Mit ‘Digitale Bohéme’ getaggte Beiträge

Ein Problem unserer Zeit ist es, dass kaum noch jemand bereit ist, das Große Ganze zu denken. Jeder wurstelt in seinem eigenen Kleinklein herum, die Einen versuchen, Twitter zu einer neuen Kommunikationsform zu entwickeln, die den Journalismus revolutionieren soll, die Anderen  überlegen, wie sie sich irgendwie durch die Krise wursteln können, ohne ihren Status und ihr sauer Erspartes zu verlieren. Das Schöne an den späten 60ern und frühen 70ern war ja, dass damals junge Intellektuelle noch die Gesellschaft mit im Blick hatten. Klar, auch damals hatte jeder seine Liebeleien, interessierte sich für bestimmte Platten, Bücher oder Filme, setzte Kinder in die Welt oder eben nicht. Aber das hinderte niemanden daran, für eine andere, bessere Gesellschaft zu kämpfen, und sei es nur, dass man das Private für politisch erklärte und bei der Erziehung seines eigenen Kindes mit der Veränderung der Gesellschaft anfing.

Einer, der sich nicht scheut, an das Große Ganze zu denken, ist der ehemalige FAZ-Redakteur und Schriftsteller Dietmar Dath, einer der Letzten, die sich noch trauen, sich als Sozialist zu bekennen. In seinem Essay „Maschinenwinter“ verknüpft er marxsche Gesellschaftsanalyse mit Science Fiction, Kapitalismuskritik mit der Frage, wozu Computer wirklich von Nutzen sein könnten. Von Nutzen nicht für den Einzelnen oder zur Gewinnmaximierung irgendwelcher Unternehmen wohlgemerkt, sondern zum Nutzen für die Gesamtgesellschaft. Die Maschine, die hochentwickelte zumal, ist nämlich für Darth erst die Voraussetzung dafür, dass die Menschheit sich endlich aus den Zwängen der Arbeitsgesellschaft befreien und zu einer wirklich freien Spezies werden könnte. Was dem noch im Wege steht, sind dummerweise die Interessen der Herrschenden. Und damit meint er nicht die Regierungen, sondern die Kapitalbesitzer.

Die Alternative zum Kapitalismus ist für Dath kurz gesagt die vom Computer berechnete, demokratisch legitimierte und kontrollierte Planwirtschaft. Er versucht zu argumentieren, warum ein solches Wirtschaftssystem den Interessen der Gesellschaft besser entspräche als eine auf Angebot und Nachfrage basierende Marktwirtschaft, die doch angeblich das  Wirtschaftssystem ist, das den Kampf der Systeme überlebt hat und somit alternativlos sein soll. Zwar klingt Daths Argumentation manchmal arg technokratisch, aber ihm gebührt zunächst einmal Respekt dafür, das Undenkbare überhaupt nicht nur zu denken, sondern auch noch auszuformulieren.

Dabei macht er es dem Leser nicht immer einfach, wenn er mit verschiedensten philosophischen und historischen Ansätzen hantiert und mit Wörtern wie „irreduzibel“. Immer wieder gelingen ihm aber bemerkenswert formulierte Sätze:

„Die Sklaven in Brasilien … unterscheiden sich nur auf den ersten, unscharfen Blick unüberbrückbar von den Edeltagelöhnern der digitalen Boheme in Berlin. Zwar sind die Beschäftigungsverhältnisse grundverschieden, die Brasilianer an ihr Lager gefesselt, die Berliner womöglich lebenslang ohne Festanstellung vogelfrei. Aber beide befinden sich in der Lage, in der sie stecken, weil sie keinen Anteil daran haben, zu entscheiden, was und wie in den Gesellschaften produziert wird, in denen sie leben…viele Formen, ein einziger Fluch – die Klassengesellschaft.“

Die Verfechter der Digitalen Bohéme, Lobo & Co., muss ich übrigens mal verteidigen. Ihnen wird ja öfter vorgeworfen, sie würden mit ihrem Lebens- und Arbeitsmodell dem Neoliberalismus in die Hände spielen, denn der Arbeitgeber freue sich, wenn seine Beschäftigten gar keine Festanstellung mehr anstrebten, sondern sich auch damit zufrieden geben, ohne soziale Sicherung als Tagelöhner Inhalte anzuliefern. Hier übersieht man mMn, dass die Thesen von Lobo & Co. ja erst als Reaktion auf den sich verändernden Arbeitsmarkt entstanden sind. Sie fordern ja keinen Angestellten auf, seinen Job zu kündigen, um sich mit einem Laptop ins Straßencafé zu setzen und Auftragsangebote zu verschicken. Sondern sie wollen eine Alternative aufzeigen für die „Geistesarbeiter“, die eh schon längst durchs Rost der verschwindenden Industriegesellschaft gefallen sind, und fordern diese auf, statt von Praktikum zu Praktikum zu hecheln, in der verzweifelten Hoffnung, dadurch doch irgendwann einmal eine Festanstellung  zu ergattern, ihr eigenes Ding durchzuziehen. Das muss ja dann nicht heißen, dass man sich in seiner eigenen kleinen Nische einrichtet, und das Gesamte außen vorlässt. Sich in seiner Nische selbst zu verwirklichen und gleichzeitig für gesellschaftliche Veränderungen zu streiten, muss ja kein Widerspruch sein. So wie man auch 68 auf Rockkonzerten seinen Spaß haben und gleichzeitig gegen Vietnam demonstrieren konnte. Dath geht es hier darum, dass diese „Geistesarbeiter“ zunächst einmal erkennen, dass sich ihre Interessen nicht grundsätzlich von denen der Lohnbeschäftigten unterscheiden. Oder wie mein alter VWL-Lehrer schon sagte: „Man muss wissen, auf welcher Seite man steht.“

Mit Darwin argumentiert Dath, alles Wirkliche sei sterblich, was danach komme, könne der Mensch aber selbst beeinflussen: ein wirklich demokratisches Wirtschaftssystem oder „zwei neue Spezies, wie die Morlocks und die Eloi bei H.G. Wells – Herren und Knechte“.

„Herren und Knechte sind beide etwas anderes als Menschen, moralisch gesprochen: weniger. Das Argument genügt als Grund, sie abschaffen zu wollen. Die Menschen haben zugelassen, daß die Maschinen, die ihnen zu dieser Abschaffung verhelfen könnten, zu Naturwesen werden, deren Früchte man nicht mehr ernten kann, weil sie keine mehr hervorbringen… Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit die sich revanchieren können.“

Genau das richtige Buch zur Krise, aber eines, dessen Lösungsansatz auch der „Linken“ nicht gefallen würde.

Dietmar Dath: „Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift.“ Suhrkamp (Edition Unseld), 133 S., 10 €

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Ich habe das Gefühl, einige dieser digitalen Bohémians (Schreibt man das so?) beantworten gar keine E-Mails mehr. Wahrscheinlich ist ihnen das schon längst wieder zu old school, wie man in der Jugendsprache zu sagen pflegt(e). Ich stelle mir aber gerade die Reaktion vor, wenn ich einem Autraggeber mitteilen würde (natürlich per Telefon, Skype, Chat oder Twitter), ich hätte keine Mailadresse mehr, weil mailen doch eigentlich total 2007 wäre. Wahrscheinlich würden mich die meisten Redakteure dann fragen, ob ich denn wenigstens ein Faxgerät hätte. Oder Telex.

Dabei waren das doch im Grunde herrliche Zeiten, als E-Mails begannen, sich als Massenkommunikationsmedium durchzusetzen: Man schaute ein- bis zwei Mal pro Woche in sein Postfach, hatte vielleicht eine Handvoll neuer Nachrichten und schrieb dann ein paar Antworten, wofür man sich richtig Zeit lassen konnte. Also richtig viel Zeit natürlich auch wieder nicht, denn damals wurde ja noch pro Minute abgerechnet und die imaginäre Kostenuhr tickte immer im Hintergrund.

Dann kam die Zeit, wo jeder diverse Newsletter abonnierte und man wegen jedem Scheiß erst einmal einen Verteiler oder eine Yahoogruppe einrichtete („Wir sollen nächsten Monat ein Gruppenreferat an der Uni halten? Da mach ich erst mal ’ne Yahoogroup für uns auf, damit wir da rund um die Uhr alles absprechen können.“ ). Wenn man jetzt mal zwei Tage keinen Internetzugang in der Nähe hatte, wurde man beim nächsten Einloggen von Dutzenden von Mails erschlagen, die man über diverse Verteiler weitergeleitet bekommen hatte. Oder man wurde vorwurfsvoll angeguckt, wenn man zur Uni kam und die letzten zwanzig Diskussionsbeiträge noch nicht gelesen hatte. (Dabei bin ich nicht mal bei Facebook oder StudiVZ angemeldet, das hätte die Sache wahrscheinlich noch schlimmer gemacht.) Statt sich einfach mal eine Woche vor einem Referat in der Caféteria zu treffen, postete man als guter Student nun schon sechs Wochen vor dem Termin täglich irgendwelche Links, Arbeitsaufforderungen und Lesehinweise in seine Internetgroup. Das Referat wurde dadurch zwar meist nicht besser, es dösten nicht weniger Kommilitonen im Seminar vor sich hin, aber man hatte das Gefühl, unheimlich fleißig und super vorbereitet gewesen zu sein.

Und heute? Kommen E-Mails schon wieder aus der Mode, chatten die 14-Jährigen lieber mit ihren (realen und virtuellen) Freunden vor sich hin, und erfolgreiche Freiberufler twittern alle zwei Stunden (minimale Frequenz) aus ihrem Leben. Der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry („Peter’s Friends“, „Die Entdeckung des Himmels“) hat bei Twitter gut 139.000 Follower, also Menschen, die seinen Channel abonniert haben. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass nur ein paar Prozent von denen ihm auch ab und zu mal irgendwas antworten oder ihm eine Frage stellen, kann man sich ungefähr vorstellen, welcher „Communication-Overkill“ da auf Frys Handy bzw. in seinem Kopf herrscht. Wann kommt der Mann noch zum Arbeiten (und zum Bloggen, Video-Podcasten etc.)? Das Leben als A-Blogger, -twitterer, -podcaster ist wahrscheinlich ganz schön anstrengend. So, und ich melde mich jetzt bei GMX ab.

Don Dahlmann antwortet auf den Offenen Brief eines frustierten freien Journalisten, den ich gestern hier verlinkt habe. Und es klingt so herrlich, wie der gute Don die Vorteile des Freiberuflerdaseins in höchsten Tönen lobpreist. Zum Schluss gibt er noch einige „Praxistipps“ für (angehende) Freie, die er wohl auch in Seminaren vermittelt. Das Problem daran: Bis auf einen (Mitglied in der Künstlersozialkasse werden) ist es mit dem Umsetzen dieser Tipps halt leider nicht so einfach. „Verlass dich nicht auf einen Auftraggeber“, gut und schön, aber woher andere Auftraggeber nehmen?

Meine Erfahrung nach knapp eineinhalb Jahren freiberuflicher journalistischer Tätigkeit: Ohne Vitamin B geht gar nichts. Kennst du keinen Redakteur persönlich oder über Empfehlungen, interessiert sich auch kaum jemand für deine tollen Themenvorschläge und Angebote. In 60 Prozent der Fälle bekommt man nicht einmal eine kurze Antwort per E-Mail, sei es auch nur eine Absage. Selbst von Redaktionen, für die man schon mal etwas geschrieben hat, bekommt man nicht unbedingt Folgeaufträge; und das muss nicht unbedingt daran liegen, dass die bisherige Arbeit für die so schlecht war. Oft heißt es dann einfach: „Wir sind grade voll mit Artikeln/Angeboten/Autoren“ oder „Unser Budget ist aufgebraucht“.

Bei der örtlichen Lokalzeitung kommt man als Freier vermutlich immer unter, aber von deren Zeilenhonoraren kann man nicht einmal seine Miete bezahlen, auch wenn man jeden Tag einen Artikel für die schreibt, geschweige denn seinen kompletten Lebensunterhalt. Die aufgewendete Arbeitszeit steht zudem in keinerlei vernünftigem Verhältnis zu den gezahlten Honoraren. Und davon, dass man sich da die Themen aussuchen könnte bzw. über Themen schreiben kann, die einem selbst Spaß machen, kann da auch keine Rede sein. Die wollen halt flexibel einsetzbare Lohnschreiber, die auch kurzfristig von Termin zu Termin hüpfen und nicht weiter nachfragen, ob es da um Karnevalssitzungen, Grundschulfeste oder Baustelleneröffnungen durch den Bezirksvorsteher geht.

Wirklich leben kann man mMn von der journalistischen Arbeit von Zuhause aus nur, wenn man entweder

– regelmäßig für große Publikums- (oder auch Fach-) Zeitschriften schreiben kann; Titel wie „Capital“, „Stern“ oder „Apotheken-Umschau“ zahlen sicher immer noch hervorragende Honorare. Mit zwei mehrseitigen Geschichten pro Monat hat man da sicher schon finanziell ausgesorgt. Aber entsprechend schwierig bis unmöglich ist es auch, ohne Beziehungen von solchen Premium-Magazinen Aufträge zu bekommen.

oder

– es tatsächlich schafft, regelmäßig dieselben Artikel in leicht veränderter Form an zehn verschiedene Zeitungen zu verkaufen. Angeblich soll es Journalisten geben, bei denen das so läuft (zumindest habe ich mal einen solchen getroffen). Der schrieb angeblich einen Artikel pro Woche und verbrachte den Rest der Woche damit, diesen an zehn bis zwanzig verschiedene Tageszeitungen bundesweit zu verkaufen. Abgesehen davon, dass sich dadurch der Anteil der journalistischen Arbeit an der Gesamtarbeitszeit auf ein Fünftel pro Woche verringert, habe ich keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Wie gesagt: Ich bekomme meistens nicht einmal eine Antwort, wenn ich eine Mail an irgendeinen, mir persönlich nicht bekannten Zeitungsredakteuer schicke.

– die dritte Möglichkeit: für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten, als Reporter oder freier Korrespondent für ein bestimmtes regionales Berichtsgebiet (westlicher Odenwald, Niederrhein oder was auch immer): die Anstalten zahlen gute Honorare, man ist sozial einigermaßen abgesichert, da es auch für Freie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Urlaub gibt, und der Auftraggeber bezahlt den halben Sozialversicherungsbeitrag, wie bei einer Festanstellung. Rundfunkanstalten in Deutschland sind halt in erster Linie Anstalten, also Behörden, und da geht alles seinen geregelten Gang. Und wenn’s doch mal Ärger gibt, schaltet man den Personalrat ein. Problem: Ohne Vitamin B läuft wieder nichts, weil so einen Auftraggeber natürlich jeder haben will. Zweites Problem: Wenn man keine „schöne Radiostimme“ hat, hat man meistens schon verloren.

Auch ich habe den Traum noch nicht aufgegeben, in ein paar Jahren ein glückliches Freiberuflerleben führen zu können, im Sommer mit meinem Laptop im Park zu arbeiten oder Moccachino schlürfend im Straßencafé. Oder die Katze zu streicheln, weährend ich am heimischen Schreibtisch wieder mal an einer Riesenstory für ein Hochglanzmagazin mit 200.000er Auflage schreibe. Bis dahin lebe ich weiter hauptsächlich von der Stütze und rechne, wenn ich ein Angebot verschicke, schon gar nicht mehr mit einer Antwort.

Einen Tipp von Don Dahlmann halte ich aber wirklich für befolgenswert, und zwar seinen letzten:

Schreibe über das, was Dir Spaß macht, suche die Themen, die Dich interessieren, aber über die kaum bis wenig geschrieben wird. Es ergibt keinen Sinn, wenn man über Dinge schreibt, nur weil sie gerade aktuell erscheinen, man selber sich aber nicht [die] Bohne dafür interessiert.

Überschrift: bei Harald Schmidt geklaut