Der weiße Vogel fliegt nicht mehr: R.I.P. Moebius

Veröffentlicht: 15. März 2012 in Bücher
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Es passiert nur ganz selten, dass ich irgendwo mitbekomme, dass ein Prominenter gestorben ist und mich das dann trifft wie ein Schlag. Zu oft betreffen diese Nachrichten Künstler, die entweder gar keine richtigen waren oder die ihre besten Zeiten schon so lange hinter sich hatten, dass ihr Ableben zumindest künstlerisch kein Verlust ist. Ganz anders bei Moebius, dem wohl größten zeitgenössischen Comickünstler, der am Samstag in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist (man verzeihe mir das Wortspiel, aber er hat die indianische Kultur sehr geliebt, wie man seinen „Blueberry“-Alben immer wieder entnehmen kann). Nicht nur, dass mich seine Comics seit mehr als 20 Jahren begleitet haben, auch die Vorstellung, nie wieder etwas Neues von ihm lesen zu können, ist vermutlich vergleichbar mit der Vorstellung, nie wieder eine neue Dylan-Platte zu hören.

Nach Franquin und den großen Altmeistern der Disney-Comics, Barks und Gottfredson, dürfte Moebius alias Jean Giraud der Zeichner sein, von dem ich die meisten Comics gelesen habe – im Wesentlichen alle seine Hauptwerke von Arzach über John Difool bis zu den Sternenwanderern. Dazu viele Kurzgeschichten und Fragmente, die in der Carlsen-Reihe „Universum der Wunder“ gesammelt waren oder in alten „Schwermetall“-Heften verstreut sind. Und dann natürlich Blueberry, den ich leider nie in der richtigen Reihenfolge gelesen habe, das (scheinbar) endlos dahinmäandernde Westernepos, mit dem er (zusammen mit oder trotz?) dem Szenaristen Charlier in den 70ern den europäischen Abentuercomic quasi alleine in die Moderne geführt hat (und das, entgegen gängiger Fanmeinungen, in meinen Augen immer besser wurde, je weiter sich Giraud nach dem Tod seines Partners von dessen Erzählmustern löste).

Der edle Nordstaaten-Leutnant, dem seine moralischen Überzeugungen immer wichtiger sind als die Befehle seiner Vorgesetzten und der dadurch in immer neue Schwierigkeiten gerät (und bei dem man sich des Öfteren fragt, warum er eigentlich überhaupt in die Armee eingetreten ist). Der schließlich selbst zum vom Staat Gejagten und Vogelfreien wird, nachdem er zu Unrecht verdächtigt wurde, einen Anschlag auf den Präsidenten geplant zu haben. Der innerlich zerrissen wird zwischen der Freundschaft zu einem Indianderstamm und der Solidarität mit seinen Armeekameraden. Und der sich im letzten von Giraud gestalteten Zyklus „Mr Blueberry“ einfach aus allem ausklinkt, nur noch pokernd im Saloon von Tombstone herumsitzt und seinen eigenen Mythos sukzessive zerstört. Den „Blueberry 1900“, den Giraud immer noch machen wollte, werden wir nun wahrscheinlich nicht mehr zu sehen bekommen, aber auch „Mr Blueberry“ ist ein würdiger Abschluss für eine Serie, die in jeden Kanon der wichtigsten Comics aller Zeiten gehört.

Genauso wie „John Difool“, der sechsbändige Zyklus um einen abgehalfterten Privatdetektiv in einer monströsen Megacity der Zukunft, der mehr aus Versehen zur Schlüsselfigur des ganzen Universums wird. Szenarist Alexandro Jodorowsky verknüpfte hier den Tonfall und die Motive des Film Noir mit einer überbordenden SF-Welt, die Moebius unnachahmlich in Szene setzte (wobei einige der Einfälle schon im von Dan O’Bannon geschriebenen Vorgängerwerk „The Long Tomorrow“ steckten). Sagen wir mal so: Ohne John Difool wäre Ridley Scotts „Blade Runner“ nur schwer vorstellbar (und George Lucas‘ Stadtplanet Coruscant in Episode II überhaupt nicht). In John Difool tauchte auch der weiße Vogel wieder auf – als witziger Sidekick Dipo, die Betonmöwe -, den Moebius schon in einem seiner ersten SF-Comics etablierte: In den wortlosen Kurzgeschichten – wobei Geschichten auch das falsche Wort ist, denn rein narrativ passiert in ihnen nicht allzu viel – um Arzach. Dieser „Held“, der in jeder Story einen anderen Namen trägt, fliegt auf einem großen weißen Vogel durch eine Fantasywelt, in der alles möglich erscheint. Was auch für die frühen Werke gilt, die Giraud unter seinem bekannten Pseudonym gezeichnet hat. Die Maßstäbe der Logik darf man an diese Werke nie anlegen, was zählt, ist der Flow und die ständige Überraschung.

In den letzten Jahren hat sich Moebius bei seinen fantastischen Comics eher wiederholt, indem er seine alten Figuren in neue Abenteuer führte, die nicht mehr an die Urwerke anknüpfen konnten, während er als Giraud mit seinem Blueberry alle Grenzen hinter sich ließ. Vielleicht lag das daran, dass es im 21. Jahrhundert längst viel verwegener wirkte, einen realistisch gezeichneten Westerncomic zu machen als abgefahrene SciFi-Alben. Jan Kounen hat vor mehr als zehn Jahren in seinem Film versucht, beide Welten zusammenzubringen: den klassischen (Italo-)Western, den die Blueberry-Comics feiern, und die esoterisch-drogengeschwängerten Ideen und Bilder der Moebius-Comics. Die Fans der Serie mochten das überhaupt nicht, Giraud selbst fand es wohl großartig. In deutschen Nachrufen wird er oft darauf reduziert, dass er viele Filme beeinflusst habe und auch selbst an SF-Kinoklassikern mitwirkte (meist nur durch Kostümentwürfe oder Storyboards). Das zeigt, dass der Comic hierzulande immer noch nicht als vollwertige Kunstform anerkannt ist. Sonst würde man Girauds Werk einfach für sich sprechen lassen und schreiben: Wenn Sie es noch nicht getan haben, lesen Sie seine Bücher. Sonst haben Sie echt etwas verpasst.

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