Ein deutscher Hardboiled-Thriller aus einer untergegangenen Welt: Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“

Veröffentlicht: 16. Juli 2011 in Bücher, Journalismus
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Heinz Harder war bis vor ein paar Jahren ganz oben: ein Starjournalist, der für die größten Illustrierten mehrteilige Reportagen schrieb. Bis er wegen zweifelhafter Methoden (Einbrüchen, um an Informationen zu kommen, erfundene Geschichten etc.) in seiner Branche in Ungnade fiel und seitdem als Gebrandmarkter keine Aufträge mehr bekommt. Um über die Runden zu kommen, betätigt er sich als „Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle“. Als die ebenso laszive wie undurchsichtige Ex-Frau eines ehemals einflussreichen Politikers ihn beauftragt, ihre vermisste jugendliche Tochter zu suchen, wird er in einen Fall hineingezogen, in den neben der Berliner Landespolitik auch noch zwielichtige Geschäftsleute, skrupellose Menschenhändler, und verblendete Anhänger eines Schlangenkultes verwickelt sind.

„Das Schlangenmaul“ von 1985 war Fausers einziger lupenreiner Kriminalroman, nicht im Sinne von „Who dunnit?“, sondern im Stil der Hardboiled-Romane von Chandler & Co. Sein Harder ist ein deutscher Phillip Marlowe: ein gesellschaftlicher Außenseiter und Beobachter, mit trockenem Humor, der als Einziger moralisch sauber bleibt, egal, welchen Morast der Korruption er durchwaten muss. Sein Einsatzort ist nicht L.A., sondern das West-Berlin der mittleren 80er Jahre, eine merkwürdig hermetische Welt, ein Niemandsland, das nicht zur DDR, aber auch nicht richtig zur BRD gehört. Zufluchtsort für jede Art dubioser Gestalten, die alle das Gleiche suchen: das große Geld. Manche nutzen dazu die Politik, manche die (Zwangs-)Prostitution, wieder andere die Naivität verblendeter Esoteriker. Und manche schrecken zur Erreichung ihrer Ziele auch nicht vor Mord zurück.

Fausers Roman ist nicht nur die faszinierende Beschreibung einer verloren gegangenen Welt, die die Nachgeborenen nur noch aus Erzählungen und Filmen kennen, einer Welt, in der alle Straßen an der Mauer enden, eines Hortes für Glücksritter aus ganz Westdeutschland. Er ist auch ein herrlich ironischer Journalismusroman. Harder, der ganz in Chandlers Tradition seine Geschichte in der Ich-Form erzählt, spart nicht mit bissigen Seitenhieben auf seine Branche, die er in ihrem Kern genauso leidenschaftlich liebt wie er ihre modernen Auswüchse verabscheut. Deshalb hat er trotz des Siegeszugs des Boulevards den Traum von der nächsten großen Artikelserie und von der einen wahren Zeitschrift immer noch nicht ausgeträumt. Wie bei Chandler hat aber auch bei Fauser die Welt eigentlich keinen Platz mehr für diesen kleinen Träumer. Was den nicht daran hindert, weiter seinen Weg zu gehen.

Stilistisch ist Fauser hier brilliant: ebenso dichte wie metaphorische Beschreibungen des grell-grauen Großstadtalltags wechseln sich mit herrlich lakonischen Dialogen ab. Wen interessiert da noch, dass das Komplott, das Harder aufdecken will, zunehmend ausufernder erscheint, bis man den Überblick teilweise verloren hat? Auch das ist ja im Grunde fast ein Markenzeichen der Schwarzen Serie. Selbst Bogart soll ja die Story von „Tote schlafen fest“ nie verstanden haben. Für die Bavaria, die wohl mal die Filmrechte an dem Stoff gekauft hatte, war die fehlende Stringenz des Plots laut Nachwort der Grund, warum sie ihn dann doch nie verfilmt haben. Völlig unverständlich, drängen sich bei vielen Dialogen die Bilder dazu doch förmlich auf. Als Harder sah ich beim zweiten Lesen (bei dem ich den Roman übrigens noch viel besser fand, als ich ihn in Erinnerung hatte) ständig Rainer Werner Fassbinder vor mir, in seinem weißen Anzug mit schwarzem Hemd. Maja Maranow hätte eine gute Aufraggeberin abgegeben, so ambivalent-undurchschaubar wie in der „Fahnder“-Folge „Nachtwache“. Was wäre wohl dabei heraus gekommen, wenn Hans C. Blumenberg das Buch verfilmt hätte? Es sagt schon viel über eine Filmindustrie aus, wenn sie auf so einem Stoff sitzt, ohne ihn zu ergreifen.

Bisher meinte ich ja, dass Fauser in der kleinen Form immer am besten war, bei Reportagen oder Kurzgeschichten. Aber dieser Thriller ist vielleicht doch sein opus magnum. Lange Zeit vergriffen, erschienen vor einigen Jahren gleich zwei neue Ausgaben: ein Hardcover und ein Taschenbuch. Das Diogenes-TB ist vorbildlich editiert, neben einem informativen Nachwort von einem Fauser-Freund und Verleger enthält es auch zwei Zeitschriftentexte Fausers, darunter seine „Tip“-Reportage über vermisste Jugendliche in Berlin, die ihn auf die Idee zu dem Roman brachte. Da merkt man dann wieder: Er konnte beides, Wirklichkeit lebendig vermitteln und reale Phänomene weiterspinnen und daraus ein schillerndes fiktionales Werk machen.

Ein Muss für alle heutigen, ehemaligen und zukünftigen Genrefreunde, Detektive, Journalisten und West-Berliner.

Diogenes Taschenbuch 2009. 316 Seiten, 9,90 € (oder in der Werkausgabe-Kassette mit neun Taschenbüchern)

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