Doch noch nicht reif für die Insel

Veröffentlicht: 11. April 2012 in Allgemeines
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Pittoresk: Mit dem Fischerboot aufs Wattenmeer

Nachdem ich in den vergangenen 11 Jahren so ziemlich alle großen und interessanten Städte der Niederlande bereits besucht hatte, dachte ich, ich versuch’s über Ostern mal mit einer der Wattenmeerinseln. Was ich auf Texel erwartet hatte, waren viele deutsche Touristen und hauptsächlich ältere Leute. Was ich stattdessen mitbekam, waren mindestens 80 Prozent niederländische Familien mit meist kleinen Kindern in der „Jugend“herberge. Also, jugendlich im engeren Sinn war da eigentlich niemand, stattdessen hüpften ständig Kinder um mich rum, selbst an die Bar verfolgten sie einen noch und nervten die Bedienung mit (auch für diese) unverständlichem Gebrabbel. Manche hatten auch noch ihre Oma, Opa und die halbe weitere Verwandtschaft dabei. Als Alleinreisender kommt man sich da irgendwie schon sehr eigenartig vor, zumal ich in drei Tagen da auch mit niemandem der anderen Gäste ins Gespräch gekommen bin, anders als etwa, wenn man in Amsterdam im Hostel absteigt.

Pünktlich als ich auf der Insel ankam, wurde natürlich das Wetter schlechter. Am Samstag machte ich den Fehler, mir ein Rad auszuleihen, um beim Dorfhopping nicht auf den stündlich fahrenden Bus angewiesen zu sein. Dummerweise hatte ich keine Handschuhe mitgenommen. Am Deich dachte ich vor lauter Gegenwind, ich würde niemals ankommen. Immerhin habe ich dann eine sehr unterhaltsame Fahrt mit einem Garnelenfischerboot mitgemacht. Da bekam man als Tourist erklärt, was sich so alles auf dem Wattenmeeresboden ansammelt und wie man Garnelen pult – gut, an letzterem bin ich gescheitert. Dafür hatte der vortragende Fischer einen hohen Unterhaltungswert, an dem ist echt ein Rudi Carell verloren gegangen. In einer lustigen Mischung aus Deutsch und Holländisch erzählte er ständig solche Späßken wie „Dieser Raubfisch frisst alles: kleinere Fische und holländische Kinder“. Am Ende empfahl er, jede Familie solle ein Tütchen Garnelen mitnehmen und dann abends gemeinsam weiter üben zu „drücken, ziehen und pulen, die Deutschen vielleicht bei einer schönen Udo-Jürgens- oder Rammstein-Platte“.

Später bin ich dann auf dem Rückweg vom Strandort Den Hoorn vor lauter Gegenwind fast auf halber Strecke liegengeblieben. Wobei ich tatsächlich noch einen Einheimischen überholt habe, der noch langsamer, dafür aber deutlich entspannter, neben mir her radelte und dabei versuchte, mir in seinem 50 Jahre alten Schuldeutsch ein Gespräch aufzudrängen. Wobei dazu mein Atem einfach nicht mehr reichte. (Auf der Insel antworteten die Menschen grundsätzlich auf Deutsch, wenn ich sie auf Niederländisch ansprach.) Ein bisschen Hagel gab’s auch, wobei kurz vorher noch die Leute am Strand in der Sonne gesessen hatten.

Am nächsten Tag nahm ich lieber den Bus in einen anderen Strandort, der deutlich touristischer ist als die „Inselhauptstadt“ Den Burg, in der das Hostel liegt. In De Koog spricht dann tatsächlich jeder Zweite, der einem entgegen kommt, Deutsch, und Handygespräche beginnt man hier gerne mit „Ich sitze gerade in De Koog im Paal 17.“ Nee, ist klar, kennt ja jeder. Im Museum, das eher ein halber Zoo ist, lernte ich dann später, dass der Schweinswal auf Niederländisch zwar bruinvis heißt, aber weder braun, noch ein Fisch ist. Na gut, er ist ja auch kein Schwein; weiß der Himmel, welche Kapriolen die Etymologie so schlägt. Das holländische Wort für robben (also die Fortbewegungsart, die die gleichnamigen Tiere an Land vollziehen) lautet übrigens bobbelen – auch sehr schön.

Es gibt ihn wirklich!: Der Wulp aus Maarten 't Harts Romantitel "Een vlucht regenwulpen" (hier allerdings ausgestopft)

Wobei Niederländisch ja ohnehin immer ein steter Quell unglaublicher Wörter ist. Auf Radio 2 habe ich gehört, wie der Moderator ernsthaft bei einer E-Mailadresse nicht „at“ sagte, sondern „apenstaartje“, also „Affenschwänzchen“. Das erinnerte mich daran, dass dieses Zeichen in der Prä-Internetära ja auch auf Deutsch noch ernsthaft als „Klammeraffe“ bezeichnet wurde. Sagt heute aber glaube ich niemand mehr, außer vielleicht einigen Fanatikern von der Gesellschaft für Deutsche Sprache.

Nach zwei Tagen wusste ich nicht mehr so recht, was ich auf dieser Insel eigentlich noch tun sollte. Angelehnt an den Song „I am from Austria“ könnte man sagen: Ich kannte die Leute, ich kannte die Schafe (von beiden leben etwa gleich viele auf Texel). Den Burg hat zwar eine relativ große Fußgängerzone, die am Samstagmittag ähnlich belebt war wie Venlo, aber wenn die Geschäfte zu sind, ist da tote Hose. Die Restaurants sind völlig überteuert, haben alle die ewig gleichen Gerichte auf der Karte (zalm, anderer Fisch, kipsaté und rundstuck) und sind meistens schon von sechsköpfigen Familien „gereserveerd“. Außerdem wurde überall das Endspiel um den „KNVB-Beker“ übertragen, ein Ereignis, aus dem das Fernsehen eine 4-stündige Livesendung machte, die mich ungefähr so stark interessierte wie die Übertragung einer chinesischen Meisterschaft im Sack-Reis-Umstoßen.

Die geschmackvollste Vorgartendeko auf Texel: Tropischer Baum mit Stofftieren (die Doppelhaushälfte ist übrigens gerade "te koop", falls jemand sucht)

Die Niederlande sind ja eh ein Paralleluniversum, aber die Inselbewohner sind dann noch mal ein eigenes Paralleluniversum innnerhalb dessen. Da gibt’s dann etwa eine christlich-religiöse Buchhandlung und zwei Häuser daneben hängt ein Kondomautomat an der Wand. Sagen wir mal so, für ein paar Tage ist so ein Inselbesuch eine skurrile, aber noch ganz witzige Erfahrung. Wenn ich allerdings da leben müsste, wüsste ich, um ein Max-Frisch-Zitat abzuwandeln, schon, an welchem Giebel ich früher oder später hängen würde.

Ganz im Gegensatz zu Amsterdam, wo ich dann gestern sieben Stunden durch den Regen gelaufen bin, bevor mein Zug zurückfuhr. Das ist immer noch so eine Traumstadt für mich, die auch beim vierten Besuch nicht langweilig wird. Unglaublich, dass die nur etwa 50-100.000 Einwohner mehr hat als Düsseldorf. Man merkte nicht, dass Ostermontag war, denn im Zentrum waren fast alle Geschäfte offfen, sonntags kann man eh bis 22 Uhr im Supermarkt einkaufen. So ein deutsches Wort wie „Ladenschlussgesetz“ ist wohl unübersetzbar. Bei so unchristlichem Verhalten kann ich einerseits verstehen, dass eine Jesus-Jüngerin laut singend vor dem Hauptbahnhof steht, aber bringen tut es nichts. Mir ist dieses Nichtvorhandensein von Regeln genauso sympathisch wie die Tatsache, dass Jung und Alt bei jedem Sauwetter mit dem Fahrrad durch die Stadt brettern.

…dass niemand einen Helm trägt und Kinder auch schon mal auf dem Gepäckträger ihres Vaters stehen (würde bei uns vermutlich die Polizei und anschließend ein Sorgerechtsentziehungsverfahren zur Folge haben).

…dass im Vondelpark bei Regen noch mehr Jogger und Radfahrer unterwegs sind als bei uns an kühlen Tagen ohne Regen.

…dass ich trotz wagemutiger Radler und überall umherirrender Touristen noch nie einen Unfall beobachtet habe.

…oder dass die Fähre zum nördlichen Stadtteil auf der anderen Seite des IJ, der gerade ein komplett neues Gesicht bekommt (einschließlich des letzte Woche eröffneten Filmmuseumsneubaus), 24 Stunden am Tag verkehrt, und zwar gratis.

Wenn ich alt werde, gebt mir bitte eine Wohnung in Amsterdam mit Blick auf die Gracht statt mich auf Texel zu begraben.

Und zum Abschluss noch meine schönste musikalische Neuentdeckung, ein Lied über die (eigene) Sterblichkeit mit der schönen Textzeile: „Is het 5 voor 12 of is het half 7?“

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