Vergessene Videoschätze: „Die Nacht ist jung“ – Kino in seiner reinen Form

Veröffentlicht: 27. Juli 2011 in Film
Schlagwörter:

Ich glaube, Truffaut hat mal geschrieben, beim Filmemachen gehe es im Grunde nur darum, schöne Frauen so zu inszenieren, dass sie besonders gut aussehen. Der junge Leos Carax hat das in seinem zweiten Film von 1986 (Originaltitel: „Mauvais sang“, „Schlechtes Blut“) ganz und gar verinnerlicht. Es sind gleich zwei Frauen, zwischen denen sein Held Alex (Denis Lavant) hin und her gerissen ist, seine Freundin Lise, die ihn mehr liebt als er sie, und die geheimnisvolle Anna, Freundin des gealterten Gangsters Marc (Michele Piccoli). Gespielt werden sie von den beiden wohl schönsten Schauspielerinnen des französischen Kinos der 80er und 90er Jahre: Julie Delpy und Juliette Binoche. Der Userkommentator robert-temple-1 drückt es in der imdb so aus:

We have the impossibly beautiful Julie Delpy aged only 19, and already in her sixth film, with the unformed face of an infant, and yet her eyes deep pools of passion already, the eyes of a passionate child in that perfect Madonna face. Juliette Binoche is 22 but looks twelve, and her beauty is greater even than that of Delpy’s, we cannot take our eyes off her, her calm is the calm of a lake when there is no wind, her face is the face of a lake with no clouds, her beauty is the beauty of a lake in the sunset, the sleekness of her movements is that of a fish glimpsed for a moment as it leaps above the surface of that lake.

Alles in diesem Film ist künstlich: die Bilder wirken wie gemalt, die Farben sind oft auf ein, zwei Primärfarben reduziert (Binoche in einem knallroten Kleid oder einem tiefblauen Bademantel), die Straßen des nächtlichen Paris sind völlig leer, wenn die Figuren rauchen (und das tun sie ständig), dann rauchen sie wie in einem 50er-Jahre-Gangsterfilm. Die bösartige Syndikatschefin heißt einfach nur „die Amerikanerin“, Alex wird von allen nur „Plappermaul“ genannt. Die harten Gangster wissen alle, wer Jean Cocteau war. Auslöser der Handlung ist ein Virus, der sich überträgt, wenn Menschen „sich lieben ohne sich zu lieben“ (1986 war AIDS noch eine neue Bedrohung) und den Alex aus einem Forschungslabor stehlen soll. Aber das ist natürlich nur der Aufhänger für eine Liebesgeschichte, die größer ist als das Leben.

In diesem Film ist alles große Geste: Wenn Anna ihren ersten Fallschirmsprung machen will, wird sie dabei prompt ohnmächtig, und Alex muss sie retten. Das erste lange Gespräch zwischen den Beiden nimmt im Film eine knappe halbe Stunde ein. Wenn Alex auf der Straße zu David Bowie tanzt, dann so unglaublich affektiert, dass man es nicht fassen kann. Jeder Satz in diesem Film ist wahr, voller Weisheit und Poesie. „Wenn du endlich weißt, wie man leben soll, ist es zu spät.“ Vor allem aber sind die Frauen unfassbar schön, grazil und geheimnisvoll, auch leicht verrückt, ihre Männer alt oder hässlich (oder beides), immer bereit für die nächste Wahnsinnstat. Und Liebe reimt sich immer auf Tod.

Die Binoche erinnert hier mit ihrer schwarzen Pagenfrisur an Anna Karina in frühen Godard-Filmen, und man fragt sich, wie wohl der Film ausgesehen hätte, wenn Truffaut vor seinem Tod noch einen mit ihr gemacht hätte. „Die Nacht ist jung“ ist der perfekte Beweis, dass man einen Genrefilm machen kann, der zugleich ganz poetisch und künstlerisch ist. Danach hat Carax nur noch zwei Langfilme inszeniert: seinen größten Erfolg „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (wieder mit Binoche und Lavant in den Hauptrollen, und Lavant scheint darin tatsächlich derselbe Alex zu sein, obwohl er im Vorgängerfilm so endet, wie kleine sympathische Gangster in einem Genrefilm nun mal enden müssen) und „Pola X“. Letzterer liegt jetzt schon zwölf Jahre zurück. Wo ist Leos Carax? Und natürlich gibt es seine frühen Filme mal wieder nicht als deutsche DVDs. Es ist ein Jammer.

Kommentare
  1. Sano sagt:

    Ein großartiger FIlm, und in der Tat bitter, dass Carax (vor sder Premiere von POLA X noch als eines der Wunderkinder und DER Hoffnungsträger des europäischen Kinos gehandelt) nach dem Megaflop der POLA X dann leider war, fast völlig in der Versenkung verschwunden ist. Aber zum Glück ist er noch relativ jung, und könnte in der Zukunft theoretisch noch unzählige Filme drehen. Nur dass jetzt bereits beide ebenfalls jungen Hauptdarsteller aus POLA X bereits verstorben sind, bereitet mir als böses Omen ein wenig Sorgen…

    MAUVAIS SANG hab ich übrigens in der großartigen Stuttgarter Galerie 451-Videothek (als englische Artificial Eye – VHS in OmU) immer wieder in der Hand gehabt, und dann tatsächlich 3 mal innerhalb von 2 Jahren ausgeliehen, da mich der Film einfach nicht losgelassen hat. Mein liebster Carax ist aber immer noch POLA X, den ich damals ebenfalls dort ausgeliehen hatte, und bei dem mir einer der Mitarbeiter hinter der Theke – nachdem er mich bei der Rückgabe des Films gefragt hatte ob mir der Film gefallen hätte, und ich mit Ja antwortete – gestand, dass es sein Lieblingsfilm sei. Ach, die Jugenderinnerungen.🙂

    Julie Delpy war aber beim Dreh des Films (sowie seiner Premiere) maximal 16, und nicht 19 wie der begeisterte Imdb-Kommentator fälschlich behauptet. Binoche sieht aber dennoch jünger aus als 22 – ich bin immer wieder erstaunt wenn ich sie in Filmen der 80er (wie z.B. Doillons LA VIE DE FAMILLE) sehe. Ich komme aber nicht umhin (auch angesichts des von dir zitierten Imdb Kommentars) dem Film sein meiner Meinung nach einziges Manko anzukreiden: nämlich dass ich lieber Delpy in der Rolle von Binoche gesehen hätte. Denn wie Lavant Lise sitzen lassen kann um sich Anna zuzuwenden bleibt mir immer noch ein Rätsel.😉

    • Medienjunkie sagt:

      Ich bin sehr froh, dass ich diesen Film damals zum zweiten Mal auf VHS aufgenommen hatte und das Video noch bis heute besitze. Leider habe ich „Pola X“ sowie „Boy meets Girl“ nicht gesehen. Vllt. bestell ich mir irgendwann mal diese englisch untertitelte Dreierbox als Import. Kennst du denn „Boy meets Girl“ und wenn ja, ist der ähnlich gut?

      Zur Kontroverse Delpy/Binoche: Tatsächlich finde ich schwer zu sagen, wer von beiden in dem Film nun attraktiver ist. Finde aber doch, dass bei der Binoche noch so eine geheimnisvolle Aura hinzukommt, weswegen ich sie dann doch noch eine Spur anziehender finde.

  2. Sano sagt:

    Mir gefiel der Film auch bei jeder Sichtung besser. Anfangs war ich nur angetan, nach der inzwischen fünften(?) Sichtung ist das aber einer der größten Filme überhaupt für mich geworden. BOY MEETS GIRL habe ich leider noch nicht gesehen. Habe dieses Jahr schon zwei mal mit der Sichtung angefangen, aber beide male wegen der Bildqualität abgeschaltet – bis mir ein Freund erklärt hat, dass der VLC-Player eine wunderbare Deinterlace-Funktion besitzt. Ich nenne nämlich das von dir erwähnte 3er DVD Set mein eigen – allerdings per E-Bay aus China erworben und daher nicht ganz so toll wie das Original.😉 Muss BOY MEETS GIRL also noch sehen, aber alles was ich bisher darüber gehört und gelesen habe klingt zauberhaft. Der Film scheint allerdings nochmal naiver und lebensfroher als die Nachfolger zu sein. Etwas was dann bei POLA X gänzlich fehlt. Der ist dann nochmal eine gänzlich andere Schaffensphase als die ersten drei Filme.

    Zu Delpy/Binoche gibt es wohl anzumerken, dass mich Geheimnisse noch nie sonderlich interessiert haben.😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s