Mit ‘Ennio Morricone’ getaggte Beiträge

Ich hab zurzeit irgendwie so eine Westernphase, weiß auch nicht genau, warum. Teilweise ist es Zufall, dass im Fernsehen und Kino einige interessante liefen, teilweise stolperte ich über billige DVDs von älteren Filmen. Außerdem fand ich Morricones Musik in „Fistful of Dynamite“ so toll, dass ich mir den Soundtrack runterladen musste. Gestern erstand ich auf dem Trödelmarkt dann noch eine holländische Vinylpressung von „Spiel mir das Lied…“, verzeihung, ich meinte natürlich: von „Het gebeurde in het westen“. Auf beiden Soundtracks schafft es Morricone im Wesentlichen, mit drei Melodien auszukommen (na gut, es sind schon vier bis fünf, aber jeweils nur zwei, die wirklich prägend sind und immer wieder variiert werden). Trotzdem großartig, wobei mir „Fistful of Dynamite“ tatsächlich noch besser gefällt. Meiner Meinung nach ist Morricone ja ein größerer Komponist als Mozart, ich muss aber auch gestehen, dass ich von E-Musik nicht viel Ahnung habe.

Ein weiterer Trödelmarktfund aus dem Westerngenre: „Westwärts zieht der Wind“ aka „Paint your Wagon“, ein weiterer Schritt bei meiner Erschließung des Gesamtwerks von Clint Eastwood. Die Meinungen über diese (Western-)Musical-Adaption von 1969 gehen auseinander. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Ich tendiere eher zu ersterem, auch wenn der Film mit seinen mehr als 2 1/2 Stunden (allerdings inklusive einer ca. dreiminütigen Pause, die durch eine Einblendung mit Musikuntermalung überbrückt wird) deutliche Längen hat. Hier wäre eine Straffung um eine halbe Stunde deutlich mehr gewesen.

Überrascht war ich von der Qualität der Songs: die sind durchgehend klasse, richtige Gassenhauer mit Ohrwurmpotential. Die schnelleren Stücke sind zudem so kraftvoll und voller Spielfreude der Sänger/Schauspieler inszeniert, dass man am liebsten aufspringen und mitsingen möchte. Eastwood macht seine Sache als Sänger erstaunlich gut. Er hat zwar keine besonders große stimmliche Breite, aber im Grunde eine recht schöne Singstimme und verfehlt auch nie den Ton. Allein dafür, Eastwood mit einer Gitarre in der Hand traurige Liebesballaden singen zu hören, lohnt sich im Grunde der Film. Stimmlich noch interessanter ist aber der eigentliche Hauptdarsteller, Lee Marvin. Sein „Wandr’in Star“ ist ja dann auch der einzige Song des Films, den man noch heute kennt.

Nicht besonders viel Sinn macht die Story, die auch keinen rechten roten Faden hat, sondern eher eine episodenhafte Struktur. Erzählt wird von einer Gruppe von Goldsuchern, die irgendwo in Kalifornien eine Ader entdecken. Daraufhin wächst rund um den Fluss eine Stadt immer weiter. Das wird sehr schön veranschaulicht: Erst sind es nur Zelte, dann ein paar provisorische Hütten, schließlich wird es eine richtige lebendige Stadt mit Saloons, Bordellen, Geschäften usw., bis am Schluss alles wieder genauso schnell im Erdboden versinkt oder zusammen bricht, wie es entstanden ist. Die Bewohner ziehen weiter, auf zu neuen Goldadern und neuen Abenteuern; der Pioniergeist des jungen Amerika ist hier noch ganz ungebrochen.

Die Handlung selbst ist bewusst slapstickhaft und oft ziemlich abstrus: Wenn ein Mormone vorbei kommt, der gleich zwei Ehefrauen hat, wird selbstverständlich die jüngere gleich meistbietend unter den Goldsuchern versteigert – gefragt wird sie nicht und jeder, einschließlich des ursprünglichen Ehemanns findet das ganz normal. Wenn es zuwenige Frauen in der Stadt gibt, überfällt man halt eine Kutsche, die sechs Huren in eine Nachbarstadt bringen soll – und baut ihnen gleich selbst ein Bordell. Vor allem wird hier ein völlig freies, selbstbestimmtes Leben propagiert, frei auch von gesellschaftlichen Zwängen, von in der Zivilisation herrschenden moralischen und religiösen Werten. Wenn eine Frau zwei Männer gleichzeitig liebt, spricht hier an der frontier nichts dagegen, dass sie mit beiden das gleiche Haus teilt. Pietistische Farmer von außerhalb werden mit ihren Einwänden ebenso wenig ernst genommen wie ein Pastor, der natürlich auch nicht lange auf sich warten lässt.

Aber am Ende war alles eben doch nur eine kurze Zeit der Unbeschwertheit, auf Dauer ist dieses Leben nicht ausgelegt. Wie der Wanderstern, unter dem Lee Marvins Figur angeblich geboren wurde, müssen auch die Pioniere weiterziehen, wenn der Winter einbricht.

„Paint your Wagon“ nach dem Musical von Lerner und Loewe, einem Texter/Komponisten-Gespann, das u.a. auch „My Fair Lady“ geschrieben hat, ist eine große Hollywood-Produktion, was man auch ständig merkt. Bei den Musiknummern wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, da tanzen auch gerne mal Dutzende von Statisten im Hintergrund rum. Und am Ende wird die gesamte Stadt in einer gigantischen Materialschlacht dem Erdboden gleichgemacht. Damals wollte das alles wohl kaum jemand sehen und hören (und einen sanft singenden Eastwood schon gar nicht), heute macht es einfach nur Spaß. Wo sonst bekommt man schon mal einen Bullen zu sehen, der in einer Goldmine durchdreht?

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Sergio Leone war eh einer der ganz großen Regisseure der Filmgeschichte. Seine Tragik liegt darin, dass er abgesehen von „Spiel mir das Lied vom Tod“ nicht gerade für seine besten Filme berühmt geworden ist. Die Dollar-Trilogie mag ja ganz nett sein, aber sein wahres größtes Meisterwerk ist natürlich sein letzter (und seinerzeit an den Kassen gefloppter) Film „Es war einmal in Amerika“, einer meiner zwei, drei absoluten Lieblingsfilme. Von „Todesmelodie“ hatte ich nun noch nie etwas gehört, bis mich vor Kurzem ein Freund darauf brachte. Dabei braucht er sich vor den beiden „Once upon a Time…“-Filmen (mit denen er eine lockere Trilogie bildet) keineswegs verstecken, wenn er auch nicht an diese heranreicht.

Eigentlich sollte der 1972 gedrehte Film auf Englisch „Once upon a Time: The Revolution“ heißen. Die Verleihfirma entschied sich aber für das reißerischere „Duck you, Sucker!“. Da gefällt mir tatsächlich der deutsche Titel, der nichts mit dem Inhalt zu tun hat, noch besser. Nachdem er kommerziell gefloppt war, brachte man ihn später unter dem neuen Titel „Fistful of Dynamite“ neu heraus – in Anlehnung an „A Fistful of Dollars“, einen von Leones erfolgreichsten Filmen.

Obwohl formal eigentlich kein Western, da er dafür zu spät spielt, nämlich 1919, und auch nicht im Westen der USA, sondern in Mexiko, ist der Film stilistisch ein typischer Italo-Western: schmutzig, episch, mit wenig Dialog und teils skurrilem Humor. Am Anfang werden wir Zeugen, wie eine Postkutschen-Reisegesellschaft von einem mexikanischen Gangster und seiner Horde unehelicher Kinder (jedes von einer anderen Mutter) überfallen wird. Dieser großmäulige, nur auf seinen finanziellen Vorteil bedachte Juan (Rod Steiger) trifft kurz darauf auf den aus Irland geflüchteten Ex-IRA-Kämpfer Sean alias John (James Coburn), der mit massenhaft Dynamit am Körper beladen ist. Über einige Umwege gelingt es Juan scheinbar, John zu einem gemeinsamen Überfall einer großen Bank zu überreden, von deren Goldeinlagen ersterer schon sein Leben lang träumt. Tatsächlich befreit Juan bei dem Überfall eher versehentlich Hunderte von mexikanischen Revolutionären und wird dadurch unfreiwillig selbst zum Helden der Revolution.

Aber in jeder Revolution gibt es auch Verräter und schon bald muss Juan den bitteren Folgen seiner Taten ins Gesicht sehen. Nach einer etwas langatmigen und eher slapstickhaft-humorigen ersten Stunde ändert sich die Stimmung des Films nun völlig. In den Mittelpunkt rückt jetzt die zunehmend tiefer werdende Männerfreundschaft zwischen Juan und John und ihr Leben zwischen Kampf gegen die Unterdrücker und Flucht vor deren Soldaten. Dabei erinnert sich John in Rückblenden immer wieder an sein vorheriges Leben in Irland, in dem es auch einen Verräter gab – Geschichte wiederholt sich immer wieder und die Regeln des bewaffneten Kampfes sind die gleichen, egal, auf welchem Kontinent er stattfindet.

In den letzten eineinhalb Stunden schöpft Leone seine gesamte Stilistik aus. Es gibt schwelgerische Kamerafahrten zu der grandiosen Musik von Ennio Morricone, Hinrichtungen im Regen, gewaltige Schlachten und vor allem natürlich Männer, die nicht reden müssen, um sich auszudrücken. Ähnlich wie in „Spiel mir das Lied vom Tod“ wird teilweise 20 Minuten lang so gut wie gar nicht gesprochen. Kein Regisseur nach Leone hat es geschafft, allein über seine Bildsprache so intensiv Gefühle zu vermitteln. Morricone schafft es wieder einmal, einen ganzen Soundtrack mit nur zwei Themen zu bestreiten, hat sich aber hier dennoch selbst übertroffen und einen seiner besten Scores abgeliefert.

Von der Thematik her ist der Film ernsthafter als „Spiel mir…“. Politik ist ein schmutziges Geschäft und die Opfer aller Revolutionen sind immer die armen Leute, die zwischen die Fronten geraten, wie Juan es einmal zusammenfasst. Trotzdem sind sie manchmal notwendig, daran lässt die Darstellung des irischen Idealisten John keinerlei Zweifel. Am interessantesten ist vielleicht die langsame, aber fast völlige Wandlung des Juan, der von der Witzfigur zum tragischen Helden wird – und am Ende ganz allein dasteht.

Nach „Todesmelodie“ sollte es 12 Jahre dauern, bis Leones nächster Film in die Kinos kam. Mit „Es war einmal in Amerika“ kam er dann endgültig in der Jetztzeit an. Einige Jahre später starb er, ohne dass das breite Publikum seine beiden letzten Filme gewürdigt hätte. Es war schon immer das Schicksal der ganz Großen, unverstanden zu bleiben.