel F. Galouye“, wie es im Abspann so schön heißt. Klaus Löwitsch ist Dr. Fred Stiller, der irgendwann in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft – die heute längst Vergangenheit ist – beim Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung arbeitet. Das hat ein gigantisches Computersimulationsprogramm namens Simulacron entwickelt, das nichts Geringeres simuliert als eine komplette Welt. Die Menschen, die darin „leben“, so gennante Identitätseinheiten, wissen nicht einmal, dass sie keine echten Menschen sind. Als Stillers Chef plötzlich stirbt (Unfall? Selbstmord? Mord?), ist das der Beginn einer Reihe merkwürdiger Begebenheiten, die aber nur Stiller wahrzunehmen scheint. Während er die Nachfolge seines Chefs antritt und dadurch selbst zum Mordverdächtigen wird, verschwinden Menschen spurlos, die daraufhin niemand außer ihm überhaupt gekannt haben will, Straßen enden im Nichts und selbst die Zeitung von gestern sieht heute nicht mehr unbedingt genauso aus. Immer stärker wird Stillers Ahnung, dass mit der Realität um ihn herum etwas grundlegend nicht in Ordnung ist.

25 Jahre vor „Matrix“ nimmt der Film dessen Grundidee bereits vorweg. Mit dem Unterschied, dass hier nicht echte Menschen in einer virtuellen Scheinrealität festgehalten werden, sondern die Wesen, die sich selbst für Menschen halten, in Wahrheit nur Geschöpfe des Computers sind. Es sind die alten Fragen der SF, die der Film stellt: Wann ist ein Individuum ein Individuum, muss es dafür geboren worden sein und aus Fleisch und Blut bestehen oder reicht es nicht, wenn es ein Bewusstsein von sich selbst hat? Oder um es mit einem abgewandelten Shakespeare-Zitat auszudrücken: „Wenn ich mich schneide, blute ich zwar nicht echt, aber bin ich nicht trotzdem ein Mensch, da ich doch Schmerz verspüre?“. Anders als „Matrix“ mit seinem Effekte-Overkill kommt WaD gänzlich ohne Computertricks (die gab es schlicht noch gar nicht) und auch fast ohne Special Effects aus (Ganz am Ende fliegt mal eine Hütte in die Luft.). Stattdessen gelingt es ihm, durch seine langsame, aber atmosphärisch dichte Erzählweise und seine abgefahrene Ausstattung einen ganz eigenen Sog zu erzeugen. Letztere ist ein Mischung aus Retrodesign (aus heutiger Sicht) und dem, was man sich 1973 unter zukünftiger Computertechnik vorgestellt hat: Überall hängen riesige Bildschirme an der Wand, aber die Terminals haben nicht einmal eine grafische Benutzeroberfläche, sondern reine grüne Schrift auf schwarzem Hintergrund.

Schier unglaublich ist, wer hier alles als Schauspieler dabei ist. Neben Fassbinder-regulars (die wie immer meist grottenschlecht sind) wie Barbara Valentin oder Kurt Raab treten auch hervorragende Schauspieler wie Günter Lamprecht und Gottfried John auf, sowie typische TV-Darsteller der damaligen Zeit, die man in den 70ern und 80ern in gefühlt jeder zweiten Fernsehproduktion sehen konnte, etwa Karl-Heinz Vosgerau. Irgendwann taucht dann auch noch Walter Sedlmayr auf, Peter Kern und sogar Eddie Constantine. Erstaunlicherweise funktioniert dieses diparate Ensemble sehr gut, auch die gekünstelten RWF-Darsteller passen diesmal zum künstlichen Flair der Geschichte und Löwitsch spielt den Stiller mit zunehmender Verzweiflung, irgendwo zwischen beginnendem Wahnsinn und trotziger Selbstbehauptung.

Atmosphärisch sehr passend ist auch die schräge Musik von Gottfried Hüngsberg, während Michael Ballhaus‘ Kameraarbeit eher merkwürdig wirkt. Die Einstellungen sehen meistens so aus, als hätte er absichtlich das Stativ verwackelt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fassbinder-Filmen krankt WaD nicht am Drehbuch, das er zusammen mit Fritz Müller-Scherz geschrieben hat – das ist nämlich echt gut. Wenn es kein wirklich großartiger Film geworden ist, dann wegen Fassbinders dilettantischer Inszenierung: Nicht nur die Einstellungen wirken hingeschludert, auch die Schnitte sind eher beliebig angesetzt, manchmal auch, bevor ein Satz wirklich zu Ende gesprochen wurde. Vielleicht verstehe ich einfach das Konzept dahinter nicht, aber ich frage mich wirklich, wie ein solcher Dilettant jemals ein nicht nur berühmter, sondern weltweit anerkannter Regisseur werden konnte. Anders als bei seinen meisten anderen Werken ist diesmal aber zumindest ein guter Film dabei herausgekommen, allerdings nicht wegen, sondern eher trotz Fassbinders Regie.

Heute wirkt „Welt am Draht“ einerseits wie  eine visonäre Vorwegnahme späterer SF-Stoffe, andererseits wie eine Reise in ein längst vergangenes (West-)Deutschland. Eines, in dem es noch gelbe Telefonzellen gab und schrankgroße Computer mit Magnetbändern. Aber auch eines, in dem mal eben ein Schauspieler, der kurz vorher bei Godard (in „Alphaville“) aufgetreten war, als Gast in einem WDR-Fernsehfilm auftauchten konnte. Und in dem man mit für damalige Verhältnisse hohem Budget ein hoch philosofisches „Weltraum-Taschenbuch“ verfilmen konnte, vermutlich auch noch für die Primetime. Zumindest was Kulturprodukte angeht, ist die Zukunft selten besser als die Vergangenheit.

P.S.: Zur Premiere der restaurierten Fassung im New Yorker MoMA habe ich eine der verrücktesten Forendiskussionen gefunden, die ich überhaupt jemals gelesen habe.

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