Mit ‘Gruner + Jahr’ getaggte Beiträge

Nach einem halben Jahr Schweigen ist das Dummyblog seit etwa einem Monat wieder aktiv. Schön, denn die DUMMY-Macher haben eine herrlich witzige Schreibe. Wie man z.B. an Oliver Gehrs‘ Eintrag über die drei neuen Männerzeitschriften von Gruner + Jahr sehen kann:

„Eine andere Geschichte heißt „Sexy Sekretärin – die Versuchung im Vorzimmer“. Bei G+J möchte man wirklich nicht arbeiten und am allerwenigsten als Frau im Büro von Buchholz. Was man dem Verlag wirklich von ganzem Herzen wünschen würde, ist ein Soziologe, der den Managern und Journalisten in ihrem Schnellkochtopf am Hamburger Baumwall ab und zu erzählt wie es draußen vor der Tür aussieht.“

Und etwas Nachdenkliches findet sich auch: Gehrs traf auf einem Jugendmedien-Workshop in Mainz (sic!) auf Angehörige der jungen Generation, die schon zur Stromlinienförmigkeit erzogen wurden:

„Sie sprachen von einer Journalistenschwemme, von raren Studienplätzen, vom Numerus Clausus auf so seltsamen Fächern wie Kommunikationswissenschaften (wo ja meist nur abgehalfterte Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Gnadenbrot fristen), sie hatten Angst, das Falsche zu studieren, zu spät zu kommen, keinen Job zu ergattern. Und das mit 16. Auf meinen Rat hin, sie sollten erstmal irgendwas studieren, was ihnen Spaß mache, und wenn es ihnen keinen Spaß mache, ein neues Studium anfangen – schauten sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.“

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Wie Neon mit Kind: der erste Nido-Titel

Wie "Neon" mit Kind: der erste "Nido"-Titel Foto: Gruner + Jahr

Seit gestern am Kiosk: das neueste Kind der „Stern“-Familie, das allerdings eher wie eine Weiterentwicklung des „Neon“-Konzepts wirkt (Diversifizierung nennt man das glaube ich in der BWLer-Sprache): „Nido„. Angesprochen werden sollen damit „moderne Eltern kleiner Kinder“, die auch nach der Geburt ihres Nachwuchses nicht zu langweiligen Erwachsenen mutiert sind, die sich nur noch übers Windelwechseln und die Verdauungsprobleme ihrer lieben Kleinen unterhalten wollen, oder wie das Editorial es ausdrückt, die auch weiterhin an „Mode, Popkultur und Gesellschaftspolitik, Karriere und geschmackvollem Wohnen“ interessiert sind. „Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga.“ Insbesondere der letzte Satz gefällt mir für eine Selbstdarstellung eines neuen Magazins im Grunde sehr gut.

Beim Durchblättern stellt man fest: „Nido“ holt die potentiellen Leser da ab, wo ihr letztes „Neon“-Heft (vermutlich vor der Entbindung) sie hat stehen lassen. Es gibt alles, was man von dem erfolgreichen Vorbild her auch schon kennt: aufwändige Fotoreportagen, einen Kulturteil, Reisetipps (die hier allerdings „Ein Wochenende ohne Kind“ heißen), ein wenig Nutzwert (Risikolebensversicherungen), Sex- und Beziehungsgeschwafel („Wie kann man trotz kleiner Kinder guten Sex haben“), Jobcoaching („Mama möchte wieder arbeiten gehen“) und sogar eine Modestrecke. Nur halt alles konsequent auf die Zielgruppe junge Familie zugeschnitten. Das Ganze sieht sehr gut gemacht aus, edles Layout, gute Fotos und selbst für mich als kinderlosen Single teilweise interessante Themen. (Also, nicht alle natürlich, aber eine Geschichte über Adoptionen in Afrika oder eine Weltreise mit kleinen Kindern würde ich auch lesen.) Manches wirkt allerdings leicht bemüht. Modestrecke mit Kindern? Braucht man das? Als stilbewusste(r) Familienvater/-mutter in Prenzlauer Berg vielleicht schon. Fehlt nur noch die Servicestrecke „Welche Bionade ist die beste?“. Aber es ist ja auch erst die erste Ausgabe.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob die Zielgruppe der großstädtischen hippen Eltern groß genug ist für so ein Großverlagsprojekt mit 200.000er Auflage. Könnte klappen, beim Spazierengehen sind mir heute einige junge Paare mit Kinderwagen über den Weg gelaufen, denen ich am liebsten ein Abo vorgeschlagen hätte, so idealtypisch schienen die vom Aussehen her zu passen.

Die zweite Frage ist: Was kommt als nächstes? Das Magazin für den junggebliebenen Senioren, dessen Kinder zwar schon lange aus dem Haus sind, der aber immer noch in House-Clubs geht und bei Ikea einkauft (und vermutlich immer noch am Prenzlberg wohnt)? Dann könnte einen die G+J-Familie durchs ganze Leben begleiten: In der verlängerten Adoleszenz, also etwa von 20 bis 35, liest man „Neon“, steigt mit dem ersten Kind auf „Nido“ um, um spätestens mit 55 auf das Seniorenblatt umzusatteln. Fehlt nur noch ein vierbuchstabiger Titel, der möglichst mit n anfängt. Untertitel: „Wir sind immer noch nicht erwachsen geworden“ oder „Wir werden nie mehr erwachsen“. Ein Kommentator schlägt bei der Blattkritik vor:  „Auch ich würde ein Magazinkonzept für die bisher unterrepräsentierte Zielgruppe ‚Eltern ohne Kinder‘ spannend finden.“ Mein Vorschlag: ein Magazin für Kinderhasser. Da wäre ich sofort als Leser mit dabei ;-).