Herzog im Ewigen Eis: „Begegnungen am Ende der Welt“

Veröffentlicht: 13. Oktober 2011 in Film
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Manchmal ist es schon erstaunlich, welche Perlen die kleinen Digitalsender so in ihrem Nachtprogramm verstecken: Da lief doch heute nach Mitternacht bei Eins Festival tatsächlich Werner Herzogs Doku, die gerade dieses Jahr erst auf DVD erschienen ist. „Sein bester Film“, jubelt ein Variety-Zitat von deren Cover. Das klingt erst mal etwas merkwürdig bei einem Regisseur, der Dutzende Spielfilme gedreht hat, tatsächlich ist das aber eines der besten Werke, die ich von ihm gesehen habe.

Herzog ist hier ganz bei sich selbst: Wieder einmal ist er auf der Suche nach abgelegenen und abseitigen Orten und Menschen. Diesmal ist es nicht der Regenwald mit seinen Naturvölkern, sondern die Antarktis und eine 1000-Mann-Siedlung, die von Forschern aus aller Welt bewohnt wird. Ein Dorf komplett mit eigenem Radiosender, Bowlingbahn und „solchen Abscheulichkeiten wie Gymnastik- und Yogakursen.“ Von all dem will Herzog schnellstmöglich weg – hinaus ins Eis. Die Siedlung ist aber auch Zuflucht für allerlei skurrile Außenseiter mit schrägen Lebensläufen: Philosophen, die als Tellerwäscher arbeiten, Computerexpertinnen, die sich bei einer Freakshow so falten, dass sie in eine kleine Reisetasche passen, Mechaniker, die versucht haben, aus dem Ostblock zu flüchten. Dass Herzog mehr an diesen Menschen interessiert ist als an spektakulären Filmszenen, wird deutlich, wenn der Mechaniker mit den Tränen ringt, als er von seinem Fluchtversuch erzählen soll, und Herzog ihm sagt, er brauche nicht darüber zu sprechen und schnell auf ein ganz anderes Thema lenkt. Vorbildlich!

Skurril sind auch Szenen wie ein Whiteout-Training, bei dem Neuankömmlinge mit einem Eimer über dem Kopf simulieren, in einem Schneesturm nichts mehr sehen zu können. Oder wenn zwei Wissenschaftler, die gerade am Meeresgrund neue Lebensformen entdeckt haben, das feiern, indem sie mitten im Eis auf einem Containerdach ein E-Gitarren-Konzert geben. Gerne schauen die Forscher auch alte Alieninvasions-Filme auf DVD. Die Frage, welches Bild in der Antarktis landende Aliens von der Menschheit gewinnen könnten, wenn diese längst von der Erde verschwunden sei, beschäftigt Herzog dann auch in seinem Off-Kommentar. Wie er überhaupt nicht gerade die Fragen stellt, die man in einer Doku, die das Logo des Discovery Channel auf dem Cover trägt, erwarten würde. Einen verschrobenen Pinguinforscher fragt er, ob es auch homosexuelle Pinguine gebe. Wenn alle Tiere zum Meer laufen, nur einer schnurgerade in die falsche Richtung, fragt Herzog nur: „Aber warum? Vor ihm liegen 5000 Kilometer Eiswüste und der sichere Tod.“

Fantastisch sind die Naturbilder, die Herzogs Team eingefangen hat, vor allem die Unterwasseraufnahmen von Tauchern unter dem Eis. Unter der Welt der Menschen offenbart sich eine weitere, ganz fremde Welt mit seltsamen, teils wunderschönen Kreaturen. Darunter erstaunlich intelligente, etwa ein Einzeller, der aus Sand Verästelungen bildet, „fast so etwas wie Kunst“. Dass der Mensch wohl doch nicht die Krönung der Schöpfung ist und seine Zeit auf Erden vielleicht begrenzt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Unterlegt ist er mit ungewöhnlicher Musik, die eher slawisch klingt, etwas nach einem Bregovich-Soundtrack. In Verbindung mit den Unterwasseraufnahmen ergibt das eine ganz unwirkliche, sphärische Wirkung.

Mit diesem Film hat sich Herzog endgültig als großer Dokumentarfilmer erwiesen. Sein „Cave of Forgotten Dreams“ kommt übrigens nächsten Monat in die deutschen Kinos, sogar in 3D.

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