Mit ‘Berliner Schule’ getaggte Beiträge

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Auf der Spur der Mächtigen und doch immer hinterher: Nadja (Lilith Stangenberg) und Fabian (Florian David Fitz); Foto: NFP / Warner Bros.

Christoph Hochhäusler scheint die Berliner Schule endgültig verlassen zu haben. In seinen beiden vorherigen Filmen deutete sich seine Hinwendung zum Genrefilm schon an, insbesondere natürlich in seinem Beitrag zum „Dreileben“-Projekt der ARD. Waren „Eine Minute Dunkel“ und auch „Unter dir die Stadt“ aber noch recht sperrig, ist „Die Lügen der Sieger“ sein bislang zugänglichster Film geworden, praktisch ein Versuch, den Stilwillen des deutschen Festivalkinos ins Unterhaltungskino zu retten.

Die Geschichte, die er gemeinsam mit Ko-Drehbuchautor Ulrich Peltzer erzählt, ist eine klassische: Ein aufrechter, aber auch ziemlich vor die Hunde gegangener Journalist kommt einem Skandal auf die Spur und legt sich, gemeinsam mit einer unerfahrenen Volontärin, mit den Mächtigen an – ohne zu merken, dass die wahren Strippenzieher ihn längst für ihre Zwecke eingespannt haben. Mit Florian David Fitz hat Hochhäusler die Hauptrolle mit einem Schauspieler besetzt, der typische Leading-Man-Qualitäten besitzt (falls es so etwas im deutschen Film überhaupt gibt).

Alles andere als klassisch ist, wie der Regisseur diese Geschichte erzählt: Ständig flackern Lense-Flares auf, durchschneiden teils als blaue Streifen das Bild, Benedikt Schiefers Score erinnert eher an Filme von Edgar Reitz als an die von Sidney Lumet. Bemerkenswert ist das Gespür für Räume und Architektur, das Hochhäusler auch diesmal wieder beweist: Gesichts- und seelenlose Bürobauten wirken wie die Verkörperung des emotionslosen Lobbyismus, der die wahre Macht im Land innehat, ohne dass sich seine Vertreter jemals einer Wahl gestellt hätten. Die typischen Shots Berliner Straßen, Plätze oder Parlamentsgebäude werden durch schnelle Schnitte eher dekonstruiert als wiedererkennbar gemacht. Oft filmt Kameramann Reinhold Vorschneider (großartig schon bei „Unter dir die Stadt“) durch Fenster oder Glasflächen, das Geschehen wird dadurch immer gebrochen statt eins zu eins eine Realität vorzuspiegeln. Durch die Gesamtheit von Bildgestaltung, Schnitt und Musik ergibt sich eine Ästhetik, die meilenweit entfernt ist von jenem Fernsehspiel-Look, der leider immer noch 90 Prozent des deutschen Kinos dominiert.

Die Handlung selbst ist hingegen reines Genre: Fitz‘ Fabian Groys wandelt auf den Spuren großer filmischer Vorbilder wie Robert Redfords und Dustin Hoffmans Woodward und Bernstein in „All the President’s Men“ oder Humphrey Bogarts Figur in „Deadline U.S.A.“, den Hochhäusler sogar gegen Ende mit einer Originalszene zitiert. Anders als zu Bogarts Zeiten, als das „Stoppt die Presse“ noch Zeichen für eine gesellschaftliche Erschütterung war, die die in letzter Minute noch ins Blatt zu hebende Story ohne Zweifel ausüben würde, laufen Groys‘ Anstrengungen aber ins Leere. Die vierte Macht liegt schon längst nicht mehr bei den Medien, sondern bei jenen Herren und Damen in den Hinterzimmern und Bürotürmen, die man als Normalbürger nie zu Gesicht bekommt. Ein investigatives Politmagazin wie „Die Woche“ (= „Der Spiegel“) dient den wirklich Mächtigen nur noch als Feigenblatt, um eine funktionierende Demokratie vorzutäuschen. Diese Aussage kann man platt finden – allzu weit von der Wahrheit dürfte sie nicht entfernt sein.

Hochhäusler und Peltzer lassen sich Zeit, bevor ihre Geschichte richtig in Gang kommt. Anfangs wirkt der Film disparat, weil gekünstelt erscheinende Szenen mit Lobbyisten und Politikern sowie über Groys‘ problematisches Privatleben von der Kerngeschichte der journalistischen Recherche ablenken. Aber nach einer Weile kommt diese doch noch richtig in Gang und damit steigt auch die Spannung. Offenbar haben die beiden Autoren ihr Sujet selbst gut recherchiert, denn selten wurde journalistisches Arbeiten in einem fiktionalen Film so realistisch dargestellt: von der Recherche selbst über das Niederschreiben und Feilen an den wirkunsgsvollsten Formulierungen (Groys zu Volontärin Nadja: „Das müssen wir noch mehr auf ‚Die Woche‘ bürsten.“) bis zum Faktencheck und den Diskussionen mit Justitiar und Dokumentarist. Etwas aufgesetzt wirkt hingegen die Liebesgeschichte zwischen Groys und Nadja (Lilith Stangenberg als spröde, aber ehrgeizige Jungjournalistin).

Im Vergleich zu Hochhäuslers frühem Film „Falscher Bekenner“, aber auch zu „Unter dir die Stadt“ ist sein neues Werk ein Quantensprung, ein Beleg dafür, dass es möglich ist, auch im deutschen Kino mit den Mitteln des Thrillers spannende Geschichten zu erzählen, ohne dafür intellektuellen Anspruch und Gestaltungswillen aufgeben zu müssen. Die Stilsicherheit, die er dabei inzwischen an den Tag legt, ist beeindruckend.

Leider sieht man diese wunderbare Schauspielerin ja viel zu selten, obwohl die meisten Kritiker sie lieben. Und wenn sie dann tatsächlich alle Jubeljahre mal einen Kinofilm dreht, kommt der meist gar nicht oder nur ganz kurz in mehr als drei Städten ins Kino. Ihre größten Momente hat sie aber vielleicht ohnehin in TV-Filmen gehabt. Hier eine kurze Einschätzung der meiner Meinung nach zehn wichtigsten ihrer Filme:

Durst: als eine Station auf dem Weg des jungen Jürgen Vogel, der nacheinander ein Mädchen, einen Jungen und seinen Lehrer verführt, lässt Krebitz erahnen, welches Talent in ihr steckt

Schicksalsspiel: ihre erste aufsehenerregende Hauptrolle – als Teenagermädchen, dass sich ausgerechnet in einen Fan (Jürgen Vogel) des gegnerischen Fussballvereins verliebt. Romeo und Julia in Hamburg, ebenso intensiv wie brutal realistisch.

Ausgerechnet Zoé: ein weiterer ARD-Fernsehfilm, diesmal steht Krebitz ganz im Mittelpunkt als junge Frau, die plötzlich mit einer positiven HIV-Diagnose leben (lernen) muss. Jürgen Vogel ist auch wieder dabei, ebenso Henry Arnold aus der „Zweiten Heimat“, aber Krebitz spielt sie, gleichermaßen verletzlich wie lebensfroh, alle an die Wand – wohl immer noch ihre beste Rolle.

Bandits: an der Seite von Katja Riemann und Jasmin Tabatabai spielt sie ihre wahrscheinlich bekannteste Rolle, das beste an diesem Film ist aber wohl doch die Musik

Long Hello and Short Goodbye: Rainer Kaufmanns deutscher Neo-Noir, mit großem Stilwillen inszeniert, aber doch immer leicht ironisch gebrochen. Krebitz spielt mit blonden Haaren die Undercover-Polizisten, die sich in den kriminellen Marc Hosemann verliebt und die Seiten wechselt. Großartige Schlusseinstellung!

Fandango: Stilistisch noch brillanter ist dieser Genrefilm von Matthias Glasner, der damals bei den Kritikern völlig durchfiel. Als Model mit dem herrlichen Namen Shirley Maus („ich hatte es einmal bis aufs Cover der Pop/Rocky geschafft“) betrügt sie den brutalen Unterwelt-Charakter von Richy Müller („es gibt zwei Arten von Frauen: die einen lassen dich bluten, ohne dass du es überhaupt merkst, die anderen lassen sich im Voraus bezahlen – letztere sind mir wesentlich lieber“) mit dem „blinden“ DJ von Moritz Bleibtreu, um am Ende von Corinna Harfouchs irrem Profikiller gejagt zu werden. Leider ist die Story sehr 08/15.

Jeans: Krebitz‘ Debütfilm als Regisseurin, in dem sie auch selber auftritt, ist leider nicht mehr als eine reichlich überambitionierte Fingerübung, die wie die Semesterarbeit einer Filmstudentin aussieht. Immerhin darf Rave-Veteran und Klagenfurt-Suhrkamp-Legende Rainald Goetz als er selbst autauchen und den jungen Leuten erzählen, wie das wilde Leben wirklich geht.

Das Herz ist ein dunkler Wald: In Krebitz‘ zweiter langer Regiearbeit spielt sie nicht selbst mit. Der Film mit Nina Hoss in einer weiteren schlafwandlerischen Rolle erinnert ebenso an die Berliner Schule wie an „Eyes Wide Shut“ und lässt einen genauso ratlos zurück – etwas zu künstlerisch, aber durchaus interessant.

Liebeslied: leider völlig untergegangenes Musical (!) mit Selig-Sänger Jan Plevka als Bauarbeiter, der aus heiterem Himmel an Parkinson erkrankt, und Krebitz als dessen Ehefrau. Ebenso ernster wie beschwingter Film, in dem die Songs und Gesangsszenen tatsächlich einmal besser funktionieren als in 90 Prozent der amerikanischen Filmmusicals. Aber so etwas hat in Deutschland natürlich keine Chance, da es sich ja in keine Schublade einsortieren lässt.

Unter dir die Stadt: Danach war der Weg zu einer Hauptrolle in einem Film eines Berliner-Schule-Regisseurs nur folgerichtig. In Christoph Hochhäuslers Kinowerk spielt Krebitz die gelangweilte Banker-Ehefrau, die ihrer sinnentleerten Existenz mit einer ebenso sinnlosen Affäre mit einem älteren Vorstandsmitglied einen neuen Dreh geben will. Dabei bleibt sie trotz ihrer enormen Anziehungskraft die große Leerstelle des Films: Ihre Beweggründe versteht man nie, die Faszination des schmiergig-einsamen Bankvorstands dafür umso mehr.

 

Routinierter Verbrechensarbeiter: Misel Maticevic in "Im Schatten"; Foto: 3sat

Ich hab’s ja wirklich versucht. Hab den Filmemachern der so genannten Berliner Schule oft genug eine Chance gegeben. Mich meistens ziemlich gelangweilt, wenn auch teilweise auf hohem Niveau. Ein paar wenige Filme haben mir dann sogar ziemlich gut gefallen: Christian Petzolds „Toter Mann“, Christoph Hochhäuslers „Unter dir die Stadt“ erst letztes Jahr im Kino. Aber auf jeden Film, den ich gut fand, folgten gleich wieder mindestens zwei, die mir nichts sagten. Petzolds „Dreileben“-Beitrag war so ziemlich der langweiligste und uninteressanteste Fernsehfilm, den ich in letzter Zeit gesehen habe, seinen „Jericho“ habe ich nach 20 Minuten abgeschaltet, Maren Ades gefeierter „Alle Anderen“ war fast schon peinlich in seiner Mittelschichts-Selbstbespiegelung (Motto: Wir haben keine Probleme, deshalb machen wir uns welche.).

Auf den 3sat-Abend mit gleich drei Filmen aus diesem Umfeld gestern hatte ich mich echt gefreut. Über Thomas Arslans „Im Schatten“ hatte ich nur Gutes gehört (obwohl der Film außerhalb Berlins vermutlich nirgends regulär im Kino lief) und den Anfang auch schon mal gesehen, Angela Schanelecs „Orly“ wurde ja von Kritikern fast noch höher in den Himmel gelobt. Ich frage mich, warum bzw. was diese Stilübung nun von Hunderten anderer Studenten-, Low Budget- und TV-Filmen unterscheiden soll. Ich habe jedenfalls nach einer halben Stunde aufgegeben, nachdem sich abzeichnete, dass wohl auch in der restlichen Stunde nicht mehr passieren würde, als dass Menschen in einer Flughafenhalle miteinander sprechen, wobei diese Gespräche mal mehr, meist aber eher weniger interessant zu verfolgen sind.

An „Im Schatten“ gefielen mir der Stilwille, teilweise die Bilder und Farben (minutenlange Einstellung auf eine belebte Berliner Straßenkreuzung im Regen während der Anfangscredits, nächtlicher Blick aus der Windschutzscheibe auf die Landstraße, knallrotes Auto in der Waschstraße etc.) und natürlich der Mut zum Genre. Der Vergleich auf tittelbach.tv mit den frühen Wenders- und den Kriminalfilmen von Melville trifft es schon recht gut, wobei ich erstere meist toll, letztere meist langweilig fand (den „Eiskalten Engel“ mal ausgenommen): Auch bei Arslan passiert nicht viel, und wenn, dann völlig unvermittelt und als quasi natürliches Ereignis, ob nun jemand erschossen wird oder sich nur einen Milchkaffee bestellt. Es wird gar nicht erst versucht, (künstlich) Spannung zu erzeugen. Noch weniger wird allerdings versucht, irgendetwas psychologisch zu erklären, die Charaktere werden nicht einmal angedeutet, bleiben im Grunde Chiffren, austauschbar, damit aber leider auch für den Zuschauer unzugänglich, was das Geschehen wiederum belanglos erscheinen lässt. Warum soll mich interessieren, ob der von Misel Maticevic gespielte Gangster seinen Häschern entkommt oder nicht, wenn ich nichts über ihn erfahre, außer dass er eben ein Gangster ist (der seinem Beruf mit der gleichen Routine und Gelassenheit nachgeht wie etwa ein Buchhalter oder Verkäufer)?

Immerhin war „Im Schatten“ noch wesentlich unhaltsamer anzusehen als der danach gelaufene zweite Arslan-Film des Abends „Ferien“, den ich nicht einmal 20 Minuten durchgehalten habe. Den Blick der Protagonistin auf einen Ameisenhaufen zu teilen, dazu ist mir selbst ein Fernsehabend dann doch zu kostbar. Das Problem, dass ich mit der Berliner Schule habe, ist einfach, dass es in den meisten Fällen ungefähr aufs Gleiche hinausläuft, 90 Minuten aus dem Fenster zu gucken, mit dem Unterschied, dass ich dabei wenigstens noch echten Menschen in ihrem Alltag zugucke. Zumindest arbeitet Arslan noch mit nicht nur professionellen, sondern teils auch richtig guten Schauspielern wie Karoline Eichhorn, Angela Winkler oder eben Maticevic. Richtig schlimm wird’s dann bei solchen Filmen seiner „Schulkameraden“ wie „Sehnsucht“, wo Laiendarsteller schlecht improvisierte Dialoge von sich geben, und die Handkamera dazu ziellos hin und her wankt, als hätte Faßbinder in betrunkenem Zustand Regie geführt.

Ich mag ja deutsche Filme wirklich (und kann dieses ständige Bashing, wie schlecht doch der deutsche Film im internationalen Vergleich sei, auch nicht nachvollziehen; der Künstler gilt halt selten was im eigenen Land). Aber diese Stilrichtung ist halt doch so was von „typisch deutsch“, dass es mich meist einfach nur nervt. Die Dänen z.B. schaffen es ja spätestens seit Dogma ’95 kontinuierlich, mit ganz ähnlichen Mitteln Filme abzuliefern, die mindestens genauso realitätsnah sind, aber gleichzeitig eben auch unterhaltsam, und die, obwohl sie meistens ebenfalls auf Überwältigungsstrategien verzichten, trotzdem eine hohe emotionale Involviertheit der Zuschauer erreichen (während die Werke der Berliner Filmemacher wahrscheinlich den meisten Kinogängern einfach am Arsch vorbei gehen, selbst denen, die sie sich angucken).

Ich will ja nicht schon wieder mit Meister Graf ankommen, aber man schaue sich nur mal die drei „Dreileben“-Filme hintereinander an, da sticht sein Erzähl- und Inszenierungsstil ja so was von meilenweit hervor, dass „offensichtlich“ dafür schon eine Untertreibung ist. Wahrscheinlich werden die Filme der Berliner nur deswegen ständig auf Festivals eingeladen, weil sie eben „Friends of Dieter“ sind, wie neulich jemand im Radio meinte. Dieses Jahr läuft auf der Berlinale ja schon wieder ein neuer Petzold. Gute Nacht.