„100 Freunde und keiner ruft an“: Warum ich Facebook den Untergang gönnen würde

Veröffentlicht: 8. Juli 2011 in Online
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Nachdem ich am Montag noch total genervt war, weil in jeder Radiosendung (bei drei verschiedenen Sendern), die ich hörte, über Facebook gesprochen wurde, stieß ich ab Dienstag ständig auf Google+. Nur dass ich die Berichte darüber sogar bewusst und interessiert gelesen bzw. gehört habe. Mann, was würde ich mir ins Fäustchen lachen, wenn Google Zuckerbergs Fatzebuch dahin schicken würde, wo all die gehypten Vorgänger wie MySpace und StudiVZ schon längst sind: in die Bedeutungslosigkeit. Ich kann mir nicht helfen, aber Facebook verkörpert für mich gefühlsmäßig „das Böse“ (TM). Wenn Sascha Lobo meint: „Die DNS von Facebook ist sozialer Kitt“, würde ich eher sagen: „Die DNS von Facebook ist eine asoziale Motivation.“ Nicht nur, was die ursprüngliche Motivation von Zuckerberg angeht, das Ding zu programmieren.

FB geht es nicht darum, irgendwelche tatsächlichen Bedürfnisse seiner User zu befriedigen. Es geht ihm darum, deren Kommunikationsbedürfnisse zu missbrauchen, um an ihre Daten zu kommen und mit ihrer Hilfe immer mehr Leute auf ihre Seiten zu locken. Was manche Spieleentwickler an Social Games wie FarmVille & Co. kritisieren, dass sie soziale Beziehungen nur instrumentalisieren, um neue Spieler zu generieren und dadurch mehr Geld zu verdienen, trifft auch auf FB selbst zu.

Für die Nutzer selbst geht es überwiegend um Selbstdarstellung, nicht um wirkliche Kommunikation. Die findet im Netz ganz woanders statt: in Blogs, in Foren, vielleicht auch bei Twitter. Wenn ich wirklich an den Meinungen und Interessensgebieten eines Menschen interessiert bin, lese ich sein Blog. Wenn ich über ein spezifisches Thema diskutieren möchte, z.B. über eine TV-Serie oder einen neuen Comic, den ich toll finde, suche ich mir ein Forum mit Gleichgesinnten. Dort finden nämlich noch inhaltliche Auseinandersetzungen statt. Wenn ich längere Zeit regelmäßig ein Forum besuche, kann ich die Stammuser einigermaßen einschätzen, ich kenne einige ihrer Vorlieben und Abneigungen, ich weiß, wer Diskussionskultur hat und wer nur ein Troll ist, der immer Recht behalten will. Wenn ich auf FB mit Leuten „befreundet“ bin, erfahre ich auch nach Monaten meist nicht mehr über sie, als wo sie zuletzt im Urlaub waren und mit wem sie gestern einen Kaffe trinken gegangen sind. Interessiert mich das? In den allermeisten Fällen nicht. Für längere Diskussionen ist auf FB hingegen gar kein Platz. Alles, was länger als drei Sätze ist, liest eh keiner. Die Reaktionen beschränken sich meistens auf ein „Gefällt mir“. Die Beliebtheit eines Users resultiert daraus, wer die meiste unreflektierte Zustimmung einsammeln kann: „7.657 Personen gefällt das“ vs. „Einer Person gefällt das.“ Wer unter 50 „Freunde“ hat, macht sich im Grunde lächerlich. In meinem Blog freue ich mich dagegen über jeden Kommentator, bei dem ich merke, dass er sich inhaltlich mit meinem Artikel auseinander gesetzt hat.

Die Kommunikation bei FB ist in den allermeisten Fällen eine Scheinkommunikation. Die Illusion einer Kommunikation. Den ganzen ehemaligen Bekannten, die man vor zehn oder zwanzig Jahren aus den Augen verloren hat und ohne FB auch nie wieder gefunden hätte – und die ja als eines der Lieblingsargumente dienen, was an FB so toll sei -, hat man meistens heute auch nicht mehr viel zu sagen. Hätte man das, hätte man ja auch vor zehn oder zwanzig Jahren Wege gefunden, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ausnahmen gibt es natürlich auch, also Menschen, die man nach Jahren wieder trifft und die einem noch ganz viel zu sagen haben. Nur tun sie das dann bei FB nicht unbedingt auch immer. Wenn sie da immer nur schreiben, mit wem sie in ihren Heimatstädten gerade was unternehmen wollen oder ihre Babyfotos posten, bringt sie mir das ja auch nicht wieder näher. Und um zu chatten, braucht man kein Soziales Netzwerk, dafür gibt es genügend Programme.

Zudem kann all diese geschäftige Oberflächenkommunikation, das ständige Rauschen der Mitteilungen von Dutzenden Menschen, während man alleine vorm Computer sitzt, Einsamkeitsgefühle eher noch verstärken statt beseitigen. Wie es eine Anruferin gestern Abend im „Blue Moon“ formulierte: „100 Freunde und keiner ruft an.“  Wenn du wirklich einsam bist, wenn du Probleme hast, und keinen, mit dem du darüber reden könntest, hilft dir FB bestimmt nicht weiter.

Wenn ich dann höre, dass man sich bei FB nicht mehr einfach mit einem Pseudonym anmelden kann, weil die einem bei unrealistsichen Namen den Account sperren, bis man ihnen eine Geburtsurkunde oder seine Handynummer schickt, möchte ich am liebsten kotzen. Da offenbart FB seine wahre Fratze. Überall sonst im Netz ist es ja üblich und akzeptiert, unter einem Pseudonym, einem Nickname oder Bloggernamen zu schreiben. Was übrigens gar nichts damit zu tun hat, das man anonym rumpöbeln will, wie manche behaupten, für die das Internet nur aus Google, SpOn und Wikipedia besteht.

Ich hoffe jetzt einfach mal auf Google+. Alles, was ich in den letzten Tagen darüber gelesen und davon gesehen habe, fand ich sympathischer und überzeugender als alles, was ich in einem halben Jahr bei FB gesehen habe, bevor ich entnervt mein Profil gelöscht habe. Leider bin ich ja nur ein E-Blogger, weswegen ich keine Einladung für die G+-Betaphase bekommen habe. Wobei ich mich da eher nur anmelden werde, wenn es möglich wird, dort auch geschäftliche Projekte zu promoten. Privat hatte ich noch nie das Bedürfnis, mich bei einem Sozialen Netzwerk anzumelden. Aber bei G+ soll es ja wohl mehr um Themen und weniger um Egos gehen. Vielleicht fragen sich die Nachgeborenen in zehn Jahren ja, wenn „The Social Network“ im Fernsehen läuft: „Facebook? Was war das denn noch mal?“

Kommentare
  1. fenrir sagt:

    Was soll daran so schlimm sein. Wer bei FB reale Freunde sucht naja, der ist für mich eh nicht ganz dicht. Aber zur Selbstdarstellung ist das Netzwerk ganz okay. Auch wenn man eine große weit verstreute Familie hat. Für mich sind eher die Leute das Problem, die versuchen mit FB oder anderen Netzwerken das schnelle Geld zu machen weil sie andere belaberen bzw. damit rechnen das ihnen dort genügend „willige Opfer“ über den Weg laufen.
    Gerade das passiert eben nicht. Deshalb ziehen diese „möchtegern gewinnler“ frustriert den Schwanz ein, schimpfen auf FB und hauen ab. Bei Googel + wird dieses Phänomen nicht anders sein. Ich persönlich finde FB okay weil ich ähnlich wie mit meinem Blog mehr Leute erreichen kann. Aber ohne „Gewinn“ absicht. Mir machts einfach Spass, nicht mehr.

    • Medienjunkie sagt:

      Für mich sind eher die Leute das Problem, die versuchen mit FB oder anderen Netzwerken das schnelle Geld zu machen weil sie andere belaberen bzw. damit rechnen das ihnen dort genügend „willige Opfer“ über den Weg laufen.
      Gerade das passiert eben nicht. Deshalb ziehen diese „möchtegern gewinnler“ frustriert den Schwanz ein, schimpfen auf FB und hauen ab

      Ich hoffe, du meinst nicht mich😉.

  2. Olsen sagt:

    Und Google, die alte Datenkrake (der alte Datenkraken?) ist jetzt die besser Möglichkeit, sich ausspionieren zu lassen? Ich weiß et ja nich. Aber ich werde mir den Laden sicher auch mal anschauen, wenn er dann für das gemeine Fußvolk wie mich auch verfügbar ist. Letzten Endes ist immer entscheidend, was man draus macht. Kennt man die richtigen Leute in einem sozialen Netzwerk, kann das sehr viel Spaß machen, man bekommt gute Film- und Musiktipps, etc. Ich kann da überraschend viel für mich rausziehen, jeden Tag mindestens einen lesenswerten Artikel, den irgendjemand irgendwo ausgegraben hat, zum Beispiel. Und super sind die akutellen Meldungen von all den Bands und Institutionen, die ich so abonniert habe.

    Scheinkommunikation ist das falsche Wort, finde ich. Es ist halt Kurzkommunikation. Meiner Erfahrung nach nehmen da auch viele Leute dran teil, denen Foren und Blogs zu viel „Arbeit“ sind. Und ob die jetzt anrufen würden, wenn es Facebook und Co. nicht gäbe, wage ich zu bezweifeln. Wie sieht das denn in den Foren aus, in denen du dich so rumtreibst? Bei mir ist da deutlich weniger los, seit es soziale Netzwerke im Internet gibt. Da hat sich einiges verlagert. Die richtig guten Diskussionen finden aber immer noch da statt, klar.

    Es geht durchaus noch, sich bei Facebook mit Pseudonym anzumelden. Sieht man ja an mir. Zwischenzeitlich hab ich meinen Namen noch zweimal geändert, damit hatte die Facebook-Software nie Probleme. Die tun immer so, als würde man sofort rausgekickt, aber glaub mir, es passiert nicht.

    • Medienjunkie sagt:

      Ich kannte bei FB wohl wirklich die falschen Leute, brauche jetzt aber auch wirklich kein Soziales Netzwerk, um auf interessante Filme oder Artikel zu stoßen. Da gibt’s eh schon viel mehr, als ich sehen oder lesen könnte. Mich wundert jetzt aber doch, dass du plötzlich FB so hilfreich findest. Hattest du dich da nicht auch mal abgemeldet, weil’s dir nichts gebracht hatte?

      Ich glaub, im Comicforum sind hauptsächlich alte Männer aktiv (>40), die sind nicht so Netzwerke-affin😉. Holger Klein hat das mit „zu viel Arbeit“ ganz schön auf den Punkt gebracht: „Bei FB kann man die Leute treffen, die sonst nicht im Netz sind.“

      Das mit dem Sperren bei Pseudonymen hat die Anruferin in der Radiotalkshow erzählt. Passiert aber wahrscheinlich nur bei unglaubwürdig klingenden Namen. Wobei sich letztes Jahr noch eine Bekannte von mir mit dem Nachnamen Datenschutz da angemeldet hat.

  3. fenrir sagt:

    🙂 Medienjunkie

    Nö, ich meinte dich nicht.

  4. blaupause7 sagt:

    für mich ist fb inzwischen vor allem nur noch eins. ein gigantischer markt bzw eine plattform für konzerne, firmen, radiosender und viele viele mehr, als einnahmequelle und als möglichkeit, an daten zukünftiger kunden zu kommen – und was mich daran stört ist z.b. die tatsache, dass sender wie der hessische rundfunk fb nur noch als einziges medium sieht, wie seine hörer mit ihm in kontakt kommen („besuchen sie unsere facebook-seite und sagen sie uns ihre meinung“, „stimmen sie auf facebook über dies und jenes ab“, teilnahme an gewinnspielen nur über facebook) – och nö.

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