Archiv für die Kategorie ‘Print’

Das neue DUMMY – Ein beschissenes Heft

Veröffentlicht: 21. September 2011 in Print
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An ausgewählten Verkaufsstellen auch in Papiertüte erhältlich: DUMMY 32

Nicht etwa, weil es schlecht wäre, sondern weil das Thema diesmal tatsächlich „Scheiße“ lautet. Die schrecken echt vor nichts zurück, auch wenn potentielle Anzeigenkunden das Thema wohl nicht so prickelnd fanden, wie dem Editorial zu entnehmen ist. Ich find’s aber schon faszinierend, wie man aus Scheiße… äh, ich meine zu Scheiße ein ganzes Heft machen kann. Wie immer nehmen die Macher das Thema natürlich nicht immer ganz so wörtlich, sondern manchmal auch nur sinnbildlich, es geht also auch um Menschen in Scheißsituationen, Scheißversager, beschissene Liebhaber und Scheißwut. Aber eben auch um Latrinenleerer in Indien, den Inselstaat Nauru, der einst mit Vogelscheiße reich wurde (und sich danach quasi selbst ruinierte) und Künstler, die aus Scheiße Kunstwerke gemacht haben… oder Kunstwerke, die künstliche Scheiße herstellen.

Insgesamt wieder mal ein gelungenes Heft, auch wenn Zartbesaitete diesmal bei einigen Texten und vor allem Fotos vorsichtig sein sollten, dass ihre Perestaltik nicht in die andere Richtung arbeitet. Und das Titelbild hab ich erlich gesagt erst nach drei Tagen vertstanden (wobei ich mich immer noch frage, ob das nicht latent rassistisch, sexistisch oder beides ist).

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Außen hui, innen pfui: Die deutsche WIRED ist da

Veröffentlicht: 9. September 2011 in Print
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Verspricht mehr als es halten kann: Cover der deutschen WIRED; Abb.: Condé Nast

Glaubt man den einschlägigen Medienseiten im Internet, hätten viele Deutsche schon lange darauf gewartet, dass es endlich eine deutsche Version der WIRED gäbe. Ich frag mich ehrlich gesagt, wer das gewesen sein soll: Die Hardcorenerds lesen wahrscheinlich schon längst die amerikanische oder die britische Ausgabe, die meisten anderen kennen das Magazin allerhöchstens dem Namen  nach. Seit gestern liegt die deutsche Ausgabe nun also am Kiosk, vorerst allerdings nur als Beilage zur GQ. Nachdem im Wired-Blog monatelang die Rede davon war, man könne beide Hefte nur zusammen erwerben, lese ich nun plötzlich, dass die WIRED nächsten Monat dann auch alleine am Kiosk liegt. Da ärgere ich mich erst mal, dass ich diesen Stapel Altpapier miterworben habe, der sich GQ nennt (von 300 Seiten gefühlte 150 Werbung und die Seiten dazwischen sind auch nicht viel interessanter).

Aber zur WIRED selbst: Die Titelthemen klingen zunächst einmal spannend: „Drogen shoppen im Web“ und „The Sexual Network“. Im Heft entpuppt sich erstere Geschichte gleich als doppelter Etikettenschwindel: Statt einer großen Reportage gibt es nur zwei Seiten, davon knapp eine mit Fließtext, und in weiten Teilen geht es gar nicht um kriminelle Aktionen im Netz, sondern nur um das Darknet, das nicht mit Google durchsucht werden kann. Ähnlich oberflächlich bleibt die Geschichte über das Online-Dating-Netzwerk Badoo, man erfährt eigentlich nichts wesentlich Neues. Christian Jakubetz‘ Artikel über die Mobilität der Zukunft ist zwar ausführlicher und solide, reißt mich aber auch nicht gerade vom Hocker. Das Stück könnte genau so auch im „Spiegel“ oder im „Stern“ stehen, nur dass da für weniger Geld dann noch eine Vielzahl weiterer gesellschaftspolitischer Artikel drinstehen.

Lesbar wird das Heft eh erst ab Seite 60 (von 130). Vorher gibt es allerlei nerdige Fotos und Grafiken zu sehen, an denen sich der Art Director zwar austoben durfte, die aber keinen besonderen inhaltlichen Mehrwert bieten. Die diversen Kolumnen sind ein Totalausfall. Mario Sixtus füllt eine Seite mit Allgemeinplätzen zum Thema technische Innovation, es folgen zwei Seiten mit Allgemeinplätzen zum Thema „Ich lagere mein Gehirn bei Google aus“, nach der dritten Kolumne habe ich aufgegeben. Wer wissen will, wie man eine gleichermaßen unterhaltsame wie tiefgründige Kolumne über Technik, Computer und digitale Welten schreibt, sollte mal alte „Tempo“-Hefte rauskramen. Da zeigte Peter Glaser das nämlich schon vor 25 Jahren, als es in Deutschland praktisch noch gar kein Internet gab.

Danach folgt das „Dossier“ zum Thema Geeks. Chefredakteur Thomas Knüwer steuert dazu eine Art Essay bei, der eher ein etwas lang geratener Blogartikel ist – nichts, was man nicht auch dutzendfach in der Blogosphähre lesen könnte. Internetguru Jeff Jarvis versucht auf vier Seiten etwas bemüht, Parallelen zwischen Buchdruck-Erfinder Guttenberg und den Steve Jobs von heute zu ziehen. Zwischendrin gibt es immer mal wieder hübsche grafische Ideen wie eine doppelseitige comichafte Darstellung des Oktoberfests oder eine Art Organigramm, das die vielschichtigen Beziehungen zwischen verschiedenen Marvel-Helden eher verschleiert als veranschaulicht. Überhaupt ist die Optik des Hefts weitgehend gelungen, manchmal etwas zu verspielt, aber insgesamt überzeugend. Nur finden sich unter der schillernden Oberfläche erschreckend wenig Inhalte. Längere Texte gibt es nur wenige und die lesen sich dann teilweise wie aus dem Lehrbuch für Journalismusschüler: eine wilde These, ein Treffen mit dem Firmengründer, denn noch ein Statement eines Experten. Von einem Magazin, dass innovativ sein will, erwarte ich ehrlich gesagt etwas mehr: eine originelle Schreibe, einen ungewöhnlichen Ansatz, Mut zur Provokation zum Beispiel.

Thematisch finde ich die Mischung der ersten Ausgabe durchaus ansprechender als das, was ich beim Durchblättern der englischsprachigen Versionen so gesehen habe. Insgesamt frage ich mich aber schon, wer das eigentlich regelmäßig lesen soll(te). Mir scheint, die herbeigeredete Zielgruppe der Geeks ist in Deutschland genauso klein wie die der einst von der deutschen „Vanity Fair“ heraufbeschworene der Mover und Shaker.

Enten statt Miezen: "Donald"-Magazin; Abb.: Egmont Ehapa Verlag

Jetzt ist es also tatsächlich erschienen: das Männer-Lifestylemagazin „Donald“ des Egmont Ehapa Verlags. Auf den ersten Blick klingt die Idee höchst skurril, auf den zweiten ganz charmant. Beim Durchblättern fragte ich mich aber dann doch ständig, wer das nun eigentlich kaufen soll. In den Niederlanden sind immerhin schon mehrere Ausgaben des Titels erschienen.

Von den Themen interessierte mich höchstens der Artikel über 60 Jahre Micky-Maus-Magazin, der aber wahrscheinlich für Fans nichts wirklich Neues bietet (und zudem reine Verlags-Eigenwerbung ist). Interview mit den Ärzten? Wer interessiert sich denn bitte noch für Die Ärzte? Ebenso wenig möchte ich etwas über Simon Gosejohann, den ewigen Jugendfernsehpraktikanten, lesen. Die gefeaturten „Damen“ im Heft kenne ich durchgehend gar nicht erst. WTF ist Bettina Zimmermann (die sich als Daisy und Minni verkleiden durfte)? Wahrscheinlich ähnlich prominent wie Daniela Katzenberger. Auch „Cassandra, Christina & Co.“ sagten mir nichts. Dazu gibt es Modedesigner als (gezeichnete) Comicfiguren, Kochrezepte für Entengerichte (!) und die unverzichtbaren Gadgetvorstellungen, vom Handy bis zum schnellen Auto. Ach ja, und ein Centerfold mit Daisy Duck und eines mit Klarabella Kuh. Ich möchte jetzt lieber nicht wissen, welchen Fetisch man haben muss, um sich die an die Wand zu hängen.

Wer soll bloß die Zielgruppe sein, abgesehen von den Hardcore-Disney-Sammlern, die aber wohl keine 120.000 Exemplare rechtfertigen? Menschen, die Disney-Figuren mögen, aber für die „Micky Maus“ zu alt geworden sind? 14-16-jährige Jugendliche werden dann wohl doch lieber zum „Playboy“ oder zur „Maxim“ greifen, wenn sie Bock auf typische Männerthemen haben. Wem es um die Figuren geht, holt sich lieber das „Lustige Taschenbuch“, wer anspruchsvollere Comics sucht, die Bücher und Alben von Carl Barks oder Don Rosa. Und wer über Mode, Motoren und Menüs lesen will, ohne Titten serviert zu bekommen, wird wahrscheinlich die ständigen Comicfiguren auf den Seiten auf Dauer störend finden.

Viel interessanter hätte ich ja ein etwas anspruchsvolleres Kultur- und Lifestylemagazin mit Disney-Bezug gefunden, also mit Themen wie Kino, Internet, Musik usw. „Donald“ wirkt hingegen leider eher wie eine Mischung aus „Matador“, „Beef“ und „Gala Men“ – nur halt mit Disney-Figuren. Dass man übrigens für die „Micky Maus“ gar nicht zu alt sein kann, habe ich vor ein paar Tagen im Arzt-Wartezimmer gemerkt. Ich fand nämlich tatsächlich beide Comics, die ich gelesen habe, witzig. In NRW bekommt man übrigens diesen Monat bei Kamps jede Woche ein neues MM-Heft beim Kauf einer Knuspertüte hinzu. Davon hat man dann wahrscheinlich mehr als von dem Hochglanzmagazin für 5 Euro.

Titelschlagzeilen heute:

BILD: „Die Schreckens-SMS von der Todesinsel“

Express: „Mordversuch mit Frikadelle“

Wenn der Versuch erfolgreich gewesen wäre, wäre „Dat is ja mal ’ne rischtig jute Frikadelle“ ein schöner Kandidat für die Sammlung „Beste letzte Sätze“ gewesen.

Niveauvolle Unterhaltung statt trockener Nachrichtenlektüre: "Moxxito"; Abb.: Carlsen Verlag

Comic-Magazine für Erwachsene haben in Deutschland keine richtige Tradition. Ganz anders als in Frankreich oder Belgien, wo es seit den späten 60er Jahren immer eine Vielzahl solcher Zeitschriften gegeben hat, die in einem Heft verschiedene Fortsetzungs- und Kurzcomics unterschiedlicher Zeichner präsentieren, darunter so langlebige und heute legendäre wie „Pilote“, „Metal Hurlant“ oder „A Suivre“. Die einzigen derartigen Magazine, die im deutschen Sprachraum über einen längeren Zeitraum erschienen sind, waren „Schwermetall“ und „U-Comix“ sowie bis heute das sehr avandgardistische Schweizer „Strapazin“. Seit einigen Jahren muss man sicher auch die Neuauflage von „ZACK“ dazu zählen, obwohl das ja lange Zeit hauptsächlich Serien abdruckte, die  ursprünglich mal für Jugendliche gedacht waren. Versuche, Magazine mit reinen Erwachsenenstoffen zu etablieren hingegen, hat es  auch hierzulande immer wieder gegeben, wurden aber meist nach wenigen Ausgaben wieder eingestellt. Das wohl beste dieser Projekte war „Moxxito“.

Es war 1988, als der Carlsen Verlag, damals noch unangefochtener Marktführer bei Buchhandels-Comicalben, den ambitionierten Versuch startete, ein ebenso niveauvolles wie unterhaltsames Comic-Magazin für ältere Leser zu lancieren. Mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren wurde es nicht nur über die üblichen Vertriebswege für seine Alben angeboten, also über den Comicfach- und (Bahnhofs-)Buchhandel, sondern auch über normale Zeitschriftenläden. Wobei viele Händler wohl nicht wussten, ob sie das Heft neben dem „Playboy“ oder neben der „Micky Maus“ einsortieren sollten. Auf überformatigem Hochglanzpapier präsentierte Chefredakteur Andreas C. Knigge (damals auch Leiter des Carlsen-Comicprogramms) Fortsetzungs- und Kurzgeschichten europäischer Zeichner, darunter viele Newcomer. Das Themenspektrum reichte von Thrillern mit Insektenfiguren („Inspektor Gomina“) über Fantasy bis Erotik (allerdings viel dezenter als die berüchtigten Sexcomics in „Schwermetall“). Neben französischen, belgischen und spanischen Autoren kamen auch deutschsprachige zum Abdruck. Chris Scheuer, damals einer der aufstrebenden Stars der hiesigen Szene (obwohl Österreicher) lieferte mit „Sir Ballantime“ sicher eines der grafischen Highlights des Magazins.

„Moxxito“ bot aber noch mehr als bloß eine bunte Mischung meist guter bis sehr guter Comics. Auch der redaktionelle Teil konnte sich, im Gegensatz zu dem der meisten anderen deutschen Comic-Magazine, sehen lassen. Neben den üblichen Rezensionen aktueller Comics widmete man sich in regelmäßigen Kolumnen auch angrenzenden Medien wie (Unterhaltungs-)Literatur oder Spielfilmen (allerdings nur in Form von TV-Tipps). In der Rubrik „Creativ“ wurden nicht nur Comiczeichner vorgestellt, sondern auch mal ein Filmplakatmaler oder einer, der die Eingänge von Nachtclubs auf der Reeperbahn mit Ölgemälden verschönerte.  Und neben Berichten über einen Streik in den Disney-Studios oder die Rückkehr des Marsupilamis fanden sich auch welche über Profikiller, US-Geisterstädte und die moderne Piraterie. Teilweise waren diese Artikel ziemlich gut geschrieben, man merkte, dass Carlsen für das Heft richtig Geld in die Hand genommen hatte. Statt am Fanniveau etwa der gelegentlichen Artikel in „Schwermetall“ orientierte man sich journalistisch eher am „Stern“.  Knigge konnte sich hier als Blattmacher richtig austoben.

Seine Verdienste für die Etablierung des Comics als ernstzunehmende Kunstform in Deutschland kann man meiner Meinung nach ohnehin gar nicht hoch genug einschätzen: Er brachte mit der „Comixene“ in den 70ern die erste Fachzeitschrift heraus, die sich ernsthaft mit Comics auseinander setzte. Er baute in den 80ern maßgeblich das Erwachsenencomic-Programm des Carlsen Verlags auf. Und er scheiterte leider mit dem Versuch, ein intelligentes Magazin für erwachsene Comic-Freunde am Kiosk zu etablieren. Denn schon nach einem halben Jahr und sechs Ausgaben war schon wieder Schluss mit „Moxxito“.

Wahrscheinlich war es dann doch zu anspruchsvoll, zu elitär, um eine breite Masse anzusprechen. Zudem hatte sich Carlsen mit der viel zu hohen Auflage wohl kräftig verkalkuliert. Auch hatte man den Fehler gemacht, mit lauter ersten Alben neuer, unbekannter Serien in Fortsetzung zu starten, statt auf bekannte Namen zu setzen. Bezeichnend ist nämlich, dass auch die späteren Albenausgaben der „Moxxito“-Fortsetzungsserien im Carlsen Verlag fast alle nach ein oder zwei Alben wieder eingestellt wurden. Erst im letzten Heft hatte man mit Moebius, Bilal und Hermann eine ganze Reihe großer Namen ins Heft geholt. Aber da war es wohl ökonomisch schon zu spät. Da half es auch nicht mehr, dass „Der Spiegel“ laut einem „Moxxito“-Editorial das Magazin als  „savoir vivre für den intelligenten Comic-Freund“ geadelt hatte.

Carlsen versuchte es 13 Jahre später mit dem populäreren, eher auf eine jugendliche bis studentische Zielgruppe ausgerichteten Fantasy-Magazin „Magic Attack“ noch einmal auf dem Magazinmarkt, das sie nach 13 Ausgaben wieder einstellten. Immerhin muss man ihnen zu Gute halten, dass sie es zwei Mal versucht haben, und beide Male mit einem gut gemachten Produkt, während zum Beispiel Erzkonkurrent Ehapa nie den Mut aufbrachte, ein Erwachsenen-Magazin zu starten. Ambitioniert zu scheitern ist mir immer lieber als auf Nummer sicher zu gehen. Und „Moxxito“ sieht noch heute genauso aus, wie ich mir im Grunde ein solches Magazin wünsche. Selbst das Layout wirkt nach knapp 15 Jahren noch frisch und modern. Es war wohl einfach eine jener Zeitschriften, für die der Markt (noch?) nicht bereit war.

Cover Heft 32/79 mit Holly Zolly; Abb.: Axel Springer-Verlag

Eine Zeitschrift, die ich noch im Vorschulalter gelesen habe und an die ich heute noch gerne zurück denke, ist die „Siehste“. Und das obwohl sie überhaupt nur ein knappes Jahr erschienen ist (1979), wovon ich vielleicht knapp die letzten fünf Monate mitbekommen habe. Das nennt man wohl prägenden Eindruck. Nachdem ich knapp 25 Jahre überhaupt nichts mehr über dieses Heft gelesen oder gehört hatte, stieß ich auf die Webseite Zuschauerpost.de, die neben Titelbildern, Ausschnitten und Leserbriefen aus der „Hörzu“ auch die „Siehste“-Titelbilder im Angebot hat. Kurz darauf stolperte ich dann auf verschiedenen Internetseiten zufällig über andere ehemalige „Siehste“-Leser. Menschen unter 40 hingegen wird dieser Name meist überhaupt nichts sagen.

Die „Siehste“ war der Versuch des Axel Springer-Verlags, eine TV-Zeitschrift für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren zu etablieren, also eine Art junge Schwesterzeitschrift der „Hörzu“. Als Maskottchen diente der Redaktionwurm Holly Zolly, der nicht nur die Initialen seines schönen Namens der „Hörzu“ verdankte. Auch sein Äußeres war aus dem (damaligen) Logo des Mutterblattes heraus entwickelt worden. Der Wortvogel nennt das Heft ein „seltsam unschuldig-untrendiges Magazin“, ich würde eher sagen unprätentiös. Die Macher versuchten nicht, ihre jungen Leser mit immer neuen Sensationen zu überrumpeln, sondern sie ernst zu nehmen, heute würde man wohl sagen, da abzuholen, wo sie entwicklungsmäßig waren. Nebem den aktuellen TV-Programm gab es Hintergrundberichte zu Kindersendungen und Kinofilmen, aber auch Wissenswertes aus der Natur oder mal etwas Politisches, z.B. über die Bootsflüchtlinge aus Vietnam. Es gab eine „Schul-Seite“, wo typische Kinderprobleme thematisiert wurden (Ärger mit Lehrern, Ein Neuer kommt in die Klasse oder „Ich bin zu dick“) und einen Kummerkasten à la Dr. Sommer (nur ohne sexuelle Probleme natürlich).

So eine Art Aufklärung gab es aber trotzdem: In einer Serie „Das größte Abenteuer deines Lebens“ wurde wöchentlich über die Entwicklung eines Babys im Mutterleib berichtet, vom Embryo bis zur Geburt – und zwar in Ich-Form aus Sicht des Babys. Damals war es auch noch möglich, in einer Kinderzeitschrift zu schreiben: „Jetzt kann man schon mein Pimmelchen sehen“, ohne dass Elternverbände Sturm liefen. Über aktuelle Popstars wurde ebenso berichtet wie über klassische Clowns. Dazu kamen natürlich Witze, Rätsel und auch einige wenige Comics (Peyos Pussy-Strip und „Tim & Struppi“ in zweiseitigen Fortsetzungen – witzigerweise „Das Geheimnis der Einhorn“, das jetzt auch verfilmt wurde). Den Heftabschluss bildete jeweils ein Fortsetzungsroman zu einer bald anlaufenden Kinderserie („Timm Thaler“, „Der Junge vom anderen Stern“) sowie eine Kurzgeschichte von jugendlichen Lesern.

Was die Themenauswahl und die Kurztexte im TV-Programm betraf, arbeitete die „Siehste“ ohne pädagogischen Zeigefinger. Lehrreiche Sendungen wurden ebenso empfohlen wie die neueste US-Trickfilmserie oder ein alter „Dick und Doof“-Film. Anders als etwa im Jugendmagazin „Floh“, wo fast alles, was wir als Kinder gerne sahen, eine Zitrone bekam (entsprach etwa dem „Wir raten ab“ im katholischen „film-dienst“), weil es angeblich zu brutal oder blöd sei (Bugs Bunny, Tom & Jerry etc.).

Was mir jetzt beim Blättern in alten Ausgaben vor allem auffiel, ist aber, wie anspruchsvoll damals noch das Fernsehprogramm, gerade das für Erwachsene, war. Es begann im Ersten und Zweiten jeweils um kurz nach 16 Uhr, teilweise mit Sendungen wie „Einführung in die Kommunikationswissenschaft“. Wenn der Arbeitnehmer nach Hause kam, sollte er sich erst mal weiterbilden, statt wie heute mit „Verbotene Liebe“ eingelullt zu werden. Das weitere Nachmittagsprogramm bot dann neben vielen Kindersendungen auch Dokumentationen und Geschichte, Politik usw. Abends gab es dann die klassischen Unterhaltungsshows, aber auch viel Kultur: Theater, Musik, Wissenschaft. Und Filmklassiker. Überhaupt lief damals kaum ein Spielfilm, der jünger war als 20 Jahre. Jetzt wird mir auch klar, warum meine Eltern ständig Western guckten: Es liefen keine anderen Filme. Jedenfalls keine neueren, es gab natürlich auch Krimis, Komödien, Filmkunst.

ARD und ZDF am Sonntag, 7. Sept. 1979

Sonntags fing das Programm schon vormittags an, im ZDF erst mal mit einer „Matinee“, z.B. einem Monolog über „Das Geheimnis der Existenz“, gefolgt von einem Film von Turgenjew. Während dann im ZDF ein Chemiekurs folgte, sendete die ARD ein „Zwischenspiel“ mit Liedern von Richard Strauss unter der Leitung von Karajan. Im ZDF folgte: „Junge Christen stellen sich vor“. Um 20 Uhr 15 spielte die Leningrader Philharmonie, während man sich im Ersten von Blacky Fuchsbergers „Auf los geht’s los“ unterhalten lassen konnte. Im Spätprogramm (nicht nach Mitternacht, sondern zwischen Zehn und Elf) starteten dann „Kritik am Sonntagabend“ und ein Film von und mit Marlon Brando von 1959. Sachen, die man heute mit viel Glück noch bei arte findet. In den Dritten lief eh den ganzen Tag Schulfernsehen, eingerahmt vor- und nachmittags von der „Sesamstraße“.

Die Dritten und die Empfehlungen am gleichen Tag

Ein Blick auf dieses Programm macht einem erst mal bewusst, wie verkommen ARD und ZDF heute wirklich sind. Fast alles, was einen Anspruch hat, der über Unterhaltung hinausgeht, oder nur eine bestimmte Altergruppe anspricht, ist heute entweder in die Spartenkanäle verbannt (arte, 3sat, Kika etc.) oder findet schlicht nicht mehr statt. Beispielsweise hatte 1979 noch jeder Sender ein eigenes Jugendmagazin, wo dann auch über gesellschaftliche Themen diskutiert wurde. Selbst ich erinnere mich noch daran, dass Michael Steinbrecher noch in den 90ern mit „Doppelpunkt“ ein kritisches Diskussionsformat für junge Menschen im ZDF-Hauptabendprogramm hatte. Die letzte dieser Sendungen trug wohl der BR Ende der 90er mit „Live aus dem Schlachthof“ zu Grabe. Im Abendprogramm kann man heute bei ARD und ZDF statt zwischen Wedekind und Mozart (4.9.79) zwischen Rosamunde Pilcher und Inspektor Irgendwas wählen.

Die „Siehste“ wurde leider Ende 79 wegen mangelnder Umsätze (es gab auch kaum Anzeigen) eingestellt bzw. in die „Hörzu“ integriert. Den Lesern wurde das so verkauft, das es für sie ja ein Vorteil sei, wenn sie eine „dicke ‚Hörzu‘ mit vielen ‚Siehste‘-Seiten“ bekämen und zusätzlich noch ein Mal im Monat ein „Siehste Extra“ kaufen könnten. Letzteres war eher eine Art Comicalbum mit redaktionellem Teil, das bereits nach drei Ausgaben ebenfalls eingestellt werden musste. Wer es für ein gutes Geschäftsmodell hielt, statt einem Heft für eine Mark, das sich nicht ausreichend verkauft hatte, ein Album für 4,50 Mark anzubieten, weiß ich nicht. Der „Siehste“-Teil in „Hörzu“ wurde bald auf eine (Kinder-)Seite zurück gefahren, auf der sich Holly Zolly auch noch tummelte, als ich einige Jahre später meine Eltern überredete, die „Hörzu“ zu kaufen (allerdings nicht wegen ihm, sondern wegen Mecki). Nach einem Wechsel des Chefredakteurs verschwand der alte Schriftzug und der Wurm von der Seite, ersetzt wurde er von einem unansehnlichen Drachen. Im September 1985 verschwand auch die Seite, die da schon nichts mehr mit der ursprünglichen Zeitschrift zu tun gehabt hatte, endgültig zu Gunsten des wiederbelebten ganzseitigen Mecki-Comics.

Heute ist die „Siehste“ für einige Menschen um die 40 eine Erinnerung an spannende Fernsehzeiten. Und ein Zeugnis dafür, dass Fernsehen tatsächlich einmal ein Medium war, dem es nicht nur um billige Zerstreuung und den kleinstmöglichen Nenner zur Erzielung der höchst möglichen Quote ging.

1955 wurde der Musikexpress als „Muziek Expres“ in Den Haag gegründet, um Konzertveranstaltungen des holländischen Veranstalters Paul Acket zu bewerben… 1969 bezog eine deutsche Redaktion Büros in Köln und veröffentlichte seit August 1969 eine eigenständige deutschsprachige Version, die sich aus einem der holländischen Druckversion zuvor beigelegten deutschen Textblatt entwickelt hatte. (aus der Wikipedia)

Da habe ich vor 21 Jahren meinen ersten „Musikexpress“ gekauft und nie gewusst, dass er aus einer niederländischen Zeitschrift hervorgegangen ist – die es 1969 wohl einige Monate lang hierzulande mit deutschem Textblatt in der Mitte zu kaufen gab (das kann man sich heute im Zeitalter der Informationsflut auch nicht mehr vorstellen). Mehr zur wechselhaften Geschichte des „Musikexpress“ bzw. „Musikexpress/Sounds“ bzw. des „Muziek Expres“ gibt es im Forum.

Im Lokalen sind wir aber inhaltlich schon fast gleichwertig im Umfang und häufig investigativer, aktueller und exklusiver – wir verzichten auf viele Gefälligkeitsnachrichten, die eine Zeitung aus lauter Verzweiflung veröffentlicht, um die Seiten zu füllen. Das hat mit Journalismus schon lange nichts mehr zu tun.

Unsere Geschichten sind dann fertig, wenn sie fertig sind und nicht, wenn der Andruck beginnt.

Ich würde Hardy Prothmann ja mit fast allem zustimmen, nur bei mir selbst hat das Modell leider finanziell überhaupt nicht geklappt. Vielleicht war ich bei der Anzeigenakquise nicht hartnäckig genug, vielleicht ist es auch in einer Großstadt, die doch noch ein einigermaßen vielfältiges Angebot an lokalen Medien hat, einfach schwieriger als in einem Nest mit einer Monopolzeitung, Leser zu gewinnen. Momentan plane ich jedenfalls tatsächlich ein Print-Projekt (allerdings kein lokales). Das ist mMn die zweite Zukunftsstrategie: ein Nischenthema im Printmarkt zu besetzen. Jedenfalls bin ich mir relativ sicher, dass Zeitschriften wie DUMMY, brand eins oder 11 Freunde auch dann noch existieren werden, wenn es den Mannheimer Morgen und die NRZ schon nur noch als Marken im Netz gibt.

(via)

Das neue DUMMY zum Thema Freiheit ist seit vorletzter Woche draußen. Es ist wie fast immer wieder toll geworden, wenn auch diesmal etwas morbide. Neben einer laaangen Geschichte über einen abenteuerbesessenen Wildwasserfahrer, der auf seiner letzten Fahrt von einem Krokodil gefressen wurde, geht es gleich zwei Mal um Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben. Zu Zeiten von Heinrich von Kleist und seiner Geliebten, die zusammen gestorben sind, hat man noch herrlich leidenschaftliche Abschiedsbriefe geschrieben, aber auch in der Stunde seines Todes noch die Regeln des Anstands gewahrt. So schreibt Henriette Vogel in ihrem Abschiedsbrief an ihre Freundin: „Herr von Kleist, der mit mir stirbt, küßt dir zärtlichst die Hände und empfiehlt sich mit mir aufs angelegentlichste Deinem teuren Mann.“ Ihr Geliebter, der ihre Freudin wohl gar nicht kannte, fügt am Ende noch hinzu: „Adieu, adieu! v. Kleist.“ Nicht etwa „Dein Heinrich“ oder einfach „Kleist“, nein „v. Kleist“. So viel Zeit musste damals sein, auch wenn man sich danach das Gehirn wegschießen wollte.

Der französische Anarchist Jacob schrieb hingegen 1954 einen ganz prosaischen, aber umso sympathischeren Abschiedsbrief: „Die Wäsche ist gewaschen, ausgespült und getrocknet, aber noch nicht gebügelt. Ich bin so faul. Entschuldigt. Neben dem Brotkorb findet ihr zwei Liter Rosé. Auf euer Wohl!“

Die neue „Spex“ habe ich hauptsächlich wegen einem Vergleich Vincent Gallo vs. Marlon Brando gekauft (der allerdings etwas enttäuschend war) und einem Bericht über experimentelles Fernsehen der 60er und 70er (Beckett, Zadek & Co.). Am Tollsten war aber letztlich eine Originalreportage aus den 40ern von New Journalism-Vertreter Joseph Mitchell über die New Yorker Calypso-Szene. Insgesamt fasziniert mich das Themenspektrum der „Spex“ immer noch. Von den vorsgestellten Musikern kante ich mal wieder niemanden, wollte auch eigentlich gar nichts davon lesen, bis ich die CD-Beilage gehört habe. Da sind einige echt gute Stücke drauf, und teilweise werden die Interpreten dann auch ausführlicher im Heft vorgestellt. So muss eine Musikzeitschrift sein: Lust machen auf neue Bands, von denen man noch nie was gehört hat. Ich weiß nicht, wann mir das das letzte Mal mit einer Band von einer „New Noises“-CD im „Rolling Stone“ passiert ist. Muss aber schon sehr lange her sein.

R.I.P. Marc Fischer

Veröffentlicht: 17. Juni 2011 in Print
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Ok, ist schon über zwei Monate her, aber ich hab’s tatsächlich erst gerade mitgekriegt: Im April starb Marc Fischer, einer der deutschen „New Journalists“ aus der „Generation Tempo“, der in den vergangenen Jahren u.a. für DUMMY schrieb. Aus dem „Spiegel“:

„Inspiriert vom New Journalism eines Gay Talese stieg Fischer sehr jung Mitte der neunziger Jahre beim Monatsmagazin „Tempo“ zum Star auf. Danach hätte er sich bei den etablierten Medien einen Schreibtisch aussuchen können, aber er streifte weiterhin durch die entlegenen Ecken der Welt, immer auf der Jagd nach Geschichten, getrieben von einer Sehnsucht nach einer gebrochenen Schönheit, die ihm wichtiger war als ein regelmäßiges Monatsgehalt.“

Aus dem Nachruf bei Spiegel Online:

Doch nie wieder gingen die Strömungen der Zeit, die Möglichkeiten, die eine Redaktion ihm einräumte, und Fischers unbestreitbares Talent so glücklich zusammen wie bei „Tempo“.

Und hier einer seiner letzten Texte. Schade.

(via)