Yesterday’s Papers: „Moxxito“ – „savoir vivre für den intelligenten Comic-Freund“

Veröffentlicht: 21. Juli 2011 in Print
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Niveauvolle Unterhaltung statt trockener Nachrichtenlektüre: "Moxxito"; Abb.: Carlsen Verlag

Comic-Magazine für Erwachsene haben in Deutschland keine richtige Tradition. Ganz anders als in Frankreich oder Belgien, wo es seit den späten 60er Jahren immer eine Vielzahl solcher Zeitschriften gegeben hat, die in einem Heft verschiedene Fortsetzungs- und Kurzcomics unterschiedlicher Zeichner präsentieren, darunter so langlebige und heute legendäre wie „Pilote“, „Metal Hurlant“ oder „A Suivre“. Die einzigen derartigen Magazine, die im deutschen Sprachraum über einen längeren Zeitraum erschienen sind, waren „Schwermetall“ und „U-Comix“ sowie bis heute das sehr avandgardistische Schweizer „Strapazin“. Seit einigen Jahren muss man sicher auch die Neuauflage von „ZACK“ dazu zählen, obwohl das ja lange Zeit hauptsächlich Serien abdruckte, die  ursprünglich mal für Jugendliche gedacht waren. Versuche, Magazine mit reinen Erwachsenenstoffen zu etablieren hingegen, hat es  auch hierzulande immer wieder gegeben, wurden aber meist nach wenigen Ausgaben wieder eingestellt. Das wohl beste dieser Projekte war „Moxxito“.

Es war 1988, als der Carlsen Verlag, damals noch unangefochtener Marktführer bei Buchhandels-Comicalben, den ambitionierten Versuch startete, ein ebenso niveauvolles wie unterhaltsames Comic-Magazin für ältere Leser zu lancieren. Mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren wurde es nicht nur über die üblichen Vertriebswege für seine Alben angeboten, also über den Comicfach- und (Bahnhofs-)Buchhandel, sondern auch über normale Zeitschriftenläden. Wobei viele Händler wohl nicht wussten, ob sie das Heft neben dem „Playboy“ oder neben der „Micky Maus“ einsortieren sollten. Auf überformatigem Hochglanzpapier präsentierte Chefredakteur Andreas C. Knigge (damals auch Leiter des Carlsen-Comicprogramms) Fortsetzungs- und Kurzgeschichten europäischer Zeichner, darunter viele Newcomer. Das Themenspektrum reichte von Thrillern mit Insektenfiguren („Inspektor Gomina“) über Fantasy bis Erotik (allerdings viel dezenter als die berüchtigten Sexcomics in „Schwermetall“). Neben französischen, belgischen und spanischen Autoren kamen auch deutschsprachige zum Abdruck. Chris Scheuer, damals einer der aufstrebenden Stars der hiesigen Szene (obwohl Österreicher) lieferte mit „Sir Ballantime“ sicher eines der grafischen Highlights des Magazins.

„Moxxito“ bot aber noch mehr als bloß eine bunte Mischung meist guter bis sehr guter Comics. Auch der redaktionelle Teil konnte sich, im Gegensatz zu dem der meisten anderen deutschen Comic-Magazine, sehen lassen. Neben den üblichen Rezensionen aktueller Comics widmete man sich in regelmäßigen Kolumnen auch angrenzenden Medien wie (Unterhaltungs-)Literatur oder Spielfilmen (allerdings nur in Form von TV-Tipps). In der Rubrik „Creativ“ wurden nicht nur Comiczeichner vorgestellt, sondern auch mal ein Filmplakatmaler oder einer, der die Eingänge von Nachtclubs auf der Reeperbahn mit Ölgemälden verschönerte.  Und neben Berichten über einen Streik in den Disney-Studios oder die Rückkehr des Marsupilamis fanden sich auch welche über Profikiller, US-Geisterstädte und die moderne Piraterie. Teilweise waren diese Artikel ziemlich gut geschrieben, man merkte, dass Carlsen für das Heft richtig Geld in die Hand genommen hatte. Statt am Fanniveau etwa der gelegentlichen Artikel in „Schwermetall“ orientierte man sich journalistisch eher am „Stern“.  Knigge konnte sich hier als Blattmacher richtig austoben.

Seine Verdienste für die Etablierung des Comics als ernstzunehmende Kunstform in Deutschland kann man meiner Meinung nach ohnehin gar nicht hoch genug einschätzen: Er brachte mit der „Comixene“ in den 70ern die erste Fachzeitschrift heraus, die sich ernsthaft mit Comics auseinander setzte. Er baute in den 80ern maßgeblich das Erwachsenencomic-Programm des Carlsen Verlags auf. Und er scheiterte leider mit dem Versuch, ein intelligentes Magazin für erwachsene Comic-Freunde am Kiosk zu etablieren. Denn schon nach einem halben Jahr und sechs Ausgaben war schon wieder Schluss mit „Moxxito“.

Wahrscheinlich war es dann doch zu anspruchsvoll, zu elitär, um eine breite Masse anzusprechen. Zudem hatte sich Carlsen mit der viel zu hohen Auflage wohl kräftig verkalkuliert. Auch hatte man den Fehler gemacht, mit lauter ersten Alben neuer, unbekannter Serien in Fortsetzung zu starten, statt auf bekannte Namen zu setzen. Bezeichnend ist nämlich, dass auch die späteren Albenausgaben der „Moxxito“-Fortsetzungsserien im Carlsen Verlag fast alle nach ein oder zwei Alben wieder eingestellt wurden. Erst im letzten Heft hatte man mit Moebius, Bilal und Hermann eine ganze Reihe großer Namen ins Heft geholt. Aber da war es wohl ökonomisch schon zu spät. Da half es auch nicht mehr, dass „Der Spiegel“ laut einem „Moxxito“-Editorial das Magazin als  „savoir vivre für den intelligenten Comic-Freund“ geadelt hatte.

Carlsen versuchte es 13 Jahre später mit dem populäreren, eher auf eine jugendliche bis studentische Zielgruppe ausgerichteten Fantasy-Magazin „Magic Attack“ noch einmal auf dem Magazinmarkt, das sie nach 13 Ausgaben wieder einstellten. Immerhin muss man ihnen zu Gute halten, dass sie es zwei Mal versucht haben, und beide Male mit einem gut gemachten Produkt, während zum Beispiel Erzkonkurrent Ehapa nie den Mut aufbrachte, ein Erwachsenen-Magazin zu starten. Ambitioniert zu scheitern ist mir immer lieber als auf Nummer sicher zu gehen. Und „Moxxito“ sieht noch heute genauso aus, wie ich mir im Grunde ein solches Magazin wünsche. Selbst das Layout wirkt nach knapp 15 Jahren noch frisch und modern. Es war wohl einfach eine jener Zeitschriften, für die der Markt (noch?) nicht bereit war.

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