Archiv für die Kategorie ‘Bücher’

Neuer Artikel erschlumpft

Veröffentlicht: 10. Juni 2011 in Aus der Praxis, Bücher, Film
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Vor einigen Monaten habe ich aus beruflichen Gründen alte „Schlümpfe“-Comics gelesen. Und das ist dabei heraus gekommen.

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Nach mehreren Erzählbänden und zwei Romanen, von denen einer wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts verboten wurde, legte Maxim Biller zuletzt eine Art Autobiografie vor, auch wenn sein Buch den Untertitel „Selbstporträt“ trägt. Ohne erkennbare Chronologie erzählt Biller aus verschiedenen Phasen seines bis dahin knapp 50-jährigen Lebens: von den Anstrengugen, ein Schriftsteller zu werden, von seiner Zeit an der Journalistenschule in München, von Praktika bei der FAZ und der Zeit, von Besuchen in Israel, seiner exzentrischen Familie, den 80er Jahren in Münchener Szenekneipen und Frankfurter Discos.

Wir werden Zeuge von einschneidenden gesellschaftlichen Ereignissen wie der Uraufführung von Fassbinders provokantem Theaterstück über jüdische Immobilienspekulanten sowie von Billers Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen wie Henryk Broder und Marcel Reich-Ranicki. Vor allem aber haben wir Teil an den hochtrabenden Ambitionen, an den Selbstzweifeln und den Hindernissen des jüdischen Emigranten mit mehrfach emigrierten Eltern, der sich nirgendwo richtig zuhause fühlt. Schon gar nicht in Deutschland, in das er als Zehnjähriger gekommen ist und in dem er, egal was er tut und wie er sich verhält, immer als Jude definiert wird.

Ob ein Mitschüler ihm zuflüstert, man hätte ihn auch in einen Ofen stecken sollen, oder der Tempo-Chefredakteuer ihn mit der legendären „1oo Zeilen Hass“-Kolumne in eine Biller unliebsame Tradition jüdischer literarisch-journalistischer Stänkerer zwängt: Immer gibt man ihm zu verstehen, dass er ein Sonderling ist, einer der eigentlich gar nicht hier sein sollte, besser in Israel.

Zugleich sind seine Träume wie auch seine Ängste universell, es sind die Träume und Ängste jedes jungen Menschen, der sich künstlerisch ausdrücken will und auf dem Weg zur Anerkennung mit den Vorbehalten anderer ebenso kämpfen muss wie mit seinen eigenen Selbstzweifeln. Es ist erstaunlich, wie universell übertragbar Erfahrungen manchmal sind. Ich habe mich in einigen Stellen sehr wiedergefunden. Etwa, wenn Biller über seine Journalistenschule schreibt:

„Ich saß von neun bis fünf, von Montag bis Freitag hinten rechts in einem langen, engen, niedrigen Raum, in dem auch tagsüber Neonröhren brannten, und ich hatte mit fast jedem in diesem Raum ein Problem. Das war im Herbst 1983 so, und im Frühjahr 1984 war es immer noch so… “

Über seine Mitschüler: „So jung und schon so viel Angst vor Schwierigkeiten! Nach dem Unterricht liefen sie nach vorn, wo der Chefredakteur des Stern oder des FAZ-Magazins saß, und fragten nach der Telefonnummer. Aber als es darum ging, bei welcher Zeitung sie später das Praktikum machen würden, entschieden sie sich für Kiel oder Nördlingen.“

Neben der Genauigkeit solcher Beobachtungen ist es vor allem die knappe, pointierte Sprache Billers, die fasziniert. Er bringt die Dinge schnörkellos auf den Punkt, egal ob es sich um das Szeneleben im München und Frankfurt der 80er Jahre handelt oder um die verschiedenartigen Wege von Holocaust-Überlebenden, mit dem Unfassbaren umzugehen. Mit bissiger Ironie spart er dabei nicht. Als die Mutter einer Freundin während der Fassbinder-Aufführung aus Protest die Bühne stürmt und sich dabei den Rock aufreißt, läßt Biller ihre Tochter sagen:

„Jemand fragte sie, ob ihr das nicht unangenehm sei, und sie sagte, nein, nein, unangenehm war, als ich meinen Jaczek mit meiner Schwester erwischt habe, und Dora-Mittelbau war auch nicht schön.“

Man hat Biller oft Arroganz und Zynismus vorgeworfen und tatsächlich kommt er in Talkshows und Interviews manchmal so rüber. Wer seine Bücher kennt, weiß aber, dass das zu kurz gegriffen ist. Hinter der oft herablassenden Fassade verbirgt sich ein großer Melancholiker. Das Selbstporträt gipfelt in einigen Sätzen, die ich auch über mich selbst hätte schreiben können:

„Ich bin kein Pessimist. Aber als Realist lebe ich mit dem Gedanken, dass alles egal ist, weil wir sowieso sterben werden. Trotzdem sollten wir gut sein, denke ich, damit jeder, der nach uns kommt, in einer Welt zu Hause sein kann, in der er so lange glücklich ist, bis auch er versteht, dass er sterben wird. Darum sage ich viel zu oft, dass mir etwas nicht gefällt. Wenn ich aber etwas mag – ein Lied, einen Menschen, eine politische Idee -, schreie ich vor Freude.“

Sagen wir es so, an einigen Stellen dieses Buches hätte ich fast vor Freude geschrien.

Maxim Biller: „Der gebrauchte Jude. Selbstporträt.“ Fischer Taschenbuch Verlag 2011. 176 Seiten, 9,95€.

Bücherfragebogen (III)

Veröffentlicht: 14. November 2010 in Bücher

21. Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Während der Schulzeit war eigentlich keins so richtig blöd, aber da eine Hochschule ja irgendwo auch eine Art Schule ist (und meine hieß damals ja sogar noch Gesamthochschule, was eh die meisten mit Gesamtschule verwechselt haben): Thomas Mann: „Die Buddenbrooks“. Selten so was langweiliges gelesen: allein das erste Kapitel, in dem über 50 Seiten die Weihnachtsfeier einer Familie in allen Einzelheiten geschildert wird, einschließlich des kompletten Textes der gesungenen Weihnachtslieder, verleidet einem schon jegliche Lust, weiter zu lesen. Muss auch gestehen, dass ich’s, obwohl ich eine Prüfung dazu schreiben musste, nicht ganz bis zum Ende geschafft hab.

22. Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat

Knapper Sieger ist hier „Schattenlichter“ (s. Teil I) mit 888 Seiten vor „Kavalier & Klay“ und zwei Romanen von Günter Grass („Ein weites Feld“ und „Die Blechtrommel“). Kurioserweise habe ich, als ich „Schattenlichter“ neulich nochmal gekauft habe, um es einem Freund zu schenken, festgestellt, dass es in der neuen Auflage noch dicker ist, obwohl es exakt genauso viele Seiten hat wie die alte Auflage. Denkt mal drüber nach, wie das möglich ist!

23. Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat

Cees Nooteboom: „Mokusei! een liefdesverhaal“ in der niederländischen Taschenbuchversion (61 Seiten + eine Seite japanische wordenlist). War das erste Buch, an das ich mich in Niederländisch ran getraut habe, damals während meines Auslandssemesters. Später habe ich dann noch ein paar dickere gelesen, zuletzt in einem Anfall von Größenwahn Harry Mulischs „Die Entdeckung des Himmels“.

24. Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest/gelesen hast

Schwierig, bei Filmen oder TV-Serien würd mir da eher was einfallen. Wenn ich ein wenig mogele, würd ich sagen: Jürgen Trimborn: „Rudi Carell“. Diese Biografie habe ich aber gar nicht zuende, sondern nur angelesen. Und das auch nur deshalb, weil ich’s kostenlos bei einer Praktikumsstelle mitnehmen konnte.

25. Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt

„Die Netzflickerin“ (s. Teil I) oder wie der trefferende Originaltitel lautet: „De nakomer“ (Der Nachkömmling). Hauptsächlich wegen eines Satzes, den ich grad aber nicht wiederfinde, der Selbsterkenntnis des gealterten Apothekers Roemer Simon Minderhout, dass er nicht so jovial und zugänglich ist wie sein Vater es war, sondern eher verschlossen.

Bücherfragebogen (II)

Veröffentlicht: 11. November 2010 in Bücher
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11. Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst

Gibt’s keins.

12. Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/… empfohlen bekommen hast

Ein Roman, von dem mir eine Freundin erzählt hat und von dem ich weder vorher noch nachher irgendwas gehört hab: Theodore Roszak: „Schattenlichter“. Das klang allerdings thematisch so interessant, dass ich mir den unbedingt holen musste. Ein ziemlich dicker Wälzer über einen Filmstudenten, der immer tiefer in ein Geheimnis ungeheuren Ausmaßes verstrickt wird, das nicht nur die gesamte Filmgeschichte revidiert, sondern im Grunde die gesamte Geschichte. Fängt wie ein völlig abgedrehter Film à la „Wonder Boys“ an, mit skurriler Situationskomik, wird dann immer mehr zum Thriller, um als relativ sensationsheischende Verschwörungsgeschichte à la Dan Brown zu enden. Zumindest stelle ich mir den so vor, nicht dass ich mal was von ihm gelesen hätte.

Das Ende war mir etwas zu effekthascherisch, auch ziemlich vorhersehbar, aber über zwei Drittel war der Roman wirklich sehr fesselnd und unterhaltsam. Kann ich auf jeden Fall jedem empfehlen, der sich für Filme begeistert. Und Orson Welles kommt auch drin vor.

13. Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst

Ist jetzt nicht besonders originell, aber „Per Anhalter durch die Galaxis“ war schon sehr witzig. Sonst lese ich eigentlich selten Bücher, die lustig sein sollen (noch weniger als ich mir Filme angucke, die man als Komödien bezeichnen könnte). Bei Comics finde ich fast alles von Trondheim sehr lustig, am lustigsten vielleicht seinen neuen „Die erstaunlichen Abenteuer ohne Herrn Hase“-Band „Endkrass“.

14. Ein Buch aus deiner Kindheit

Außer dass ich „Die drei ???“ und „TKKG“ gesammelt hab (und zeitweise auch „Hanni und Nanni“, man musste sich ja schließlich frühzeitig über die „andere Seite“ informieren), habe ich damals so ziemlich alles aus der Bücherei nach Hause getragen, was die so hergab. Besonders positiv in Erinnerung geblieben sind mir „Die Mumins“ von Tove Janson. Einen der Romane habe ich mir vor ein paar Jahren auch noch mal als Taschenbuch gekauft. Die Bücher (und die Comics) kann man im Gegensatz zu den diversen TV-Serien auch als Erwachsener noch goutieren, da man dann ganz andere Sachen darin erkennt als Kinder.

15. Das 4. Buch in deinem Regal von links

Kommt natürlich auf das Regal an. Also hier z.B.: Wim Wenders: „Emotion Pictures. Essays und Filmkritiken“. Eine Sammlung seiner frühen Filmkritiken, die er, bevor er selbst Regisseur wurde, für verschiedene Zeitschriften geschrieben hat, hauptsächlich für die legendäre „Filmkritik“. Habe ich in einem Amsterdamer Antiquariat entdeckt, als ich das erste Mal in der Stadt war. Das Schöne an dem Buch ist, dass Wenders genauso schreibt wie er Filme dreht (manche halten das jetzt wahrscheinlich für einen Grund, das Buch nicht zu lesen): persönlich, reflektierend, immer den großen Kontext suchend. So kann es schon mal passieren, dass er in einer Filmkritik erst mal eine Seite lang Chandler zitiert oder über irgendwelche LPs schreibt, die ihn damals beschäftigt haben, bevor er zu dem eigentlichen Film kommt.

Interessant ist an solchen Sammlungen älterer Filmkritiken natürlich auch immer zu sehen, wie Filme, die heute als große Klassiker gelten, zur Entstehungszeit bewertet wurden. So hielt etwa Wenders‘ Kollege Hans C. Blumenberg Star Wars schon 1977 für den Untergang des Kinos. Wenders war schon in den 70ern von „Easy Rider“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ begeistert (von ersterem u.a. deshalb, weil der Film seine Lebenssituation und die seiner Bekannten adäquat spiegele, er würde auch jemanden kennen, der wegen nichts im Knast gesessen hatte).

Interessant ist rückblickend auch, was Wenders zum Zustand der deutschen Filmkritik und des deutschen Films zu sagen hatte (die Texte stammen aus den frühen 70ern, also noch vor dem Aufkommen des Neuen Deutschen Films). Oder zur Filmindustrie. Ein Text trägt den Titel „Verachten, was verkauft wird“ und beschreibt desillusionierend Wenders‘ Eindrücke aus einem Job bei einer Verleihfirma. Dann finden sich in dem Buch auch wiederholt schöne Sätze wie „Kino ist mehr als die Industrie, die Filme produziert“. Und den Artikeltitel „Ein Genre, das es nicht gibt“ hab ich auch schon mal für einen eigenen Text geklaut, allerdings über ein anderes Genre.

16. Das 9. Buch in deinem Regal von rechts

Paul Auster: „Smoke & Blue in the Face. Zwei Filme“. Ist genau das drin, was draufsteht, nämlich die beiden Drehbücher. Bzw. beim zweiten Film das Transkript, weil die da gar kein Drehbuch hatten, sondern fröhlich improvisierten. Hab ich mal zum Geburtstag geschenkt bekommen.

17. Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen

Robert McLiam Wilson: „Eureka Street, Belfast“, noch so ein Roman, von dem ich nie was gehört hätte, wenn es mir nicht ein Freund zum Geburtstag geschenkt hätte. War gut, aber ich kann mich nicht mehr an viel erinnern.

18. Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt

Keine Ahnung, ich kauf hauptsächlich Taschenbücher, die meistens keine besonders schönen Cover haben (abgesehen davon, dass ich das alte Design der Suhrkamp-Taschenbücher generell sehr schön finde, aber die haben ja das Sakrileg begangen, das nach 50 Jahren zu ändern, die Schweine). Comicalben hingegen haben meistens schöne Cover, da will ich mich nicht auf ein bestimmtes festlegen.

19. Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest

„Krieg und Frieden“. Nachdem ich dieses Jahr endlich mal „Anna Karenina“ gelesen habe, das ich wahrscheinlich schon fast genauso lange lesen wollte, und auch ziemlich gut fand, schaffe ich es vielleicht doch noch in diesem Leben, mich an „Krieg und Frieden“ ran zu wagen.

20. Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Max Frisch: „Homo faber“ (war übrigens dank meiner Deutschlehrerin auch mein erstes Suhrkamp-Taschenbuch). Knapp gefolgt von dem anderen großen Schweizer: Friedrich Dürrenmatt: „Der Verdacht“.

Legion der Super-Haustiere

Veröffentlicht: 8. November 2010 in Bücher, Film
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Zum 75. Geburtstag von DC Comics hat der Taschen Verlag ein unglaublich großes und unglaublich teures Buch über deren Verlagsgeschichte rausgebracht. So etwas nennt man wohl Coffe Table Book. Wobei ich mich frage, wer einen so großen Couchtisch hat und wer so viel Platz im Buchregal. Jedenfalls hab ich das Ding neulich mal durchgeblättert und da gibt es schon viele witzige Sachen zu entdecken. Innerlich gelacht habe ich z.B. bei einem Szenenfoto aus dem ersten Batman-Serial, das damals noch als Vorfilm-Serie fürs Kino produziert wurde. Wer dachte, Adam West und Burt Ward (hieß der so?) hätten in der 60er-Jahre-TV-Serie bescheurte Batman- und Robin-Kostüme getragen, sollte sich mal die Kostüme dieser Kinoserie angucken. Am skurrilsten fand ich aber, dass in den 60ern auch diverse Tiere die gleichen Superkräfte bekamen wie Superman: Von Krypto, dem Superhund, hatte ich ja schon mal gehört, aber es gab wohl auch noch ein Superpferd, eine Superkatze, einen Superaffen und dann auch noch eine Superkuh oder so was in der Art. Zusammen bildeten diese – haltet euch fest – die „Legion of the Superpets“. Buahaha. Also, wenn sich die Verantwortlichen bei DC weiterhin fragen, wie sie dem Erfolg der Marvel-Verfilmungen endlich mal etwas Adäquates entgegensetzen können, hier wäre die einschlagende Idee! Es gab übrigens auch mal ein Bat-Baby, aber das möchte ich jetzt wirklich in gnädiges Schweigen hüllen.

Bücherfragebogen (I)

Veröffentlicht: 31. Oktober 2010 in Bücher
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Ok, ihr habt mich doch noch gekriegt:

1. Das Buch, das du zurzeit liest:

Tja, eigentlich nix, nachdem ich „V.“ vor Kurzem endgültig aufgegeben hab. Meinen ersten Pynchon („Die Versteigerung von No. 49“) fand ich hervorragend, meinen zweiten („Vineland“) immer noch sehr gut, aber „V.“ halte ich mehr oder weniger für unlesbar. Nach der Hälfte, etwa 250 Seiten, wusste ich immer noch nicht, um was es eigentlich gehen sollte, es passiert im Grunde nichts, jedenfalls nichts, was irgendeinen zusammenhängenden Sinn ergeben würde, und zwischendurch wird die Haupthandlung immer wieder für 50-80-seitige Sprünge hundert oder 200 Jahre zurück unterbrochen. Diesmal konnte mich auch die Sprache nicht so stark packen, dass ich durchgehalten hätte.

2. Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst:

Keine Ahnung. Vielleicht erscheint ja endlich mal der neue „Spirou“-Band von dem neuen Autorenteam auf Deutsch, der schon einmal verschoben wurde.

3. Dein Lieblingsbuch:

Max Frisch: „Homo faber“ – Ein großartiges Werk über die menschliche Natur. Mehr braucht man dazu eigentlich gar nicht zu schreiben. Der Roman ist im Grunde makellos, man könnte ihm höchstens vorwerfen, etwas überkonstruiert zu sein, was ich ihm aber gerne verzeihe.

4. Dein Hassbuch:

John Niven: „Kill your friends“ – Zumindest das Ärgerlichste, was ich in den letzten Jahren so gelesen habe. Sowas gilt heutzutage wohl als Kultbuch. Eine unangenehme Mischung aus Brett Easton Ellis und Nick Hornby, nur dass der Niven überhaupt nicht schreiben kann. Er versammelt alle Klischees, die man über die Musikindustrie so im Kopf hat (Koks, Nutten und Alkohol) und verbindet sie mit einer menschenverachtenden und sexistischen Weltsicht und einer völlig unmotivierten, dafür aber auch noch unnötig brutalen Thrillerhandlung. Spätestens ab der Hälfte wiederholt er sich nur noch, hält sich selbst aber für ungeheuer provozierend und cool. Dabei ist das Buch weder wirklich witzig, noch hat es irgendeine Aussage. Was Niven dem Musikbusiness vorwerfen will, nämlich zynisch zu sein, trifft vor allem auf ihn selbst zu. Ein Buch, das negative Gefühle erzeugt und unangenehme Bilder im Gehirn festsetzt. So etwas möchte ich eigentlich nicht lesen.

5. Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest:

Hm, ich muss wohl nochmal  mit Frisch kommen. „Homo faber“ kann man natürlich auch immer wieder lesen, noch besser trifft das aber auf „Montauk“ zu, eine Erzählung, die eigentlich eine kaum versteckte Autobiografie ist. Die Erzählung eines Wochenendes mit einer wesentlich jüngeren Geliebten auf der Halbinsel bei New York bildet den Rahmen für eine Rückschau Frischs auf wichtige Stationen seines Lebens: seine verschiedenen Berufe, Wohnorte, die Beziehung zu seiner Tochter, vor allem aber natürlich auf die Frauen, die in seinem Leben wichtig waren.

Ein Buch voller Melancholie über verpatzte Chancen und vergangenes Glück, voller Selbstzweifel auch, reich an klugen Gedanken und zitierfähigen Sätzen. Wunderbar etwa, wenn Frisch ohne Anlass über den besten Weg nachdenkt, sich umzubringen („Immer wieder in meinem Leben habe ich grundlos an Selbstmord gedacht.“). Bei der Besichtigung eines alten Bauernhauses im Tessin, das er kaufen möchte, denkt er, alleine könne er da nicht wohnen, er sieht schon die Dachbalken, an denen er sich aufhängen würde. Nebenbei erfahren wir einiges Interessante über seine Schriftstellerei, über seine Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, und was an „Homo faber“ alles autobiografisch ist (nämlich allerhand).

6. Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht):

So ausufernde dicke Schinken wie Michael Chabons „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. Fand ich zwar ziemlich gut (vor allem die erste Hälfte), muss ich aber echt nicht nochmal durchackern.

7. Ein Buch, das dich an jemanden erinnert:

Alan Posener: „John Lennon“ – Die Rowohlt-Bildmonografie war die erste, die ich über Lennon gelesen habe, etwa zeitgleich mit einem meiner damals besten Freunde, der auch ein großer Beatles-Fan war. Und der damals in seinem jugendlichen Rebellentum meinte, ein Exemplar des Taschenbuchs aus der Stadtbibliothek klauen zu müssen.

8. Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert:

Maarten ‚t Hart: „Die Netzflickerin“ – Hab ich hauptsächlich gekauft, weil die ersten Kapitel in Groningen spielen (und weil es eine Art Prequel zu seinem wunderbaren „Das Wüten der ganzen Welt“ ist). Jedenfalls wird die Hauptfigur in seinem Elternhaus unweit der Martinikerk (dem Wahrzeichen der Stadt, in der ich mein Auslandssemester verbracht habe) geboren. Leider ziehen seine Eltern dann schon bald mit ihm in die Nachbarprovinz Drenthe, kehren aber noch ab und zu in ihre Heimatstadt zurück (wenn sie samstags „in die Stadt“ fahren, da es im Umkreis von Groningen keine wirkliche Großstadt gibt, deshalb ist da heute auch so viel los, glaube ich).

Ansonsten erinnert mich natürlich die ganze zweite Hälfte von der „Blechtrommel“ an Düsseldorf, aber das zählt ja nicht so richtig, weil ich ja selbst hier bin.

9. Das erste Buch, das du je gelesen hast:

Vermutlich irgendein Bilderbuch, weiß jetzt aber echt nicht, welches. Deshalb vielleicht mal das erste „Erwachsenenbuch“, das ich gelesen habe. Und das dürfte gewesen sein: James Kahn: „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ – Yeah! Das hab ich so mit Neun gelesen, in meiner fanatischen Star Wars-Phase. Ich kannte die Filme damals noch nicht, sammelte aber dank eines Grundschulfreundes schon eifrig Star Wars-Actionfiguren und entdeckte dann nach und nach auch die Comicalben, die Romane und sonstigen Schnickschnack. Dank dieses Buchs zum Film wusste ich dann zumindest mal, was im dritten Teil der Trilogie überhaupt passiert war, die Vorgeschichte aus den ersten beiden Teilen erfuhr ich dann erst später.

10. Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin:

Da ich nicht schon wieder mit Frisch kommen will, ein Buch meines Lieblings-Comicautoren Frank Miller: „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“. Steht hier noch in der ersten Carlsen-Ausgabe im Regal. Wahrscheinlich auch mein Lieblingscomic ever, obwohl ich ja eigentlich mehr auf frankobelgische als auf amerikanische stehe. Diese frühe graphic novel ist allerdings ganz großes Kino. Miller hat damit nicht nur den Batman-Boom der späten 80er/frühen 90er ausgelöst, sondern auch den gesamten US-Comic revolutioniert.

Er dekonstruiert hier im Grunde die ganze Batman-Figur und den DC-Kosmos drumrum gleich mit: Batman ist ein fanatischer alter Reaktionär geworden, Robin ein Teenagermädchen, Superman ein tumber Hilfspolizist im Auftrag Ronald Reagans, der Batman ausschalten soll, weil der nicht mehr in die Zeit passt. Zwischendurch kämpft Supie für die USA als Supersoldat in einem Stellvertreterkrieg gegen die Sowjetunion (die es zum Entstehungszeitpunkt des Comics noch gab) und muss die Erde vor dem atomaren Holocaust retten, weil irgendein Politiker den falschen Knopf gedrückt hat. Währenddessen kämpft Batman gegen Faschisten, Jugendbanden und natürlich gegen seine größten Feinde aus vergangenen Tagen, von Two-Face bis zum Joker. Vor allem kämpft er aber gegen die öffentliche Meinung, heuchlerische Politiker und die Polizei, die ihn nach der Pensionierung seines alten Protegés Comissioner Gordon gnadenlos jagt. Eine Nebenhandlung dreht sich darum, wie dieser versucht, mit seiner Pensionierung fertig zu werden.

Eine sehr tiefe Erzählung, voller bissiger Medien- und Gesellschaftkritik, mit einer ambivalenten Hauptfigur und vielen Anspielungen auf das DC-Universum. Kann man aber auch als eigenständiges Werk lesen, ohne jemals eine andere Batman-Geschichte gelesen oder gesehen zu haben. Leider hat weder Miller selbst noch einer der diversen Filmregisseure es danach geschafft, in ihren diversen Batman-Versionen an dieses Meisterwerk anzuknüpfen.

Was man aus Comics lernen kann (I)

Veröffentlicht: 29. Mai 2010 in Bücher
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Die erste demokratische Republik der Neuzeit wurde von Piraten auf Madagaskar gegründet.

gelernt durch: Lewis Trondheim / Appollo: „Insel Bourbon 1730

Nachdem mich sein dünnster Roman angefixt hat, wollte ich mir heute Thomas Pynchons „Vineland“ besorgen, der mich thematisch von seinen anderen Romanen am meisten anspricht. Nun sollte man denken, dass es in einer Großstadt wie Düsseldorf kein Problem sein sollte, ein noch lieferbares Buch eines recht bekannten Schriftstellers zu bekommen. Die Stadtbücherei hat ihn nur auf Englisch, was ich schon einigermaßen skurril finde. Mein Weg führte mich also durch mehrere große und kleine Buchhandlungen.

Während die großen gar keinen Pynchon haben (außer der Stern-Verlag, aber da brauchte ich nicht zu suchen, denn die hatten „Vineland“ vor ein paar Tagen nicht, als ich „Die Versteigerung…“ dort kaufte), findet sich in den kleineren, eher auf Literatur spezialisierten Läden zwar einiges von ihm, aber ausgerechnet der eine Roman, den ich suche, natürlich nirgends. Seinen letzten, auf Deutsch noch nicht erschienenen, hab ich hingegen gleich zwei Mal im US-Original-Hardcover gesehen. Am Skandalösten find ich aber echt, dass ein riesiger Laden wie die Mayer’sche gar nichts von ihm da hat. Der Thalia hier ist eh so unglaublich schlecht sortiert, dass ich mich wundere, wie die Marktführer in Deutschland werden konnten. Da gibt’s mehr Krimis als andere Belletristik, und anscheinend auch mehr Geschenkartikel und Schreibwaren als Bücher, wie heute der Mitarbeiter bei BiBaBuZe treffend meinte, bei dem ich „Vineland“ dann schließlich bestellt habe.

Toll ist bei Thalia auch die Comic“abteilung“. Die besteht aus einem Regalfach unter „Humor“. Frei nach dem Motto: Comic kommt von Komik, muss also lustig sein. Entsprechend finden sich dort nur die üblichen Verdächtigen wie Asterix, Disney und Garfield, und eine Riesenauswahl von „Tim und Struppi“ (2 Stück) und „Lucky Luke“ (3 Stück). Das genaue Gegenteil zu diesem Comicangebot (und den Bestseller- und Klassiker-Gesamtausgaben, die sich im Stern-Verlag reihen), habe ich heute in der Literatur-Buchhandlung im Heine-Haus auf der Bolker Straße entdeckt: Die haben fast nur Sachen von den progressiven Verlagen wie Reprodukt, Avant & Co., dazu noch Graphic Novels von größeren Verlagen, aber kein Asterix, kein Donald Duck, überhaupt keine Bestseller, eher alles, was mir weitgehend unverkäuflich erscheint (was durchaus als Qualitätskriterium zu verstehen ist). Eine leicht skurrile Warenpräsentationspolitik, aber eine recht sympathische (Am liebsten wäre mir natürlich, man würde sowohl gute mainstreamige als auch progressive Comics im gleichen Laden finden.). Also, falls ihr mal in Düsseldorf einen Kunschtcomic sucht, schaut in der Altstadt vorbei.

Thomas Pynchon gilt ja immer als der heißeste Literaturnobelpreiskandidat, der ihn wahrscheinlich doch nie bekommen wird, außerdem als der nach Salinger geheimnisumwobenste US-Schriftsteller der Gegenwart (seit Salingers Tod dürfte er diesen Titel jetzt exklusiv haben) und gemeinhin als schwer bis unlesbar. In den USA zählt er praktisch zur Popkultur, tauchte auch in mehreren Folgen der „Simpsons“ auf, wo seine Figur eine Papiertüte über dem Kopf trug, da es seit den 50er Jahren keine neueren Fotos mehr von ihm gibt, und deshalb niemand weiß, wie er heute aussieht.

„Die Versteigerung von No. 49“ ist sein zweiter Roman (von 1967), und außerdem sein dünnster. 200 Seiten, die man schnell weg gelesen hat, reichen ihm allerdings, eine ganze Welt zu erschaffen, wozu die meisten anderen Gegenwartsautoren mindestens die vierfache Seitenzahl brauchen würden. Und was für eine verrückte Welt das ist!

Alles beginnt, scheinbar harmlos, damit, dass Oedipa Maas überraschend zur Testamentsvollstreckerin eines verblichenen Ex-Liebhabers ernannt wird. Dieser Geschäftsmann mit dem unaussprechlichen Namen Pierce Inverarity stellt sich als Dagobert Duck ebenbürtiger Anhäufer von Besitztümern und Unternehmen heraus. Bei ihrem Versuch, in dem kleinen kalifornischen Ort San Narciso Herr bzw. Frau seiner Vermögensverhältnisse zu werden, entdeckt Oedipa nach und nach merkwürdige Zeichen und Hinweise für eine Untergrundbewegung, die seit fünfhundert Jahren in Europa und später in den USA ihr Unwesen zu treiben scheint.

Das Mittel, das diese benutzt, um sich den herrschenden Verhältnissen entgegen zu stellen, ist ausgerechnet die Postbeförderung, die in den USA (zumindest in den 60ern) noch staatlich monopolisiert ist. Einmal dafür sensibilisiert, stößt Oedipa nun überall auf die Zeichen der Trystero-Bewegung: plump gefälschte Briefmarken, gedämpfte Posthornsymbole auf Klowänden und Ansteck-Buttons, mysteriöse Postboten, die Briefe aus als Mülleimer getarnten Kästen mit der Aufschrift W.A.S.T.E. einsammeln, was nicht etwa für „Müll“ steht, abweichende Verse in shakespeareesken Dramen aus dem 17. Jahrhundert usw. usf.

Außerdem begegnen ihr die unglaubwürdigsten Gestalten, angefangen von Ingenieuren, die glauben, das perpetuum mobile wäre bereits erfunden, über Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für Anonyme Verliebte bis zu Leuten, die in einem Club für elektronische Musik abhängen und den bewaffneten Kampf vorbereiten. Da verwundert es auch nicht mehr weiter, dass ihr Psychiater glaubt, der israelische Geheimdienst werde ihn bald verschleppen, und ihr Ehemann LSD-süchtig wird. Je mehr sich Oedipa aber in die anscheinende Weltverschwörung hinein steigert, desto unklarer wird, ob sie sich all diese Zusammenhänge nur einbildet, ob ihr jemand einen Streich spielen will oder ob sie tatsächlich einem Geheimnis von unvorstellbarem Ausmaß auf der Spur ist.

Was haben die Amis bloß mit ihrem Postwesen? In „The Postman“ stand die Briefbeförderung für die Hoffnung auf Wiedererrichtung der Demokratie und der Republik, bei Pynchon bedienen sich Rebellen ihrer, die eine ganz andere Gesellschaft erkämpfen wollen. Diese Bedeutung, die US-amerikanische Autoren „fantastischer“ Literatur dem Postwesen beimessen, scheint wohl mit dessen Rolle bei der Kolonisierung des Landes zusammen zu hängen, mit dem Pony-Express und dem Postkutschenverkehr von Wells‘ Fargo. Wer das Postmonopol hatte, hatte auch die Regierungsgewalt. Aus europäischer Sicht wirkt das merkwürdig und irgendwie komisch; hier käme niemand auf die Idee zu denken, mit Abschaffung des Postmonopols sei auch der Staat gefährdet. (Dann wären die TNT- und FirstMail-Boten ja Staatsfeinde!) Zumindest macht Pynchon diese These etwas plausibler als der furchtbar hanebüchene Kevin Costner-Film.

Ansonsten ist die ganze Verschwörungsgeschichte eh nur ein Aufhänger, ein riesiger McGuffin sozusagen, für Pynchons Fabulierwut, für seine Lust, immer neue verrückte Ideen und ebenso verrückte Gestalten übereinander zu türmen. Inhaltlich erinnert das Buch mit seinen mysteriösen Anspielungen und unglaublichen Geheimnissen an Paul Auster, stilistisch an Michael Chabon, und an die Jahrhunderte alte Weltverschwörung in Theodore Roszaks „Schattenlichter“ fühlte ich mich auch öfter erinnert. Nur dass Pynchon sie sprachlich alle übertrifft und auch mehr Tiefe hat.

Schwierig zu lesen fand ich den Roman jetzt gar nicht. Klar, man muss sich durch einige Seiten Handlung eines viktorianischen Theaterstücks arbeiten, auch durch 200 Jahre niederländische Geschichte ab dem Ausbruch des Religionskrieges mit den Spaniern. Aber es hat ja noch nie geschadet, seine Bildungslücken aufzufüllen. Dafür wird man auch mit wunderbaren Sprachspielereien, herrlich skurrilen Szenen und melancholischen Weltbetrachtungen belohnt. Und auf ganz neue Ideen gebracht: Botticelli-Strippoker z.B. Eine perfekte Verbindung aus Unterhaltungs- und Hochliteratur, die Pynchon hier gelungen ist, und eines kann ich schon nach diesem einen Roman sagen: einer der ganz großen amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart.

Thomas Pynchon: „Die Versteigerung von No. 49“. Rowohlt Taschenbuch 1973. 203 Seiten, 7,95 Euro.

Neulich habe ich es endlich mal geschafft, mir Frank Millers „300“ auszuleihen, die Comicvorlage zu dem umstrittenen gleichnamigen Blockbuster von Zak Snyder (den ich damals im Gegensatz zu fast allen, die ich kenne, ziemlich gut fand). Witzigerweise nutzte der Bibliotheksmitarbeiter an der Ausleihe das als Anlass, mich in eine Diskussion über den Film zu verwickeln, den er von seiner Aussage her für faschistisch hielt. Ich versuchte, während hinter mir die Schlange der Ausleihwilligen immer länger wurde,  so gut ich konnte, mit Gegenargumenten zu kontern, muss aber zugeben, dass seine Argumentation nicht ganz von der Hand zu weisen war.

Von der Story her hält sich der Film recht eng an die Vorlage. Lediglich der Nebenplot um Leonidas‘ Ehefrau, die daheim in Sparta versucht, den Senat umzustimmen, die Armee zu mobilisieren, um ihrem auf verlorenem Posten kämpfenden Ehemann zu Hilfe zu kommen, haben die Drehbuchautoren dazu erfunden. Seltsamerweise wirken die Dialoge, die im Comic überwiegend auch dieselben sind wie im Film, beim Lesen noch hohler als auf der Leinwand. Wie auch die ganze Geschichte wesentlich menschenverachtender wirkt.

Ich hatte vorher vermutet, durch Millers recht abstrakten Zeichenstil würde der Comic weniger gewaltverherrlichend wirken als der Film. Seltsamerweise ist das aber nicht so. Von der Riefenstahl-Ästhetik Snyders ist in seinen groben, meist düsteren Bildern zwar nichts zu sehen. Trotzdem sind die Metzeleien und Leichenberge auf Papier fast noch krasser als auf der Leinwand. Bei „Sin City“ ist es genau umgekehrt: Was im Comic abstrakt bleibt, wird im Film unangenehm überdeutlich. Warum das bei „300“ nicht so ist, kann ich nicht so richtig erklären, an der Farbe alleine kann es nicht liegen. Vielleicht ist es in Snyders Film gerade dieser photoshopartige, computergenerierte Hyperrealismus, der die Schlachten so künstlich wirken lässt, dass die Gewalt nie real erscheint. In Millers Zeichnungen sehen die Tötungsorgien hingegen so dreckig aus, dass man sie sich schon wieder als wirklich vorstellen kann.

Eigentlich kann Miller ja überhaupt nicht gut zeichnen, trotzdem finde ich die von ihm selbst gezeichneten Comics meistens imposanter als diejenigen seiner Geschichten, die von anderen Zeichnern umgesetzt werden. Dieser abstrakte, grobkörnige, manchmal wie dahin geschludert wirkende Stil Millers passt nämlich perfekt zu seinen Storys. Bei „300“ ist es aber eh die Story, an der das Ganze letztlich scheitert. Die ist einfach zu flach, zu eindimensional, zu simpel in ihrem Weltbild, als dass sie einen wirklich fesseln könnte. Wobei ich mich ständig gefragt habe, ob Miller seine Aussage eigentlich ernst meint oder sich über diese ganze spartanische Heldenideologie nicht insgeheim lustig macht. Einen (latent) faschistischen Helden präsentierte er seinen Lesern auch schon in seiner legendären Batman-Geschichte „Der dunkle Ritter kehrt zurück“. Nur dass man darin die unangenehmen Charakterzüge der Hauptfigur leicht als solche erkennen konnte. In „300“ hinterfragt Miller vordergründig nichts, sondern verklärt dieses ganze Blut-, Schweiß- und Freiheit-Weltbild seiner Spartaner völlig unkritisch. Vielleicht ist aber gerade darin die Kritk versteckt, dass er dieses so überhöht, dass es schon wieder unfreiwillig komisch wirkt. Ein schwieriger Comic, und kein angenehm zu lesender.

„300“ von Frank Miller und Lynn Varley (Farben); Cross Cult; Hardcover, vierfarbig, 88 Seiten; 29,80 Euro