Archiv für die Kategorie ‘Musik’

Zitat des Tages: John Lennon über Brot backen

Veröffentlicht: 29. Mai 2010 in Musik
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Da hatte ich grad der „Missy“-Redakteurin vorgeschlagen, doch mal was über die feministische Haltung von John Lennon zu machen, da stolpere ich auf einem Grabbeltisch auf ein Taschenbuch mit Lennons und Yoko Onos letztem Interview vor seiner Ermordung. Darin einige interessante Betrachtungen über seine Zeit als Hausmann und wie sich seine Einstellung zu Frauen dadurch geändert hat. Mein Lieblingszitat in diesem Zusammenhang behandelt aber die Frage, wie sein selbstgebackenes Brot bei Familie und Angestellten ankam:

„Das Brot aßen sie sehr gerne. Ich habe an einem Freitag zwei gebacken, die für ’ne Woche reichen sollten und Samstag Nachmittag war nichts mehr übrig. Wie Schweine, weißt du, wumph war es weg. […]

Yoko: „Wenn wir es nicht essen, bist du beleidigt, wenn wir es aufessen, denkst du: jetzt muss ich schon wieder backen.“

„Der Freitag“ bringt heute zwei sehr lesenswerte Auszüge aus einem Sammelband mit Texten des 1993 gestorbenen Musikkritikers Jonas Überohr, der in den 70ern u.a. für die „Sounds“ geschrieben hat. In einem geht es um die Rolle des Kritikers im kapitalistischen System:

„Die Firmen, in Form ihrer bezahlten Beauftragten, scheinen sich einzubilden, Kritiker hätten die Funktion, ihnen die Werbesprüche für ihre Produkte zu liefern, da ihren eigenen Sprüchen sowieso keiner mehr glaubt. Die Unabhängigkeit des Kritikers kommt ihnen da gerade recht, hebt sie doch die Glaubwürdigkeit des Gesagten. Und so zeigt sich, daß genau dies im System der kapitalistischen Produktionsweise die Funktion des Kritikers ist: Reklame zu machen für die Produkte, die er kritisiert, indem er sie kritisiert. Und seine Unabhängigkeit, mit der er sein feuchtes Gewissen abtrocknet, geht in diesen Deal mit ein.“

Der andere Auszug schildert die Auswüchse des „Love ans Peace-Festivals“ auf Fehmarn 1970 und kommt zu einem ernüchternden Schluss über die 68er-Generation:

„Was bis heute als Underground, Gegenkultur oder Pop-Generation den Schein des Besseren an sich trug, entpuppt sich als Versagergeneration. Diese jungen Leute werden nichts verändern oder gar verbessern. Sie lassen alles mit sich machen und fühlen sich auch noch high dabei. Sie sind bravere Konsumenten als ihre sauberen gutgekämmten Altersgenossen, die gehorsam die vorgeschriebenen Laufbahnen der bürgerlichen Gesellschaft einschlagen.“

Muss mal das Buch auf meine Wunsch- bzw. Einkaufsliste setzen. (Liebe aber auch den „Freitag“ u.a. dafür, immer wieder solche interessanten Bücher auf zwei ganzen Seiten auszugsweise vorzustellen.)

Un-Zitat des Tages

Veröffentlicht: 20. Mai 2010 in Musik, Uncategorized
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Adorno über Jazz, zitiert von Peter V. Brinkemper:

Mit der Selbstauflösung des Jazz werde „nicht der musikalische Einfluss der Negerrasse auf die nördliche ausgemerzt, auch kein Kulturbolschewismus, sondern ein Stück schlechtes Kunstgewerbe.“ Die Aversion gegen den Jazz findet 1936 in einem Artikel der „Zeitschrift für Sozialforschung“ mit dem Pseudonym Hektor Rottweiler einen weiteren Niederschlag. Neben Benjamins berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist da von der deutschtümelnden Wortverwandtschaft von Jazz und Hatz, der vulgärpsychoanalytischen „Coitiermaschine“, der Kastrationsangst und der Missdeutung der Synkopen und Off-Beats als chronometrischer Zuspätkommer für Möchte-Gern-Pöbler die Rede.

Unfassbar.

1989 waren die „Housemartins“ gerade ein Jahr Geschichte, und während ihr Ex-Mitglied Norman Cook später als Fatboy Slim musikalisch in eine ganz andere Richtug gehen sollte, veröffentlichte die neue Band seiner zwei  Ex-Kollegen Paul Heaton und  Dave Hemingway, „The Beautiful South“, ihr erstes Album, das musikalisch an die alte Gruppe anknüpfte. „Welcome to the Beautiful South“ war in England wie Deutschland gleich ein erfolgreicher Einstand mit drei großen Singlehits: „Song for Whoever“, „You Keep it All in“ und „I’ll Sail this Ship Alone“. Dabei waren das noch nicht mal unbedingt die besten Lieder auf der LP. Was für ein furioses Debüt das war: 10 Songs und nur ein Ausfall. Schmachtende Balladen, mitreißende Uptemponummern, Ohrwürmer im allerbesten Sinne. Und hinter der eingängigen Oberfläche lauerten die Abgründe der meist ironischen bis bitterbösen Texte:

„I wasn’t sure if it was Marx or Hitler / that was in that year / I hadn’t been to Brighton for a while / so it was too clear“, heißt es in „Oh Blackpool“, einem Song über politische Indifferenz. In einem anderen Kleinod, dem epischen „Love is…“ singt der Sänger über seine Erfahrungen mit Fans: „Oh, you care / you really, really care / from the first 12-inch I made / to the colour of my underwear“, um sich gleich danach zu fragen, wo die Fans denn in den kälteren Jahren seines Musikerlebens waren, und wo sie in der Zukuft sein werden, wenn es mit dem Erfolg vielleicht mal nicht mehr so rosig aussieht. In der zweiten Hälfte des Stücks spricht Paul Heaton, der sich mit Dave Hemingway die Leadvocals auf diesem Album teilt (später sollten dann auch die wechselnden weiblichen Sängerinnen zu einem Markenzeichen der Band werden, auf dem Debüt war Briana Corrigan aber zunächst nur als Gastsängerin auf zwei Tracks vertreten), dann auch gleich eine Einladung an die mitfühlende Nation aus, in 25 Jahren zu seiner Beerdigung zu kommen, einem Ereignis ohne „fame and fortune“. Wie die Zeit vergeht: Die 25 Jahre sind in vier Jahren rum. Heatons Schätzung war aber damals sehr pessimistisch, da er gerade einmal 27 war. Dazu wunderbare Songtitel wie „I Love you (But you’re Boring)“.

Seit den „Beatles“ gab es im UK nur wenige so gute Songschreiber(duos) wie Heaton und David Rotheray. Musikalisch brachte die Band einen frischen Wind in den britischen Pop, mit ähnlich guten Melodien wie kurz darauf „Fairground Attraction“. Vor allem die britischen Plattenkäufer liebten die Band und verhalfen ihr auch in den nächsten Jahren noch zu zahlreichen hohen Chartsplatzierungen (u.a. einer Nummer 1 für „A little Time“ auf dem Nachfolgealbum „Choke“), während sie in Deutschland nur noch selten in der Hitparade auftauchte. 1996 gab es dann auch hierzulande noch mal ein Comeback mit den beiden Hits „Rotterdam“ und „Don’t Marry Her“ vom dem Debüt fast ebenbürtigen Album „Blue is the Colour“, bevor die Band bei uns endgültig in der Versenkung verschwand.

2007 löste sie sich offiziell auf; Paul Heaton macht inzwischen solo weiter, längst mit Haaren statt Glatze, allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Irgendwie wurden er und seine Band in den Nullerjahren vom Zug der Zeit überrollt und jedes neue Album schnitt bei den Kritikern noch schlechter ab als das vorherige. Während die „Housemartins“ heute als eine der besten Bands der 80er gefeiert werden, gelten „The Beautiful South“ immer als eine Spur zu mainstreamig, letztlich langweilig. Wie unverdient dieses Urteil ist, zeigt die enorme Frische und songschreiberische Brillianz, die ihr Debütalbum auch heute noch ausstrahlt.

Immer wieder ein Hort der Ermunterung: die Jahrescharts diverser Musikzeitschriften. Z.B. der Poll in der neuen „Intro“. Gut, dass ich bei den „Besten Songs 2009“ sowohl in den Redaktions- als auch in den Lesercharts jeweils genau einen kenne, wundert mich nicht wirklich. Auch nicht, dass das erste Album, das mich halbwegs interessiert, in der Redaktionsliste auf Platz 9 und in der Leserliste auf Platz 11 steht. Ist halt die „Intro“, da kenn ich sowieso 90 Prozent der Bands, die da besprochen werden, nicht. Bei den Lieblingskünstlern der Leser könnte man sich vielleicht noch die Frage stellen, wer um alles in der Welt denn solche Menschen wie Erlend Oye (mit Querstrich durch das O, weiß nicht, wie man das auf dem PC erzeugt) auf Platz 8 oder William Fitzsimmons auf Platz 10 sind. Kann man aber auch sein lassen.

„Stromberg“ und die „Simpsons“ sind als Spitzenreiter bei den „Besten TV-Sendungen“ wohl unvermeidbar, obwohl inzwischen selbst Hardcore-„Simpsons“-Fans meinen, die Serie hätte ihren Zenit schon lange überschritten. Auf den Plätzen 5 bis 7 folgen dann lauter langweilige Sitcoms. Gut, ist halt nicht mein Genre. Aber spätestens bei den Schauspielerlisten dachte ich dann, jetzt sind die Leser wohl jenseits von Gut und Böse angekommen: Nora Tschirner als „Beste Schauspielerin“ ist ironisch gemeint, oder? Und bei den Männern Till Schweiger auf Platz 13? Till „Ich habe nur einen Gesichtsausdruck“ Schweiger? Till „Unser Mann in Hollywood, bei dem es leider nur für zwei, drei Gastauftritte gereicht hat“ Schweiger? OMG!

Erstaunlich geschmackssicher sind die „Intro“-Leser immerhin, was Radiosendungen angeht. In den Top 10 finden sich gleich drei meiner Lieblingsshows: der Bayern2-„Zündfunk“ auf der 2, Grissemanns & Stermanns Comedy-„Show Royal“ (Radio Eins) auf Platz 6 und Klaus Walters ByteFM-Sendung „Was ist Musik?“ auf Platz 8. (Und auch wenn ich kein großer EinsLive-Fan bin, kann ich den ersten bzw. dritten Platz für „Plan B“ und „Fiehe“ zwar nicht teilen, aber zumindest nachvollziehen.)

Bei vielen Kategorien frage ich mich eh, wie man da zu Favoriten kommen soll. Ich hab z.B. letztes Jahr weder ein Konzert besucht noch bewusst ein Musikvideo wahrgenommen (doch, eins: von dem Distelmeyer, aber das fand ich jetzt nicht so toll, dass ich das wählen würde), spiele keine Computerspiele und gehe nie auf Festivals. Aber wahrscheinlich bin ich auch schon längst aus der Zielgruppe raus.

Das Lied zum Wetter

Veröffentlicht: 20. Dezember 2009 in Musik

Schräg, schräger, Tom Waits

Veröffentlicht: 19. November 2009 in Musik, Theater
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Ich dachte schon, das Musical „The Black Rider“ von Tom Waits, William S. Burroughs und Robert Wilson, das ich letzte Woche im Düsseldorfer Schauspielhaus gesehen habe, sei schräg gewesen. Aber musikalisch war das ja fast noch Mainstream gegen das dazu gehörende Album, das Waits 1995 eingespielt hat. Das ist seinerzeit übrigens total an mir vorbei gegangen, obwohl es kurz nach meiner ersten Waits-CD „Bone Machine“ erschienen ist, die auch heute noch meine liebste von ihm ist.

Das „Black Rider“-Album erinnert teilweise schon sehr an dieses Vorgängeralbum, ist aber noch eine Spur abgefahrener. Etwa die Hälfte der Tracks sind entweder Instrumentalstücke oder Lieder, bei denen Waits‘ Stimme durch einen Vocoder gejagt oder anderen merkwürdigen Verfremdungseffekten unterzogen wurde. Dazu kommt eine sehr schräge Instrumentierung. Die Arrangements schwanken irgendwo zwischen Theater- und Experimentalmusik. Mit Pop hat das nichts mehr zu tun, mit Indie auch nur noch sehr wenig.

Interessanterweise gefielen mir auf dem Album ganz andere Stücke am besten als in der Theateraufführung. Das Titelstück, das auf der Bühne ein richtiger Ohrwurm war, der mir tagelang nicht aus dem Kopf ging, kommt bei Waits in einer viel langsameren, irgendwie merkwürdig zurückgenommenen Version. Die Balladen erreichen auch nicht die gleiche Intensivität wie im Stück. Dafür gefielen mir bei Waits „Flash Pan Hunter“ und „Lucky Day“ sehr gut. Von der Handlung hätte ich wohl nichts verstanden, wenn ich das Stück nicht gesehen hätte. Während andere Waits-Alben, die nach Theaterstücken entstanden sind, auch als Alben alleine gut funktionieren („Alice“, „Blood Money“), ist „The Black Rider“ tatsächlich sehr theatralisch und funktioniert wahrscheinlich nur schwer, ohne das Stück zu kennen. Abgefahrener geht jedenfalls kaum noch.

Wer kennt sie nicht (wollte schon immer mal so einen Artikel anfangen), die „Intro“, jene nerdige Gratis-Musikzeitschrift, für die jeder junge Journalist, der aus der Nähe von Köln kommt, schon mal geschrieben hat (außer mir), und die man gerne mitnimmt, wenn man seinen unabhängigen Plattenladen besucht hat (soweit man überhaupt noch einen solchen in der Nähe hat)? Der Musikgeschmack der „Intro“-Redaktion wird aber auch immer seltsamer. Im neuen Haft wird Tokio Hotel an mehreren Stellen abgefeiert und ihr neues Album „Humanoid“ hat es soger auf Platz 4 der Redaktionscharts geschafft (in denen sich sonst zu 90 Prozent Bands finden, von denen ich noch nie irgendwas gehört habe). Außerdem bejubelt ein Autor die Soundtracks von Horror-Regisseur Dario Argento und der Gruppe Goblin. Der Score zu George A. Romeros „Dawn of the Dead“ sei ein „Meilenstein in Sachen Blutgroove“. Zufällig habe ich den Film vor ein paar Tagen erstmals gesehen, und mein Gott, ging mir dieses elektronische Geplärre nach einer halben Stunde auf die Nüsse.

Über die „Intro“ kann man sich sowieso immer herrlich aufregen, vor allem über ihre Sprache, die meist irgendwo zwischen nerdigem Fangeschwafel und bramarbarsierendem Intellektuellen-Geschwurbel angesiedelt ist. Im aktuellen Heft taucht in jedem zweiten Text, den ich gelesen habe, die Formulierung „Sowieso Sowieso of Irgendwas-Fame“ auf, z.b. „Thommy Ohrner of Tim Thaler- und Manni der Libero-Fame“. Ich möchte mal wissen, wo die Autoren diese unsäglich peinliche Redewendung her haben. Ich kenne jedenfalls niemanden, der so redet, weder Amerikaner noch Deutsche.

Außerdem werden immer wieder gerne berühmte Soziologen zitiert. In der November-Ausgabe stolperte ich über Kracauer, Foucault, Bourdieu und Adorno (letzteren allerdings nur im Zusammenhang mit ersterem). Da möchte man der Redaktion doch zurufen: „Ja, ihr wart alle brave Soziologie-Studenten!“ In einem Artikel über die Geschichte des Gruseligen im Film Kracauer anzuführen, der immerhin das Buch „Von Caligari zu Hitler“ geschrieben hat, macht ja noch Sinn. Was Foucault in einem Text über „Die Goldenen Zitronen“ zu suchen hat, und ob man unbedingt Bourdieus Begriff des kulturellen Kapitals bemühen muss, wenn es um Einflüsse der Globalisierung auf die Popmusik geht, ist fraglich.

Leider bleiben die meisten Artikel trotz aller Theoretisierung seltsam oberflächlich. Am Ende ist man meist nicht viel schlauer als am Anfang. Dass die Autoren oft lieber sich selbst zuhören als ihren Interviewpartnern, konnte man wunderbar in der letzten Augabe sehen, wo die Fragen in einem Jochen Distelmeyer-Interview oft länger waren als die Antworten. Auf eine ellenlange umständlich formulierte Frage, antwortete der Ex-„Blumfeld“-Sänger schlicht mit „Ja.“, auf eine andere mit „Ist mir scheißegal, was die Hörer meiner Platte denken.“ Das fand ich schon wieder konsequent von ihm.

Da gefallen mir die Artikel im „Rolling Stone“ schon besser, obwohl der es auch irgendwie schafft, nach einer Ausgabe mit vielfältigen interessanten Themen eine auf den Markt zu werfen, in der mich wirklich kein einziges interessiert. Titelstar der aktuellen Nummer ist Robbie Williams, einfallsloser geht’s wohl nimmer. Dazu kommt ein Artikel über eine mir völlig unbekannte, dafür gut gebaute und leicht bekleidete US-Schauspielerin (?). Und als Gipfel der Belanglosigkeit noch ein Gespräch mit Heinz Rudolf Kunze und Gunther Gabriel, zwei der sich selbst am meisten überschätzenden Vertreter der populären Musik in Deutschland (Wobei, kann man das eigentlich noch populäre Musik nennen? Die Beiden verkaufen ja wohl schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich viele Platten.). Ist der November musiktechnisch Saure Gurken-Zeit? Oder ist das schon der Einfluss der neuen Redaktionsleitung? Seltsame Dinge kommen noch auf uns zu.