Vergessene Perlen aus der VHS-Zeit: Zwei weitere Frühwerke von H.C. Blumenberg

Veröffentlicht: 13. Juli 2011 in Film
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Nur echt mit Relief-Coverbild: "Der Sommer des Samurai"

Nach dem kürzlich hier besprochenen „Tausend Augen“ drehte Hans Christoph Blumenberg Mitte der 80er in zügiger Folge zwei weitere Genrefilme. Sein zweiter Kinofilm war 1985 tatsächlich ein deutscher Samuraifilm: „Der Sommer des Samurai“, wenn auch gemischt mit Elementen anderer Genres wie Thriller und Politdrama. Neben wiederum Peter Kraus setzte er diesmal noch stärker auf Stars der 50er bis 60er Jahre: Die Hauptrolle, eine Journalistin in der Krise, spielt Cornelia Froboess, und Nadja Tiller gibt eine mysteriöse Französin. Das Drehbuch ist leider ziemlicher Murks, und weil der Film zwar wieder in Hamburg spielt, aber überwiegend tagsüber, kann die Atmosphäre das diesmal auch nicht ausgleichen. Auch einige der Nebendarsteller sind hier richtig schlecht. Trotzdem hat der Film einige stilistisch sehr schöne Momente. Und allein für den Mut, dieses Genre in Deutschland umzusetzen, gebührt Blumenberg Respekt.

1987 folgte „Der Madonna-Mann“ mit Marius Müller-Westernhagen in seiner letzten Hauptrolle. Seine Figur erinnert vom Kleidungsstil und auch von der Rolle her etwas an den „Schneemann“ aus Jörg Fausers Roman, den er ja kurz vorher auch verkörpert hat. Er spielt einen schon lange in Australien lebenden Mann, der zufällig in Hamburg strandet und in einer Bar von einer jungen Holländerin angesprochen und mitgenommen wird. Allerdings nicht zu ihr nach Hause, wie er gedacht hatte, sondern zu seinem vermeintlichen Auftraggeber. Die Frau hat ihn nämlich mit einem erwarteten Auftragskiller verwechselt. Nachdem sie ihren Fehler bemerkt hat, versuchen die beiden gemeinsam, das potentielle Opfer ausfindig zu machen und zu warnen.

Das ist Blumenbergs erster lupenreiner Thriller, vom Buch her der überzeugendste seiner drei frühen Kinofilme, wenn auch stilistisch nicht ganz so toll wie sein Debüt. Neben ein paar gelungenen Actionszenen bietet der Film wieder eine Menge Noir-Atmosphäre. Schauspielerisch wieder um Klassen besser als sein Vorgängerfilm, mit Renée Soutendijk irgendwo zwischen femme fatale und sympathischer Frau von Nebenan. Sie war damals gut im Geschäft, neben einigen frühen Filmen von Paul Verhoeven („Spetters“, „Der vierte Mann“) war sie etwa auch in „Abwärts“ mit Götz George dabei. Außerdem diesmal auf der Besetzungsliste: Nina statt Mutter Hannelore Hoger, Dominik Horwitz und wieder Peter Kraus. Hier habe ich auch endlich verstanden, dass er in allen drei Filmen dieselbe Figur spielt – er macht eine Bemerkung, dass er früher mal in Australien gelebt hat -, wenn auch jedesmal in einem anderen Beruf: Nach Taxifahrer und Barkeeper hat er es  nun immerhin zum Radio-DJ gebracht (natürlich in einer Nachtsendung). So ungefähr sähe auch mein erträumter Berufsweg aus.

Kommerziell erfolgreich waren wohl Blumenbergs erste drei Filme alle nicht, weswegen er danach hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitete (bis heute): „Tatort“, „SOKO“, Familienserien, Dokudramen und das ganze übliche Zeugs, das ARD und ZDF so produzieren. Alle acht Jahre dreht er dann noch mal einen Kinofilm, den er meist selbst finanziert, ohne Filmförderung und ohne Fernsehgelder. Ich könnte mich aber nicht erinnern, ob etwa sein viel versprechend klingender „Planet der Kannibalen“ jemals in Düsseldorf im Kino lief. Auf DVD gibt’s von seinen Kinoarbeiten ohnehin so gut wie nichts. Da kann man nur auf arte hoffen, oder man hat das Glück, eine Videothek mit VHS-Archiv in der Nähe zu haben. Dann kann man sich zumindest die beiden hier vorgestellten Frühwerke ansehen.

Solche Regisseure wie Blumenberg gibt es hierzulande viel zu wenige. Von seinem cineastischen Selbstverständnis würde ich ihn in eine Reihe mit Dominik Graf stellen, wenn er auch (zumindest in seinem Frühwerk) nicht dessen inhaltliche Qualität erreicht. Auffällig finde ich, dass alle drei Filme inszenatorisch viel besser sind als von den Drehbüchern her – die er alle, zumindst teilweise, selbst geschrieben hat. Bei einem ehemaligen (übrigens sehr guten) Filmkritiker erwartet man ja eher das Umgekehrte. Wie bei Graf erkennt man in seinen eigenen Filmen immer klar seine Vorbilder. Er mag Sautet und Peckinpah, Truffaut und Corbucci, er feierte schon 1979 in der „Zeit“ die „dreckigen kleinen Filme“ aus Deutschland als Gegenentwurf zu „Industrieprodukten“, zu denen er auch Hark Bohms Sozialdramen zählte.

Was mir an seinen Filmen sehr gefällt: Sie sind trotz aller internationaler Vorbilder immer klar an ihrem Ort und in einer konkreten Zeit verankert (so spielen alle drei in Hamburg). Und sagen so vielleicht als Genrefilme mehr über soziale Verhältnisse aus als die meisten expliziten (und heute oft veralteten) Sozialdramen des Neuen Deutschen Films. Da muss sich doch noch mal ein DVD-Label finden können. Für die Zweitausendeins-Edition Deutscher Film etwa wären diese Werke ideal.

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