Grenzen, Waren, Körper: Über gemeinsame Themen in den Filmen von Olivier Assayas

Veröffentlicht: 5. August 2012 in Film
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Schon interessant, wie sich auch bei einem Regisseur wie Olivier Assayas, der auf den ersten Blick erst einmal keine stilistischen Eigenheiten zu haben scheint, mit der Zeit Gemeinsamkeiten zwischen seinen Filmen offenbaren. Obwohl er von Genre zu Genre wechselt, mal eine Coming-of-Age-Liebesgeschichte dreht wie den frühen TV-Film „Kaltes Wasser“, ein anderes Mal eine Satire übers Filmemachen („Irma Vep“), dann einen Globalisierungsthriller wie „Demonlover“ oder ein Drogen-/Familiendrama wie „Clean“. Und doch fallen einem nach einigen Filmen wiederkehrende Themen auf.

Da ist zum einen die Faszination für die asiatische Kultur, die wahrscheinlich nicht zuletzt seiner Ehe mit Maggie Cheung zu verdanken ist, die auch in zweien seiner Filme die Hauptrolle spielt. Einer davon ist „Irma Vep“, in dem sie als sie selbst, als Star des Hongkong-Kinos nach Frankreich kommt, um ein Remake des Stummfilm-Serials „Les Vampires“ zu drehen. In „Demonlover“ ist es ein japanisches Trickfilmstudio, das mit Hardcore-Animes viel Geld verdient, in „Boarding Gate“ muss die von Asia Argento gespielte Sandra nach einem Auftragsmord gleich selbst nach Hongkong (und dann weiter nach Shanghai) flüchten und droht in dem Gewusel der fremdartigen Metropole, deren Sprache sie nicht versteht, ihre Identität zu verlieren. Wobei die eh schon ziemlich brüchig ist, war sie doch früher ein Call-Girl, dann scheinbar eine solide Lagerarbeiterin, nebenbei eine Drogenschmugglerin und muss nun eine neue Identität annehmen. Unklare Identitäten gibt es auch in „Demonlover“ zuhauf, wo niemand der ist, der er vorgibt zu sein und nie ganz klar ist, wer wirklich für welche Seite arbeitet. Und wo die von Connie Nielsen dargestellte Wirtschaftsspionin schließlich sogar von ihren Gegnern gefangengehalten wird, um als Sklavin für eine S/M-Webseite zu fungieren.

Sadomasochismus ist ein weiteres Thema, das Assayas zu faszinieren scheint, ob in „Demonlover“ oder in „Boarding Gate“, wo die Beziehung von Sandra und Miles (Michael Madsen) ganz von ihren Abhängigkeitsspielen mit Gürtel und Handschellen zu leben scheint, oder subtiler in „Irma Vep“, wenn Maggie Cheung sich nachts das hautenge Latexkostüm ihrer Filmrolle überzieht, um im Hotel auf Raubzug zu gehen – und daraus einen rauschhaften Lustgewinn zieht. Auch S/M ist letztlich ein Spiel mit Identitäten.

Und dann ist da natürlich das große übergreifende Thema Globalisierung: ob Schauspielerinnen aus Hongkong nach Paris eingeflogen werden, Drogen in Containern ins Ausland geschmuggelt oder Porno-Anime-DVDs weltweit vermarktet. Immer wieder spielt hier auch das Internet eine Rolle, sei es mit Snuff-Porno-Webseiten oder harmloser mit einer Science-Fiction-Seite, die Sandra früher mal – erfolglos – betrieben hat. Und auch Maggie Cheungs drogensüchtige Rocksängerin in „Clean“ lebt ein grenzüberschreitendes Leben als Asiatin aus Paris, die in London mit einem Kanadier verheiratet ist. Diese generelle Grenzenlosigkeit unserer mdernen Welt ist bei Assayas eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits bietet sie neue Chancen, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten: etwa als Pariserin einen Club in Peking zu eröffnen oder eben umgekehrt als Hongkong-Chinesin ein interessantes Filmprojekt in Paris anzunehmen. Andererseits verursacht sie eine Entwurzelung, sorgt dafür, dass Menschen sich nirgendwo mehr zu Hause fühlen, verloren gehen wie Asia Argento im kantonesischen Sprachgewirr von Hongkong. Und schließlich überwinden alle möglichen und unmöglichen Waren mühelos alle Grenzen, von denen man sich das besser nicht wünschen würde: Drogen, Pornos, Raub-DVDs und Snuff-Videos. Von der globalisierten Wirtschaft jedenfalls zeichnet Assayas ein höchst negatives Bild, denn sowohl in „Demonlover“ als auch in „Boarding Gate“ zeigt er sie uns lediglich als grenzüberschreitende (und grenzenlose) Wirtschaftskriminalität.

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