Mit ‘französisches Kino’ getaggte Beiträge

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Die Liebenden: Murphy (Karl Glusman) und Elektra (Aomi Muyock)

Am Anfang des neuen Films von Gaspar Noé steht eine dieser bei 3D-Filmen üblichen Einblendungen: „Das Management warnt…“. Aber es folgt dann nicht etwa ein Hinweis für Epileptiker und andere Übersensible, sondern gewarnt wird nur, dass man jetzt schleunigst seine Brille aufsetzen sollte, da der Film in wenigen Sekunden beginne. Worauf sich dieser Einstiegsgag bezieht, erfährt man dann später, wenn man an der Wand in Murphys Zimmer ein altes Plakat zu „Frankenstein in 3D“ hängen sieht, auf dem „das Management“ tatsächlich vor dem Effekt warnte, den das technische Verfahren für Menschen mit „nervösen Nerven oder Magen“ haben könne.

Das Schlafzimmer der Hauptfigur sehen wir abwechselnd in zwei Zeitebenen: Als er es noch mit seiner großen Liebe Elektra teilt, ist es chaotisch und eklektisch: Überall liegt Wäsche herum, offene Weinflaschen und Tassen stehen auf Anrichten, die Wände sind übersät mit privaten Fotos, Szenenfotos und Postern von Trash- und Kunstfilmen von Pasolini bis „Frankenstein“. Später, wenn seine Gelegenheitsbekanntschaft Omi bei ihm eingezogen ist und die beiden (ungewollt) ein Kind miteinander haben, ist von der alten Unordnung nichts geblieben, das Zimmer kaum wiederzuerkennen. Lediglich die alte Stehlampe ist brav in die Ecke gewandert, ein Bild mit einer Figur aus „Freaks“ ist das letzte Überbleibsel aus alten Zeiten, das an der Wand überdauert hat und an das alte Leben erinnert.

So eingehegt wie das jetzt spießig wirkende Schlafzimmer fühlt sich auch Murphy, gefangen in seiner neuen Beziehung, ein Mann, der alles verloren hat, das ihm wirklich etwas bedeutete. Der kleine Sohn ist der einzige Grund, warum er überhaupt noch da ist. Murphys früheres Leben bestand aus künstlerischem Ehrgeiz, Träumen von einem wilden, kreativen Leben, Drogenexperimenten – und aus Elektra, der Liebe seines Lebens. Jetzt ist da nur noch Leere und Routine. Als Elektras Mutter ihm am Neujahrsmorgen eine verzweifelte Mailbox-Nachricht hinterlässt, weil ihre Tochter seit drei Monaten verschwunden ist, gerät Murphy in einen Strudel der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Noé erzählt die Beziehung annähernd rückwärts chronologisch, wenn auch nicht ganz so konsequent wie in seinem bekanntesten Film „Irreversibel“.

Neu ist, dass die einzelnen Stationen überwiegend durch Sex abgebildet werden. Gleich in der ersten Szene befriedigen sich die beiden Liebenden ausgiebig gegenseitig oral. Wie etwa schon in Michael Winterbottoms „9 Songs“ haben die Darsteller echten Sex und der ist teilweise recht explizit, dabei aber immer ästhetisch und natürlich. Das beginnt schon damit, dass wir hier keine ausrasierten Geschlechtsteile präsentiert bekommen, sondern „echte“ erwachsene Menschen. Durch betont kitschig-romantische Musik wird die Darstellung zusätzlich künstlerisch überhöht. Mit der Zeit suchen Murphy und Elektra immer neue, zunehmend gewagtere sexuelle Erfahrungen, erst beim Dreier mit der Nachbarin Omi, dann im Swingerclub und schließlich sogar mit einer Transsexuellen. Der Beziehung ist das eher abträglich, ebenso wie der zunehmende Konsum härterer Drogen. Am Ende steht die Trennung, nachdem Murphy auch zu Zweit noch einmal mit Omi geschlafen hat und die dabei schwanger wurde.

Aber da das Ende hier der Anfang ist, steht am Ende des Films noch die schüchterne erste Begegnung Murphys mit Elektra, im Pariser Lieblingspark der Beiden, wo sie aber gleich die großen Fragen des Lebens diskutieren. „Hast du Angst vor dem Tod“, fragt er. „Ich habe Angst vor Schmerzen“, antwortet sie. „Ich würde mich lieber vorher umbringen, als unter Schmerzen zu sterben.“ Ob Elektra wirklich Suizid begangen hat, erfahren wir nicht.

Gaspar Noé ist der Gegenwartsregisseur, der am stärksten die Tradition des Mitternachtskinos aufrecht erhält, das einst der junge David Lynch oder Russ Meyer prägten. Seine Filme sind jedes Mal wie ein Trip, körperlich erfahrbar gemachte Emotionen. Dabei ist ihm nichts Menschliches fremd, er geht auch dahin, wo es weh tut. „Love“ mögen viele als Arthouse-Porno abtun, als belangloses Beziehungsdrama, dessen Dialoge (zumindest in der nicht besonders guten deutschen Synchro) tatsächlich oft an Softpornos erinnern. Aber diese Kritiker haben Noé nicht verstanden. Ihm geht es immer um das große Ganze, um den Widerstreit zwischen inneren Dämonen und dem Reinen, Wahren, Schönen im Menschen. Mit der Vision eines wahren Künstlers setzt er das in Bilder um, die es sonst nicht (mehr) auf der Kinoleinwand zu sehen gibt. Alleine das ist schon ein Grund, sich seine Filme dort anzusehen. Er versteht es in den Zeiten des formelhaften Arthousekinos wirklich noch zu überraschen und innovativ zu sein.

Auf das 3D hätte man sicher auch verzichten können, andererseits ermöglicht das einige an den Vorgänger „Enter the Void“ erinnernde Szenen von hypnotischer Schönheit. „Love“ ist teilweise höchst erotisch, teilweise abstoßend, manchmal enervierend (und sicher eine halbe Stunde zu lang) und dann wieder traurig und berührend – eben ein Wechselbad der Gefühle, wie das Leben selbst. Wenn Murphy und sein kleiner Sohn sich am Schluss in der Badewanne in den Armen liegen, beide weinend, und der Vater dem Kind sagt, dass das Leben nicht leicht sei, kann man das kitschig finden – das wäre aber zynisch.

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Blutjung und schön: Wilson und Binoche; Foto: MK2 Éditions

Blutjung und schön: Wilson und Binoche; Foto: MK2 Éditions

Ein weitgehend vergessener Film von André Téchiné, der im Grunde nur deswegen bemerkenswert ist, weil Juliette Binoche hier ihre erste Hauptrolle gespielt hat – dadurch wurden einige der größten europäischen Regisseure wie Louis Malle auf sie aufmerksam und mit Philip Kaufman auch ein amerikanischer. Der Rest ist Geschichte. Wenn man diesen Film heute zum ersten Mal sieht, lässt sich leicht erkennen, welches enorme Potential als Schauspielerin und Leinwandstar die erst 20-Jährige damals schon hatte. Obwohl formal erst an zweiter Stelle der Besetzungsliste geführt, ist doch von Anfang an klar, wem dieser Film gehört, wer ihn ganz und gar dominiert.

Die Binoche ist hier Nina, ein junges Mädchen aus der Provinz, dass sich zu Hause in den nächsten Zug nach Paris gesetzt hat, „am Tag, als ich endlich 18 wurde“, wie sie einmal erzählt. Sie träumt von einer Karriere als Schauspielerin, hat es bislang aber nur zu einer Ein-Szenen-Rolle als naives Zimmermädchen in einer Boulevardkomödie gebracht. Da schminkt sie sich nun also Abend für Abend in ihrer Garderobe des kleinen Theaters für den kurzen Auftritt, in dem sie den Hauptdarstellern einen Tee/Kakao oder doch eher einen Kaffee servieren darf. In Ihrer Freizeit kostet sie die neu gewonnene (vermeintliche) Freiheit aus, geht mal mit diesem, mal mit jenem jungen Mann ins Bett oder macht die Nacht einfach auf den Straßen durch, weil sie sowieso nicht schlafen kann. Auf der Suche nach einem kleinen Appartment für sich selbst lernt sie den Makler Paulot kennen, der sich sofort in sie verliebt. Sie schenkt ihm eine Freikarte für ihr Stück, er ist hin und weg. Nach der Vorstellung platzt er in ihre Garderobe, aber da knabbert gerade ihr Freund an ihrem Dekolleté. Trotzdem lädt sie den Verehrer in die gemeinsame Wohnung zum Essen ein, wo er Zeuge eines großen Streits und der anschließenden Trennung des Paares wird. Da Nina nun nicht weiß, wo sie hin soll, bietet Paulot ihr an, in seiner WG zu übernachten, aber mit seinen Hintergedanken kommt er nicht weiter, denn sie möchte endlich einmal alleine schlafen. Vollends kompliziert wird das Beziehungsgeflecht, als Paulots egozentrischer Mitbewohner Quentin (Lambert Wilson) dazukommt. Von dem Zyniker geht eine merkwürdige Faszination aus, der sich Nina nicht lange entziehen kann.

Die eher sprunghaft inszenierte und nie so recht emotional nachvollziehbare Dreiecks- (oder Vierecks-) Geschichte ist nicht das eigentlich Interessante an Téchinés Film, vieles daran wirkt zu aufgesetzt (Ko-Drehbuchautor war übrigens Olivier Assayas). Faszinierend ist vielmehr das Spiel der Darsteller, neben Binoches vor allem dem Wilsons, den man aus seiner späteren Karriere eher aus bedachteren Rollen kennt. Hier ist er ganz der junge Romeo, mit dem sein Quentin vor Jahren seinen Durchbruch auf der Bühne hatte und den er jetzt wieder in einer bizarren Travestie in einer Art Sexfassung des Shakespeare-Stücks spielt. Für ihn sind Kunst und Liebe untrennbar miteinander verbunden, für beide brennt er, aber jeweils nur so lange, bis von der Lunte nichts mehr übrig ist – und das geht schnell. Relativ bald ist Quentin tot, aber Wilson taucht immer wieder im Film auf: als Vision Ninas, die nun eine Chance bekommen hat, die für sie alles bedeutet. In einer „Romeo und Julia“-Neuinszenierung des renommierten Regisseurs Scrutzler (was für ein Name!), gespielt von Altmeister Jean-Louis Trintignant, bekommt sie die weibliche Hauptrolle. Das könnte ihr großer Durchbruch sein, aber auch ihre größte Niederlage. Und deshalb sieht sie immer wieder ihren toten Liebhaber, der sie höhnisch auslacht und ihr die Fähigkeit abstreitet, große Gefühle auf der Bühne zu verkörpern, da sie selbst keine kenne.

Das ist das zweite, was den Film aus dem Mittelmaß französischer Dramen heraushebt: die Wechselwirkung von Kunst und Leben. Beides ist hier immer kompromisslos, gelebt wie gespielt wird hier entweder bis zum Anschlag oder gar nicht mehr. Letztlich stellt sich aber auch die Frage, was nun eigentlich was bedingt. „Die Liebe gibt es nicht in deinem Theater, sondern nur im Leben“, sagt Paulot einmal zu Nina. Bei Téchiné ist im Grunde aber auch das Leben theatralisch, lässt sich nicht zwischen Kunst und Realität unterscheiden.

Die junge Binoche hat sich – wie ihre Nina – in diese Rolle gestürzt, als wäre es um ihr Leben gegangen. Uneitel, rückhaltlos, hemmungslos – auch was die Nackt- und Sexzenen angeht, die dem Film in den USA eine Freigabe ab 18 Jahren eingebracht haben (übrigens, es tut so gut, eine 20-jährige Kinoschaupielerin mit Achselhaaren zu sehen). Sie ist hier ganz anders als die schüchterne Teresa in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, wenn auch vielleicht genauso unsicher, nicht die geheimnisvolle Ferne wie in Leos Carax‘ „Mauvais Sang“, den sie nur ein Jahr später drehte, nicht die selbstsichere Verführerin aus „Verhängnis“, sondern irgendwas dazwischen. Eine Frau, die sich nimmt, was sie kriegen kann, die mit den Männern spielt und doch fast daran kaputt geht und die ihre Chance zur (Selbst-)Befreiung  doch erst dann sieht, als ihre leidenschaftliche Liebe tot ist. Ein wahrhaft starker erster Auftritt.