Archiv für die Kategorie ‘Journalismus’

Im Lokalen sind wir aber inhaltlich schon fast gleichwertig im Umfang und häufig investigativer, aktueller und exklusiver – wir verzichten auf viele Gefälligkeitsnachrichten, die eine Zeitung aus lauter Verzweiflung veröffentlicht, um die Seiten zu füllen. Das hat mit Journalismus schon lange nichts mehr zu tun.

Unsere Geschichten sind dann fertig, wenn sie fertig sind und nicht, wenn der Andruck beginnt.

Ich würde Hardy Prothmann ja mit fast allem zustimmen, nur bei mir selbst hat das Modell leider finanziell überhaupt nicht geklappt. Vielleicht war ich bei der Anzeigenakquise nicht hartnäckig genug, vielleicht ist es auch in einer Großstadt, die doch noch ein einigermaßen vielfältiges Angebot an lokalen Medien hat, einfach schwieriger als in einem Nest mit einer Monopolzeitung, Leser zu gewinnen. Momentan plane ich jedenfalls tatsächlich ein Print-Projekt (allerdings kein lokales). Das ist mMn die zweite Zukunftsstrategie: ein Nischenthema im Printmarkt zu besetzen. Jedenfalls bin ich mir relativ sicher, dass Zeitschriften wie DUMMY, brand eins oder 11 Freunde auch dann noch existieren werden, wenn es den Mannheimer Morgen und die NRZ schon nur noch als Marken im Netz gibt.

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Nach mehreren Erzählbänden und zwei Romanen, von denen einer wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts verboten wurde, legte Maxim Biller zuletzt eine Art Autobiografie vor, auch wenn sein Buch den Untertitel „Selbstporträt“ trägt. Ohne erkennbare Chronologie erzählt Biller aus verschiedenen Phasen seines bis dahin knapp 50-jährigen Lebens: von den Anstrengugen, ein Schriftsteller zu werden, von seiner Zeit an der Journalistenschule in München, von Praktika bei der FAZ und der Zeit, von Besuchen in Israel, seiner exzentrischen Familie, den 80er Jahren in Münchener Szenekneipen und Frankfurter Discos.

Wir werden Zeuge von einschneidenden gesellschaftlichen Ereignissen wie der Uraufführung von Fassbinders provokantem Theaterstück über jüdische Immobilienspekulanten sowie von Billers Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen wie Henryk Broder und Marcel Reich-Ranicki. Vor allem aber haben wir Teil an den hochtrabenden Ambitionen, an den Selbstzweifeln und den Hindernissen des jüdischen Emigranten mit mehrfach emigrierten Eltern, der sich nirgendwo richtig zuhause fühlt. Schon gar nicht in Deutschland, in das er als Zehnjähriger gekommen ist und in dem er, egal was er tut und wie er sich verhält, immer als Jude definiert wird.

Ob ein Mitschüler ihm zuflüstert, man hätte ihn auch in einen Ofen stecken sollen, oder der Tempo-Chefredakteuer ihn mit der legendären „1oo Zeilen Hass“-Kolumne in eine Biller unliebsame Tradition jüdischer literarisch-journalistischer Stänkerer zwängt: Immer gibt man ihm zu verstehen, dass er ein Sonderling ist, einer der eigentlich gar nicht hier sein sollte, besser in Israel.

Zugleich sind seine Träume wie auch seine Ängste universell, es sind die Träume und Ängste jedes jungen Menschen, der sich künstlerisch ausdrücken will und auf dem Weg zur Anerkennung mit den Vorbehalten anderer ebenso kämpfen muss wie mit seinen eigenen Selbstzweifeln. Es ist erstaunlich, wie universell übertragbar Erfahrungen manchmal sind. Ich habe mich in einigen Stellen sehr wiedergefunden. Etwa, wenn Biller über seine Journalistenschule schreibt:

„Ich saß von neun bis fünf, von Montag bis Freitag hinten rechts in einem langen, engen, niedrigen Raum, in dem auch tagsüber Neonröhren brannten, und ich hatte mit fast jedem in diesem Raum ein Problem. Das war im Herbst 1983 so, und im Frühjahr 1984 war es immer noch so… “

Über seine Mitschüler: „So jung und schon so viel Angst vor Schwierigkeiten! Nach dem Unterricht liefen sie nach vorn, wo der Chefredakteur des Stern oder des FAZ-Magazins saß, und fragten nach der Telefonnummer. Aber als es darum ging, bei welcher Zeitung sie später das Praktikum machen würden, entschieden sie sich für Kiel oder Nördlingen.“

Neben der Genauigkeit solcher Beobachtungen ist es vor allem die knappe, pointierte Sprache Billers, die fasziniert. Er bringt die Dinge schnörkellos auf den Punkt, egal ob es sich um das Szeneleben im München und Frankfurt der 80er Jahre handelt oder um die verschiedenartigen Wege von Holocaust-Überlebenden, mit dem Unfassbaren umzugehen. Mit bissiger Ironie spart er dabei nicht. Als die Mutter einer Freundin während der Fassbinder-Aufführung aus Protest die Bühne stürmt und sich dabei den Rock aufreißt, läßt Biller ihre Tochter sagen:

„Jemand fragte sie, ob ihr das nicht unangenehm sei, und sie sagte, nein, nein, unangenehm war, als ich meinen Jaczek mit meiner Schwester erwischt habe, und Dora-Mittelbau war auch nicht schön.“

Man hat Biller oft Arroganz und Zynismus vorgeworfen und tatsächlich kommt er in Talkshows und Interviews manchmal so rüber. Wer seine Bücher kennt, weiß aber, dass das zu kurz gegriffen ist. Hinter der oft herablassenden Fassade verbirgt sich ein großer Melancholiker. Das Selbstporträt gipfelt in einigen Sätzen, die ich auch über mich selbst hätte schreiben können:

„Ich bin kein Pessimist. Aber als Realist lebe ich mit dem Gedanken, dass alles egal ist, weil wir sowieso sterben werden. Trotzdem sollten wir gut sein, denke ich, damit jeder, der nach uns kommt, in einer Welt zu Hause sein kann, in der er so lange glücklich ist, bis auch er versteht, dass er sterben wird. Darum sage ich viel zu oft, dass mir etwas nicht gefällt. Wenn ich aber etwas mag – ein Lied, einen Menschen, eine politische Idee -, schreie ich vor Freude.“

Sagen wir es so, an einigen Stellen dieses Buches hätte ich fast vor Freude geschrien.

Maxim Biller: „Der gebrauchte Jude. Selbstporträt.“ Fischer Taschenbuch Verlag 2011. 176 Seiten, 9,95€.

Dieser (Pseudo-)Skandal regt mich schon seit einer Woche gehörig auf. Ich wusste bis letzten Mittwoch nicht mal, dass Guttenberg überhaupt einen Doktortitel hatte. Ausnahmsweise muss ich da der Kanzlerin mal (teilweise) Recht geben: Der Mann wurde nicht als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt, auch nicht als Wissenschaftsminister, sondern für ein Amt, für das ein akademischer Titel eben kein Einstellungskriterium ist.

Dieselben Medien, die Guttenberg im vergangenen Jahr hoch geschrieben haben, wollen jetzt um jeden Preis seinen Rücktritt herbeiführen (Spiegel, Stern etc.). Ein altes Muster im Mediengeschäft: Erst jubelt man einen Politiker hoch („Lichtgestalt“, „nächster Kanzler“, „Seehofer muss sich warm anziehen“ usw.), und wenn seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung erschreckende Höhen erreichen, sägt man ihn wieder ab. Ich frage mich auch, ob die Süddeutsche nichts Anderes zu tun hat, als in alten Doktorarbeiten von irgendwelchen Spitzenpolitikern rumzustöbern. Hat sie dafür das neue Ressort „Investigative Recherche“ gegründet? Damit sie ihren hoch bezahlten Spitzenjournalisten Hans Leyendecker auf sowas ansetzen kann? Das riecht doch förmlich nach: „Irgendwelche Flecken muss es auf Guttenbergs weißer Weste doch geben, lass doch mal auf gut Glück in seiner Doktorarbeit nachgucken.“

Der eigentliche Skandal an der ganzen Chose ist aber, dass Guttenberg natürlich genügend gute Gründe hätte, zurück zu treten. Und zwar politische Gründe, keine persönlichen. Nämlich, dass er ganz offensichtlich seinen eigenen Laden nicht im Griff hat: die Bundeswehr und sein eigenes Ministerium. Da werden die wahren Umstände von Todesfällen monatelang vertuscht und der zuständige Minister hat davon angeblich nichts gewusst. Entweder das stimmt, dann hat er keine Kontrolle über die ihm unterstellten Institutionen, oder er hat doch von Anfang an die wahren Umstände gekannt, dann hat er die Öffentlichkeit belogen. Beides würde ihn als Minister untragbar machen.

Über diese wirklich skandalösen Umstände wird aber gar nicht mehr öffentlich diskutiert. Stattdessen beschäftigen sich jetzt wochenlang alle wichtigen Medien mit der Dissertation des Ministers. Reine Symbolpolitik. Ob Guttenberg nun deswegen zurücktreten muss oder nicht, ist im Grunde irrelevant. Denn an den tatsächlichen politischen Problemen hat sich so oder so nichts geändert. Ein Hörer fasste es beim Deutschlandradio letzten Samstag treffend zusammen: Die ganze Debatte lenkt nur von den wahren politischen Problemen ab. Aber wenn man schon kein Königshaus mehr hat, muss man sich die persönlichen Verfehlungen halt bei irgendwelchen Baronen im Ministeramt suchen.

Qualitätsjournalismus (I)

Veröffentlicht: 24. Februar 2011 in Journalismus

Brutal! Taube von Greifvogel ermordet!

Ein Redakteur der Münsterschen Zeitung fand wahrscheinlich selbst absurd, dass in seiner Zeitung über einen umgekippten Blumenkübel berichtet wurde, verbreitete die Meldung über Twitter und löste damit eine nicht vorhersehbare Welle aus: Twitterer parodierten die Meldung in immer neuen Varianten und sorgten dafür, dass der Blumenkübel zu einem der weltweit meistdiskutierten Themen bei Twitter wurde.

Die MZ selbst nimmt’s mit Humor und freut sich wahrscheinlich, dass überhaupt mal jemand in der Netzgemeinde auf ihren Neuenkirchener Lokalteil aufmerksam geworden ist. Das Traurige an diesem lustigen Hype ist eigentlich, dass die Meldung, die ihn auslöste, nicht einmal besonders schräg oder auffallend belanglos ist. Denn gerade in kleinen Lokalteilen überall in der Republik wird über solche Nichtigkeiten täglich geschrieben. Ich durfte in meiner Zeit als freier Mitarbeiter bei einer Stadtteilausgabe unter anderem über verschmutzte öffentliche Toiletten schreiben, über Vandalen, die Spielzeugbagger auf einem Spielplatz verbogen hatten und über den Belag eines Platzes in einem Wohngebiet, der zur Auseinandersetzung zwischen Boulespielern in der Nachbarschaft und gehbehinderten Anwohnern wurde. Und zwar nicht in vier Sätze-Meldungen, sondern jeweils in 80 Zeilen-Berichten. Einfach, weil die Redakteure meinten, das gehöre schon zu den spannendsten Dingen, die in ihrem Stadtbezirk so passiert seien.

Der MZ-Mitarbeiter schreibt dann selbst, dass die Blumenkübel-Zerstörung nur einen begrenzten Nachrichtenwert hätte:

„sie ist gerade mal für die Bewohner des Hauses, deren Angehörige, die Mitarbeiter des Altenheims und vielleicht einige Anwohner der Straße relevant.“

Demnach hat sie mMn überhaupt keinen Nachrichtenwert. Denn wenn etwas nur für die Leute interessant ist, die auf einer einzigen Straße wohnen oder arbeiten, ist das noch keine Öffentlichkeit, sondern ein privater Kreis. Wenn auf Onkle Hugos 70. Geburtstag mit 150 Gästen der Gastgeber für eine halbe Stunde mit seiner Nachbarin im Schlafzimmer verschwindet, steht das ja auch nicht morgen in der BUNTEN. Wenn eine Lokalzeitung dann meint, über einen zerbrochenen Blumenkübel trotzdem eine Meldung schreiben zu müssen, zeigt das, dass es ihr im Grunde nicht um Nachrichtenwert geht, sondern nur darum, dass der Lokalteil halt auch in einem Ort, in dem nichts Berichtenswertes passiert, irgendwie gefüllt werden muss.

Es zeigt aber auch exemplarisch, welche Bevölkerungsgruppen sich in einer Lokalzeitung eigentlich noch wiederfinden: Altenheimbewohner und sonstige Senioren. Ich gehe stark davon aus, dass es die Jugendlichen selbst in Neuenkirchen wenig interessiert, wenn ein Blumenkübel in ihrem Ort kaputt geht. Gestern bekam ich zufällig mit, wie sich zwei etwa 40-Jährige neben mir über die mangelnde Qualität von Lokalzeitungen hier in der Region unterhielten. Der eine: „Optisch sieht die Zeitung in Neuss etwas anders aus als hier, inhaltlich ist das aber dasselbe.“ Der andere: „Schützenverein halt.“

In letzter Zeit denke ich öfter ernsthaft darüber nach, aus der Gewerkschaft wieder auszutreten. Habe ich mich neulich schon über die zahnlosen Vergütungsregeln für freie Journalisten aufgeregt, die verdi und DJV ausgehandelt haben, war der Auslöser gestern die aktuelle Ausgabe des verdi-Medienmagazins „M“. Unfassbar finde ich einen Artikel zum Leistungsschutzrecht, das die Verlage mit Hilfe ihrer Lobbyisten bei der Regierungskoalition durchsetzen wollen. Dem steht verdi nämlich zunächst mal wohlwollend gegenüber, vorausgesetzt, Urherber von Texten werden „angemessen“ an den Gebührenerlösen beteiligt, was immer das heißen mag.

Die Einwände der zahlreichen Kritiker werden in dem Artikel rüde abgebügelt, mit Worten wie „schwadronieren“, es gehe nicht darum, Informationen vergütungspflichtig zu machen, sondern nur den Zugriff auf Dateien (wo hier der Unterschied ist, soll mir der Verfasser bitte mal erläutern, enthalten doch die journalistischen Artikel im Netz nun mal Informationen), „die Schwarzmalerei von ‚Kollateralschäden‘ ist also … unbegründbar.“ Mal abgesehen davon, dass das sprachlich Quatsch ist, denn die Kritiker begründen ihre Bedenken ja, sie sind also nicht unbegründbar, sondern höchstens nach Ansicht des Verfassers schlecht begründet: Die befürchteten Folgen eines solchen Gesetzes liegen natürlich auf der Hand, ganz abgesehen davon, dass schon die Grundidee dahinter völlig widersinnig ist. Statt dass die Verlage Google & Co. etwas dafür bezahlen, weil diese Leser auf ihre Seiten locken, sollen Suchmaschinenbetreiber den Verlagen etwas dafür bezahlen. Analog würde das bedeuten, dass ich dem Bäcker an der Ecke was dafür zahlen müsste, wenn ich Bekannten empfehle, wie toll seine Brötchen schmecken.

Was für Mitglieder von dju/verdi wirklich wichtig zu wissen wäre, nämlich dass von der geplanten Zwangsabgabe für beruflich genutzte PCs natürlich auch freie Journalisten betroffen wären, erfährt man in dem Artikel dann gar nicht erst. Das kann man eigentlich schon nicht mehr anders nennen als gezielte Desinformation. Von einer Gewerkschaft erwarte ich, dass sie die Interessen ihrer Mitglieder vertritt, in diesem Fall der angestellten Redakteure und freien Journalisten, nicht irgendwelche obskuren Forderungen der Arbeitgeber, in diesem Fall der Verlage. Eine zusätzliche Gebühr, die alle freien Journalisten zahlen müssten, liegt wohl kaum in deren Interesse, und in welcher Höhe diese dann wiederum an den Gebührenerlösen beteiligt würden, falls überhaupt, steht ja in den Sternen. Darüber hinaus sollte sich eine Gewerkschaft für den Schutz der Grundrechte einsetzen, also hier für eine Stärkung der Informationsfreiheit, nicht dafür, dass Journalisten oder Blogger in ihren Texten nicht mehr auf andere Artikel verlinken dürfen oder dass jeder, der das Internet beruflich nutzt, dafür zusätzliche Gebühren bezahlen muss.

Für die Journalistengewerkschaften scheinen solche Forderungen der Verleger aber ganz normal zu sein. Ebenso wie sie es auch normal finden, dass demnächst Menschen, die gar keine Rundfunkgeräte haben, die (volle) Rundfunkgebühr zahlen müssen. Das erfahren wir in einem anderen Artikel ein paar Seiten vorher. Im begleitenden Interview mit ARD-Chef Boudgoust erfahren wir dann noch, dass „jeder Bürger … vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk profitiert“ – auch wenn er ihn gar nicht nutzt. Vergleichbar wäre das mit Ärzten, deren Studium ja auch von der Allgemeinheit mit Steuergeldern bezahlt werde. Eine wahrlich steile Analogie. Für die verdi-Redakteure aber kein Grund, im dazugehörigen Artikel mal kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass die Traditionsgewerkschaften den Bezug zur Medien(nutzungs)realität der Gegenwart weitgehend verloren haben. Hauptsache, die eigenen Pfründe sind gesichert.

„Denn wenn es einen Weg gibt für sie [die Verlage] zu überleben, jetzt, da ihre Veröffentlichungsmonopole der Vergangenheit angehören, dann liegt er darin, Lesern etwas zu bieten, was diese woanders nicht bekommen können, oder zumindest nicht so gut. Döpfner nennt es Führung, andere nennen es schlicht Mehrwert. Und damit meine ich keine Klickstrecken aus Tittenbildern. Sondern fesselnde Reportagen, Analysen, die die Augen öffnen, Recherchen, die zutage fördern, was mancher gerne verbergen würde.
Wie sie das schaffen wollen mit Mitarbeitern, denen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Verachtung zeigen, ist mir zumindest nicht ganz klar.
Vor allem aber sollten sich die Verlage nicht zu sehr in Sicherheit wiegen.“

Matthias Spielkamp mit einem sehr treffenden Vortrag über die Ausbeutung freier Journalisten durch die deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage (und teilweise Rundfunksender). Der neue Rahmenvertrag der „Zeit“ wäre übrigens wirklich lustig, wenn er nicht so traurig wäre: Mit ihrer Unterschrift treten freie Mitarbeiter auch noch gleich die Rechte an ihren Artikeln ab, die sie in der Vergangenheit (!) für die Wochenzeitung geschrieben haben.

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Als ich davon gehört habe, dass der deutsche Journalistenverband (DJV) und die Verdi-Sektion für Journalisten dju mit den Verlegerverbänden neue Honorarsätze für freie Tageszeitungsjournalisten ausgehandelt haben, fand ich das zunächst mal sehr positiv. Zumal diese Zeilenhonorare überwiegend wesentlich höher sind als das, was die meisten Zeitungen bisher ihren meisten Mitarbeitern zahlen (wenn es sich nicht gerade um irgendwelche prominenten Edelfedern handelt, die für die üblichen Sätze wahrscheinlich nicht mal den Füller in die Hand nehmen, geschweige denn irgendwas recherchieren würden). Was ich allerdings von Anfang an anzweifelte, war, inwieweit sich diese verhandelten Honorare auch tatsächlich bei den Zeitungen selbst durchsetzen lassen.

Am 1. Februar sind die „Gemeinsamen Vergütungsregeln“ offiziell in Kraft getreten, anwenden tut sie bisher so gut wie keine Zeitung in Deutschland. Von einer einzigen habe ich bisher gehört, dass sie es tut, zwei weitere haben das wohl zumindest für die Zukunft versprochen. Neben allem anderen, was man an dem Verhandlungsergebnis noch kritisieren könnte  – der Verband freier Journalisten „Freischreiber“ macht das recht detailliert – ist der große Knackpunkt, dass es praktisch keine Möglichkeit für den einzelnen freien Mitarbeiter gibt, die ausgehandelten Honorare auch tatsächlich durchzusetzen, wenn der Auftraggeber sie nicht zahlen will.

Das Problem ist nämlich, dass es immer genügend andere Schreiber gibt, die bereit sind, auch weiterhin für die niedrigeren Sätze der Redaktionen zu arbeiten. Überwiegend sind das eh Studenten, Schüler und Hobbyschreiber wie pensionierte Deutschlehrer und andere mitteilungsbedürftige Renter, die nicht wissen, wie ein Blog funktioniert. Hier zeigt sich der nächste große Konstruktionsfehler: Die Vergütungsregeln gelten nämlich nur für hauptberufliche Journalisten. Allen anderen darf die Zeitung sogar mit Billigung der Gewerkschaften weiterhin Zeilenhonorare ab 12 Cent zahlen. Da sagt natürlich jeder profitorientierte Verleger: Wieso soll ich einem hauptberuflichen Journalisten mindestens 52 Cent zahlen, wenn doch genügend Hobyschreiber und Nachwuchsjournalisten es auch für die Häfte oder ein Viertel machen?

DJV-Vertreter Michael Hirschler argumentiert dann im „Freischreiber“-Blog, für andere als Hauptberufler hätten die Gewerkschaften nun mal gar kein Handlungsmandat. Seltsamerweise sollen die Vergütungsregeln aber nicht nur für Gewerkschaftsmitglieder gelten, sondern für sämtliche Zeitungsmitarbeiter, sofern sie denn hauptberufliche Freie sind. Und für die haben DJV und Verdi dann ein Verhandlungsmandat, auch wenn sie gar nicht Mitglied sind? Aber rechtsverbindlich ist das ganze Regelwerk ja sowieso nicht, jedenfalls ist man sich da bei Verdi nicht sicher, inwiefern die Honorare denn auch einklagbar wären. Da es sich kein freier Mitarbeiter leisten können wird, dies auszuprobieren, da er ja als Freier auch keinerlei Kündigungschutz bzw. Anrecht hat, weiterhin Aufträge von seiner Zeitung zu bekommen, werden wir es so schnell wohl auch nicht erfahren.

Man muss es ganz klar sagen: Diese Vergütungsregeln sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Sie dienen allenfalls als Feigenblatt für die Zeitungsverlegerverbände, die jetzt sagen können: „Wieso, wir haben doch faire Honorare mit den Gewerkschaften vereinbart? Wenn sich einzelne Verlage nicht daran halten, können wier doch nichts dafür.“ Statt dass die Gewerkschaften auf juristischer Ebene dafür kämpfen, dass die Regeln auch eingehalten werden, überlassen sie das gesamte Verhandlungsrisiko den Freien selbst. Im günstigen Fall bekommen diese von ihren Redaktionen vielleicht die Antwort: „Tut uns Leid, die höheren Sätze können wir nicht zahlen“, oder sie bekommen gar keine Antwort. Im ungünstigsten Fall  geht es ihnen wie zwei Kollegen von der „Frankenpost“, die auf ihre Honorarforderungen einen Brief des Chefredaktuers bekommen haben, in dem stand: „… haben Sie Dank für Ihr großzügiges Angebot, auf das wir leider nicht zurückgreifen können. Ich wünsche Ihnen für Ihre berufliche Zukunft alles Gute.“ Aber vielleicht haben die Beiden ja auch reiche Ehefrauen, so dass sie das Ganze jetzt vor Gericht ausfechten können, wie es eine hauptamtliche Verdi-Mitarbeiterin bei einer Mitgliederversammlung als idealen Weg zur Durchsetzung ersann. Die Gewerkschaft selbst überlegte unterdessen lieber, ein Transparent zum Thema für ihre 1. Mai-Demo zu malen. Die Regeln selbst seien ja gut, nur im wirklichen  Leben laufe es halt anders.

Das ist ja das Problem mit dem wirklichen Leben! Wenn es so abliefe wie im Lehrbuch, gäbe es auch keine Verlage, die ihre Redakteure in hauseigenen Zeitarbeitfirmen beschäftigen und ihnen dort wesentlich weniger zahlen als vorher. Und auf zahnlose Gewerkschaften, die völlig an der Arbeitsrealität von freien Journalisten vorbei argumentieren und verhandeln, wäre man dann gar nicht erst angewiesen.

„Das Wort ICH hat mit eitel und uneitel nichts zu tun. Es gibt gänzlich uneitle Ich-Schreiber, und es gibt Texte, bei denen der Autor nicht ein einziges Mal ich sagt, und trotzdem tropft die Eitelkeit aus den Zeilen wie ranziges Fett.“

Ein Satz, den sich Wolf Schneider mal hinter die Ohren schreiben sollte. Der „Freitag“ bringt diese Woche eine Leseprobe aus dem neuen Buch des wunderbaren Helge Timmerberg: eine Begegnung mit seinem damaligen Vorbild Hunter S. Thompson aus den wilden 80ern, als „Tempo“-Volontärinnen noch Gefahr liefen, von durchgeknallten Gonzo-Journalisten ungewollt unter LSD gesetzt zu werden.

Jörg Fausers letztes Werk: „Die Tournee“

Veröffentlicht: 8. Januar 2010 in Bücher, Journalismus
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„Wo bleibt die Göttliche?“ Das Warten auf den Star – ob in den MGM-Studios von Hollywood oder im Kurtheater zu Bad Wörishofen, ob auf Greta Garbo oder Doris Kunstmann – ist schon immer nur etwas für Regisseure mit guten Nerven und bühnenfähigem Galgenhumor gewesen.

Solche Sätze müssen einem auch erst einmal einfallen, als Einstieg für eine Reportage über eine Theatertournee durch deutsche Kurorte. Jörg Fauser begann so 1986 seine Reportage „Die Wunde der Komödianten“ für die Zeitschrift „Transatlantik“. Der Artikel war eigentlich ein Nebenprodukt einer Recherche Fausers für einen neuen Roman: „Die Tournee“. Von diesem konnte der Autor dann leider nur noch die ersten 180 Seiten fertig stellen, bevor er 1987 tödlich verunglückte. Im Rahmen der Taschenbuch-Werkausgabe Fausers im Diogenes-Verlag ist vor kurzem nun auch dieses Romanfragment erschienen (und vorher schon als Hardcover in der Gesamtausgabe im Alexander-Verlag).

Der Roman selbst ist etwas durchwachsen. Fauser führt im ersten Teil viele Figuren an unterschiedlichen Schauplätzen ein, die dann wohl in den späteren Teilen zusammen finden sollten: eine mittelalte Schauspielerin in der beruflichen Krise, die keine gescheiten Rollen mehr bekommt und deshalb das Angebot annimmt, auf Theatertournee zu gehen, ein Berliner SPD-Mitglied und ehemaliger Agent im Ruhestand, dessen Lebenswandel zu einem Herzinfarkt führt, ein undurchsichtiger asiatischer Gangster, ein von seiner Frau verlassener Münchener Galerist mit einschlägiger Vergangenheit als Junkie in Istanbul, der sich noch einmal an einem Drogendeal versucht, eine aufstrebende Jungjournalistin, die für ein Lifestyle-Magazin schreibt (es ist 1987, die große Zeit der „Zeitgeist“-Magazine!). Einerseits schreibt Fauser wieder über Szenen, die er selbst gut kennt (Journalismus, Junkies, Säufer und Kneipen), andererseits wird’s immer dann richtig klischeehaft und schlecht, wenn es um Drogengeschäfte, BKA-Spitzel und internationale Verbrecher geht. Gerade, als es anfängt, interessant zu werden (und man erahnen kann, wie die einzelnen Erzählfäden zusammen geführt werden sollen), bricht der Roman ab.

Fast interessanter als der eigentliche Romantext sind die ergänzenden Materialien, die sich in dieser liebevoll aufgemachten Ausgabe finden: Diverse Exposés und Auszüge aus Fausers Notizbüchern geben Aufschluss über seinen Arbeitsprozess, jedem Kapitel ist jeweils die erste Seite aus seinem Original-Typoskript als Faksimile vorangestellt und im Anhang findet sich dann neben zwei informativen Nachwörtern auch noch die oben erwähnte Reportage. Die ist besser geschrieben als der eigentliche Roman, was meinen Eindruck bestätigt, dass Fausers kurze Texte oft besser waren als seine Romane.

Am besten war er eh immer dann, wenn er aus seiner eigenen Erfahrung heraus geschrieben hat, über Dinge, die er selbst erlebt oder zumindest beobachtet hatte, wie bei „Rohstoff“ oder vielen seiner Kurzgeschichten. Das entsprach auch ganz seinem Anspruch an Literatur: über das schreiben, was man selbst kennt. Weswegen er dann eben erst einmal bei einer Theatertournee mitreiste, bevor er einen Roman mit diesem Thema begann. Immer wieder interessant sind dann die Bezüge zwischen Fausers journalistischen oder autobiografischen Texten und seinen fiktionalen. So finden sich auch hier wieder einige Figuren und Motive aus der Reportage fast eins zu eins in der Schilderung der Theatertruppe im Roman wieder.

Jörg Fauser: „Die Tournee“ Roman aus dem Nachlaß. Diogenes Taschenbuch. 272 Seiten, 8 Euro 90.