Existenzverhinderungsseminar

Veröffentlicht: 26. November 2011 in Allgemeines
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Diese ganze von der BA bzw. den Jobcentern finanzierte Weiterbildungsindustrie hat so eine eigene Logik, die man als normal denkender Mensch glaube ich gar nicht begreifen kann. Ich hatte mich schon gefragt, warum das JC die Kosten für ein eintägiges IHK-Seminar für Existenzgründer nicht übernehmen kann, die für ein selbst in Auftrag gegebenes zweiwöchiges bei einem anderen (natürlich privaten) Anbieter aber schon. Obwohl die Inhalte natürlich grob die gleichen sind und die IHK da natürlich auch eine Bescheinigung fürs JC ausgestellt hätte,  das die dann wohl auch hätte anerkennen müssen. Gut, man finanziert mit Steuergeldern also lieber 70 statt 8 Stunden, was dann natürlich auch mindestens proportional mehr kosten dürfte (wahrscheinlich sogar überproportional, wenn ich von den Preisen ausgehe, die da in dieser ARD-Reportage genannt wurden und auch noch berücksichtige, dass dieser Anbieter im Gegensatz zur IHK auch noch Räume anmieten muss).

Statt dass einem in kompakter Form erklärt wird, was man so bei Steuern, Sozialversicherung etc. beachten muss und wie man einen Businessplan schreibt, wird einen nun also über zehn Tage detailliert vorgetragen, was man alles unbedingt machen muss. Darunter Dinge, die in keinem der Ratgeber für Freie Journalisten bzw. Solo-Selbständige, die ich gelesen habe, jemals erwähnt werden. Rechungen sind nicht gültig, wenn sie mit einem Tintenstrahldrucker geschrieben sind. Auch wenn man außer Portokosten gar keine Barausgaben hat, muss man unbedingt ein Kassenbuch führen (im verdi-Ratgeber, der überhaupt angenehm unkompliziert gehalten ist, steht dazu: Dem Finanzamt ist es egal, ob sie ihre geschäftlichen Einkäufe aus ihrer Kasse, vom Geschäftskonto oder aus Ihrer Hosentasche bezahlen, da Sie sowieso alle Belege aufbewahren müssen). Solche Sachen halt.

Dann gibt es Dozenten, die gleichermaßen unvorbereitet wie unmotiviert sieben Stunden von den Folien einer Powerpoint-Präsentation ablesen, die voller Zeichensetzungs- und Rechtschreibfehler steckt (beim Thema Werbung besonders schön) und auf Fragen immer nur diffus antworten (Früher war das mal so…). Oder solche, die auf jeden Einwand und jeden Protest mit einem gekünstelten Lächeln reagieren, überhaupt nicht auf die Bedürfnisse der Teilnehmer eingehen und strikt ihr Programm durchziehen (warum eigentlich eine Journalistin beauftragt wird, Preiskalkulation zu unterrichten, wäre auch so eine Frage, aber die kannte dann auch offenbar nicht den Unterschied zwischen Vorsteuer und Steuervorauszahlung). Und auf das merkwürdige Menschenbild mancher BWLer möchte ich gar nicht weiter eingehen.

Statt zu informieren, verwirrt und entmutigt das ganze Seminar eigentlich mehr. Einerseits soll man seine privaten Kosten hoch ansetzen, da man ja als Unternehmer höhere Bedürfnisse hätte als als Alg II-Bezieher, andererseits muss das Projekt so tragfähig sein, dass man am besten gleich im ersten Quartal schwarze Zahlen schreibt. Irgendwas passt da nicht zusammen. Als Alg II-Empfänger brauch ich eigentlich meine privaten Mindestausgaben in der Anlaufphase (in der man ja weiterhin Geld vom und Krankenversicherung übers JC bekommt, solange der Gewinn nicht groß genug ist) gar nicht ausrechnen, weil ich ja weiß, was ich mindestens zum Leben brauche: eben das, was ich bisher vom JC bekomme, denn verhungert bin ich damit ja bisher auch nicht.

Ich hab mich zwischendurch mehrmals gefragt, warum ich eigentlich nicht bei solchen Seminaren als Dozent arbeite, dann was einige da gebracht haben, könnte ich sicher genauso gut. Abgesehen davon, dass ich dafür zu nervös wäre, konnte ich mir die Antwort selbst geben: Mein Weltbild passt nicht zu dem, das da vorherrscht: Der Unternehmer arbeitet 24 Stunden am Tag, den Rest schläft er, jeder Geschäftspartner will einen potentiell übers Ohr hauen, denn bei Geld hört die Freundschaft auf, und den Büffel (= Kunden) muss man an der Wasserstelle abholen, an der er säuft. Und da sagen mir manche nach, ich sei zynisch und misanthropisch.

Kommentare
  1. fenrir sagt:

    Kann ich dir sagen woran das mit der Übernahme wahrscheinlich liegt. Hatte ein ähnliches Pob als ich meine Ausbildereignungsprüfung machen wollte. DIe von der IHK können wohl mit den Bildungsgutscheinen der Arge nicht abrechnen. Sprich, dass ganze muss aus einem anderen Topf beglichen werden. Das wissen die meisten Arbeitsberater aber wohl nicht, und lehnen dann erst mal ab. Ich habe das nur finanziert bekommen weil ich ziemlich hartnäckig gewesen bin und zufälligerweise einen guten AB hatte.
    Was die Dozenten angeht. Auch da kommen oft Leute in solche Jobs, weil sie schlicht Beziehungen haben, oder mit der Tochter der Chefin verbandelt sind😉 (selbst erlebt). Abgesehen davon ist der Dozenterjob in dieser Schiene ein Hungerleiderjon. Die Sätze nach denen da bezahlt wird nimmt keiner an der was auf sich hält. Und so greifen diese oft meiner Meinung ohnehin schon „dubiosen“ unternehmen auf das billigste zurück was sie bekommen können. Oder eben auf Leute, die wenn sie dozieren auch wieder in einer geförderten Arbeitsbeziehung stehen.
    Vieles vond em was du schilderst habe ich auch erlebt, als Dozent. Die andere Seite jedoch auch. Teilnehmer in solchen kursen, die dort einfach nicht zu suchen haben. Analphabeten in Computerkursen, Leute die dort hineingezwungen wurden usw. Auf der anderen seite bekommen Leute bei denen es Sinn machen würde sie weiter zu qualifieren eben diese Kurse aus oft nicht nachvollziebarem gehabe nicht finanziert.
    Ich finde, dort werden Teilnehmer und Dozenten oft genug nach Strich und FAden verarscht. Die Firmen juckt es nicht, denn die machen ja ihre Kohle.

    Übrigens werden eben solche Kurse Bundesweit (oder Europaweit?) ausgeschrieben. Der „billigste“ Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Qualität kann man als Teilnehmer, dann meist leider nicht erwarten. Dieser ganze Weiterbildungszirkus gehört verboten, gerade auch dann wenn man sieht welche Unternehmen und Strukturen sich daran mästen. Ausbaden dürfens die Teilknehmer aber auch die Dozenten.

  2. Medienjunkie sagt:

    Was die da sollen, habe ich mich bei zwei, drei Teilnehmern auch gefragt: Leuten, die entweder das, was sie machen wollen, schon seit Jahren machen und wo sich nur der Inhaber der Firma auf dem Papier ändert. Oder Freiberufler, bei denen es mMn völlig überflüssig ist, dass sie einen Businessplan aufstellen, da sie eh keinerlei größere Kosten haben. Ich bin schon froh, dass nach meinem Studium keiner beim JC auf die Idee kam, ich müsse erst mal einen Businessplan einreichen, bevor ich als freier Journalist arbeiten darf. Dann hätte ich mich wohl kaputt gelacht. Ob wohl irgendjemand, der für Zeilenhonorare im Centbereich für die Lokalzeitung schreibt, vorher einen Businessplan aufgestellt hat?

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