Außen hui, innen pfui: Die deutsche WIRED ist da

Veröffentlicht: 9. September 2011 in Print
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Verspricht mehr als es halten kann: Cover der deutschen WIRED; Abb.: Condé Nast

Glaubt man den einschlägigen Medienseiten im Internet, hätten viele Deutsche schon lange darauf gewartet, dass es endlich eine deutsche Version der WIRED gäbe. Ich frag mich ehrlich gesagt, wer das gewesen sein soll: Die Hardcorenerds lesen wahrscheinlich schon längst die amerikanische oder die britische Ausgabe, die meisten anderen kennen das Magazin allerhöchstens dem Namen  nach. Seit gestern liegt die deutsche Ausgabe nun also am Kiosk, vorerst allerdings nur als Beilage zur GQ. Nachdem im Wired-Blog monatelang die Rede davon war, man könne beide Hefte nur zusammen erwerben, lese ich nun plötzlich, dass die WIRED nächsten Monat dann auch alleine am Kiosk liegt. Da ärgere ich mich erst mal, dass ich diesen Stapel Altpapier miterworben habe, der sich GQ nennt (von 300 Seiten gefühlte 150 Werbung und die Seiten dazwischen sind auch nicht viel interessanter).

Aber zur WIRED selbst: Die Titelthemen klingen zunächst einmal spannend: „Drogen shoppen im Web“ und „The Sexual Network“. Im Heft entpuppt sich erstere Geschichte gleich als doppelter Etikettenschwindel: Statt einer großen Reportage gibt es nur zwei Seiten, davon knapp eine mit Fließtext, und in weiten Teilen geht es gar nicht um kriminelle Aktionen im Netz, sondern nur um das Darknet, das nicht mit Google durchsucht werden kann. Ähnlich oberflächlich bleibt die Geschichte über das Online-Dating-Netzwerk Badoo, man erfährt eigentlich nichts wesentlich Neues. Christian Jakubetz‘ Artikel über die Mobilität der Zukunft ist zwar ausführlicher und solide, reißt mich aber auch nicht gerade vom Hocker. Das Stück könnte genau so auch im „Spiegel“ oder im „Stern“ stehen, nur dass da für weniger Geld dann noch eine Vielzahl weiterer gesellschaftspolitischer Artikel drinstehen.

Lesbar wird das Heft eh erst ab Seite 60 (von 130). Vorher gibt es allerlei nerdige Fotos und Grafiken zu sehen, an denen sich der Art Director zwar austoben durfte, die aber keinen besonderen inhaltlichen Mehrwert bieten. Die diversen Kolumnen sind ein Totalausfall. Mario Sixtus füllt eine Seite mit Allgemeinplätzen zum Thema technische Innovation, es folgen zwei Seiten mit Allgemeinplätzen zum Thema „Ich lagere mein Gehirn bei Google aus“, nach der dritten Kolumne habe ich aufgegeben. Wer wissen will, wie man eine gleichermaßen unterhaltsame wie tiefgründige Kolumne über Technik, Computer und digitale Welten schreibt, sollte mal alte „Tempo“-Hefte rauskramen. Da zeigte Peter Glaser das nämlich schon vor 25 Jahren, als es in Deutschland praktisch noch gar kein Internet gab.

Danach folgt das „Dossier“ zum Thema Geeks. Chefredakteur Thomas Knüwer steuert dazu eine Art Essay bei, der eher ein etwas lang geratener Blogartikel ist – nichts, was man nicht auch dutzendfach in der Blogosphähre lesen könnte. Internetguru Jeff Jarvis versucht auf vier Seiten etwas bemüht, Parallelen zwischen Buchdruck-Erfinder Guttenberg und den Steve Jobs von heute zu ziehen. Zwischendrin gibt es immer mal wieder hübsche grafische Ideen wie eine doppelseitige comichafte Darstellung des Oktoberfests oder eine Art Organigramm, das die vielschichtigen Beziehungen zwischen verschiedenen Marvel-Helden eher verschleiert als veranschaulicht. Überhaupt ist die Optik des Hefts weitgehend gelungen, manchmal etwas zu verspielt, aber insgesamt überzeugend. Nur finden sich unter der schillernden Oberfläche erschreckend wenig Inhalte. Längere Texte gibt es nur wenige und die lesen sich dann teilweise wie aus dem Lehrbuch für Journalismusschüler: eine wilde These, ein Treffen mit dem Firmengründer, denn noch ein Statement eines Experten. Von einem Magazin, dass innovativ sein will, erwarte ich ehrlich gesagt etwas mehr: eine originelle Schreibe, einen ungewöhnlichen Ansatz, Mut zur Provokation zum Beispiel.

Thematisch finde ich die Mischung der ersten Ausgabe durchaus ansprechender als das, was ich beim Durchblättern der englischsprachigen Versionen so gesehen habe. Insgesamt frage ich mich aber schon, wer das eigentlich regelmäßig lesen soll(te). Mir scheint, die herbeigeredete Zielgruppe der Geeks ist in Deutschland genauso klein wie die der einst von der deutschen „Vanity Fair“ heraufbeschworene der Mover und Shaker.

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Kommentare
  1. […] bekommt man reichlich Verwurbeltes geboten. Was Mario Sixtus mit seinen “disruptiven Technologien” meint, erschließt sich […]

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