Ein nostalgischer Blick in die Kindheit der Disney-Comics oder Als Micky Maus der vielleicht beste Comic der Welt war

Veröffentlicht: 25. Juni 2011 in Bücher
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Wenn man heute von Micky Maus-Comics redet, muss man ja immer erst lang und breit erklären, dass die Figur nicht immer der etwas langweilige, leicht spießige Kleinbürger und Hobby-Polizist war, als der er seit Jahrzehnten hauptsächlich in den Heften und Taschenbüchern auftritt. Jedem, der schon mal einen Fortsetzungs-Zeitungsstrip von Floyd Gottfredson gelesen hat, ist das hingegen selbstverständlich klar. Gottfredson hat den Micky-Zeitungscomic fast von Anfang an, nämlich seit 1930, sagenhafte 45 Jahre lang gezeichnet, die letzten 20 Jahre aber leider auf Drängen des Syndikats nur noch als unverbundene Gagstreifen. Seine Fortsetzungsgeschichten zwischen 1930 und 1955 gelten unter Comicfans noch heute als einer der besten Zeitungscomics überhaupt, meiner Meinung nach ist es sogar einer der zehn besten Comics aller Zeiten.

Bisher wurden sie leider immer nur sporadisch nachgedruckt, in Deutschland z.B. in den 70ern in den großformatigen „Ich, Micky Maus“ und „Ich, Goofy“-Büchern des Melzer Verlags, die dann über die Jahre noch diverse Male von Ehapa und seinem Schwesterverlag Horizont nachgedruckt und durch ähnliche Bände ergänzt wurden. Seit Ende der 80er die ambitionierte Gesamtausgabe „Mickys Klassiker “ nach wenigen Bänden wieder eingestellt wurde, habe ich auf einen neuen Versuch gewartet. Nun ist es zumindest auf Englisch endlich so weit: Fantagraphics hat diesen Monat seine „Floyd Gottfredson Collection“ mit dem ersten Band gestartet und dank günstigem Dollarkurs kann man sich den übers Internet sogar billiger bestellen als eine deutsche Ausgabe vermutlich wäre.

Und es lohnt sich, nicht nur wegen der enthaltenen Comics (fast den ersten beiden Jahrgängen des Strips), sondern auch wegen der fantastischen Aufmachung, dem Design und dem reichhaltigen Zusatzmaterial. Besser kann man eine Gesamtausgabe fast nicht mehr machen. Lediglich die geringe Größe der abgedruckten Strips macht das Lesen auf Dauer etwas anstrengend, zumal das Lettering nicht besonders deutlich ist (und die Sprechblasen eh vor seltsamem Slang strotzen). Aber sonst stimmt hier einfach alles: der aufwändige Einband, die liebevolle Gestaltung der Titelblätter zu den einzelnen Geschichten und Abschnitten und vor allem die Fülle an seltenen Abbildungen und die redaktionellen Artikel. Da schreiben Disney-Insider (Zeichner und Autoren) ebenso wie Berkeley-Professoren. Und man erfährt auch als Disney-Kenner noch so manches Neue. Zum Beispiel wird detaillert erklärt, wer nun eigentlich Mickys Aussehen entwickelt hat (es war natürlich nicht Disney) und wie der Comic Strip überhaupt zustande kam. Abgebildet werden u.a. zu jeder Geschichte internationale Coverabbildungen, aber auch frühes Werbematerial, das Disney Kinobesitzern zukommen ließ. Wir sehen auch, in welchen Comics frühe Nebenfiguren Jahrzehnte später wieder auftauchten usw.

Zeichnerisch üben die ganz frühen Disney-Comics und -Kurzfilme auf mich irgendwie einen besonderen Reiz aus. Diese noch wenig vermenschlichten Figuren, die oft wenig oder gar keine Kleidung tragen, finde ich viel liebenswerter als ihre späteren, perfekteren Inkarnationen. Nicht nur, dass sich antropomorphe Figuren wie Horace Horsecollar alias Rudi Ross wieder in vierbeinige Tiere zurück verwandeln können, wie Horst Schröder im Vorwort zum 1975er „Ich, Goofy“-Band schrieb, es funktioniert auch umgekehrt: Anfangs scheint es nämlich in Mickys Umgebung auch Tiere zu geben, die zwar nicht sprechen können und auch wie Tiere leben, aber trotzdem intelligent zu sein scheinen, und, wenn erforderlich, ihre Vorderbeine als Arme benutzen können. Diese Umgebung nennt Schröder „ländliche Anarchie“, Micky selbst scheint auf einem Bauernhof zu leben, zusammen mit eben den anderen, nicht sprechenden Hoftieren. Gleich in Gottfredsons erster Geschichte „Race to Death Valley“ bricht er aber daraus zusammen mit Minnie  zu einer langen Reise auf, die die beiden bis in den Wilden Westen führt. Schon dieses frühe Abenteuer ist eines seiner besten.

Aber wir begegnen ihm im ersten Band u.a. auch auf der Jagd nach Eierdieben, die Minnies Vater Marcus Maus (!) ruinieren wollen und zusammen mit seinen engsten Freunden (Goofy gehörte damals noch nicht dazu, er wurde erst 1933 eingeführt) auf Campingurlaub, wo sie mit einem Stamm krimineller Zigeuner aneinandergeraten. Ja, auch das gehört natürlich zu einem so alten Comic, dass manche Geschichten arg „historically dated“ sind, wie es auf dem Backcover ausgedrückt wird – sogar Hakenkreuze sind mehrmals zu sehen. In den Einführungen zu den einzelnen Geschichten werden solche politischen Unkorrektheiten aber jeweils in den historischen Kontext eingeordnet – auch das vorbildlich für eine solche Klassikerausgabe. Es ist halt eine inzwischen fremde Welt, in die uns diese Zeitreise entführt, mit anachronistischen Telefonen und Autos, aber auch mit sozialen Missständen, die sich teilweise seitdem nicht wirklich verbessert haben. Als Zeitungsstrip für ein überwiegend erwachsenes Publikum spiegelt er auch oft die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten seiner Entstehungszeit wieder, von Massenarbeitslosigkeit bis Inflation. In einer späteren Geschichte von 1938 etwa werden Micky nur Jobs angeboten, von deren Bezahlung man nicht leben kann („3 Dollar die Woche und Käsecracker“).

Kindisch ist an diesen Comics gar nichts, langweilig meist auch nichts – außer, wenn sich Gottfredson an reinen Gagfolgen versucht. Er ist ein Meister des Spannungsaufbaus von Tag zu Tag, immer wieder schafft er es, mit aussichtslos erscheinenden Cliffhangern und erzählerischem Zeitraffer (dem Ablaufen eines Ultimatums etwa), den Leser zu fesseln. Der Humor kommt dabei trotzdem nicht zu kurz, wenn er in den ersten Jahren auch oft noch etwas brachial und slapstickhaft ist. Anders als in heutigen Disney-Comics wird hier gefoltert und mit Erhängen gedroht, in einer Geschichte versucht Micky gar über mehrere Seiten, sich aus Liebeskummer umzubringen. So erwachsen wie hier war Disney danach bis zu Don Rosas Dagobert-Biografie in den 90ern nicht mehr – und Micky wohl überhaupt nie wieder.

Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Fantagraphics einen langen verlegerischen Atem beweist und dass der Dollarkurs möglichst wenig steigt. Und für alle, die keine englischen Comics lesen wollen oder können, dass Ehapa sich vielleicht doch noch mal zu einer deutschen Ausgabe entschließt. Aber angeblich sind Micky-Comics ja Kassengift. Gottfredsons sind Carl Barks‘ Duck-Geschichten aber mindestens ebenbürtig. Und Micky war darin tatsächlich der vielleicht größte Held, den die Comics bis dahin gesehen hatten.

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