Jenseits von Hollywood: „Een vlucht regenvulpen“ (NL 1981)

Veröffentlicht: 17. Oktober 2011 in Film
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Bei einem Abstecher nach Venlo habe ich mir am Wochenende diese Verfilmung eines Romans von Maarten ‚t Hart auf DVD gekauft. Nicht nur klingt der Titel so schön; da ich einiges von dem Autor gelesen habe, wusste ich sogar, was er auf Deutsch heißt: „Ein Schwarm Regenbrachvögel“. Wobei regenvulpen natürlich viel schöner klingt. In der Hauptrolle ist mit Jeroen Krabbé der international wohl zweitbekannteste niederländische Schauspieler nach Rutger Hauer zu sehen. Er spielt in der Verfilmung des autobiografischen Romans einen Zellbiologen namens Maarten, der seine todkranke Mutter pflegt und zu schüchtern ist, um jemals etwas mit einer Frau gehabt zu haben. Eines Morgens hat er einen fürchterlichen Traum, in dem ihm Gott erscheint und verkündet, er werde in sieben Tagen sterben, sollte es ihm bis dahin nicht gelungen sein, das Bett mit einer Frau zu teilen. Auch wenn er nicht an solche Verkündigungen glaubt, wird er doch zunehmend nervöser. Zumal ihm ständig sein cooleres alter ego erscheint und ihn anspront, alle möglichen Frauen in seiner Umgebung anzumachen.

Die Story klingt erst einmal wie eine Mischung aus „The 40-year old virgin“ und „Elementarteilchen“ (Maarten arbeitet nämlich daran, die sexuelle Fortpflanzung durch Klonen überflüssig zu machen) und der Film beginnt auch eher slapstickhaft: der trottelige Professor, der sich beim anderen Geschlecht immer lächerlich macht. Nach einiger Zeit kippt die Stimmung jedoch komplett. In Rückblenden auf seine Kindheit und Jugend wird klar, dass Maarten stark durch seine streng protestantische Erziehung und die enge Beziehung zu seiner Mutter geprägt ist, die seine einzige Verbündete war – Ödipus lässt grüßen. Wer mit ‚t Harts Werk vertraut ist, wird zudem viele seiner immer wiederkehrenden Themen wieder erkennen: die Vater-Sohn-Beziehung, religiöse Strenge und Bigotterie und die Liebe zur klassischen Musik.

Auch ist der Film sehr niederländisch: Er spielt auf dem flachen Land, wo der junge Maarten am Kanal entlang zur Schule gehen muss und die Eltern auf dem Boot in die Stadt fahren. Hier, wo der Himmel tiefer zu hängen scheint, dachten viele Menschen noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Gott näher zu sein als anderswo. Ein guter Film also, wenn man etwas über die niederländische Volksseele erfahren will. Ich mag es ja, Filme zu sehen, die in ihrem spezifischen Herkunftsland verankert sind und nicht aussehen, als hätten sie auch in Hollywood gedreht werden können.

Jeroen Krabbé gelingt es, alle Facetten der Hauptfigur vom schürzenjagenden Tölpel zum sinnsuchenden Zweifler glaubwürdig zu verkörpern. Und Sinnsuche ist das, was den Autor letztlich interessiert: Er stellt verschiedene Lebensentwürfe gegeneinander – die gottesfürchtigen, bescheidenen Eltern, die Jugendliebe, die, früh geheiratet und Mutter geworden, auch früh verblüht ist, den lebenslustigen und polygamen besten Freund, für den Sex eher ein Spiel ist -, ohne eine allgemeingültige Antwort zu geben, welcher der richtige sei. Was letztlich jeder selbst für sich tun muss, unabhängig davon, ob er nun an einen Gott glaubt oder nicht.

Jeroen Krabbé spielt aktuell übrigens in „In therapie“, der niederländischen Version von „In Treatment“ (bzw. der israelischen Vorlage) mit. Das wäre dann vielleicht mal was für eine torrent-Magazin-Rubrik à la „Serien in Sprachen, die kaum jemand versteht“.

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