Archiv für Juli, 2011

Nur echt mit Relief-Coverbild: "Der Sommer des Samurai"

Nach dem kürzlich hier besprochenen „Tausend Augen“ drehte Hans Christoph Blumenberg Mitte der 80er in zügiger Folge zwei weitere Genrefilme. Sein zweiter Kinofilm war 1985 tatsächlich ein deutscher Samuraifilm: „Der Sommer des Samurai“, wenn auch gemischt mit Elementen anderer Genres wie Thriller und Politdrama. Neben wiederum Peter Kraus setzte er diesmal noch stärker auf Stars der 50er bis 60er Jahre: Die Hauptrolle, eine Journalistin in der Krise, spielt Cornelia Froboess, und Nadja Tiller gibt eine mysteriöse Französin. Das Drehbuch ist leider ziemlicher Murks, und weil der Film zwar wieder in Hamburg spielt, aber überwiegend tagsüber, kann die Atmosphäre das diesmal auch nicht ausgleichen. Auch einige der Nebendarsteller sind hier richtig schlecht. Trotzdem hat der Film einige stilistisch sehr schöne Momente. Und allein für den Mut, dieses Genre in Deutschland umzusetzen, gebührt Blumenberg Respekt.

1987 folgte „Der Madonna-Mann“ mit Marius Müller-Westernhagen in seiner letzten Hauptrolle. Seine Figur erinnert vom Kleidungsstil und auch von der Rolle her etwas an den „Schneemann“ aus Jörg Fausers Roman, den er ja kurz vorher auch verkörpert hat. Er spielt einen schon lange in Australien lebenden Mann, der zufällig in Hamburg strandet und in einer Bar von einer jungen Holländerin angesprochen und mitgenommen wird. Allerdings nicht zu ihr nach Hause, wie er gedacht hatte, sondern zu seinem vermeintlichen Auftraggeber. Die Frau hat ihn nämlich mit einem erwarteten Auftragskiller verwechselt. Nachdem sie ihren Fehler bemerkt hat, versuchen die beiden gemeinsam, das potentielle Opfer ausfindig zu machen und zu warnen.

Das ist Blumenbergs erster lupenreiner Thriller, vom Buch her der überzeugendste seiner drei frühen Kinofilme, wenn auch stilistisch nicht ganz so toll wie sein Debüt. Neben ein paar gelungenen Actionszenen bietet der Film wieder eine Menge Noir-Atmosphäre. Schauspielerisch wieder um Klassen besser als sein Vorgängerfilm, mit Renée Soutendijk irgendwo zwischen femme fatale und sympathischer Frau von Nebenan. Sie war damals gut im Geschäft, neben einigen frühen Filmen von Paul Verhoeven („Spetters“, „Der vierte Mann“) war sie etwa auch in „Abwärts“ mit Götz George dabei. Außerdem diesmal auf der Besetzungsliste: Nina statt Mutter Hannelore Hoger, Dominik Horwitz und wieder Peter Kraus. Hier habe ich auch endlich verstanden, dass er in allen drei Filmen dieselbe Figur spielt – er macht eine Bemerkung, dass er früher mal in Australien gelebt hat -, wenn auch jedesmal in einem anderen Beruf: Nach Taxifahrer und Barkeeper hat er es  nun immerhin zum Radio-DJ gebracht (natürlich in einer Nachtsendung). So ungefähr sähe auch mein erträumter Berufsweg aus.

Kommerziell erfolgreich waren wohl Blumenbergs erste drei Filme alle nicht, weswegen er danach hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitete (bis heute): „Tatort“, „SOKO“, Familienserien, Dokudramen und das ganze übliche Zeugs, das ARD und ZDF so produzieren. Alle acht Jahre dreht er dann noch mal einen Kinofilm, den er meist selbst finanziert, ohne Filmförderung und ohne Fernsehgelder. Ich könnte mich aber nicht erinnern, ob etwa sein viel versprechend klingender „Planet der Kannibalen“ jemals in Düsseldorf im Kino lief. Auf DVD gibt’s von seinen Kinoarbeiten ohnehin so gut wie nichts. Da kann man nur auf arte hoffen, oder man hat das Glück, eine Videothek mit VHS-Archiv in der Nähe zu haben. Dann kann man sich zumindest die beiden hier vorgestellten Frühwerke ansehen.

Solche Regisseure wie Blumenberg gibt es hierzulande viel zu wenige. Von seinem cineastischen Selbstverständnis würde ich ihn in eine Reihe mit Dominik Graf stellen, wenn er auch (zumindest in seinem Frühwerk) nicht dessen inhaltliche Qualität erreicht. Auffällig finde ich, dass alle drei Filme inszenatorisch viel besser sind als von den Drehbüchern her – die er alle, zumindst teilweise, selbst geschrieben hat. Bei einem ehemaligen (übrigens sehr guten) Filmkritiker erwartet man ja eher das Umgekehrte. Wie bei Graf erkennt man in seinen eigenen Filmen immer klar seine Vorbilder. Er mag Sautet und Peckinpah, Truffaut und Corbucci, er feierte schon 1979 in der „Zeit“ die „dreckigen kleinen Filme“ aus Deutschland als Gegenentwurf zu „Industrieprodukten“, zu denen er auch Hark Bohms Sozialdramen zählte.

Was mir an seinen Filmen sehr gefällt: Sie sind trotz aller internationaler Vorbilder immer klar an ihrem Ort und in einer konkreten Zeit verankert (so spielen alle drei in Hamburg). Und sagen so vielleicht als Genrefilme mehr über soziale Verhältnisse aus als die meisten expliziten (und heute oft veralteten) Sozialdramen des Neuen Deutschen Films. Da muss sich doch noch mal ein DVD-Label finden können. Für die Zweitausendeins-Edition Deutscher Film etwa wären diese Werke ideal.

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Cover Heft 32/79 mit Holly Zolly; Abb.: Axel Springer-Verlag

Eine Zeitschrift, die ich noch im Vorschulalter gelesen habe und an die ich heute noch gerne zurück denke, ist die „Siehste“. Und das obwohl sie überhaupt nur ein knappes Jahr erschienen ist (1979), wovon ich vielleicht knapp die letzten fünf Monate mitbekommen habe. Das nennt man wohl prägenden Eindruck. Nachdem ich knapp 25 Jahre überhaupt nichts mehr über dieses Heft gelesen oder gehört hatte, stieß ich auf die Webseite Zuschauerpost.de, die neben Titelbildern, Ausschnitten und Leserbriefen aus der „Hörzu“ auch die „Siehste“-Titelbilder im Angebot hat. Kurz darauf stolperte ich dann auf verschiedenen Internetseiten zufällig über andere ehemalige „Siehste“-Leser. Menschen unter 40 hingegen wird dieser Name meist überhaupt nichts sagen.

Die „Siehste“ war der Versuch des Axel Springer-Verlags, eine TV-Zeitschrift für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren zu etablieren, also eine Art junge Schwesterzeitschrift der „Hörzu“. Als Maskottchen diente der Redaktionwurm Holly Zolly, der nicht nur die Initialen seines schönen Namens der „Hörzu“ verdankte. Auch sein Äußeres war aus dem (damaligen) Logo des Mutterblattes heraus entwickelt worden. Der Wortvogel nennt das Heft ein „seltsam unschuldig-untrendiges Magazin“, ich würde eher sagen unprätentiös. Die Macher versuchten nicht, ihre jungen Leser mit immer neuen Sensationen zu überrumpeln, sondern sie ernst zu nehmen, heute würde man wohl sagen, da abzuholen, wo sie entwicklungsmäßig waren. Nebem den aktuellen TV-Programm gab es Hintergrundberichte zu Kindersendungen und Kinofilmen, aber auch Wissenswertes aus der Natur oder mal etwas Politisches, z.B. über die Bootsflüchtlinge aus Vietnam. Es gab eine „Schul-Seite“, wo typische Kinderprobleme thematisiert wurden (Ärger mit Lehrern, Ein Neuer kommt in die Klasse oder „Ich bin zu dick“) und einen Kummerkasten à la Dr. Sommer (nur ohne sexuelle Probleme natürlich).

So eine Art Aufklärung gab es aber trotzdem: In einer Serie „Das größte Abenteuer deines Lebens“ wurde wöchentlich über die Entwicklung eines Babys im Mutterleib berichtet, vom Embryo bis zur Geburt – und zwar in Ich-Form aus Sicht des Babys. Damals war es auch noch möglich, in einer Kinderzeitschrift zu schreiben: „Jetzt kann man schon mein Pimmelchen sehen“, ohne dass Elternverbände Sturm liefen. Über aktuelle Popstars wurde ebenso berichtet wie über klassische Clowns. Dazu kamen natürlich Witze, Rätsel und auch einige wenige Comics (Peyos Pussy-Strip und „Tim & Struppi“ in zweiseitigen Fortsetzungen – witzigerweise „Das Geheimnis der Einhorn“, das jetzt auch verfilmt wurde). Den Heftabschluss bildete jeweils ein Fortsetzungsroman zu einer bald anlaufenden Kinderserie („Timm Thaler“, „Der Junge vom anderen Stern“) sowie eine Kurzgeschichte von jugendlichen Lesern.

Was die Themenauswahl und die Kurztexte im TV-Programm betraf, arbeitete die „Siehste“ ohne pädagogischen Zeigefinger. Lehrreiche Sendungen wurden ebenso empfohlen wie die neueste US-Trickfilmserie oder ein alter „Dick und Doof“-Film. Anders als etwa im Jugendmagazin „Floh“, wo fast alles, was wir als Kinder gerne sahen, eine Zitrone bekam (entsprach etwa dem „Wir raten ab“ im katholischen „film-dienst“), weil es angeblich zu brutal oder blöd sei (Bugs Bunny, Tom & Jerry etc.).

Was mir jetzt beim Blättern in alten Ausgaben vor allem auffiel, ist aber, wie anspruchsvoll damals noch das Fernsehprogramm, gerade das für Erwachsene, war. Es begann im Ersten und Zweiten jeweils um kurz nach 16 Uhr, teilweise mit Sendungen wie „Einführung in die Kommunikationswissenschaft“. Wenn der Arbeitnehmer nach Hause kam, sollte er sich erst mal weiterbilden, statt wie heute mit „Verbotene Liebe“ eingelullt zu werden. Das weitere Nachmittagsprogramm bot dann neben vielen Kindersendungen auch Dokumentationen und Geschichte, Politik usw. Abends gab es dann die klassischen Unterhaltungsshows, aber auch viel Kultur: Theater, Musik, Wissenschaft. Und Filmklassiker. Überhaupt lief damals kaum ein Spielfilm, der jünger war als 20 Jahre. Jetzt wird mir auch klar, warum meine Eltern ständig Western guckten: Es liefen keine anderen Filme. Jedenfalls keine neueren, es gab natürlich auch Krimis, Komödien, Filmkunst.

ARD und ZDF am Sonntag, 7. Sept. 1979

Sonntags fing das Programm schon vormittags an, im ZDF erst mal mit einer „Matinee“, z.B. einem Monolog über „Das Geheimnis der Existenz“, gefolgt von einem Film von Turgenjew. Während dann im ZDF ein Chemiekurs folgte, sendete die ARD ein „Zwischenspiel“ mit Liedern von Richard Strauss unter der Leitung von Karajan. Im ZDF folgte: „Junge Christen stellen sich vor“. Um 20 Uhr 15 spielte die Leningrader Philharmonie, während man sich im Ersten von Blacky Fuchsbergers „Auf los geht’s los“ unterhalten lassen konnte. Im Spätprogramm (nicht nach Mitternacht, sondern zwischen Zehn und Elf) starteten dann „Kritik am Sonntagabend“ und ein Film von und mit Marlon Brando von 1959. Sachen, die man heute mit viel Glück noch bei arte findet. In den Dritten lief eh den ganzen Tag Schulfernsehen, eingerahmt vor- und nachmittags von der „Sesamstraße“.

Die Dritten und die Empfehlungen am gleichen Tag

Ein Blick auf dieses Programm macht einem erst mal bewusst, wie verkommen ARD und ZDF heute wirklich sind. Fast alles, was einen Anspruch hat, der über Unterhaltung hinausgeht, oder nur eine bestimmte Altergruppe anspricht, ist heute entweder in die Spartenkanäle verbannt (arte, 3sat, Kika etc.) oder findet schlicht nicht mehr statt. Beispielsweise hatte 1979 noch jeder Sender ein eigenes Jugendmagazin, wo dann auch über gesellschaftliche Themen diskutiert wurde. Selbst ich erinnere mich noch daran, dass Michael Steinbrecher noch in den 90ern mit „Doppelpunkt“ ein kritisches Diskussionsformat für junge Menschen im ZDF-Hauptabendprogramm hatte. Die letzte dieser Sendungen trug wohl der BR Ende der 90er mit „Live aus dem Schlachthof“ zu Grabe. Im Abendprogramm kann man heute bei ARD und ZDF statt zwischen Wedekind und Mozart (4.9.79) zwischen Rosamunde Pilcher und Inspektor Irgendwas wählen.

Die „Siehste“ wurde leider Ende 79 wegen mangelnder Umsätze (es gab auch kaum Anzeigen) eingestellt bzw. in die „Hörzu“ integriert. Den Lesern wurde das so verkauft, das es für sie ja ein Vorteil sei, wenn sie eine „dicke ‚Hörzu‘ mit vielen ‚Siehste‘-Seiten“ bekämen und zusätzlich noch ein Mal im Monat ein „Siehste Extra“ kaufen könnten. Letzteres war eher eine Art Comicalbum mit redaktionellem Teil, das bereits nach drei Ausgaben ebenfalls eingestellt werden musste. Wer es für ein gutes Geschäftsmodell hielt, statt einem Heft für eine Mark, das sich nicht ausreichend verkauft hatte, ein Album für 4,50 Mark anzubieten, weiß ich nicht. Der „Siehste“-Teil in „Hörzu“ wurde bald auf eine (Kinder-)Seite zurück gefahren, auf der sich Holly Zolly auch noch tummelte, als ich einige Jahre später meine Eltern überredete, die „Hörzu“ zu kaufen (allerdings nicht wegen ihm, sondern wegen Mecki). Nach einem Wechsel des Chefredakteurs verschwand der alte Schriftzug und der Wurm von der Seite, ersetzt wurde er von einem unansehnlichen Drachen. Im September 1985 verschwand auch die Seite, die da schon nichts mehr mit der ursprünglichen Zeitschrift zu tun gehabt hatte, endgültig zu Gunsten des wiederbelebten ganzseitigen Mecki-Comics.

Heute ist die „Siehste“ für einige Menschen um die 40 eine Erinnerung an spannende Fernsehzeiten. Und ein Zeugnis dafür, dass Fernsehen tatsächlich einmal ein Medium war, dem es nicht nur um billige Zerstreuung und den kleinstmöglichen Nenner zur Erzielung der höchst möglichen Quote ging.

1955 wurde der Musikexpress als „Muziek Expres“ in Den Haag gegründet, um Konzertveranstaltungen des holländischen Veranstalters Paul Acket zu bewerben… 1969 bezog eine deutsche Redaktion Büros in Köln und veröffentlichte seit August 1969 eine eigenständige deutschsprachige Version, die sich aus einem der holländischen Druckversion zuvor beigelegten deutschen Textblatt entwickelt hatte. (aus der Wikipedia)

Da habe ich vor 21 Jahren meinen ersten „Musikexpress“ gekauft und nie gewusst, dass er aus einer niederländischen Zeitschrift hervorgegangen ist – die es 1969 wohl einige Monate lang hierzulande mit deutschem Textblatt in der Mitte zu kaufen gab (das kann man sich heute im Zeitalter der Informationsflut auch nicht mehr vorstellen). Mehr zur wechselhaften Geschichte des „Musikexpress“ bzw. „Musikexpress/Sounds“ bzw. des „Muziek Expres“ gibt es im Forum.

Prophetischer Dialog aus Jörg Fausers  1985er Journalismus-West-Berlin-Privatdetektiv-Krimi „Das Schlangenmaul“:

„…Ich geb dir die Zeitschrift, mach etwas draus, die einzig wahre Zeitschrift, und dann gehen wir in die Neuen Medien.“

„Berlin wird die ganz große Schaltzentrale für diese Medien werden. Und wir werden mitschalten. Radio, TV, Kabel, Bildschirmtext, Video – es gibt Möglichkeiten, von denen wir heute noch fast nichts ahnen.“

„Möglich. Ich komme aus den Printmedien, weißt du, Druck und Papier, alter Praktiker – von der Pike auf…“

„Und jetzt lernst du noch mal von der Pike auf, Harder.“

Nachdem ich am Montag noch total genervt war, weil in jeder Radiosendung (bei drei verschiedenen Sendern), die ich hörte, über Facebook gesprochen wurde, stieß ich ab Dienstag ständig auf Google+. Nur dass ich die Berichte darüber sogar bewusst und interessiert gelesen bzw. gehört habe. Mann, was würde ich mir ins Fäustchen lachen, wenn Google Zuckerbergs Fatzebuch dahin schicken würde, wo all die gehypten Vorgänger wie MySpace und StudiVZ schon längst sind: in die Bedeutungslosigkeit. Ich kann mir nicht helfen, aber Facebook verkörpert für mich gefühlsmäßig „das Böse“ (TM). Wenn Sascha Lobo meint: „Die DNS von Facebook ist sozialer Kitt“, würde ich eher sagen: „Die DNS von Facebook ist eine asoziale Motivation.“ Nicht nur, was die ursprüngliche Motivation von Zuckerberg angeht, das Ding zu programmieren.

FB geht es nicht darum, irgendwelche tatsächlichen Bedürfnisse seiner User zu befriedigen. Es geht ihm darum, deren Kommunikationsbedürfnisse zu missbrauchen, um an ihre Daten zu kommen und mit ihrer Hilfe immer mehr Leute auf ihre Seiten zu locken. Was manche Spieleentwickler an Social Games wie FarmVille & Co. kritisieren, dass sie soziale Beziehungen nur instrumentalisieren, um neue Spieler zu generieren und dadurch mehr Geld zu verdienen, trifft auch auf FB selbst zu.

Für die Nutzer selbst geht es überwiegend um Selbstdarstellung, nicht um wirkliche Kommunikation. Die findet im Netz ganz woanders statt: in Blogs, in Foren, vielleicht auch bei Twitter. Wenn ich wirklich an den Meinungen und Interessensgebieten eines Menschen interessiert bin, lese ich sein Blog. Wenn ich über ein spezifisches Thema diskutieren möchte, z.B. über eine TV-Serie oder einen neuen Comic, den ich toll finde, suche ich mir ein Forum mit Gleichgesinnten. Dort finden nämlich noch inhaltliche Auseinandersetzungen statt. Wenn ich längere Zeit regelmäßig ein Forum besuche, kann ich die Stammuser einigermaßen einschätzen, ich kenne einige ihrer Vorlieben und Abneigungen, ich weiß, wer Diskussionskultur hat und wer nur ein Troll ist, der immer Recht behalten will. Wenn ich auf FB mit Leuten „befreundet“ bin, erfahre ich auch nach Monaten meist nicht mehr über sie, als wo sie zuletzt im Urlaub waren und mit wem sie gestern einen Kaffe trinken gegangen sind. Interessiert mich das? In den allermeisten Fällen nicht. Für längere Diskussionen ist auf FB hingegen gar kein Platz. Alles, was länger als drei Sätze ist, liest eh keiner. Die Reaktionen beschränken sich meistens auf ein „Gefällt mir“. Die Beliebtheit eines Users resultiert daraus, wer die meiste unreflektierte Zustimmung einsammeln kann: „7.657 Personen gefällt das“ vs. „Einer Person gefällt das.“ Wer unter 50 „Freunde“ hat, macht sich im Grunde lächerlich. In meinem Blog freue ich mich dagegen über jeden Kommentator, bei dem ich merke, dass er sich inhaltlich mit meinem Artikel auseinander gesetzt hat.

Die Kommunikation bei FB ist in den allermeisten Fällen eine Scheinkommunikation. Die Illusion einer Kommunikation. Den ganzen ehemaligen Bekannten, die man vor zehn oder zwanzig Jahren aus den Augen verloren hat und ohne FB auch nie wieder gefunden hätte – und die ja als eines der Lieblingsargumente dienen, was an FB so toll sei -, hat man meistens heute auch nicht mehr viel zu sagen. Hätte man das, hätte man ja auch vor zehn oder zwanzig Jahren Wege gefunden, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ausnahmen gibt es natürlich auch, also Menschen, die man nach Jahren wieder trifft und die einem noch ganz viel zu sagen haben. Nur tun sie das dann bei FB nicht unbedingt auch immer. Wenn sie da immer nur schreiben, mit wem sie in ihren Heimatstädten gerade was unternehmen wollen oder ihre Babyfotos posten, bringt sie mir das ja auch nicht wieder näher. Und um zu chatten, braucht man kein Soziales Netzwerk, dafür gibt es genügend Programme.

Zudem kann all diese geschäftige Oberflächenkommunikation, das ständige Rauschen der Mitteilungen von Dutzenden Menschen, während man alleine vorm Computer sitzt, Einsamkeitsgefühle eher noch verstärken statt beseitigen. Wie es eine Anruferin gestern Abend im „Blue Moon“ formulierte: „100 Freunde und keiner ruft an.“  Wenn du wirklich einsam bist, wenn du Probleme hast, und keinen, mit dem du darüber reden könntest, hilft dir FB bestimmt nicht weiter.

Wenn ich dann höre, dass man sich bei FB nicht mehr einfach mit einem Pseudonym anmelden kann, weil die einem bei unrealistsichen Namen den Account sperren, bis man ihnen eine Geburtsurkunde oder seine Handynummer schickt, möchte ich am liebsten kotzen. Da offenbart FB seine wahre Fratze. Überall sonst im Netz ist es ja üblich und akzeptiert, unter einem Pseudonym, einem Nickname oder Bloggernamen zu schreiben. Was übrigens gar nichts damit zu tun hat, das man anonym rumpöbeln will, wie manche behaupten, für die das Internet nur aus Google, SpOn und Wikipedia besteht.

Ich hoffe jetzt einfach mal auf Google+. Alles, was ich in den letzten Tagen darüber gelesen und davon gesehen habe, fand ich sympathischer und überzeugender als alles, was ich in einem halben Jahr bei FB gesehen habe, bevor ich entnervt mein Profil gelöscht habe. Leider bin ich ja nur ein E-Blogger, weswegen ich keine Einladung für die G+-Betaphase bekommen habe. Wobei ich mich da eher nur anmelden werde, wenn es möglich wird, dort auch geschäftliche Projekte zu promoten. Privat hatte ich noch nie das Bedürfnis, mich bei einem Sozialen Netzwerk anzumelden. Aber bei G+ soll es ja wohl mehr um Themen und weniger um Egos gehen. Vielleicht fragen sich die Nachgeborenen in zehn Jahren ja, wenn „The Social Network“ im Fernsehen läuft: „Facebook? Was war das denn noch mal?“

Nicht ähnlich, aber immerhin sexy: die "Parodie"-Troi; Quelle: axxxparody.com

Seit einiger Zeit scheint sich in der Pornoindustrie das Subgenre der Kino- und TV-Serien-Parodie zunehmender Beliebtheit zu erfreuen. Ob aktuelle Blockbuster oder Actionklassiker, ob Batman oder Hulk, „Akte X“ oder die Simpsons – alles, was sich einer breiteren Fanbasis erfreut, dient im Parallel-Hollywood des „Silikon Valley“ als Vorlage für neue Hardcore-Filme. Dank digitaler Tricktechnik sehen diese Werke zumindest optisch immer besser aus. Manchmal muss man schon genau hingucken, um zu erkennen, ob es sich bei einem Trailer gerade um eine TV-Episode oder um eine Porno-Parodie handelt.

Zum Beispiel beim Anfang Mai erschienenen „Star Trek: The Next Generation – A XXX Parody“ von Regisseur Sam Hain. Das Setting, aber auch einige Special Effects wirken hier tatsächlich wie aus einer echten „Next Generation“-Episode von Ende der 80er Jahre. Manche finden das so faszinierend, dass sie die ausufernden Sexszenen aus einem solchen Film heraus schneiden und dadurch an ein immerhin halbstündiges „Star Trek“-Filmchen gelangen, das Fanfilmniveau überschreiten dürfte. Auch wenn ich mich frage, welchen Sinn es haben soll, aus einem Porno die Sexszenen heraus zu schneiden. Die meisten Konsumenten spulen oder klicken normalerweise ja eher dazwischen vor.

(mehr …)

Dank des 40-jährigen Jubiläums der Sendereihe und vor allem dank des Mitteldeutschen Rundfunks (den ich sonst eigentlich nie gucke) konnte man sich in den letzten zehn Tagen einen rudimentären Überblick über die (Früh-) Geschichte des „Polizeiruf 110“ machen.  Weiterlesen auf der torrent-Webseite…

Im Lokalen sind wir aber inhaltlich schon fast gleichwertig im Umfang und häufig investigativer, aktueller und exklusiver – wir verzichten auf viele Gefälligkeitsnachrichten, die eine Zeitung aus lauter Verzweiflung veröffentlicht, um die Seiten zu füllen. Das hat mit Journalismus schon lange nichts mehr zu tun.

Unsere Geschichten sind dann fertig, wenn sie fertig sind und nicht, wenn der Andruck beginnt.

Ich würde Hardy Prothmann ja mit fast allem zustimmen, nur bei mir selbst hat das Modell leider finanziell überhaupt nicht geklappt. Vielleicht war ich bei der Anzeigenakquise nicht hartnäckig genug, vielleicht ist es auch in einer Großstadt, die doch noch ein einigermaßen vielfältiges Angebot an lokalen Medien hat, einfach schwieriger als in einem Nest mit einer Monopolzeitung, Leser zu gewinnen. Momentan plane ich jedenfalls tatsächlich ein Print-Projekt (allerdings kein lokales). Das ist mMn die zweite Zukunftsstrategie: ein Nischenthema im Printmarkt zu besetzen. Jedenfalls bin ich mir relativ sicher, dass Zeitschriften wie DUMMY, brand eins oder 11 Freunde auch dann noch existieren werden, wenn es den Mannheimer Morgen und die NRZ schon nur noch als Marken im Netz gibt.

(via)

Das neue DUMMY zum Thema Freiheit ist seit vorletzter Woche draußen. Es ist wie fast immer wieder toll geworden, wenn auch diesmal etwas morbide. Neben einer laaangen Geschichte über einen abenteuerbesessenen Wildwasserfahrer, der auf seiner letzten Fahrt von einem Krokodil gefressen wurde, geht es gleich zwei Mal um Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben. Zu Zeiten von Heinrich von Kleist und seiner Geliebten, die zusammen gestorben sind, hat man noch herrlich leidenschaftliche Abschiedsbriefe geschrieben, aber auch in der Stunde seines Todes noch die Regeln des Anstands gewahrt. So schreibt Henriette Vogel in ihrem Abschiedsbrief an ihre Freundin: „Herr von Kleist, der mit mir stirbt, küßt dir zärtlichst die Hände und empfiehlt sich mit mir aufs angelegentlichste Deinem teuren Mann.“ Ihr Geliebter, der ihre Freudin wohl gar nicht kannte, fügt am Ende noch hinzu: „Adieu, adieu! v. Kleist.“ Nicht etwa „Dein Heinrich“ oder einfach „Kleist“, nein „v. Kleist“. So viel Zeit musste damals sein, auch wenn man sich danach das Gehirn wegschießen wollte.

Der französische Anarchist Jacob schrieb hingegen 1954 einen ganz prosaischen, aber umso sympathischeren Abschiedsbrief: „Die Wäsche ist gewaschen, ausgespült und getrocknet, aber noch nicht gebügelt. Ich bin so faul. Entschuldigt. Neben dem Brotkorb findet ihr zwei Liter Rosé. Auf euer Wohl!“

Die neue „Spex“ habe ich hauptsächlich wegen einem Vergleich Vincent Gallo vs. Marlon Brando gekauft (der allerdings etwas enttäuschend war) und einem Bericht über experimentelles Fernsehen der 60er und 70er (Beckett, Zadek & Co.). Am Tollsten war aber letztlich eine Originalreportage aus den 40ern von New Journalism-Vertreter Joseph Mitchell über die New Yorker Calypso-Szene. Insgesamt fasziniert mich das Themenspektrum der „Spex“ immer noch. Von den vorsgestellten Musikern kante ich mal wieder niemanden, wollte auch eigentlich gar nichts davon lesen, bis ich die CD-Beilage gehört habe. Da sind einige echt gute Stücke drauf, und teilweise werden die Interpreten dann auch ausführlicher im Heft vorgestellt. So muss eine Musikzeitschrift sein: Lust machen auf neue Bands, von denen man noch nie was gehört hat. Ich weiß nicht, wann mir das das letzte Mal mit einer Band von einer „New Noises“-CD im „Rolling Stone“ passiert ist. Muss aber schon sehr lange her sein.