Yesterday’s Papers: „Siehste“ und die goldenen Tage des deutschen Fernsehens

Veröffentlicht: 11. Juli 2011 in Print, TV
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Cover Heft 32/79 mit Holly Zolly; Abb.: Axel Springer-Verlag

Eine Zeitschrift, die ich noch im Vorschulalter gelesen habe und an die ich heute noch gerne zurück denke, ist die „Siehste“. Und das obwohl sie überhaupt nur ein knappes Jahr erschienen ist (1979), wovon ich vielleicht knapp die letzten fünf Monate mitbekommen habe. Das nennt man wohl prägenden Eindruck. Nachdem ich knapp 25 Jahre überhaupt nichts mehr über dieses Heft gelesen oder gehört hatte, stieß ich auf die Webseite Zuschauerpost.de, die neben Titelbildern, Ausschnitten und Leserbriefen aus der „Hörzu“ auch die „Siehste“-Titelbilder im Angebot hat. Kurz darauf stolperte ich dann auf verschiedenen Internetseiten zufällig über andere ehemalige „Siehste“-Leser. Menschen unter 40 hingegen wird dieser Name meist überhaupt nichts sagen.

Die „Siehste“ war der Versuch des Axel Springer-Verlags, eine TV-Zeitschrift für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren zu etablieren, also eine Art junge Schwesterzeitschrift der „Hörzu“. Als Maskottchen diente der Redaktionwurm Holly Zolly, der nicht nur die Initialen seines schönen Namens der „Hörzu“ verdankte. Auch sein Äußeres war aus dem (damaligen) Logo des Mutterblattes heraus entwickelt worden. Der Wortvogel nennt das Heft ein „seltsam unschuldig-untrendiges Magazin“, ich würde eher sagen unprätentiös. Die Macher versuchten nicht, ihre jungen Leser mit immer neuen Sensationen zu überrumpeln, sondern sie ernst zu nehmen, heute würde man wohl sagen, da abzuholen, wo sie entwicklungsmäßig waren. Nebem den aktuellen TV-Programm gab es Hintergrundberichte zu Kindersendungen und Kinofilmen, aber auch Wissenswertes aus der Natur oder mal etwas Politisches, z.B. über die Bootsflüchtlinge aus Vietnam. Es gab eine „Schul-Seite“, wo typische Kinderprobleme thematisiert wurden (Ärger mit Lehrern, Ein Neuer kommt in die Klasse oder „Ich bin zu dick“) und einen Kummerkasten à la Dr. Sommer (nur ohne sexuelle Probleme natürlich).

So eine Art Aufklärung gab es aber trotzdem: In einer Serie „Das größte Abenteuer deines Lebens“ wurde wöchentlich über die Entwicklung eines Babys im Mutterleib berichtet, vom Embryo bis zur Geburt – und zwar in Ich-Form aus Sicht des Babys. Damals war es auch noch möglich, in einer Kinderzeitschrift zu schreiben: „Jetzt kann man schon mein Pimmelchen sehen“, ohne dass Elternverbände Sturm liefen. Über aktuelle Popstars wurde ebenso berichtet wie über klassische Clowns. Dazu kamen natürlich Witze, Rätsel und auch einige wenige Comics (Peyos Pussy-Strip und „Tim & Struppi“ in zweiseitigen Fortsetzungen – witzigerweise „Das Geheimnis der Einhorn“, das jetzt auch verfilmt wurde). Den Heftabschluss bildete jeweils ein Fortsetzungsroman zu einer bald anlaufenden Kinderserie („Timm Thaler“, „Der Junge vom anderen Stern“) sowie eine Kurzgeschichte von jugendlichen Lesern.

Was die Themenauswahl und die Kurztexte im TV-Programm betraf, arbeitete die „Siehste“ ohne pädagogischen Zeigefinger. Lehrreiche Sendungen wurden ebenso empfohlen wie die neueste US-Trickfilmserie oder ein alter „Dick und Doof“-Film. Anders als etwa im Jugendmagazin „Floh“, wo fast alles, was wir als Kinder gerne sahen, eine Zitrone bekam (entsprach etwa dem „Wir raten ab“ im katholischen „film-dienst“), weil es angeblich zu brutal oder blöd sei (Bugs Bunny, Tom & Jerry etc.).

Was mir jetzt beim Blättern in alten Ausgaben vor allem auffiel, ist aber, wie anspruchsvoll damals noch das Fernsehprogramm, gerade das für Erwachsene, war. Es begann im Ersten und Zweiten jeweils um kurz nach 16 Uhr, teilweise mit Sendungen wie „Einführung in die Kommunikationswissenschaft“. Wenn der Arbeitnehmer nach Hause kam, sollte er sich erst mal weiterbilden, statt wie heute mit „Verbotene Liebe“ eingelullt zu werden. Das weitere Nachmittagsprogramm bot dann neben vielen Kindersendungen auch Dokumentationen und Geschichte, Politik usw. Abends gab es dann die klassischen Unterhaltungsshows, aber auch viel Kultur: Theater, Musik, Wissenschaft. Und Filmklassiker. Überhaupt lief damals kaum ein Spielfilm, der jünger war als 20 Jahre. Jetzt wird mir auch klar, warum meine Eltern ständig Western guckten: Es liefen keine anderen Filme. Jedenfalls keine neueren, es gab natürlich auch Krimis, Komödien, Filmkunst.

ARD und ZDF am Sonntag, 7. Sept. 1979

Sonntags fing das Programm schon vormittags an, im ZDF erst mal mit einer „Matinee“, z.B. einem Monolog über „Das Geheimnis der Existenz“, gefolgt von einem Film von Turgenjew. Während dann im ZDF ein Chemiekurs folgte, sendete die ARD ein „Zwischenspiel“ mit Liedern von Richard Strauss unter der Leitung von Karajan. Im ZDF folgte: „Junge Christen stellen sich vor“. Um 20 Uhr 15 spielte die Leningrader Philharmonie, während man sich im Ersten von Blacky Fuchsbergers „Auf los geht’s los“ unterhalten lassen konnte. Im Spätprogramm (nicht nach Mitternacht, sondern zwischen Zehn und Elf) starteten dann „Kritik am Sonntagabend“ und ein Film von und mit Marlon Brando von 1959. Sachen, die man heute mit viel Glück noch bei arte findet. In den Dritten lief eh den ganzen Tag Schulfernsehen, eingerahmt vor- und nachmittags von der „Sesamstraße“.

Die Dritten und die Empfehlungen am gleichen Tag

Ein Blick auf dieses Programm macht einem erst mal bewusst, wie verkommen ARD und ZDF heute wirklich sind. Fast alles, was einen Anspruch hat, der über Unterhaltung hinausgeht, oder nur eine bestimmte Altergruppe anspricht, ist heute entweder in die Spartenkanäle verbannt (arte, 3sat, Kika etc.) oder findet schlicht nicht mehr statt. Beispielsweise hatte 1979 noch jeder Sender ein eigenes Jugendmagazin, wo dann auch über gesellschaftliche Themen diskutiert wurde. Selbst ich erinnere mich noch daran, dass Michael Steinbrecher noch in den 90ern mit „Doppelpunkt“ ein kritisches Diskussionsformat für junge Menschen im ZDF-Hauptabendprogramm hatte. Die letzte dieser Sendungen trug wohl der BR Ende der 90er mit „Live aus dem Schlachthof“ zu Grabe. Im Abendprogramm kann man heute bei ARD und ZDF statt zwischen Wedekind und Mozart (4.9.79) zwischen Rosamunde Pilcher und Inspektor Irgendwas wählen.

Die „Siehste“ wurde leider Ende 79 wegen mangelnder Umsätze (es gab auch kaum Anzeigen) eingestellt bzw. in die „Hörzu“ integriert. Den Lesern wurde das so verkauft, das es für sie ja ein Vorteil sei, wenn sie eine „dicke ‚Hörzu‘ mit vielen ‚Siehste‘-Seiten“ bekämen und zusätzlich noch ein Mal im Monat ein „Siehste Extra“ kaufen könnten. Letzteres war eher eine Art Comicalbum mit redaktionellem Teil, das bereits nach drei Ausgaben ebenfalls eingestellt werden musste. Wer es für ein gutes Geschäftsmodell hielt, statt einem Heft für eine Mark, das sich nicht ausreichend verkauft hatte, ein Album für 4,50 Mark anzubieten, weiß ich nicht. Der „Siehste“-Teil in „Hörzu“ wurde bald auf eine (Kinder-)Seite zurück gefahren, auf der sich Holly Zolly auch noch tummelte, als ich einige Jahre später meine Eltern überredete, die „Hörzu“ zu kaufen (allerdings nicht wegen ihm, sondern wegen Mecki). Nach einem Wechsel des Chefredakteurs verschwand der alte Schriftzug und der Wurm von der Seite, ersetzt wurde er von einem unansehnlichen Drachen. Im September 1985 verschwand auch die Seite, die da schon nichts mehr mit der ursprünglichen Zeitschrift zu tun gehabt hatte, endgültig zu Gunsten des wiederbelebten ganzseitigen Mecki-Comics.

Heute ist die „Siehste“ für einige Menschen um die 40 eine Erinnerung an spannende Fernsehzeiten. Und ein Zeugnis dafür, dass Fernsehen tatsächlich einmal ein Medium war, dem es nicht nur um billige Zerstreuung und den kleinstmöglichen Nenner zur Erzielung der höchst möglichen Quote ging.

Kommentare
  1. Torsten Dewi sagt:

    Toller Beitrag – deckt sich gut mit meinen eigenen Erinnerungen. Ich weiß auch noch, dass in einem der ersten Hefte eine ziemlich gute Sci-Fi-Lesergeschichte über Schulalltag in der Zukunft drin war.

    • Medienjunkie sagt:

      Danke, ich dachte mir, wenn dein „Siehste“-Text schon nicht mehr auffindbar ist, muss ich halt selbst mal einen schreiben🙂. Ich erinnere mich auch immer noch an eine von einem Schüler geschriebene Sci-Fi-Geschichte in dem Buch mit Zuschauerbeiträgen, den das ZDF-Ferienprogramm mal rausgebracht hat.

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