Archiv für die Kategorie ‘Aus der Praxis’

Da es mein letzter epd-Artikel über die Entwicklung, die US-Fernsehserien in den vergangenen zehn Jahren genommen haben, bisher nicht ins Internet geschafft hat, stell ich ihn hier mal in der Ursprungsfassung ein. Aufgrund der vorgegebenen Länge musste ich leider etwas an der Oberfläche bleiben und mich hauptsächlich auf drei interessante Serien beschränken: „Carnivàle“, „The West Wing“ und „Mad Men“.

Wer sich ausführlicher über „Mad Men“ informieren will, dem sei das Dossier in der aktuellen „Cargo“-Ausgabe empfohlen. Die Analyse von Bert Rebhandl ist das Beste, was ich bisher über diese viel besprochene Serie gelesen habe, dazu kommt dann u.a. noch ein Artikel über den feministischen Sachbuchklassiker „The Feminine Mystique“ von 1963, der als eine Art Inspirationsquelle für die Serie gelten kann. Die Autorin Betty Friedan beschrieb darin das damals noch vorherrschende Rollenmodell für Frauen als Hausfrauen und Mütter als „Ursache für ein weit verbreitetes Gefühl von Leere und Haltlosigkeit, ja sogar für Depression und Suizid“ (Catherine Davies in „Cargo“).

Hier nun aber mein Artikel:

Mit Tony Soprano fing fast alles an. 1999 startete der US-Bezahlsender Home Box Office (HBO) die Fernsehserie „The Sopranos“ um den von James Gandolfini gespielten Boss eines Mafia-Clans in New Jersey, die gleich in mehrfacher Hinsicht neue Maßstäbe setzte. Als reiner Abosender fiel HBO nicht unter die Zuständigkeit der Aufsichtsbehörde FCC, weswegen drastische Sprache und Sexszenen kein Problem darstellten. Zum anderen brach das gemächliche Tempo der Folgen radikal mit bis dahin im Fernsehen üblichen Erzählweisen.

Mit Serien wie den „Sopranos“ haben US-Pay TV-Sender wie HBO oder Showtime das Erzählen im Fernsehen revolutioniert. Die Zeiten, in denen Serien aus abgeschlossenen Folgen bestanden und die Ereignisse der vorangegangenen schon eine Woche später keine Rolle für die Charaktere mehr spielten, sind weitgehend vorbei. Längst sind viele US-amerikanische Serien komplexer als jeder noch so anspruchsvolle Kinofilm. Statt über zwei Stunden erstrecken sich einzelne Handlungsstränge über eine oder mehrere Staffeln. So ergeben sich epische Geschichten, die fast schon an die großen Romane von Tolstoi oder Dostojewskij erinnern.

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Passend zur Novemberstimmung

Veröffentlicht: 2. November 2009 in Aus der Praxis, Online
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Sehe gerade, dass noch andere Agenturen außer dem epd auf die Idee gekommen sind, zu Allerheiligen was zum Thema „Trauern im Internet“ zu machen. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, was mit eurem Facebook-Profil passiert, wenn ihr morgen unters Auto kommt, findet ihr u.a. hier meinen Artikel, der sich auch mit Gedenkportalen im Netz beschäftigt.

Es gibt Welten, die mir einfach völlig fremd sind. Also nicht nur fremd in dem Sinne, dass ich zwar weiß, dass es diese Welten gibt und was in ihnen im Großen und Ganzen so vor sich geht, ohne aber einen detaillierten Einblick in sie zu haben. Sondern eher fremd in dem Sinne, dass sich in ihnen Abgründe aufzutun scheinen, über die ich mir bisher nicht im Geringsten im Klaren war.

Neulich bewarb ich mich auf eine Ausschreibung in einem Forum, mit der eine Agenturgruppe freie Texter suchte. Ich ging davon aus, dass man da journalistische und/oder PR-Texte schreiben sollte, näher spezifiziert war das in dem Gesuch aber nicht. Nach einiger Ziet bekam ich eine E-Mail aus deren Personalabteilung: Ob ich interessiert sei, SEO-Texte für verschiedene ihrer Kunden zu schreiben. Honorar pro Wort: 1 Cent brutto. Bei Interesse werde man mir einige Keywords zur Probe schicken, die ich dann möglichst oft in die jeweiligen Texte einbauen sollte.

Ich wusste gerade mal, für was die Abkürzung SEO steht (Search Engine Optimizing, also Suchmaschinenoptimierung). Bisher dachte ich allerdings immer, diese bestünde hauptsächlich darin, im Quelltext von Internetseiten bestimmte häufig gegoogelte Wörter unterzubringen, damit die Webseiten bei Google entsprechend höher in den Suchergebnissen auftauchen. Dass man dazu nun extra Texter bräuchte, war mir neu. Dass es spezielle Texte gibt, die nur zum Zweck der SEO geschrieben werden, erst recht.

Das Honorar wirkte zunächst einmal sehr unseriös, andererseits hatte ich keinerlei Vorstellung, wie denn nun der Arbeitsaufwand pro Text wäre, wie lang diese überhaupt sein sollten und vor allem, um welche Art Texte es sich überhaupt handeln sollte: Erwarteten die für das Honorar noch, dass man selbst recherchierte, bekam man da Infos von den jeweiligen Kunden, die man dann nur noch in einen Text gießen müsste oder wie oder was? Also stellte ich diese Fragen erst einmal in einer Rückmail an die Personalfrau.

Nach einer Woche bekam ich eine knappe Antwort mit dem Tenor, der Rechercheaufwand sollte möglichst gering sein, da der Zeitaufwand erfahrungsgemäß bei zehn bis zwanzig Minuten läge. Da die Dame leider nichts dazu geschrieben hatte, wie lang diese Texte überhaupt sein sollten, und ich auch immer noch nicht wusste, wie man denn zu diesen kommen sollte, ohne selbst zu recherchieren, half mir diese Auskunft nicht wirklich weiter.

Ich schaute mich daraufhin mal im Internet um und fand zunächst ein SEO-Blog, in dem ein Typ vorrechnete, man könne als selbständiger SEO-Berater locker auf 50.000 Euro Einkommen im Monat kommen. Keine Ahnung, ob das auch nur annähernd der Wahrheit entspricht. Falls ja, ist auch klar, wie die Chefs diese Gewinne erzielen: indem sie ihre Texter für einen Hungerlohn arbeiten lassen offenbar. In anderen Foren fand ich bestätigt, dass ein Cent wohl ein marktübliches Honorar für diese Art Texte zu sein scheint (es geht auch darunter; so gibt es auch eigene Plattformen im Netz, bei denen sich jeder anmelden und dann Texte schreiben kann, da fangen die Honorare teilweise noch niedriger an). Anscheinend gibt es ein ganzes Texter-Prekariat, das hauptsächlich aus Studenten, Hausfrauen u.ä. besteht, die, teilweise, um sich ein paar Euro dazu zu verdienen, teilweise auch als Hobby, ganze Webseiten zutexten, mit oberflächlichen, schnell zusammen gezimmerten Texten, die nur einen Zweck haben: ahnungslose Leute auf die Seiten von irgendwelchen Unternehmen zu locken.

Ich habe dann auch mal so einen Text gefunden, auf einer Seite, auf der Hotelbuchungen verkauft werden. Zwischen den ganzen Beschreibungen der Hotels in Venedig steht da dann so ein Text über Venedig, in dem in fast jedem Satz die Wörter Hotel und Venedig vorkommen: „Direkt neben Ihrem Hotel in Venedig finden Sie den Markusplatz. Von Ihrem Hotel in Venedig aus sollten Sie auch einmal dies und das besuchen…“

Mich wundert an diesem Vorgehen dreierlei: dass es Menschen gibt, die auf Dauer für so ein Honorar solche Texte schreiben, dass es Firmen gibt, die denken, mit solchen Tricks dauerhaft Kunden gewinnen zu können – und dass es Menschen gibt, die auf solche Tricks hereinfallen. Man wählt doch normalerweise auch bei Google die Treffer aus, auf die man dann drauf klickt – und wählt natürlich nur Adressen, die irgendwie seriös klingen, nicht solche, wo schon in dem Suchergebnis nur Dinge stehen wie: „Hotels in Venedig, Venedig Hotels, billige Hotels, Venedig Urlaub billig“.

Ich fand dann auch noch ein Blog, in dem sich Kommentatoren darüber aufregten, dass da solche Texter-Plattformen empfohlen wurden. Tenor der Kommentare war, dass man da auf Stundenlöhne von zwei Euro aufwärts käme. Ich finde dieses Angebot, das ich bekommen habe, auch unseriös: Normalerweise müsste einem ja mal gesagt werden, wie viele Wörter man überhaupt im Durchschnitt schreiben soll, wenn man schon pro Wort bezahlt werden soll. Im Übrigen glaube ich kaum, dass man tatsächlich mit zehn bis zwanzig Minuten pro Text hinkommt. Selbst für solche inhaltlich und stilistisch anspruchslosen Texte muss man ja erst mal irgendwo Infos herbekommen, und selbst wenn man sich das alles aus der Wikipedia raussucht, kostet das ja auch erst mal Zeit.

Zumal es da dann wohl wieder feste Regeln gibt, dass man nichts wörtlich abschreiben oder auch nur bestehende Texte Satz für Satz umformulieren darf, da das sonst von der Software als Plagiat gewertet und der Text vom Auftraggeber abgelehnt wird. Darüber hinaus ist es eigentlich eine Frechheit, einem so eine Arbeit überhaupt anzubieten, wenn man sich da mit Lebenslauf bewirbt, aus dem klar hervorgeht, dass man zwei Hochschulabschlüsse hat, davon einen in Journalismus.

Im Netz scheint es aber eine ganze Infrastruktur zu dem Thema zu geben, nicht nur die oben erwähnten Texter-Plattformen, sondern auch eigene Foren mit Stellenangeboten, Blogs etc. Eine wundersame Parallelwelt, die, von normalen Journalisten und gewöhnlichen Internet-Nutzern unbeachtet, vor sich hin mäandert – und immer neue sinnfreie Texte erzeugt, in denen Hobbygärtnerinnen über Pflanzen schreiben, Studenten die halbe Wikipedia umtexten und gewiefte Mittelständler 50.000 Euro im Monat verdienen, indem sie diese ausbeuten und das Internet zumüllen lassen.

Auf die BILD ist Verlass

Veröffentlicht: 15. September 2009 in Aus der Praxis, Online, Print
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Neulich habe ich für den epd einen Artikel geschrieben, der zwei meiner Lieblingsthemen kombinierte: Comics und Internet. Es ging also um Webcomics und u.a. stelle ich darin zwei deutschsprachige Zeichner vor, die ihre Comics im Internet veröffentlichen. Der Artikel erschien dann u.a. beim Hamburger Abendblatt Online und muss von irgendeinem Mitarbeiter der Saarbrücker Regionalausgabe der BILD gelesen worden sein. Da einer der interviewten Zeichner aus Saarbrücken kommt, nämlich Erik, der den sehr umfangreichen Webcomic „Deae ex machina“ publiziert, dachte sich der Mensch wohl, das wäre doch auch was für die BILD Saarbrücken. Also brachte diese am Wochenende einen Artikel über Erik und seinen Fantasy-Comic. Und was wählte BILD als Überschrift? „Vollbusige Heldinnen retten die Welt“! Ja, manche Klischees werden doch immer wieder bestätigt. Die Überschrift hätte ich beim epd natürlich nicht durch bekommen.

Der Fall des Autors Thomas Hürlimann, aus dessen FAZ-Artikel der „Perlentaucher“ zitierte, hat eine Diskussion über die Verträge ausgelöst, die die FAZ ihren freien Mitarbeitern aufnötigt. Die Zeitung hatte dem Web-Portal eine Rechnung über 590 Euro geschickt, weil sie ihr Copyright wegen des Zitats verletzt sah. Daraufhin meldete sich der Autor des Artikels, eben jener Hürlimann, zu Wort, und meinte, das Copyright für seinen Artikel läge ja wohl nach wie vor bei ihm, insofern könne der „Perlentaucher“ ruhig daraus zitieren. Dann fiel dem Autor aber wieder ein, dass er 2004 einen Rahmenvertrag mit der FAZ unterschrieben hatte, der sämtliche Rechte an den für sie geschriebenen Texten an den Zeitungsverlag abtritt.

Zufälligerweise dürfte das der gleiche Vertrag sein, den ich auch mal unterschrieben habe, bevor ich als studentischer Mitarbeiter bei der Internetredaktion jener Zeitung anfing. Wolfram Schütte nennt diesen einen Knebelvertrag – zu Recht. Räumt er doch dem Verlag das „ausschließliche zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkte“ Recht ein, die Artikel weiterzuverwenden, also etwa online zu veröffentlichen oder an Dritte weiter zu verkaufen. Mit anderen Worten heißt das, dass der Autor seinen eigenen Text nicht mal mehr an andere Zeitungen oder Online-Seiten weiter verkaufen kann, ohne den Verlag vorher um Erlaubnis zu fragen. Er hat nämlich schlicht und ergreifend alle Rechte an seinem eigenen geistigen Eigentum verloren. Die FAZ zeigt sich in dem Vertrag aber großzügig: „die dafür nötigen Nutzungsrechte werden wir Ihnen gerne einräumen, soweit dies die Verwertung der vorstehend eingeräumten exklusiven Nutzungsrechte nicht unbillig behindert“. Ob das der Fall ist oder nicht, entscheidet dann wohl der Verlag. Oder ein Gericht. Jedenfalls nicht der Autor, vermute ich mal sehr stark.

Ich hatte damals kein Problem, diesen Vertrag zu unterschreiben – obwohl mir diese unverhältnismäßige Rechteübertragung aufgefallen ist -, weil ich in dem Job sowieso keine eigenen Artikel schreiben sollte. Als Freier, der  Artikel zu überregionalen Themen schreibt, ist so ein Vertrag aber schlicht und ergreifend unzumutbar.

Der FAZ-Vertrag stellt sicher einen Extremfall dar, aber dass man als Freier dem Verlag das Recht zur Verbreitung seiner Artikel im Internet, in Datenbanken, Archiven etc. sowie zur Übertragung der Nutzungsrechte an Dritte automatisch erteilt, ohne im Einzelfall überhaupt noch gefragt zu werden und ohne einen zusätzlichen Cent dafür zu erhalten, ist eigentlich bei Zeitungen allgemeine Praxis. Wenn man dann seine eigenen AGB mitschickt, eben um ein solches Exklusivrecht auszuschließen, bekommt man von gut bezahlten fest angestellten Redakteuren mitgeteilt, das wäre doch eine Unverschämtheit, wenn man mit einer renommierten Zeitung wie ihrer ins Geschäft kommen möchte. Das ist halt die Klassengesellschaft im Journalismus. Wer eh schon keine Arbeitsrechte hat, braucht ja auch keine Urheberrechte mehr. Eine Wahl wird dem freien Mitarbeiter in der Regel gar nicht erst gegeben: Es stehen ja genügend andere Schlange, die sicher gerne bereit sind, zu deren Bedingungen für die angesehene Zeitung zu schreiben. Friss oder stirb.

Hier kann man nur Wolfram Schütte Recht geben: „Solange die Autoren sich nicht als Unternehmer in eigener Sache verstehen, also als Kapitalisten, und sich nicht weiterhin wie rekrutiertes Lumpenproletariat verhalten – solange ist nicht auszuschließen, dass die FAZ auch künftig ihre Leichte Kavallerie aus- & ins verhasste Perlentaucher-Reservat einrücken lässt.“

Ich habe das Gefühl, einige dieser digitalen Bohémians (Schreibt man das so?) beantworten gar keine E-Mails mehr. Wahrscheinlich ist ihnen das schon längst wieder zu old school, wie man in der Jugendsprache zu sagen pflegt(e). Ich stelle mir aber gerade die Reaktion vor, wenn ich einem Autraggeber mitteilen würde (natürlich per Telefon, Skype, Chat oder Twitter), ich hätte keine Mailadresse mehr, weil mailen doch eigentlich total 2007 wäre. Wahrscheinlich würden mich die meisten Redakteure dann fragen, ob ich denn wenigstens ein Faxgerät hätte. Oder Telex.

Dabei waren das doch im Grunde herrliche Zeiten, als E-Mails begannen, sich als Massenkommunikationsmedium durchzusetzen: Man schaute ein- bis zwei Mal pro Woche in sein Postfach, hatte vielleicht eine Handvoll neuer Nachrichten und schrieb dann ein paar Antworten, wofür man sich richtig Zeit lassen konnte. Also richtig viel Zeit natürlich auch wieder nicht, denn damals wurde ja noch pro Minute abgerechnet und die imaginäre Kostenuhr tickte immer im Hintergrund.

Dann kam die Zeit, wo jeder diverse Newsletter abonnierte und man wegen jedem Scheiß erst einmal einen Verteiler oder eine Yahoogruppe einrichtete („Wir sollen nächsten Monat ein Gruppenreferat an der Uni halten? Da mach ich erst mal ’ne Yahoogroup für uns auf, damit wir da rund um die Uhr alles absprechen können.“ ). Wenn man jetzt mal zwei Tage keinen Internetzugang in der Nähe hatte, wurde man beim nächsten Einloggen von Dutzenden von Mails erschlagen, die man über diverse Verteiler weitergeleitet bekommen hatte. Oder man wurde vorwurfsvoll angeguckt, wenn man zur Uni kam und die letzten zwanzig Diskussionsbeiträge noch nicht gelesen hatte. (Dabei bin ich nicht mal bei Facebook oder StudiVZ angemeldet, das hätte die Sache wahrscheinlich noch schlimmer gemacht.) Statt sich einfach mal eine Woche vor einem Referat in der Caféteria zu treffen, postete man als guter Student nun schon sechs Wochen vor dem Termin täglich irgendwelche Links, Arbeitsaufforderungen und Lesehinweise in seine Internetgroup. Das Referat wurde dadurch zwar meist nicht besser, es dösten nicht weniger Kommilitonen im Seminar vor sich hin, aber man hatte das Gefühl, unheimlich fleißig und super vorbereitet gewesen zu sein.

Und heute? Kommen E-Mails schon wieder aus der Mode, chatten die 14-Jährigen lieber mit ihren (realen und virtuellen) Freunden vor sich hin, und erfolgreiche Freiberufler twittern alle zwei Stunden (minimale Frequenz) aus ihrem Leben. Der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry („Peter’s Friends“, „Die Entdeckung des Himmels“) hat bei Twitter gut 139.000 Follower, also Menschen, die seinen Channel abonniert haben. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass nur ein paar Prozent von denen ihm auch ab und zu mal irgendwas antworten oder ihm eine Frage stellen, kann man sich ungefähr vorstellen, welcher „Communication-Overkill“ da auf Frys Handy bzw. in seinem Kopf herrscht. Wann kommt der Mann noch zum Arbeiten (und zum Bloggen, Video-Podcasten etc.)? Das Leben als A-Blogger, -twitterer, -podcaster ist wahrscheinlich ganz schön anstrengend. So, und ich melde mich jetzt bei GMX ab.

Die Seele an den Teufel verkauft

Veröffentlicht: 4. Februar 2009 in Aus der Praxis, Journalismus
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Das Blut … äh, die Tinte unter dem Vertrag ist noch frisch. In Web 2.0-Kreisen gelten Verwertungsgesellschaften ja gemeinhin als evil. Okay, vor allem natürlich die GEMA; wie das bei der VG Wort aussieht, weiß ich nicht genau. Cool ist es hingegen, alles unter einer Creative Commons-Lizenz zu veröffentlichen. Habe mich heute doch mal dazu durchgerungen, mich bei der VG Wort anzumelden, obwohl ich da mit jährlichen Einnahmen nicht über zehn Euro rechne. Was da an Papierwust durchgelesen und unterschrieben sein will, dessen Inhalt wohl nur ein Jurist bis ins Detail verstehen kann, ist unfassbar. Wenn ich’s richtig verstanden habe, muss ich aber nicht bei denen um Erlaubnis fragen, wenn ich meine eigenen Texte jetzt noch lesen will.

Zumindest hat dieser altehrwürdige „Verein kraft Verleihung“ (???) das Internet bereits entdeckt. Richtig skurril finde ich hingegen, wenn man sich bei einem Online-Portal um eine Stelle als Online-Redakteur nur per Postweg bewerben kann. Willkommen im 20. Jahrhundert!

Don Dahlmann antwortet auf den Offenen Brief eines frustierten freien Journalisten, den ich gestern hier verlinkt habe. Und es klingt so herrlich, wie der gute Don die Vorteile des Freiberuflerdaseins in höchsten Tönen lobpreist. Zum Schluss gibt er noch einige „Praxistipps“ für (angehende) Freie, die er wohl auch in Seminaren vermittelt. Das Problem daran: Bis auf einen (Mitglied in der Künstlersozialkasse werden) ist es mit dem Umsetzen dieser Tipps halt leider nicht so einfach. „Verlass dich nicht auf einen Auftraggeber“, gut und schön, aber woher andere Auftraggeber nehmen?

Meine Erfahrung nach knapp eineinhalb Jahren freiberuflicher journalistischer Tätigkeit: Ohne Vitamin B geht gar nichts. Kennst du keinen Redakteur persönlich oder über Empfehlungen, interessiert sich auch kaum jemand für deine tollen Themenvorschläge und Angebote. In 60 Prozent der Fälle bekommt man nicht einmal eine kurze Antwort per E-Mail, sei es auch nur eine Absage. Selbst von Redaktionen, für die man schon mal etwas geschrieben hat, bekommt man nicht unbedingt Folgeaufträge; und das muss nicht unbedingt daran liegen, dass die bisherige Arbeit für die so schlecht war. Oft heißt es dann einfach: „Wir sind grade voll mit Artikeln/Angeboten/Autoren“ oder „Unser Budget ist aufgebraucht“.

Bei der örtlichen Lokalzeitung kommt man als Freier vermutlich immer unter, aber von deren Zeilenhonoraren kann man nicht einmal seine Miete bezahlen, auch wenn man jeden Tag einen Artikel für die schreibt, geschweige denn seinen kompletten Lebensunterhalt. Die aufgewendete Arbeitszeit steht zudem in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu den gezahlten Honoraren. Und davon, dass man sich da die Themen aussuchen könnte bzw. über Themen schreiben kann, die einem selbst Spaß machen, kann da auch keine Rede sein. Die wollen halt flexibel einsetzbare Lohnschreiber, die auch kurzfristig von Termin zu Termin hüpfen und nicht weiter nachfragen, ob es da um Karnevalssitzungen, Grundschulfeste oder Baustelleneröffnungen durch den Bezirksvorsteher geht.

Wirklich leben kann man mMn von der journalistischen Arbeit von Zuhause aus nur, wenn man entweder

– regelmäßig für große Publikums- (oder auch Fach-) Zeitschriften schreiben kann; Titel wie „Capital“, „Stern“ oder „Apotheken-Umschau“ zahlen sicher immer noch hervorragende Honorare. Mit zwei mehrseitigen Geschichten pro Monat hat man da sicher schon finanziell ausgesorgt. Aber entsprechend schwierig bis unmöglich ist es auch, ohne Beziehungen von solchen Premium-Magazinen Aufträge zu bekommen.

oder

– es tatsächlich schafft, regelmäßig dieselben Artikel in leicht veränderter Form an zehn verschiedene Zeitungen zu verkaufen. Angeblich soll es Journalisten geben, bei denen das so läuft (zumindest habe ich mal einen solchen getroffen). Der schrieb angeblich einen Artikel pro Woche und verbrachte den Rest der Woche damit, diesen an zehn bis zwanzig verschiedene Tageszeitungen bundesweit zu verkaufen. Abgesehen davon, dass sich dadurch der Anteil der journalistischen Arbeit an der Gesamtarbeitszeit auf ein Fünftel pro Woche verringert, habe ich keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Wie gesagt: Ich bekomme meistens nicht einmal eine Antwort, wenn ich eine Mail an irgendeinen, mir persönlich nicht bekannten Zeitungsredakteuer schicke.

– die dritte Möglichkeit: für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten, als Reporter oder freier Korrespondent für ein bestimmtes regionales Berichtsgebiet (westlicher Odenwald, Niederrhein oder was auch immer): die Anstalten zahlen gute Honorare, man ist sozial einigermaßen abgesichert, da es auch für Freie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub gibt, und der Auftraggeber bezahlt den halben Sozialversicherungsbeitrag, wie bei einer Festanstellung. Rundfunkanstalten in Deutschland sind halt in erster Linie Anstalten, also Behörden, und da geht alles seinen geregelten Gang. Und wenn’s doch mal Ärger gibt, schaltet man den Personalrat ein. Problem: Ohne Vitamin B läuft wieder nichts, weil so einen Auftraggeber natürlich jeder haben will. Zweites Problem: Wenn man keine „schöne Radiostimme“ hat, hat man meistens schon verloren.

Auch ich habe den Traum noch nicht aufgegeben, in ein paar Jahren ein glückliches Freiberuflerleben führen zu können, im Sommer mit meinem Laptop im Park zu arbeiten oder Moccachino schlürfend im Straßencafé. Oder die Katze zu streicheln, weährend ich am heimischen Schreibtisch wieder mal an einer Riesenstory für ein Hochglanzmagazin mit 200.000er Auflage schreibe. Bis dahin lebe ich weiter hauptsächlich von der Stütze und rechne, wenn ich ein Angebot verschicke, schon gar nicht mehr mit einer Antwort.

Einen Tipp von Don Dahlmann halte ich aber wirklich für befolgenswert, und zwar seinen letzten:

Schreibe über das, was Dir Spaß macht, suche die Themen, die Dich interessieren, aber über die kaum bis wenig geschrieben wird. Es ergibt keinen Sinn, wenn man über Dinge schreibt, nur weil sie gerade aktuell erscheinen, man selber sich aber nicht [die] Bohne dafür interessiert.

Überschrift: bei Harald Schmidt geklaut