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Jahresbestenlisten 2013

Veröffentlicht: 16. Dezember 2013 in Film, TV
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Vielleicht überrascht mich ja in den nächsten zwei Wochen noch irgendwas, es ist aber doch eher unwahrscheinlich, dass sich an meinen Favoriten des Jahres noch etwas ändern wird. Vom Kinoangebot her war 2013 für mich auf jeden Fall wesentlich stärker als 2012, wo ich hier gar nicht erst eine Liste erstellt habe. Meine Top 5-Filme:

1. Take this Waltz: ein auf den ersten Blick etwas unscheinbarer kanadischer Indiefilm, der die großen Fragen des Lebens ebenso unspektakulär wie einfühlsam behandelt, mit einer großartigen Michelle Williams, ungewöhnlicher Kameraarbeit und einer Regisseurin, die genau weiß, was sie tut

2. Die Jagd: ein grandioses Comeback von Thomas Vinterberg, der die menschliche Natur in all ihrer Widersprüchlichkeit auf beklemmende Art offenlegt, mit einem kontroversen Thema, einem ungewöhnlichen erzählerischen Ansatz und hervorragenden Darstellern, allen voran natürlich Mads Mikkelsen

3. Vous n’avez encore rien vu: ein unglaublich frisch wirkender Fast-Experimentalfilm vom 90-jährigen Alain Resnais, der noch mal zeigt, welche Magie das Kino auch in Zeiten von Digitalisierung und einfallslosen Blockbustern noch entfalten kann, mit einem Who-is-who der gegenwärtigen französischen Schauspieler, inklusive Michel Piccoli in einer anrührenden Altersrolle

4. The Grandmaster: Keiner bringt solche Bilder auf die Leinwand wie Wong Kar-Wei und ausgerechnet in seinem Film über Kung-Fu hat er auch mal eine bewegende Geschichte zu erzählen: über den Krieg, unerfüllte Liebe und darüber, dass man für Freiheit immer einen Preis zahlen muss. Die Musik ist so bombastisch wie bei Leone und einmal zitiert er sogar Morricone, indem er einfach dessen Leitthema aus „Once Upon a Time in America“ verwendet – viele Dialogsätze möchte man sowieso in Stein meißeln.

5. Die andere Heimat: Edgar Reitz, noch so ein alter Mann des europäischen Kinos, der innerlich jung geblieben ist, kehrt nach zehn Jahren noch einmal zu seinem Lebensthema zurück, mit einem Vier-Stunden-Film in wunderschönem Schwarz-Weiß, mit tollen unbekannten Darstellern und einem Thema, das im Grunde „Die Zweite Heimat“ variiert: Sehnsucht und Freiheitsdrang.

Beste Regie: Sarah Polley für „Take this Waltz“

Bestes Drehbuch: Sarah Polley für „Take this Waltz“

Bester Filmschauspieler: Mads Mikkelsen zeigt innerhalb von zwei Stunden die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle von Hoffnung über Trotz bis Verzweiflung.

Beste Filmschauspielerin: Es tut mir Leid, aber in diesem Jahr kann es für mich einfach wieder keine andere geben als Michelle Williams.

Beste Serien: Rectify, Masters of Sex und Bates Motel waren für mich die überzeugendsten Neustarts, und da die laufenden Serien ziemlich schwächelten (whatever happened to Homeland?), für mich auch insgesamt die Favoriten, für detailliertere Begründungen empfehle ich die November- und Dezember-Ausgaben des torrent-Magazin-Podcasts.

Bester Serienschauspieler: Aden Young schafft es als nach 19 Jahren aus der Todeszelle Entlassener, mit wenigen Gesichtsausdrücken mehr zu sagen als die meisten Schauspieler mit einem ganzen mimischen Arsenal.

Beste Serienschauspielerin: Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg in der dritten und letzten Borgen-Staffel, spielt so unglaublich sympathisch, dass man sie entweder heiraten oder zumindest an die Regierung wählen will.

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Die goldenen Zeiten der reißerischen Videocover (und der falschen Anglizismen)

Die goldenen Zeiten der reißerischen Videocover (und der falschen Anglizismen)

Vier Figuren: Inge (Marlen Diekhoff), eine toughe Frau, die es geschafft hat, sich in dem Männergeschäft Erotikbar als Chefin durchzusetzen. Die ihren Job nicht aus Perspektivlosigkeit macht, sondern weil er ihr Spaß macht. Heinz (Peter Franke), ihr Typ, ehemaliger Fußballprofi, „um den sich die Vereine gerissen haben“, und dann ging das Bein kaputt und er fing an zu saufen, bis die letzte Kohle weg war – und die letzte Hoffnung auch. Ferdi (Peter Gavajda), sein Kumpel, ein Großmaul, hat ständig halblegale und illegale Geschäfte laufen, aber das „große Ding“, von dem er träumt, das kommt nie. Rosa (Catrin Striebeck), eine Animierdame in Inges Bar, dem „Mau Mau“, ist auf ihren Typen „Ali“ wütend, wenn der sie schlägt, fickt auch gerne mal einen Anderen, kehrt aber doch immer wieder zu ihm zurück.

Ihr Lebensmittelpunkt, ihr zweites Wohnzimmer, ist das „Mau Mau“, eine Bar mit Strip-Tanz in St. Pauli, die schon mal bessere Zeiten gesehen hat: „Früher hatten wir 1a-Publikum, jeden Abend war’s voll“, erinnert sich Inge. Jetzt laufen hier jede Nacht nur noch dieselben abgerissenen Gestalten ein und der Vermieter will den Laden bald zumachen, weil die Provision nicht mehr stimmt. Da er aber auch ein Auge auf Inge geworfen hat, hofft die, man könne gemeinsam einen neuen, moderneren Club aufmachen.

Uwe Schrader war einer der deutschen Regie-Hoffnungsträger der 80er Jahre, einer, der einen eigenen Stil hatte, der nichts mit dem glatten Unterhaltungskino der Emmerichs und Petersens zu tun hatte, aber auch wenig mit dem verkopften Ansatz des Neuen Deutschen Films von Wenders und Co. Nach drei Filmen, die auf drei internationalen Festivals Erfolge feiern konnten, war plötzlich Schluss. Schrader übernahm eine Filmprofessur und drehte danach nichts mehr. Mit seiner Art Kino konnte man schon damals kein Geld verdienen. „Mau Mau“ ist sein bislang letzter Film, nach Berlin-Kreuzberg in „Kanakerbraut“ und dem Ruhrgebiet in „Sierra Leone“ beendete er seine „Proletariertrilogie“ in St. Pauli. Auch hier treffen einheimische Gelegenheitsgauner und Armutsmigranten auf engstem Raum aufeinander, und natürlich Frauen aus dem Rotlichtmillieu: Tänzerinnen, Prostituierte, Barbetreiberinnen. Wobei es meist die Frauen sind, die ihre Arbeit selbstbewusst ausüben („Ich hab mich schon als Kind gerne ausgezogen“, sagt die Strip-Tänzerin Doris einmal), während die Männer ständig zwischen Selbstzweifeln und überzogenen Plänen hin und her schwanken.

Allen voran Heinz, der sich nicht so recht eingestehen will, dass seine besten Jahre unwiderbringlich hinter ihm liegen, der immer noch denkt, es müsse doch irgendwann noch mal bergauf gehen. Seiner Inge hat er nie verziehen, dass sie ihn mal kurzzeitig verlassen hat, kommt doch nicht von ihr los und ist nur dann ganz bei sich selbst, wenn er auf der Straße einen Ball von spielenden Jungs vor die Füße bekommt.

Schrader erzählt das alles ganz unsentimental, aber auch ohne sich über seine Figuren lustig zu machen oder zu erheben. Solche Typen findet man wahrscheinlich noch heute überall in Deutschland, wenn man mal die gentrifizierten Ecken der Großstadt verlässt und dahin geht, wo ehemalige Arbeiterviertel eben keine Gründerquartiere geworden sind, sondern eher Arbeitslosenviertel. Aber dieses (West-)Deutschland, das er hier noch einmal eingefangen hat, kurz nach der Wiedervereinigung, das gibt es vermutlich auch auf der Reeperbahn nicht mehr. Allein die Fotos der Drehorte, die Schrader auf seine Homepage gestellt hat, erzählen ganze Geschichten vergangener Zeiten, die trotz aller Schäbigkeit wenigstens noch Charme hatten.

Obwohl Schrader gerne mit Fassbinder verglichen wurde, hat seine Inszenierung doch gar nichts von der laienhaften Künstlichkeit, mit der der seine Protagonisten in Szene gesetzt hat. Hier laufen Schauspieler, die man sonst nur aus den üblichen Fernsehrollen kennt, zu großer Form auf. Verletzlich, ja, aber auch alles Andere als Opfer – höchstens ihrer selbst. Die Kamera, die Schnitte, die Dialoge – alles ist präzise und wirkt genau durchdacht. Dabei so realistisch, dass die Gemachtheit nie ins Auge springt. Oft fühlt man sich an die Säufer- und Loser-Geschichten Jörg Fausers erinnert, an die selbsternannten Schriftsteller und Gangster, deren gute Vorsätze für den Tag doch schon am Vormittag beim ersten Bier im Frankfurter Wasserhäuschen wieder scheitern, denn wenn man einmal angefangen hat zu trinken, welchen Sinn hat es dann noch, wieder damit aufzuhören, bevor es Nacht wird?

Am Ende feiern alle Mitarbeiter und Stammgäste den letzten Abend im „Mau Mau“, Nina Hagen singt noch einmal ihre schräge deutsche Version von „My Way“ und dann schlägt Heinz den Pelzkragen an seinem Mantel hoch und tritt auf die Straße – die Lichter gehen aus. Danach kamen die Gentrifizierung und das deutsche Eventkino. Das „Mau Mau“ kann man dank Zweitausendeins jetzt auf DVD wieder besuchen.

Leider sieht man diese wunderbare Schauspielerin ja viel zu selten, obwohl die meisten Kritiker sie lieben. Und wenn sie dann tatsächlich alle Jubeljahre mal einen Kinofilm dreht, kommt der meist gar nicht oder nur ganz kurz in mehr als drei Städten ins Kino. Ihre größten Momente hat sie aber vielleicht ohnehin in TV-Filmen gehabt. Hier eine kurze Einschätzung der meiner Meinung nach zehn wichtigsten ihrer Filme:

Durst: als eine Station auf dem Weg des jungen Jürgen Vogel, der nacheinander ein Mädchen, einen Jungen und seinen Lehrer verführt, lässt Krebitz erahnen, welches Talent in ihr steckt

Schicksalsspiel: ihre erste aufsehenerregende Hauptrolle – als Teenagermädchen, dass sich ausgerechnet in einen Fan (Jürgen Vogel) des gegnerischen Fussballvereins verliebt. Romeo und Julia in Hamburg, ebenso intensiv wie brutal realistisch.

Ausgerechnet Zoé: ein weiterer ARD-Fernsehfilm, diesmal steht Krebitz ganz im Mittelpunkt als junge Frau, die plötzlich mit einer positiven HIV-Diagnose leben (lernen) muss. Jürgen Vogel ist auch wieder dabei, ebenso Henry Arnold aus der „Zweiten Heimat“, aber Krebitz spielt sie, gleichermaßen verletzlich wie lebensfroh, alle an die Wand – wohl immer noch ihre beste Rolle.

Bandits: an der Seite von Katja Riemann und Jasmin Tabatabai spielt sie ihre wahrscheinlich bekannteste Rolle, das beste an diesem Film ist aber wohl doch die Musik

Long Hello and Short Goodbye: Rainer Kaufmanns deutscher Neo-Noir, mit großem Stilwillen inszeniert, aber doch immer leicht ironisch gebrochen. Krebitz spielt mit blonden Haaren die Undercover-Polizisten, die sich in den kriminellen Marc Hosemann verliebt und die Seiten wechselt. Großartige Schlusseinstellung!

Fandango: Stilistisch noch brillanter ist dieser Genrefilm von Matthias Glasner, der damals bei den Kritikern völlig durchfiel. Als Model mit dem herrlichen Namen Shirley Maus („ich hatte es einmal bis aufs Cover der Pop/Rocky geschafft“) betrügt sie den brutalen Unterwelt-Charakter von Richy Müller („es gibt zwei Arten von Frauen: die einen lassen dich bluten, ohne dass du es überhaupt merkst, die anderen lassen sich im Voraus bezahlen – letztere sind mir wesentlich lieber“) mit dem „blinden“ DJ von Moritz Bleibtreu, um am Ende von Corinna Harfouchs irrem Profikiller gejagt zu werden. Leider ist die Story sehr 08/15.

Jeans: Krebitz‘ Debütfilm als Regisseurin, in dem sie auch selber auftritt, ist leider nicht mehr als eine reichlich überambitionierte Fingerübung, die wie die Semesterarbeit einer Filmstudentin aussieht. Immerhin darf Rave-Veteran und Klagenfurt-Suhrkamp-Legende Rainald Goetz als er selbst autauchen und den jungen Leuten erzählen, wie das wilde Leben wirklich geht.

Das Herz ist ein dunkler Wald: In Krebitz‘ zweiter langer Regiearbeit spielt sie nicht selbst mit. Der Film mit Nina Hoss in einer weiteren schlafwandlerischen Rolle erinnert ebenso an die Berliner Schule wie an „Eyes Wide Shut“ und lässt einen genauso ratlos zurück – etwas zu künstlerisch, aber durchaus interessant.

Liebeslied: leider völlig untergegangenes Musical (!) mit Selig-Sänger Jan Plevka als Bauarbeiter, der aus heiterem Himmel an Parkinson erkrankt, und Krebitz als dessen Ehefrau. Ebenso ernster wie beschwingter Film, in dem die Songs und Gesangsszenen tatsächlich einmal besser funktionieren als in 90 Prozent der amerikanischen Filmmusicals. Aber so etwas hat in Deutschland natürlich keine Chance, da es sich ja in keine Schublade einsortieren lässt.

Unter dir die Stadt: Danach war der Weg zu einer Hauptrolle in einem Film eines Berliner-Schule-Regisseurs nur folgerichtig. In Christoph Hochhäuslers Kinowerk spielt Krebitz die gelangweilte Banker-Ehefrau, die ihrer sinnentleerten Existenz mit einer ebenso sinnlosen Affäre mit einem älteren Vorstandsmitglied einen neuen Dreh geben will. Dabei bleibt sie trotz ihrer enormen Anziehungskraft die große Leerstelle des Films: Ihre Beweggründe versteht man nie, die Faszination des schmiergig-einsamen Bankvorstands dafür umso mehr.

 

Vertraut und doch so fern: Margot (Michelle Williams) und Daniel (Luke Kirby); Fotos: Kool Film

Vertraut und doch so fern: Margot (Michelle Williams) und Daniel (Luke Kirby); Fotos: Kool Film

Die 28-jährige Margot lebt mit ihrem Ehemann Lou in einem gleichermaßen beschaulichen wie hippen Vorort von Toronto. Ehe, Job, Häuschen, Freundes- und Familienkreis – alles scheint in bester Ordnung, in der sich die junge Frau behaglich eingerichtet hat. Bis sie eines Tages bei einer Recherchereise den als Künstler etwas ambitionslosen, dafür umso charmanteren Daniel kennenlernt, der dann zufällige auch noch auf dem Rückflug neben ihr sitzt. Die gegenseitige Anziehung ist offensichtlich und zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass Daniel vor kurzem im Haus gegenüber eingezogen ist. So lässt es sich nicht vermeiden, dass die beiden sich in den nächsten Wochen öfter über den Weg laufen. Aber Margot ist ja verheiratet, liebt ihren Mann und möchte doch mit ihm glücklich bis ans Lebensende zusammensein. Dachte sie jedenfalls bisher…

Die 33-jährige Kanadierin Sarah Polley, die als Schauspielerin scheinbar mühelos den Wechsel zwischen anspruchsvollen Indipendenttfilmen wie Wim Wenders‘ „Don’t Come Knocking“ oder dem wunderbaren „My Life without Me“ und mainstreamigeren Genreproduktionen wie Zak Snyders „Dawn of the Dead“-Reamke oder „Splice“ schafft, legt mit „Take this Waltz“ ihre zweite Kinoregiearbeit vor. Nachdem sie in ihrem Langfilmdebüt „Away From Her“ von Menschen am Lebensende in einem Pflegeheim erzählte, widmet sie sich diesmal ganz den Lebenslagen und Problemen von Angehörigen ihrer eigenen Generation. Und selten hat man das in dieser Eindringlichkeit und emotionalen Tiefe gesehen wie hier. Aber es hat natürlich auch nicht jedeR FilmemacherIn eine Hauptdarstellerin wie Michelle Williams zur Verfügung. Von deren ehemaligem Regisseur Wim Wenders ist auf dem Filmplakat das Zitat zu lesen, er habe noch nie eine Schauspielerin eine Frau so verkörpern sehen wie Williams diese Frau spielt – eine Einschätzung, die man absolut teilen kann. Ich lehne mich einmal ganz weit aus dem Fenster und stelle die These auf, dass Williams wohl die beeindruckendste Schauspielerin der Gegenwart ist. Wie sie es hier, kurz nach dem ebenso großartigen „Blue Valentine“, erneut schafft, eine ganz normale Frau so vielschichtig und faszinierend darzustellen, ist schon ganz große Kunst.

Als Filmemacheirn ebenso überzeugend wie als Schauspielerin: Sarah Polley

Als Filmemacheirn ebenso überzeugend wie als Schauspielerin: Sarah Polley

Und das, obwohl einem diese Margot anfangs durchaus etwas auf die Nerven fällt, wie sie sich so ziellos durch ihren Alltag treiben lässt, sich mit ihrem Mann kindische Wortgefechte im Bett liefert oder ihn beim Hühnchenkochen umwirbt. Und Hühnchen kocht der oft (ein witziger Running Gag des Films), schließlich erfährt man sogar, dass er an einem Kochbuch arbeitet, das ausschließlich Hühnchenrezepte enthalten soll. Ansonsten ist der von Seth Rogen gespielte Lou ein etwas schlichter Charakter, zufrieden in der Bequemlichkeit einer eingefahrenen Beziehung, mit dem Fernseher und dem Kühlschrank immer in Reichweite. Rogen, der zwar ein ganz netter Komödiant sein mag, aber sicher kein guter Schauspieler, ist trotzdem eine passende Besetzung für diese Rolle, auch wenn er in den wenigen Szenen, in denen er ernstere Töne anschlagen muss, doch deutlich überfordert scheint. Man kann dann auch Margots Faszination für den neuen Nachbarn auf Anhieb nachvollziehen, wirkt dieser Daniel doch um so vieles geheimnisvoller, tiefgründiger, charmanter und insgesamt attraktiver (von Luke Kirbys Äußerem mal ganz abgesehen) als der sich seiner Partnerin bedeutend zu sicher fühlende Schluffi zu Hause.

Ist es wert, eine zufriedene Beziehung für ein unsicheres Glück aufzugeben? Margot und Ehemann Lou (Seth Rogen)

Ist es wert, eine zufriedene Beziehung für ein unsicheres Glück aufzugeben? Margot und Ehemann Lou (Seth Rogen)

Margot selbst spielt Williams mal unbeschwert-offenherzig-ausgelassen, im nächsten Moment wieder (ver)zweifelnd-suchend-unsicher, in einer ungewöhnlichen Mischung aus Indiemädchencharme und abgeklärtem Erwachsene-Frau-Verantwortungsgefühl. Sie ist längst nicht so tough wie Williams‘ Figur in „Blue Valentine“, auch nicht so saturiert-selbstsicher wie ihre Ärztin in Lukas Moodyssons „Mammut“, wirkt eher wie eine Studentin, die zu schnell erwachsen geworden ist und mit Ende 30 plötzlich feststellen muss, dass in diesem Alter das restliche Leben eben doch noch nicht planbar geworden ist.

Polley schafft das Kunststück, eine eigentlich bekannte Geschichte auf gänzlich neue Weise zu erzählen – indem sie die gewohnte Reihenfolge der Liebesgeschichte einfach umkehrt. Wo in einem „normalen“ Hollywoodfilm die frisch Verliebten erst einmal miteinander in die Kiste springen und danach die Probleme beginnen würden, bleibt ihre Beziehung hier lange Zeit streng platonisch – obwohl sie alle Schritte der emotionalen Öffnung schon längst gegangen sind. Erst kurz vor Schluss kommt es dann zum Akt selbst. Diese körperliche Vollendung des langen Annäherungsprozesses inszeniert Polley dann so originell und kunstvoll, wie man es selten gesehen hat, in einer mitreißenden Montagesequenz, die ebenso ins Surreale kippt wie Leonard Cohens titelgebende Ballade, die sie musikalisch begleitet.

Diese Montage wäre auch ein perfekter Schluss des Films gewesen, aber er geht dann doch noch ein wenig weiter, um etwas mehr zu verdeutlichen, woran das Glück dieser auf den ersten Blick so unbekümmerten, aber dann eben doch zu Melancholieattacken neigenden Margot, in Wahrheit auf Dauer scheitert: daran, zu lernen, mit sich selbst glücklich zu werden. Eine eigentlich banale Erkenntnis, aber so schwer umzusetzen, wie wohl jeder aus eigener Erfahrung weiß.

Ihr Blick erzählt ganze Geschichten

Ihr Blick erzählt ganze Geschichten

Es gibt eigentlich nur eines, was man diesem wunderbaren Film wirklich vorwerfen könnte: sein Setting. Man sieht Margot und Lou in diesen zwei Stunden kaum jemals arbeiten – sie schreibt anfangs an einem Artikel für eine Pressstelle, er probiert Rezepte für sein Kochbuch -, trotzdem haben beide ein schmuckes Häuschen (natürlich aus rotem Backstein) in einem ganz und gar gentrifizierten Stadtteil, in dem man auch morgens um Sechs ein offenes Straßencafé findet, auf dessen Terasse man dann selbstverständlich auf eine Wandbemalung schaut, mit der das benachbarte Geschäft für seine Vintage-Klamotten wirbt. Die beiden leben im Grunde ein „von Arbeit unbehelligtes Leben“, wie Paul Bowles so schön über das Ehepaar in seinem „Himmel über der Wüste“ schrieb. Freiberufler in kreativen Branchen, die es sich leisten können, tagsüber ins Schwimmbad zu gehen oder morgens an den Strand, dürften aber im wahren Leben nur selten so gut verdienen, dass sie sich ein Haus in einer solch gutbürgerlichen Gegend leisten können, was die ansonsten vollkommen glaubhafte Wirkung der Erzählung manchmal etwas stört.

Abgesehen davon macht die Regisseurin alles richtig und verlangt ihrer Hauptdarstellerin eine gleichermaßen seelische wie körperliche Entblößung  ab, die nur wenige Schauspielerinnen so souverän auf sich nehmen würden. Manchen mag das zu viel sein, aber es sind gerade diese kleinen und größeren Irritationen – etwa eine Szene in der Gemeinschaftsdusche des Schwimmbads mit den Blicken der jüngeren auf die Körper der älteren Frauen -, die Polleys Inszenierung vom Einerlei des zeitgenössischen Arthousekinos meilenweit abheben. Am Ende ist eben doch alles eitel; es gilt, bis dahin das beste aus diesem Leben zu machen. Aber wie? Das ist die große Frage, die dieser Film auf so beeindruckende Weise aufwirft.

Brien, Hans und Eef sind drei befreundete junge Männer, die noch bei ihren Eltern in Maassluis, einem verschlafenen Dorf bei Rotterdam, wohnen. Ihre große Leidenschaft sind Motocross-Rennen, das große Vorbild von Brien und Hans, die bereits Amateurrennen fahren, ist der erfolgreiche niederländische Rennfahrer Gerrit, der gerade um den Sieg bei der Weltmeisterschaft kämpft. Richtig Bewegung in das Leben der drei Jungs kommt aber erst, als die attraktive Fientje und ihr Bruder im Dorf mit ihrem Imbisswagen Station machen. Alle drei vergucken sich sofort in die kesse Blondine und wetteifern um ihre Gunst. Fientje lässt sich auch tatsächlich nacheinander mit ihnen ein, allerdings immer nur so lange, wie sie sich von der jeweiligen Beziehung eine Chance verspricht, ihrem tristen Leben in der Pommesbude zu entkommen…

Drei Jahre nach seinem großen Erfolg im Heimatland mit „Soldaat van Oranje“ drehte Paul Verhoeven dieses Jugenddrama, mit dem er seinen Fokus statt auf die Rolle der Niederlande in der Weltgeschichte wieder auf alltägliche Geschichten von „kleinen“ Leuten richtete. Seine beiden Stammschauspieler der damaligen Zeit und Stars des Vorgängerfilms, Rutger Hauer und Jeroen Krabbé, besetzte er diesmal nur in Nebenrollen, den einen als Rennfahrer-Idol, den anderen als etwas schmierigen Sportreporter. Die Helden seines Films sind hingegen die drei weitgehend unbekannten Jungdarsteller. Besonders sympathisch sind einem diese anfangs nicht. Nicht nur, dass ihnen kein dummer Spruch und keine peinliche Aktion zu schade ist, um Frauen anzumachen, sie demütigen und beschimpfen auch Schwule nachts auf der Straße. So verhindern Verhoeven und sein Stammautor der niederländischen Jahre Gerard Soeteman bewusst, dass der Zuschauer sich zu stark mit den Figuren identifiziert. Ihr Leben spielt sich zwischen Kleinstadttristesse, mal mehr, mal weniger strengen Eltern, oberflächlichen Beziehungen zu Frauen und der Rennbahn ab – bis Fientje in ihr Leben tritt.

Die ebenso selbstbewusste wie ehrgeizige Fremde (Renée Soutendijk, damals eine der heißesten Schauspielerin der Niederlande, spielte auch in Verhoevens nächstem Film „Der vierte Mann“ und an der Seite von Marius Müller-Westernahgen in Blumenbergs „Der Madonna-Mann“) wird zum Katalysator ihrer Träume von einem aufregenderen Leben, von Ruhm, Geld und dem Ausbrechen aus der heimatlichen Enge. Während Brien und Hans von einer Rennfahrerkarriere träumen, will Eef nach Kanada auswandern. Aber natürlich kommt alles anders: Brien wird nach einem Motorradunfall querschnittgelähmt, bei Hans reicht das Talent nicht und Eef, der in Rotterdam regelmäßig Schwule überfällt, um sich seine Reise zu finanzieren, bekommt die Rache seiner Opfer zu spüren. Fientje wandert von einem zum anderen und muss erleben, wie ihre Ambitionen nach und nach zerplatzen.

„Spetters“ ist ein typischer Verhoeven-Film. Es gibt Gewaltausbrüche, krasse Sexszenen und anzügliche Sprüche en masse. Immer wenn man gerade denkt, der Regisseur wüsste genau, was er tut, wenn die Kamera etwa gerade ein besonders schönes Bild einfängt, serviert er uns einen völlig unerwarteten Schnitt etwa auf Briens erigiertes Glied, das in den Bildvordergrund ragt, während Fientje sich daran zu schaffen macht. Es folgen noch ein (offensichtlich echter) Blowjob zwischen zwei Homosexuellen in einem U-Bahn-Schacht und später eine heftige anale Gruppenvergewaltigung. Meistens haben diese Szenen aber ihre dramaturgische Funktion für den Fortgang der Handlung. Verhoeven verwendet sie nicht aus Sensationslust, sondern weil er das Leben eben in seiner ganzen Bandbreite abbilden will statt verschämt wegzublenden. Das ist grundsätzlich absolut richtig, seltsam wird es aber, wenn dem Vergewaltigten dadurch seine eigene Homosexualität bewusst wird und er danach mit einem der Vergewaltiger noch mal richtigen Sex haben will.

Ähnlich wie in Verhoevens wohl bekanntestem niederländischen Film „Turks Fruit“ kippt die Stimmung auch hier etwa in der Mitte völlig, als Brien seinen Unfall hat. Aus einer leichten Alltagskomödie wird plötzlich ein ernstes Drama, wobei es ihm problemlos gelingt, den Zuschauer die existenziellen Nöte des Protagonisten mitfühlen zu lassen. Gegen Schluss überschlagen sich die parallel geschnittenen Ereignisse zwischen den verschiedenen Handlungssträngen fast, bevor der Film leicht melancholisch, aber fast optimistisch endet. Mit seinem (vorerst) vorletzten im Heimatland entstandenen Film, bevor er seine internationale Karriere mit im Ausland gedrehten Filmen begann, erweist sich Verhoeven als stilsicherer Regisseur, der es versteht, den Alltag mit seinen kleinen Sorgen und großen Katastrophen ungeschliffen und rau einzufangen. Dabei schafft er es, immer unterhaltsam zu bleiben, nie zu langweilen und den Zuschauer in ein wahres Wechselbad der Gefühle zu stürzen. Wer keine Angst vor krassen Sex- und Gewaltszenen hat, sollte sich unbedingt darauf einlassen.

Happy Birthday, Stan Lee!

Veröffentlicht: 28. Dezember 2012 in Film, Print
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Ach ja, das ist ja heute.

Schon interessant, wie sich auch bei einem Regisseur wie Olivier Assayas, der auf den ersten Blick erst einmal keine stilistischen Eigenheiten zu haben scheint, mit der Zeit Gemeinsamkeiten zwischen seinen Filmen offenbaren. Obwohl er von Genre zu Genre wechselt, mal eine Coming-of-Age-Liebesgeschichte dreht wie den frühen TV-Film „Kaltes Wasser“, ein anderes Mal eine Satire übers Filmemachen („Irma Vep“), dann einen Globalisierungsthriller wie „Demonlover“ oder ein Drogen-/Familiendrama wie „Clean“. Und doch fallen einem nach einigen Filmen wiederkehrende Themen auf.

Da ist zum einen die Faszination für die asiatische Kultur, die wahrscheinlich nicht zuletzt seiner Ehe mit Maggie Cheung zu verdanken ist, die auch in zweien seiner Filme die Hauptrolle spielt. Einer davon ist „Irma Vep“, in dem sie als sie selbst, als Star des Hongkong-Kinos nach Frankreich kommt, um ein Remake des Stummfilm-Serials „Les Vampires“ zu drehen. In „Demonlover“ ist es ein japanisches Trickfilmstudio, das mit Hardcore-Animes viel Geld verdient, in „Boarding Gate“ muss die von Asia Argento gespielte Sandra nach einem Auftragsmord gleich selbst nach Hongkong (und dann weiter nach Shanghai) flüchten und droht in dem Gewusel der fremdartigen Metropole, deren Sprache sie nicht versteht, ihre Identität zu verlieren. Wobei die eh schon ziemlich brüchig ist, war sie doch früher ein Call-Girl, dann scheinbar eine solide Lagerarbeiterin, nebenbei eine Drogenschmugglerin und muss nun eine neue Identität annehmen. Unklare Identitäten gibt es auch in „Demonlover“ zuhauf, wo niemand der ist, der er vorgibt zu sein und nie ganz klar ist, wer wirklich für welche Seite arbeitet. Und wo die von Connie Nielsen dargestellte Wirtschaftsspionin schließlich sogar von ihren Gegnern gefangengehalten wird, um als Sklavin für eine S/M-Webseite zu fungieren.

Sadomasochismus ist ein weiteres Thema, das Assayas zu faszinieren scheint, ob in „Demonlover“ oder in „Boarding Gate“, wo die Beziehung von Sandra und Miles (Michael Madsen) ganz von ihren Abhängigkeitsspielen mit Gürtel und Handschellen zu leben scheint, oder subtiler in „Irma Vep“, wenn Maggie Cheung sich nachts das hautenge Latexkostüm ihrer Filmrolle überzieht, um im Hotel auf Raubzug zu gehen – und daraus einen rauschhaften Lustgewinn zieht. Auch S/M ist letztlich ein Spiel mit Identitäten.

Und dann ist da natürlich das große übergreifende Thema Globalisierung: ob Schauspielerinnen aus Hongkong nach Paris eingeflogen werden, Drogen in Containern ins Ausland geschmuggelt oder Porno-Anime-DVDs weltweit vermarktet. Immer wieder spielt hier auch das Internet eine Rolle, sei es mit Snuff-Porno-Webseiten oder harmloser mit einer Science-Fiction-Seite, die Sandra früher mal – erfolglos – betrieben hat. Und auch Maggie Cheungs drogensüchtige Rocksängerin in „Clean“ lebt ein grenzüberschreitendes Leben als Asiatin aus Paris, die in London mit einem Kanadier verheiratet ist. Diese generelle Grenzenlosigkeit unserer mdernen Welt ist bei Assayas eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits bietet sie neue Chancen, von denen frühere Generationen nicht einmal träumen konnten: etwa als Pariserin einen Club in Peking zu eröffnen oder eben umgekehrt als Hongkong-Chinesin ein interessantes Filmprojekt in Paris anzunehmen. Andererseits verursacht sie eine Entwurzelung, sorgt dafür, dass Menschen sich nirgendwo mehr zu Hause fühlen, verloren gehen wie Asia Argento im kantonesischen Sprachgewirr von Hongkong. Und schließlich überwinden alle möglichen und unmöglichen Waren mühelos alle Grenzen, von denen man sich das besser nicht wünschen würde: Drogen, Pornos, Raub-DVDs und Snuff-Videos. Von der globalisierten Wirtschaft jedenfalls zeichnet Assayas ein höchst negatives Bild, denn sowohl in „Demonlover“ als auch in „Boarding Gate“ zeigt er sie uns lediglich als grenzüberschreitende (und grenzenlose) Wirtschaftskriminalität.

Auf dem Düsseldorfer Bücherbummel verkauft das Filmmuseum seit gestern wieder alte Filmzeitschriften zum Schleuderpreis. Dort stieß ich auf ein Magazin, das ich noch gar nicht kannte, die Kölner „filmwärts“ aus den 80er/90ern, und zwar u.a. auf das Heft 31 vom September 1994, das zur Wiederentdeckung des Tschechen Zbynek Brynych unter Cineasten führte. Mit dem Mann, der in München seit den 60ern Dutzende Folgen von TV-Krimiserien wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“ gedreht hatte und auch zwei skurrile Kinofilme namens „Die Weibchen“ und „Engel, die ihre Flügel verbrennen“, führten die Autoren Ertl und Knepperges ein interessantes Gespräch. Daneben werden drei seiner Film- und TV-Arbeiten in angemessen launischem Tonfall vorgestellt, darunter auch die „Kommissar“-Folge „Parkplatzhyänen“ mit einem völlig overactenden Johannes Heesters.

Noch interessanter fand ich allerdings das sehr ausführliche Gespräch mit Jim McBride im selben Heft, den Autor Olaf Möller bei einem italienischen Festival traf. Im Einleitungstext versteigt sich Möller zu der gewagten These, sein „Außer Atem“-Remake „Breathless“ sei viel besser als das Original, der ich sofort zustimmen würde. Außer diesem Richard Gere-Film kenne ich von McBride nur „The Big Easy“ mit Dennis Quaid und Ellen Berkin, der als Heranwachsender für mich fast eine Offenbarung war. Ich hätte ihn bisher eher als typischen 80er-Jahre-Hollywood-Auftragsregisseur angesehen, er hat aber auch ganz andere Sachen gemacht, u.a. einen (Soft-)Porno. In dem in einem sehr locker-persönlichen Tonfall geführten Interview enthüllt er auch, was er an Comics so liebt und warum die in seinen Filmen oft so eine wichtige Rolle spielen (ich sage nur der Silver Surfer in „Breathless“!) und woran seine geplante Verfilmung von Frank Millers „Elektra“ gescheitert ist. Danach hat man gleich Lust, sich auf die Suche nach vergessenen 80er-Jahre-Filmen zu machen.

Insgesamt erinnert mich die Themenauswahl und der sehr persönliche Schreibstil in diesem Heft (gerne in der Ich-Form) an das, was man so von den frühen „Cahiers du cinema“ gehört hat, dieses Entdecken von als reinen Unterhaltungsregisseuren abgetanen Filmemachern als Autoren. Im Internet findet man leider nicht viel über diese wenige Hefte später eingestellte Zeitschrift, immerhin hat einer ihrer ehemaligen Herausgeber ihr aber eine Facebook-Seite gewidmet. Das wünscht man sich natürlich als Magazinmacher, dass in 20 Jahren jemand alte Hefte entdeckt und darin noch einiges findet, das ihn interessiert.

Abel Ferrara hatte seine große Zeit in den 90ern, als der italo-amerikanische Regisseur (fast) in einem Atemzug mit anderen zeitgenössischen US-Indie-Filmemachern wie Tarantino oder Lynch genannt wurde. „King of New York“, „Bad Lieutenant“, „Snake Eyes“ waren Hits des Independent-Kinos, „Tha Addcition“ ein philosophischer Kunst-Vampirfilm in Schwarz-Weiß, „Das Begräbnis“ dann schon ein Abgesang auf die klassischen Mafiafilme à la Coppola oder Scorsese, in dem die famiglia nur noch vom Wahnsinn regiert wurde, quasi der mobfilm to end all mobfilms. Danach kam nicht mehr viel, jedenfalls nicht, was künstlerisch wertvolle Beiträge in Ferraras Werk angeht. Zwar haut er weiterhin kontinuierlich Filme raus, viele davon Dokumentationen, die Spielfilme sind aber eher unausgegoren, in deutsche Kinos finden sie ihren Weg schon lange nicht mehr.

Dass Ferrara auch vor seinem „Durchbruch“ schon zahlreiche Spielfilme inszeniert hatte, war mir gar nicht klar, bis ich zufällig diesen Artkel über seine 80er-Jahre-Werke las. Und mir daraufhin mal „Fear City“ auslieh, der tatsächlich der vielleicht beste seiner Filme ist, die ich gesehen habe. Die Stadt in Angst (oder angsteinflößende Stadt) des Titels ist natürlich New York, genauer das Vergnügungsviertel rund um den Times Square, wo sich Nachtclub an Stripbar und Kneipe an Disco reiht. Für den Nachschub in den Table Dance-Clubs sorgen die Inhaber einer „Talent-Agentur“, Matt (Tom Berenger) und Nicky (Jack Scalia), die auch, allerdings etwas im Unklaren gelassene, Verbindungen zur örtlichen Mafia haben. Matt trauert immer noch der gescheiterten Beziehung zu einer seiner Tänzerinnen (Melanie Griffith) nach und hat ansonsten eine schillernde Vergangenheit hinter sich, wie wir in immer wieder auftauchenden Erinnerungsfetzen erfahren. So war er früher erfolgreicher Profiboxer, bis er einmal zu hart zugeschlagen und seinen Gegner dadurch umgebracht hat.

Alte Wunden reißen wieder auf, als nacheinander mehrere von Toms und Nickys Schützlingen Opfer eines nächtlichen Schlitzers werden, eines Psychopathen, der sich vorgenommen hat, die Stadt vom unmoralischen „Schmutz“ zu befreien. Da die Polizei sich mal wieder als unfähig erweist (und natürlich streng nach Gesetz vorgehen will, auch wenn der leitende Detective, gespielt von „Star Wars“-Legende Billy Dee Williams, gerne mal einen Verdächtigen mit den Fäusten bearbeitet), machen sich Matt, Nicky und der Mob selbst auf die Jagd nach dem Serienmörder.

So weit die natürlich reichlich klischeehafte Story, aber worauf es in dieser Art Filmen viel mehr ankommt, ist die Atmosphäre, und die stimmt hier hundertprozentig. Stilistisch brilliant fängt Ferrara den Sündenpfuhl Großstadt ein, in Bildern voller Neonreklamen, ebenso wie in unbeleuchteten Gassen zwischen den Häuserblocks, in denen Dealer ihre Ware verticken. Wenn die Protagonisten in ihrem Wagen über die fast leeren nächtlichen Kreuzungen Manhattans rauschen und die Straßen von den wiederspiegelnden Leuchtreklamen rot und blau schimmern, kann man sich diesem poetischen Anblick kaum entziehen.

„Fear City“ ist auch ein typischer Vertreter seiner Zeit: Nicht nur Stars des 80er-Jahre-Kinos wie Berenger und Griffith, auch die Musik lässt nie vergessen, in welchem Jahrzehnt wir uns hier befinden – Drumcomputer und Saxofon dominieren den Soundtrack. Der Film ist im Grunde ein typischer Genrevertreter seiner Epoche, nur immer eine Spur rauher und dreckiger – was die Gewalt angeht wie auch den Sex. Oder wo sonst sah man schon mal einen Hollywoodstar wie Melanie Griffith so freizügig ihre Brüste präsentieren? (Wenn es dann doch einmal ernst wird für die Sexarbeiterin, also vor dem romantisch motivierten Sex mit ihrem Ex, blendet die Kamera allerdings genauso verschämt ab wie in einem x-beliebigen Mainstreamfilm.)

Es ist auch die Zeit, in der Männer noch besser mit ihren Fäusten als mit Worten umgehen konnten, verstummten, wenn es um ihre Gefühle ging. „I loved you too much“, sagt die von Griffith gespielte Tänzerin einmal zu Matt, „you should have talked to me more.“ – „Sometimes I don’t find the words“, bekennt der. So muss er am Ende dann auch erneut – eher widerwillig – seine Fäuste sprechen lassen, um sein Mädchen vor dem Messer des Killers zu retten, in eben einer dieser dunklen, schmutzigen Gasssen, in der sie eigentlich ihren Dealer aufsuchen wollte. Das finale Duell zwischen dem rauhen, aber gutherzigen „Zuhälter“ und dem gefühllosen Killer inszeniert Ferrara folgerichtig wie den Showdown im Western: eine leergefegte Straße und zwei Männer, die aufeinander zu kommen. „Do you think you’re a hero now?“, fragt danach der Detective, aber Helden gibt es in dieser Welt schon lange nicht mehr, nur Männer, die tun, was eben getan werden muss.

Ich stelle mir immer vor, ein Reisender von irgendeiner abgelegenen Inselgruppe trifft am Düsseldorfer Flughafen ein, begibt sich zu seinem Hotel und vor dem Eingang stehen dann Menschen in Militäruniformen mit überdimensionalen Wummen, Sturmtrooper und irgendwelche Aliens. Denkt sich dieser Reisende dann, dass in Deutschland immer alle so rumlaufen? Dabei ist er doch nur zufällig in das Hotel geraten, an dem sich an diesem Wochenende etwa 5000 Science-Fiction-Fans zur Fedcon treffen, der größten Veranstaltung dieser Art in Europa.

Interessant fand ich als blutiger Newbie, dass das Geschlechterverhältnis der Besucher ziemlich ausgeglichen war. Ich hatte ja eher mit einer Mehrzahl von männlichen, Bauch, Bart und Brille tragenden Nerds gerechnet. Die gab es zwar auch, aber ebenso ziemlich viele, ziemlich gutaussehende junge Frauen. Und ja, ich musste mir eingestehen, ich stehe auf Frauen in (Fantasie-)Uniformen.

Ein Monster stellt sich beim Costume-Contest dem Urteil der Jury, darunter einem Typen, der mal den klingonischen Kanzler gespielt hat (l.)

Worauf ich definitiv nicht stehe, ist Stargate, und nach dem Auftritt von Richard Dean Anderson weiß ich auch wieder, warum. So einen unsympathischen Schauspieler habe ich echt noch nicht erlebt: gelangweilt und überheblich, wobei man sich echt fragt, warum sich ein Typ, dessen Karierre sich auf zwei reichlich blöde Serien beschränkt, selbst so toll findet. Meine Lieblingsfrage war dann auch die einer 1985 noch gar nicht geborenen Frau, warum er als McGyver diese furchtbare Frisur getragen habe.

Schön auch eine Frage an Jonathan „Commander Riker“ Frakes: „I know that you have done the TV-show X-Factor, but I wonder why did you do this TV-show?“ Oder die Frage eines 13-jährigen Jungen: „Mit wie vielen verschiedenen Spezies hatten Sie in der Serie [TNG] eine Beziehung?“ Ansonsten kam in jedem Panel, in dem ich saß, irgendwann die naive Frage, ob der jeweilige Star denn Fan-Fiction seiner Serie kenne und schon mal gelesen habe. Die Antworten reichten von völligem Unverständnis („What? Fic? Fan-Fic? What the hell is that?“) bis zu der Auskunft, Kollegen hätten davor gewarnt, sich das anzugucken, weil die Figuren darin merkwürdige sexuelle Vorlieben und Beziehungen hätten.

Ein etwas schräges Franchise für ein Fankostüm: Thundercats. Wenigstens habe ich niemanden als Pony verkleidet gesehen.

Für reichlich Unverständnis sorgte die Politik, dass Gäste mit Tageskarte beim Auftritt von William Shatner nicht in den Hauptsaal durften. Nach lautstarken Buhrufen kam Shatner zumindest kurz in den Nebensaal, wohin sein Panel parallel übertragen wurde, um die Fans persönlich zu begrüßen. Ein netter Zug von Shatner, der überhaupt sehr natürlich und gänzlich unabgehoben rüberkam. Außerdem muss man anerkennen, dass der Mann ja wirklich eine Legende ist – im Gegensatz zu vielen anderen der „Stargäste“, die einem fast ein bisschen Leid tun konnten, zehren sie doch teilweise heute noch davon, dass sie vor zwanzig oder vierzig Jahren mal in einer erfolgreichen TV-Sendung dabei waren. Heute leben sie dann mangels Rollenangeboten wohl davon, „persönliche“ Meet and Greets für 400 Euro anzubieten wie Herr Anderson.

Die Security konnte einem manchmal ziemlich Angst einjagen; Fotos: kir

Was mir gefallen hat, war die tolerante Atmosphäre unter den Fans, wo Cardassianer und Bajoraner, Sturmtrooper und Zylonen einträchtig ihrem Hobby frönen, Eltern ihre kleinen Kinder schon in eine Star Trek-Uniform oder ein Jedi-Kostüm stecken. Wo Menschen im Rollstuhl alleine schon dafür vom Publikum gefeiert werden, dass sie sich in einem Fantasiekostüm auf die Bühne trauen. Trotzdem könnte ich persönlich wohl mit einer ER-Fanconvention mehr anfangen – oder mit dem Moosefest in Alaska.