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Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Alter Wein in neuen Schläuchen: die neue Samstagsausgabe; Foto: taz

Das denke ich in letzter Zeit immer öfter, wenn ich auf taz.de unterwegs bin, was seit langer Zeit fast meine einzige Nachrichtenquelle im Internet ist, wenn es um allgemeine, mehr oder weniger aktuelle Themen geht (generell informiere ich mich über Politik, Wirtschaft etc. lieber durch Radiosendungen wie das „Mittagsecho“ als durch Webseiten wie SpOn oder die Tageszeitungsportale). Der gedruckten taz habe ich ja viele Jahre lang die Treue gehalten, erst als unregelmäßiger Käufer, dann mal ganz kurz als Abonnent – wobei ich das Abo nicht gekümdigt habe, weil mir die Zeitung nicht gefiel, sondern weil die Post es damals mindestens einmal pro Woche nicht schaffte, mir die Zeitung auch am Erscheinungstag in den Briefkasten zuzustellen und eine Tageszeitung vom Samstag am Montag doch eher sinnlos ist -, dann fast acht Jahre lang so gut wie jeden Samstag als Käufer und zeitweise auch noch donnerstags, als es da die taz.ruhr bzw. später taz.nrw gab.

Aufgehört, die taz zu lesen, habe ich erst, als ich merkte, dass mir die Süddeutsche viel besser gefiel, insbesondere die Wochenendausgabe (seit zwei, drei Jahren kaufe ich gar keine Tageszeitungen mehr, eine Wochenzeitung reicht mir). Seitdem und seit dem vorletzten Relaunch der Samstagsausgabe, als diese dann plötzlich in Farbe war und die Beilage Sonntaz hieß, habe ich nur gelegentlich noch mal eine gedruckte Ausgabe in der Hand gehabt, meistens in Cafés. Was ich dann feststellte, war, dass die Zeitung irgendwie immer mainstreamiger und dadurch belangloser geworden war. Vergangene Woche gab es nun mal wieder einen Relaunch der Samstagsausgabe, der als ganz großer Wurf verkauft und von einer aufwendigen Werbekampagne begleitet wurde. Geändert hat sich sogar erstmals der Titel: Nicht mehr „die tageszeitung“ prangt nun über dem Titelfoto, sondern „taz. am wochenende“. Keine Tageszeitung soll die sechste Ausgabe mehr sein, sondern eine Wochenzeitung, ein Magazin, soll schon der Titel suggerieren.

Der Ansatz ist sicher nicht verkehrt, gehen doch auch Tageszeitungen in den USA – notgedrungen – vermehrt den Weg, statt einer täglichen Zeitung nur noch ein oder zwei Mal in der Woche eine drucken zu lassen, die dann auch „magaziniger“ ist, also mehr Hintergründe und Lesestoff bietet als Nachrichten, die bei Druck sowieso schon veraltet sind. Was die taz da allerdings als ganz neu, innovativ und fortschrittlich verkauft, ist eigentlich ein alter Hut und noch dazu eine Mogelpackung: Beim Durchblättern unterscheidet sich die neue „taz.am wochenende“ nämlich in fast nichts von der alten Samstagsausgabe – mit dem Unterschied, dass sie nun statt 2, 30 Euro 3,20 Euro kostet. Weder hat sie mehr Seiten, noch ist der Inhalt wirklich ein anderer. Die Änderungen sind rein kosmetischer Natur. Nach wie vor gibt es 16 Seiten mit den üblichen Inhalten, die sich – teils unter anderen Rubrikentiteln – auch in der Werktagsausgabe finden, mit dem einzigen auffälligen Unterschied, dass die reinen Nachrichten auf eine Seite gekürzt wurden. Aber Reportagen und Hintergründe finden sich ja auch montags bis freitags.

Danach folgen wie gehabt 24 Seiten Sonntaz mit teils den alten und teils auch einigen neuen Rubriken und Themen aus Gesellschaft, Kultur, Reise etc. Dabei wirkte die Themenmischung heute so beliebig und an manchen Stellen in ihrer Klischeehaftigkeit schon unfreiwillig komisch, dass ich mich echt fragte, wer dafür mehr als 3 Euro bezahlen soll – von den üblichen Altabonnenten aus der Kommune 1 und den Macchiato-Müttern vom Prenzlberg mal abgesehen. Homestories über „normale“ Leser – Tenor der Unterzeile: „Sie lernten sich kennen, heirateten und hatten auch ihre Probleme“ -, eine Rezeptseite – Mozzarella-Paprika richtig zubereiten – und eine ganzseitige Anleitung, wie man richtig Holz hackt – sind das eurer Meinung nach wirklich die Themen, die alternativ oder „irgendwie links“ denkenden Menschen auf den Nägeln brennen, liebe taz? Da kann ich mir ja gleich die Rheinische Post kaufen, deren Wochenendbeilage eine ähnliche Mischung haben dürfte. Interessiert haben mich auf den ganzen 40 Seiten zwei kurze Artikel, einen über einen neuen Kinofilm und die „Tatort“-Vorkritik – na gut, letzterer eigentlich auch nicht so richtig.

Dass der groß angekündigte Relaunch im Grunde nur eine kaschierte drastische Preiserhöhung ist, bemerken dann auch gleich mehrere LeserInnen auf der Leserbriefseite. Warum sagt ihr dann nicht einfach: „Die Zeiten für Print sind hart, die Einnahmen sinken, wir brauchen mehr Geld von euch, liebe LeserInnen“? Stattdessen tut ihr so, als hättet ihr das Rezept für die Zukunft gefunden und verpackt doch nur alten Wein in neue Schläuche, etikettiert ihn aber mit um 40 Prozent erhöhten Preisen. Fast noch trauriger finde ich, dass ihr mittlerweile in meinenn Augen fast überhaupt keine politisch-gesellschaftliche Relevanz mehr habt. Früher stimmte der Slogan „Gegen uns sind alle anderen gleich“. Mittlerweile muss man die Unterschiede in der Themensetzung zwischen euch und anderen (Mainstream-)Medien meist schon mit der Lupe suchen. Auf taz.de lese ich selten etwas, dass ich nicht auch auf süddeutsche.de oder faz.net lesen könnte. Was Gegenpositionen zum gesellschaftlich-politischen Konsens angeht, lese ich die inzwischen im „Freitag“ oder in Blogs, aber kaum noch auf eurer Webseite. Es sei denn, man hält „Fahrradfahrer haben es in deutschen Städten schwer“ schon für eine gesellschaftpolitische Gegenposition. Wenn man es ganz gemein formulieren wollte, könnte man auch sagen, die taz ist auf bestem Wege, die „Gartenlaube“ der Bio-Markt-Einkäufer zu werden. Aber auch Ex-Revoluzzer werden halt älter und pflegen dann irgendwann lieber ihren Garten als ihre Streitkultur.

Happy Birthday, Stan Lee!

Veröffentlicht: 28. Dezember 2012 in Film, Print
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Ach ja, das ist ja heute.

Den Kinderschuhen entwachsen: Yps goes Neon

Veröffentlicht: 11. Oktober 2012 in Print
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Gediegenes Schwarz statt bunter Comicoptik: das neue Yps; Abb.: Egmont Ehapa

Seit Ehapa 1999 das kriselnde Yps von Gruner + Jahr gekauft hat, hat man viel mit dem Comicheftklassiker herumexperimentiert: erst heruntergewirtschaftet und nach gut einem Jahr eingestellt, 2005/06 einen ersten Relaunchversuch gestartet, zum zweiten Mal eingestellt – und nun versucht der Verlag es mit einem völlig neuen Konzept noch einmal. Heute liegt also Yps mit Gimmick 1258 an den Kiosken und es sieht komplett anders aus als alle seine Vorgänger.

Statt an die Kinder von heute wendet sich das neue Yps an die Kinder von damals, also an die, die in den 70ern und 80ern mit dem Magazin aufgewachsen sind. Denn Yps ist seit Jahren ohnehin ein Retro-Phänomen geworden wie MacGyver und der C64 (beide kommen dann sinnigerweise auch im neuen Heft vor). Ehapa appelliert mit dem neuen Testballon folgerichtig an die nostalgischen Gefühle der Altleser. In ironischer Anlehnung an Neon prangt auf dem Cover der abgewandelte Slogan „Eigentlich sind wir doch schon erwachsen!“. Ansonsten wirkt das Cover, das ganz ohne richtiges Titelbild und fast ohne Comicbezug auskommt, reichlich überladen und ziemlich spröde: Auf schwarzem Hintergrund werden kreuz und quer Themen aus dem Inhalt angepriesen. In der Ecke klebt dann noch das unvermeidliche Gimmick: die Urzeitkrebse samt Futter, die anscheinend bei keinem Relaunch fehlen dürfen.

Das Heft beginnt dann mit einer nostalgischen Strecke, die an das alte Yps und seine Leser erinnert: Auf vier Seiten gibt es einen informativen Rückblick auf die Geschichte des Magazins, danach Fotoeinsendungen alter Leser nach dem Motto „Vorher – nachher“, besonders gelungen ist eine Aufnahme einer Tanne aus einem Heft von 1981, die ihren Pflanzer inzwischen ums Fünffache überragt. Natürlich dürfen auch die unvermeidlichen Promis nicht fehlen, die zu ihren Yps-Erinnerungen befragt wurden. Insgesamt ein unterhaltsamer Einstieg ins Heft.

Ein echter Höhepunkt hätte das Interview mit dem langjährigen „Yinni und Yan“-Zeichner Heinz Körner werden können, leider zeigte der sich aber sehr wortkarg. Trotzdem lesenswert. Danach folgen einige neue (Kurz-)Comics, wovon der norwegische Familienstrip „Pondus“ und die neue Albenserie „Zombillenium“ überzeugen können. Im Anschluss folgt der Reportageteil: ein wenig informativer, aber angemessen launig geschriebener Artikel zur Frage, wie man als ehemaliger Yps-Geheimagent doch noch im richtigen Leben Spion werden kann, eine Reportage über die Suche nach Dinosaurierfossilien, ein Buchauszug eines echten Abenteurers und ein Rückblick auf den in den 80ern tobenden Kampf zwischen Spielkonsolen und Heimcomputern um die Vormachtstellung in den Kinderzimmern. Alles nicht weltbewegend, aber durchaus angenehm zu lesen. Überflüssig wirken hingegen die nun folgenden Fotostrecken mit Autos aus den 70ern/80ern und ihren heutigen Nachfolgemodellen sowie mit Zaubertricks. Auch die Modestrecke mit Yps, Kasper, Patsch und Willy hätte es nicht gebraucht, letztere sind aber wenigstens nett gezeichnet und wecken so noch einmal nostalgische Gefühle.

Wie natürlich auch die abschließende Comicstrecke mit Nachdrucken von Originalgeschichten aus dem alten Yps. Endlich hat es dabei auch das Yps-Fernsehteam „Yinni und Yan“ wieder ins Heft geschafft, der vielleicht größte Yps-Klassiker überhaupt. Die Serie war von Anfang an und bis kurz vor Schluss in (fast) jedem Heft vertreten und ist ohnehin ein zu Unrecht vergessener Schatz der deutschen Comicgeschichte. Die hier abgedruckte Episode aus der Hochphase der Serie (bevor Körner gezwungen wurde, seinen Zeichenstil immer mehr zu verkindlichen) gehört zwar nicht zu den besten, ist aber trotzdem sehr nett. Auch Peter Wiechmanns realistisch angelegter „Hombre“ kann in einer monochromatischen (braun-weißen) Fassung überzeugen.

Insgesamt hat die neue Redaktion vieles richtig gemacht: Die Comicauswahl ist wesentlich gelungener als beim letzten Relaunchversuch, sowohl die Klassiker als auch die Neuvorstellungen. In Artikeln und Rückblicken werden angenehme Kindheitserinnerungen geweckt, ohne dass man sich selbst und seine Generation zu ernst nehmen würde. Wirkten die vier Testausgaben von 2005/06 irgendwie lieblos zusammengeschustert, hat man diesmal offenkundig wesentlich mehr Gedanken und auch Liebe in das Heft einfließen lassen. Es reicht halt nicht, ein dünnes Heftchen mit einer neu gezeichneten Comicseite, ein, zwei kurzen Nachdrucken und ein paar willkürlich ausgewählten „modernen“ Einseitern zu füllen und auf den restlichen Seiten ein paar Wissensinfohäppchen zu präsentieren wie 2005 und dann zu hoffen, dass der Nostalgiefaktor alleine das Ding schon zu einem Selbstläufer machen wird. Zumal eine Kinderzeitschrift mit Nostalgiefaktor schon ein Widerspruch in sich ist, da den Kids von heute die Marke Yps überhaupt nichts mehr sagen wird.

Insofern ist die Neuausrichtung auf erwachsene Leser konsequent und wahrscheinlich die letzte Chance, das Magazin noch einmal dauerhaft zu etablieren. Die Frage ist nur, ob sich genügend groß gewordene Kindsköpfe oder im Herzen Kind gebliebene Erwachsene finden werden, die bereit sind, für ihre Jugenderinnerungen regelmäßig den doch recht hohen Coverpreis von 5,90 Euro zu bezahlen. Für die Zielgruppe der erwachsenen Comicleser ist der Comicanteil dann mit 25 von 100 Seiten doch zu gering und ob diejenigen, die mit Comics nicht mehr viel am Hut haben, für ein Retro-Lifestylemagazin mit Comicanteil knapp 6 Euro hinlegen wollen, bleibt fraglich. Das neue Yps konkurriert am Kiosk jedenfalls nicht mehr mit der Micky Maus und auch nicht mit dem schon vor 13 Jahren erfolgreich wiederbelebten ZACK, sondern mit anderen Nostalgiemagazinen wie „Kult“. Und der schnelle Tod von „Retro“ hat gezeigt, dass Nostalgie alleine für eine erfolgreiche Zeitschrift eben doch nicht reicht. Sollte Yps tatsächlich die Nr. 1259 erleben, wären ein größerer Comicanteil, etwas tiefgründigere Reportagen und dafür weniger Produktvorstellungen wünschenswert. Dann lasse ich mir mit dem endgültigen Erwachsenwerden vielleicht doch noch etwas Zeit.

Auf dem Düsseldorfer Bücherbummel verkauft das Filmmuseum seit gestern wieder alte Filmzeitschriften zum Schleuderpreis. Dort stieß ich auf ein Magazin, das ich noch gar nicht kannte, die Kölner „filmwärts“ aus den 80er/90ern, und zwar u.a. auf das Heft 31 vom September 1994, das zur Wiederentdeckung des Tschechen Zbynek Brynych unter Cineasten führte. Mit dem Mann, der in München seit den 60ern Dutzende Folgen von TV-Krimiserien wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“ gedreht hatte und auch zwei skurrile Kinofilme namens „Die Weibchen“ und „Engel, die ihre Flügel verbrennen“, führten die Autoren Ertl und Knepperges ein interessantes Gespräch. Daneben werden drei seiner Film- und TV-Arbeiten in angemessen launischem Tonfall vorgestellt, darunter auch die „Kommissar“-Folge „Parkplatzhyänen“ mit einem völlig overactenden Johannes Heesters.

Noch interessanter fand ich allerdings das sehr ausführliche Gespräch mit Jim McBride im selben Heft, den Autor Olaf Möller bei einem italienischen Festival traf. Im Einleitungstext versteigt sich Möller zu der gewagten These, sein „Außer Atem“-Remake „Breathless“ sei viel besser als das Original, der ich sofort zustimmen würde. Außer diesem Richard Gere-Film kenne ich von McBride nur „The Big Easy“ mit Dennis Quaid und Ellen Berkin, der als Heranwachsender für mich fast eine Offenbarung war. Ich hätte ihn bisher eher als typischen 80er-Jahre-Hollywood-Auftragsregisseur angesehen, er hat aber auch ganz andere Sachen gemacht, u.a. einen (Soft-)Porno. In dem in einem sehr locker-persönlichen Tonfall geführten Interview enthüllt er auch, was er an Comics so liebt und warum die in seinen Filmen oft so eine wichtige Rolle spielen (ich sage nur der Silver Surfer in „Breathless“!) und woran seine geplante Verfilmung von Frank Millers „Elektra“ gescheitert ist. Danach hat man gleich Lust, sich auf die Suche nach vergessenen 80er-Jahre-Filmen zu machen.

Insgesamt erinnert mich die Themenauswahl und der sehr persönliche Schreibstil in diesem Heft (gerne in der Ich-Form) an das, was man so von den frühen „Cahiers du cinema“ gehört hat, dieses Entdecken von als reinen Unterhaltungsregisseuren abgetanen Filmemachern als Autoren. Im Internet findet man leider nicht viel über diese wenige Hefte später eingestellte Zeitschrift, immerhin hat einer ihrer ehemaligen Herausgeber ihr aber eine Facebook-Seite gewidmet. Das wünscht man sich natürlich als Magazinmacher, dass in 20 Jahren jemand alte Hefte entdeckt und darin noch einiges findet, das ihn interessiert.

Es hat etwas länger gedauert, aber nächste Woche ist es soweit: Die erste Print-Ausgabe meiner Zeitschrift für anspruchsvolle TV-Serien-Freunde erscheint. Ab 24. Februar wird das Heft für sechs Euro bundesweit im Bahnhofsbuchhandel und an den Flughäfen zu kaufen sein, in einigen Großstädten auch in ausgewählten anderen Buchhandlungen. Ein Einzelheft kann außerdem hier bestellt werden (innerhalb Deutschlands versandkostenfrei), ein Abo ist hier möglich.

In der Nr. 1 gibt es u.a. folgende Themen (neben dem Titelthema “Mad Men”):

Serienschöpfer Paul Abbott erzählt von der Arbeit an der US-Version seiner Serie „Shameless“. Wir widmen uns dem neuen britischen Serienboom und der Frage, was “Doctor Who” damit zu tun hat. Im Porträt stellen wir die Arbeit von Drehbuchautor Aaron Sorkin von Fernsehserien wie “The West Wing” bis zum oscarprämierten Kinofilm “The Social Network” vor. Mit “Homeland” und “Hell on Wheels” behandeln wir einige der interessantesten Neustarts der US-Saison. Und außerdem geht es noch um “Game of Thrones”, “Space: 2063”, “Homicide”, “Misfits”, Dominik Grafs “Der Fahnder” u.v.m.

Heute mal ganz old school zwei Print-Lesetipps: In der aktuellen „brand eins“ findet sich zum einen eine sehr gute Reportage über die Frage, warum der erfolgreiche Popjournalist Marc Fischer Suizid beging. Darin geht es u.a. um die TEMPO-Jahre, erfundene Figuren in Artikeln und die Einsamkeit des „Kriegsberichterstatters“  inmitten der hippen Berliner Kulturszene. Schönes Zitat (sinngemäß): „Wer sich um Frau und Kinder kümmert, bleibt in Nürnberg wohnen, die anderen gehen nach Berlin.“

Zum anderen gibt es noch einen recht aufschlussreichen Artikel über IKEA, sein Erfolgsrezept und die Schattenseiten seines Geschäftsmodells. Hat mir sehr aus der Seele gesprochen, nachdem ich neulich beim Versuch, ein Regal auszusuchen, sehr genervt war. Ich glaube auch immer mehr, dass das Geschäftsmodell im Grunde auf Blendung des Kunden basiert – Marketing 1, Service 5. Oder wie es der Artikel in Anspielung auf die Hotline formuliert: „Fluchst du noch oder telefonierst du schon?“. Außerdem möchte ich nicht während meines Einkaufs von Lautsprecherdurchsagen und Hinweisschildern permanent in vertraulichem Ton dazu aufgefordert werden, doch bitteschön mitzuarbeiten („Mach dir Notizen!“, „Miss deinen Stoff selbst ab!“ etc.). Aber die Köttbullar sind lecker, das muss ich zugeben…

P.S.: Wem 7,60 Euro für die Zeitschrift wie mir auch zu teuer sind und wer dann kein hippes Szenecafé in der Nähe hat, das sie ausliegen hat, kann die Texte ab Erscheinen der nächsten Ausgabe dann auch online lesen.

In einem Radiobeitrag im „Zündfunk“ wurde sie diese Woche schon als neue TEMPO angekündigt, die deutsche Ausgabe von Andy Warhols legendärem „Interview“-Magazin. Im Gegensatz zu Meedia finde ich 6 Euro für 260 überformatige Seiten auch nicht „happig“, eher habe ich mich gefragt, wie sich das zu dem Preis finanzieren lässt. Die Antwort findet man, sobald man anfängt, das „Heft“ durch zu blättern: Schon nach etwas mehr als 50 Seiten findet sich der erste redaktionelle Beitrag, davor endlose Werbung. Von den Themen interessierte mich spontan ein einziges: Chloe Sevigny erzählt im Interview mit Sonic Youths Kim Gordon über ihre neue TV-Serie. Ansonsten die üblichen Sternchen allenthalben, und wenn ein Vorspann damit anfängt, dass Woody Allen Scarlett Johannson für die attraktivste Schauspielerin seit Marilyn Monroe hält, hätte ich schon keine Lust mehr, weiter zu lesen (ok, hätte ich bei der Dame ohnehin nicht).

Auf den ersten Blick wirkte das am Kiosk auf mich wie ein Magazin, auf das niemand gewartet hat. Jedenfalls nicht in dieser Form. Der TEMPO-Vergleich geht ja schon deshalb völlig in die Irre, weil die eben nie ein reines Promi-Lifestyle-Magazin war, sondern diese Themen mit ernsthaften Politik-Reportagen und soziokulturellen Essays mischte. Der Vergleich „frühe MAX“, den Meedia bringt, ist recht zutreffend: viele große Fotos von gut gekleideten hippen Menschen, wenig Gehalt. Die MAX war ja damit auch so wenig erfolgreich, dass sie in den nächsten Jahren ihr Konzept gefühlte fünf Mal völlig über den Haufen warf – was ihr am Ende auch nichts nützte. Mal sehen, wie lange „Interview“ durch hält.

Zwei Mal Philosophie am Kiosk

Veröffentlicht: 25. November 2011 in Print
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Ein "brand eins"-Klon? Philosophie-Magazin "Hohe Luft"

Gleich zwei Publikumszeitschriften zum Thema Philosophie sind diesen Monat neu auf den Markt gekommen. Das eine heißt auch schlicht „Philosophie“, wurde heute Mittag bei WDR5 ziemlich verrissen und sieht relativ populär aus, inklusive Richard David Precht. Das andere heißt „Hohe Luft“, erscheint im Verlag der „Emotion“-Herausgeberin und kommt zurückgenommener und wertiger daher, kostet dafür aber auch acht statt 5,90 Euro. Titelschriftzug und Covergestaltung ohne Abbildung erinnern stark an „brand eins“, das Papier ist dicker, das Magazin laminiert statt geheftet, das Layout luftiger, aber auch textlastiger. Da gibt es auch schon mal 12-seitige Artikel mit nur einem einzigen Foto. „Herzstück des Magazins sind lange Lesestücke“, so die Selbstdarstellung. Themen der Erst- (und Test-) Ausgabe sind z.B. “Steckt mein Geist im iPhone?” oder „Was macht mich zur Person?“ Wenn ich das Geld etwas lockerer sitzen hätte, hätte ich mich auf jeden Fall für dieses Heft entschieden. Eine Blattkritik gibt es bei W&V zu lesen.

 

Es tut sich was im Blätterwald der Comic-Szene

Veröffentlicht: 24. November 2011 in Print
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In den 90ern gab es teilweise fünf, sechs gleichzeitig erscheinende allgemeine Comic-Fachzeitschriften, also Magazine, die mehr oder weniger regelmäßig über Neuerscheinungen, Zeichner und Autoren oder Neuigkeiten aus der Verlagsbranche berichteten. Dazu kamen dann noch einige Titel, die auf bestimmte Teilaspekte der Comicszene spezialisiert waren. Nach und nach wurden fast alle der allgemeinen Magazine eingestellt, meistens nicht wegen sinkender Verkaufszahlen, sondern wegen anderer Prioritäten der Herausgeber. Übrig blieb eigentlich nur noch die altehrwürdige „Comixene“, die in den 70ern die erste Zeitschrift dieser Art im deutschsprachigen Raum war. In den vergangenen Jahren erschien sie aber immer seltener.

Umso überraschender, dass diese Woche nicht nur die „Comixene“ ein häufigeres Erscheinen zu einem günstigeren Preis angekündigt hat, sondern sich auch ein neuer Konkurrent angekündigt hat. Volker Hamann und Mathias Hofmann, die dieses Jahr bereits das neue (sehr empfehlenswerte) jährliche Handbuch „Comic Report“ gestartet haben, wollen ab nächsten Juni mit „Karacho“ ein neues dreimonatliches Sekundärmagazin herausgeben. Das könnte richtig gut werden, bringt Hamann doch bereits seit seinen Schülerzeiten vor 25 Jahren die meist monothematische „Reddition“ heraus, die zum Interessantesten gehört, was man auf Deutsch so über Comics lesen kann.

Thomas Kögel vom Online-Magazin „Comicgate“ hat den Machern der beiden Magazine jeweils einige Fragen gestellt. Schon interessant, dass es in unseren Medienwandelzeiten, in denen Print doch angeblich in den letzten Zügen liegt, immer noch Menschen gibt, die an solche Nischenmagazine glauben.

Videotipp: „Bad Boy Kummer“

Veröffentlicht: 28. Oktober 2011 in Film, Journalismus, Lesetipp, Print
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Zurzeit in der arte-Mediathek: der Dokumentarfilm über Tom Kummer. Irgendwie finde ich immer noch, dass Kummer mit fast allen seinen Aussagen Recht hat. Und die Ausschnitte aus seinen gefakten Interviews in dem Film sind alle großartig (Tyson über Nietzsche und Tolstoi, Bronson über Orchideenzucht und Pamela Anderson über Abnehmen und Schönheitswahn). Muss mal gucken, ob man die Interviewsammlung noch billig im Netz bestellen kann.