Wenn der Krieg mit nach Hause kommt: Susanne Biers „Brodre“

Veröffentlicht: 4. Februar 2012 in Film
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In der Familie der beiden erwachsenen Brüder Michael und Jannik sind die Rollen klar verteilt: Michael ist der verantwortungsbewusste Familienvater und vernünftige Soldat, der jüngere Jannik hingegen das schwarze Schaf, das nichts auf die Reihe bekommt, weder einen Job noch eine Beziehung, und auf den nie Verlass ist. Alles ändert sich, als Michael zu einem Einsatz in Afghanistan aufbricht und dort sein Hubschrauber abgeschossen wird. Auch wenn der Vater Jannik nach der Trauerfeier verbittert entgegenschleudert, er habe nun keinen Sohn mehr, wächst dieser schrittweise in die Rolle des Ersatz-Familienoberhauptes hinein, baut plötzlich Einbauküchen zusammen, spielt mit den beiden Nichten – und entwickelt eine gefährliche Nähe zu seiner Schwägerin Sarah. Gefährlich deshalb, weil irgendwann der Anruf kommt, dass Michael gar nicht tot ist, sondern nur in Kriegsgefangenschaft geraten war. Als er schließlich zu seiner Familie zurückkehrt, ist nichts mehr wie vor seiner Abreise – auch, weil sein Gewissen mit einer unfassbaren Tat belastet ist.

Vor „Brodre“ (ich habe leider diesen dänischen Strich durchs o nicht parat, weigere mich aber, bei einem dänischen Film den deutschen Verleihtitel „Brothers“ zu verwenden) drehte Susanne Bier den schon sehr guten „Open Hearts“, danach den noch besseren „Nach der Hochzeit“. Mit diesem Film hat sie sich allerdings selbst übertroffen. Statt einer Kriegsgeschichte erzählt sie ein packendes Familiendrama, das doch weit über das rein Private hinausweist. Vielmehr zeigt sie auf, was Erlebnisse im Krieg aus denen machen (können), die lebend aus ihm zurückkehren, äußerlich unversehrt, aber innerlich zerbrochen, weil sie Schlimmeres erlebt haben, als man selbst dem Menschen erzählen könnte, den man mehr liebt als alle anderen.

In den Hauptrollen hatte sie gleich hervorragende SchauspielerInnen zur Verfügung: Ulrich Thomsen (neben Mads Mikkelsen wohl der größte internationale Star Dänemarks) ist brillant als anfangs berufsoptimistischer Soldat, der in einer existenziellen Situation zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt und schließlich völlig die Kontrolle über sich selbst verliert. Nikolaj Lie Kaas zeigt hier ebenfalls, dass er weit mehr kann als „nur“ Grimassen schneiden wie in „Idioten“, und zudem unheimlich wandlungsfähig ist, wenn man diese Performance mit seinen Komödien vergleicht. Und Connie Nielsen, die zwar aus Dänemark stammt, vor diesem Film aber zwar amerikanische, französische und italienische Filme drehte, jedoch keinen dänischen, hat eine Präsenz, wie man sie nur ganz selten sieht, eine Ausstrahlung, mit der sie auch locker einen ganzen Film alleine tragen könnte. (In dem etwa zur gleichen Zeit entstandenen „Demonlover“ erinnerte sie mich stark an die Frauen in Truffaut-Filmen: Fanny Ardant, Jeanne Moreau.)

Zudem haben Bier und ihr Stamm-Drehbuchautor Anders Thomas Jensen („Mifune“, „Adams Äpfel“ und auch sonst fast alles, was in den letzten 15 Jahren in Dänemark gut und erfolgreich war) diesmal alles richtig gemacht: Die Geschichte findet genau die richtige Balance zwischen individuellem Geschehen und universeller Gültigkeit, driftet nie ins Kitschige oder Pathetische ab, und Buch und Inszenierung treffen an so gut wie jeder Stelle die richtige Entscheidung. Klar gibt es auch mal etwas nackte Haut zu sehen, aber dem nahe liegenden Impuls, gleich eine wilde Sexszene folgen zu lassen, geben die beiden Filmemacher nicht nach. Ob sich zwischen Schwager und Schwägerin wirklich mehr abspielt als eine emotionale Verbundenheit, bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen, ebenso wie die Antwort auf die Frage, wie die Dreiecksbeziehung nach Ende des Films weitergehen mag.

Umso erstaunlicher, dass Bier mit demselben Autor – und wiederum Thomsen in einer Hauptrolle – auch den unsäglichen letztjährigen „In einer besseren Welt“ zu verantworten hatte, der nicht nur langweilig, sondern in seiner Arthouse-Verlogenheit auch teilweise richtig ärgerlich war. So sicher, wie sie in „Brodre“ immer den richtigen Ton trafen, lagen sie dort immer eine Oktave daneben. Bezeichnend ist natürlich, dass ausgerechnet ihr bisher letzter Film dann den Auslands-Oscar bekommen hat, obwohl mindestens drei ihrer früheren es so unendlich mehr verdient gehabt hätten. Ach ja, und Natalie Portman und Jake Gyllenhall mögen ja gute Schauspieler sein, wieso ich mir allerdings das US-Remake dieses fast perfekten Films angucken sollte, weiß ich allerdings wirklich nicht.

Kommentare
  1. Olsen sagt:

    Ist Jake Gyllenhaal denn wirklich ein guter Schauspieler? Ich finde, der hat nur einen Gesichtsausdruck, was ein bisschen wenig für eine Schauspielkarriere ist.

  2. Medienjunkie sagt:

    Richtig (positiv) aufgefallen ist er mir im Grunde nur als Donnie Darko. An andere Rollen kann ich mich nicht mehr so wirklich erinnern (was nun nicht gerade für sein schauspielerisches Talent spricht). Ich hab aber ja auch geschrieben: „…mögen gute Schauspieler sein.“ An Thomsen oder Kaas reicht er sicher nicht heran (weiß nicht, welchen Bruder er in dem Remake spielt).

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