In Baltimore möchte ich keinen Urlaub machen: Die Welt des David Simon

Veröffentlicht: 10. November 2011 in Bücher, TV
Schlagwörter:, , ,

Zurzeit lese ich David Simons Reportagebuch „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“ und gucke parallel die zweite Staffel seiner Serie „The Wire“ (weil’s die bei Saturn gerade für 10 Euro gab). Mit der Serie, die viele ja für die beste der TV-Geschichte halten, bin ich vorher nie warm geworden, obwohl ich es mehrmals versucht habe. Über die ersten sieben Folgen kam ich aber nicht hinaus. Die zweite Staffel gefällt mir hingegen von Anfang an wesentlich besser. Ich weiß nicht, woran das nun konkret liegt, aber das Milieu der Hafenarbeiter, die Gewerkschafter, die verzweifelt ums Überleben ihrers Berufsstands kämpfen, das ist eine Welt, über die ich noch nie einen Film gesehen habe. Wie sich die dann zunehmend verknüpft mit den kriminellen Milieus der Stadt, dem Drogenhandel, Schmuggel, Prostitution und wie die verschiedenen Polizeiabteilungen auf der anderen Seite versuchen, das Ganze aufzudecken – das entwickelt schon einen Sog, der einen in diesen ganzen Kosmos hinein zieht. Chris Bauer, der den polnischstämmigen lokalen Gewerschaftsboss spielt, ist auch einfach ein verdammt guter Schauspieler, was er hier auch endlich mal in allen Facetten zeigen darf. Nach wie vor unfassbar ist natürlich die Sprache, insbesondere die Dialoge der schwarzen Drogenhändler wären ohne Untertitel praktisch nicht zu verstehen.

Interessant sind auch die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen dem Buch und der Serie. Simon hat ja ein Jahr lang als Reporter die Arbeit der Baltimorer Mordkommission beobachtet und diese Beobachtungen fließen natürlich auch in die Serie ein. Ich weiß z.B. nicht, ob ich, ohne das Buch zu kennen, verstanden hätte, was die roten Namen auf der Tafel mit den Fällen bedeuten. In beiden Werken spielt die Hierarchie innerhalb der Polizei eine wichtige Rolle. Vorgesetzte erscheinen meistens umso unsympathischer, je höher sie in der Befehlskette angesiedelt sind. Da geht’s dann nur noch um Politik, das eigene Fortkommen und darum, in der Öffentlichkeit möglichst gut dazustehen, während die einfachen Detectives das alles ausbaden müssen. Wobei einer der Seargents der Mordkommission in „The Wire“ den Namen eines tatsächlich existierenden trägt, der zu den Protagonisten des Buchs zählt. Die Figur in der Serie kommt aber wesentlich unsympathischer rüber.

Während die Drogendealer im Buch durchgehend als böse erscheinen, wirken ihre Entsprechungen in der Serie ambivalenter. Einerseits skrupellos und gewalttätig, andererseits aber auch cool und teilweise fast witzig. Ich möchte auch nicht wissen, wie viele Straßenkids in anderen Städten sich diese Typen und ihre Sprache  zum Vorbild genommen haben. Baltimore wird sowohl im Buch wie auch in der Serie als Hort der Gewalt und des Niedergangs beschrieben. Eine Stadt, in der ein Menschenleben nichts zählt, jedenfalls nicht, wenn es sich um einen Ghettobewohner handelt, eine Stadt ohne Moral, ohne Sicherheit und letztlich ohne Zukunft. Das ist größtenteils so negativ, dass man sich eigentlich kaum vorstellen kann, dass es solche Städte mitten in den USA tatsächlich gibt – es erinnert eher an eine Metropole in einem Dritte-Welt-Land. Mit ehrlicher Arbeit lässt sich dort kein Leben mehr aufbauen, die einzigen erfolgreichen Kapitalisten sind die Oberbosse des Drogenhandels – einer von ihnen studiert dann auch folgerichtig BWL. Die einzigen ehrlichen Menschen in der Stadt scheinen die Polizisten zu sein. Korruption ist praktisch kein Thema, was mich ziemich wundert, da ich vermuten würde, dass diese gerade in solch einem sozioökonomischen Umfeld besonders blüht. Da ist selbst in rein fiktiven und oft als weniger realistisch angesehenen Cop-Shows wie „Third Watch“ Korruption ein viel stärkeres Thema.

Zu meinen Lieblingsserien wird „The Wire“ wahrscheinlich nie zählen, dazu ist sie mir einfach zu nüchtern erzählt, die Charaktere nicht zwingend genug. Moralische Fragen bleiben eher unter der Oberfläche, die Figuren laden nicht so sehr zur Identifikation ein, als das man sich diese Fragen an ihrer Stelle stellen würde. Das Ganze ist eher eine semidokumentarische soziologische Langzeitstudie, allerdings eine durchaus faszinierende und sogar unterhaltsame, wenn man denn einmal den Zugang gefunden hat.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s