Die innere Leere betäuben: Olivier Assayas‘ „Demonlover“

Veröffentlicht: 7. Januar 2012 in Film
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Elise (Chloe Sevigny) ist scheinbar nur eine Sekretärin mit Ambitionen, spielt aber wie alle in diesem Film ein falsches Spiel

Was man in diesem französischen Film von 2002 sehen und hören kann:

Pornoanime im klassischen japanischen Zeichenstil, die immer noch so aussehen wie „Captain Future“ und „Heidi“ in den 80ern, in denen zehn Frauen gleichzeitig von einem riesigen Monster auf verschiedene Weisen befriedigt werden, aber auch welche im Lara Croft-3D-Stil, damals laut Dialog „state of the art“ der Animationstechnik.

Eine Geschäftsfrau (Connie Nielsen) sieht sich abends im Hotelzimmer einen Porno im Pay-TV an, das Telefon klingelt, sie schaltet schnell ab, bevor sie ran geht. Ihr Kollege im Nachbarzimmer liegt auf dem Bett und lässt seinen Porno einfach weiterlaufen, als die herbeizitierte Kollegin rein kommt.

Gina Gershon (bekannt aus dem Quasi-Softporno und Anwärter für den schlechtesten Film aller Zeiten, „Showgirls“) liegt auf dem Bett in einem T-Shirt mit der Aufschrift „I Heart Gossip“.

Ihre Firma betreibt erfolgreiche Pornoseiten im Internet, hat aber angeblich mit einer Seite, auf der man via Webcam Snuff-Inszenierungen beobachten (und beeinflussen) kann, nichts zu tun.

Später versucht Connie Nielsen, Gina Gershon mit einem Kissen zu ersticken. Die ist aber nur ohnmächtig und schlägt sie mit einem schweren Gegenstand nieder. Als Nielsen aufwacht, ist das Blut an der Wand ebenso verschwunden wie die scheinbar vorher tote Gershon. War alles nur ein Traum?

Nächtliche Fahrten im Auto durch den Regen mit beschlagenen Fenstern.

Später wird Nielsen selbst Opfer der Snuff-Seiten-Betreiber und muss im SM-Lederoutfit vor der Kamera posieren.

Noch später führen Nielsen und ihr dauergeiler Kollege in einem Restaurant ein Gespräch, wie sie nur in französischen Filmen geführt werden.

Kurz darauf vergewaltigt der Kollege sie (halb?) auf dem Bett, nach dem Aufwachen will er noch mal, sie macht erst mit, greift währeddessen zu einer Pistole, erschießt den Mann und bricht in hysterisches Schreien aus.

Chloe Sevigny, die übrigens fließend Französisch spricht, spielt, nackt auf dem Bauch liegend, ein Killerspiel.

Am Ende ist keiner der gewesen, der er vorgab, zu sein. Irgendwie waren alle Spione für Konkurrenzfirmen von der, in der sie arbeiten.

Im Epilog, der auch nichts erklärt, aber noch mal eine sarkastische Pointe setzt, klaut ein Teenager die Kreditkarte seiner Eltern, um sich auf der Snuffseite einzuloggen. Während Nielsen dort seine Fantasien nachstellen muss (verkleidet als Storm von den X-Men), macht der Junge seine Bio-Hausaufgaben.

Noise-Punk von Sonic Youth auf dem Soundtrack.

Es geht wohl um die Sinnentleertheit der modernen westlichen Wohnstandsgesellschaften, in denen alles nur noch ein Geschäft ist, aber nichts mehr eine tiefere Bedeutung hat. Genauso fremd wie die bizarren Sexzeichentrickfilmchen und Gewaltporno-Webseiten wirkt das Setting der Vorstandsetagen und Broker-Großraumbüros. Beides sind fremde Welten, mit denen man lieber nichts zu tun habe möchte. Gefühle sind in dieser Welt, in der jeder nur an seinen Vorteil denkt, nur hinderlich. Sex ist Entertainment ist eine Ware. Assayas wechselt dauernd das Pacing, von langsamem Wirtschaftskrimi zu Verfolgungsjagden zu prätentiösen, endlos erscheinenden Gesprächen zum visuellen Overkill. Schöne Frauen sind ständig in Nahaufnahme zu sehen. Connie Nielsen wird so in Szene gesetzt, wie Truffaut früher Fanny Ardant oder Jeanne Moreau in Szene gesetzt hat. Gleichzeitig ist der Film nicht nur auf der Höhe seiner Zeit, sondern wirkt auch knapp zehn Jahre später noch kein bisschen veraltet, was beim Thema Internet doch bemerkenswert ist. Ein Film, der nichts erklärt, aber trotzdem oder gerade deswegen fasziniert. Ein Film, den man am Dienstag um 20 Uhr noch mal in der Black Box in Düsseldorf sehen kann.

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