Mit ‘Hans C. Blumenberg’ getaggte Beiträge

Nur echt mit Relief-Coverbild: "Der Sommer des Samurai"

Nach dem kürzlich hier besprochenen „Tausend Augen“ drehte Hans Christoph Blumenberg Mitte der 80er in zügiger Folge zwei weitere Genrefilme. Sein zweiter Kinofilm war 1985 tatsächlich ein deutscher Samuraifilm: „Der Sommer des Samurai“, wenn auch gemischt mit Elementen anderer Genres wie Thriller und Politdrama. Neben wiederum Peter Kraus setzte er diesmal noch stärker auf Stars der 50er bis 60er Jahre: Die Hauptrolle, eine Journalistin in der Krise, spielt Cornelia Froboess, und Nadja Tiller gibt eine mysteriöse Französin. Das Drehbuch ist leider ziemlicher Murks, und weil der Film zwar wieder in Hamburg spielt, aber überwiegend tagsüber, kann die Atmosphäre das diesmal auch nicht ausgleichen. Auch einige der Nebendarsteller sind hier richtig schlecht. Trotzdem hat der Film einige stilistisch sehr schöne Momente. Und allein für den Mut, dieses Genre in Deutschland umzusetzen, gebührt Blumenberg Respekt.

1987 folgte „Der Madonna-Mann“ mit Marius Müller-Westernhagen in seiner letzten Hauptrolle. Seine Figur erinnert vom Kleidungsstil und auch von der Rolle her etwas an den „Schneemann“ aus Jörg Fausers Roman, den er ja kurz vorher auch verkörpert hat. Er spielt einen schon lange in Australien lebenden Mann, der zufällig in Hamburg strandet und in einer Bar von einer jungen Holländerin angesprochen und mitgenommen wird. Allerdings nicht zu ihr nach Hause, wie er gedacht hatte, sondern zu seinem vermeintlichen Auftraggeber. Die Frau hat ihn nämlich mit einem erwarteten Auftragskiller verwechselt. Nachdem sie ihren Fehler bemerkt hat, versuchen die beiden gemeinsam, das potentielle Opfer ausfindig zu machen und zu warnen.

Das ist Blumenbergs erster lupenreiner Thriller, vom Buch her der überzeugendste seiner drei frühen Kinofilme, wenn auch stilistisch nicht ganz so toll wie sein Debüt. Neben ein paar gelungenen Actionszenen bietet der Film wieder eine Menge Noir-Atmosphäre. Schauspielerisch wieder um Klassen besser als sein Vorgängerfilm, mit Renée Soutendijk irgendwo zwischen femme fatale und sympathischer Frau von Nebenan. Sie war damals gut im Geschäft, neben einigen frühen Filmen von Paul Verhoeven („Spetters“, „Der vierte Mann“) war sie etwa auch in „Abwärts“ mit Götz George dabei. Außerdem diesmal auf der Besetzungsliste: Nina statt Mutter Hannelore Hoger, Dominik Horwitz und wieder Peter Kraus. Hier habe ich auch endlich verstanden, dass er in allen drei Filmen dieselbe Figur spielt – er macht eine Bemerkung, dass er früher mal in Australien gelebt hat -, wenn auch jedesmal in einem anderen Beruf: Nach Taxifahrer und Barkeeper hat er es  nun immerhin zum Radio-DJ gebracht (natürlich in einer Nachtsendung). So ungefähr sähe auch mein erträumter Berufsweg aus.

Kommerziell erfolgreich waren wohl Blumenbergs erste drei Filme alle nicht, weswegen er danach hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitete (bis heute): „Tatort“, „SOKO“, Familienserien, Dokudramen und das ganze übliche Zeugs, das ARD und ZDF so produzieren. Alle acht Jahre dreht er dann noch mal einen Kinofilm, den er meist selbst finanziert, ohne Filmförderung und ohne Fernsehgelder. Ich könnte mich aber nicht erinnern, ob etwa sein viel versprechend klingender „Planet der Kannibalen“ jemals in Düsseldorf im Kino lief. Auf DVD gibt’s von seinen Kinoarbeiten ohnehin so gut wie nichts. Da kann man nur auf arte hoffen, oder man hat das Glück, eine Videothek mit VHS-Archiv in der Nähe zu haben. Dann kann man sich zumindest die beiden hier vorgestellten Frühwerke ansehen.

Solche Regisseure wie Blumenberg gibt es hierzulande viel zu wenige. Von seinem cineastischen Selbstverständnis würde ich ihn in eine Reihe mit Dominik Graf stellen, wenn er auch (zumindest in seinem Frühwerk) nicht dessen inhaltliche Qualität erreicht. Auffällig finde ich, dass alle drei Filme inszenatorisch viel besser sind als von den Drehbüchern her – die er alle, zumindst teilweise, selbst geschrieben hat. Bei einem ehemaligen (übrigens sehr guten) Filmkritiker erwartet man ja eher das Umgekehrte. Wie bei Graf erkennt man in seinen eigenen Filmen immer klar seine Vorbilder. Er mag Sautet und Peckinpah, Truffaut und Corbucci, er feierte schon 1979 in der „Zeit“ die „dreckigen kleinen Filme“ aus Deutschland als Gegenentwurf zu „Industrieprodukten“, zu denen er auch Hark Bohms Sozialdramen zählte.

Was mir an seinen Filmen sehr gefällt: Sie sind trotz aller internationaler Vorbilder immer klar an ihrem Ort und in einer konkreten Zeit verankert (so spielen alle drei in Hamburg). Und sagen so vielleicht als Genrefilme mehr über soziale Verhältnisse aus als die meisten expliziten (und heute oft veralteten) Sozialdramen des Neuen Deutschen Films. Da muss sich doch noch mal ein DVD-Label finden können. Für die Zweitausendeins-Edition Deutscher Film etwa wären diese Werke ideal.

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Plakatives Poster, aber mit grandiosen Rollenbeschreibungen; Abb.: Filmverlag der Autoren

Gabriele (Barbara Rudnik) ist Studentin, träumt von Australien, wo ihr Freund lebt, und arbeitet nachts, um die Reise dorthin zu finanzieren, in einer Peepshow. Ihr einziger echter Vertrauter in Hamburg ist ein Taxifahrer (Peter Kraus), den sie einmal in Australien getroffen hat. Der Geschäftsführer der Peepshow, Arnold (Armin Müller-Stahl), der zur Arbeit immer eine schlohweiße Vollhaarperücke aufzieht, ist heimlich in sie verliebt, was die an der Kasse sitzende Angestellte (Karin Baal) eifersüchtig macht, mit der er mal zusammen war und die ihn immer noch liebt. Aber die größere Gefahr kommt von einer ganz anderen Seite, denn die Peepshow ist nur Tarnung für das eigentliche Geschäft: Video-Piraterie. Als Arnold aussteigen will, hetzt ihm die Chefin des Business‘ (Gudrun Landgrebe im strengen Männeroutfit) ihren stummen Killer (Trio-Drummer Peter Behrens) auf den Hals.

Nachdem er bereits knapp 20 Jahre als Filmkritiker gearbeitet hatte, wechselte Hans C. Blumenberg 1984 die Seiten und inszenierte seinen ersten eigenen Spielfilm (vorher hatte er allerdings schon eine Vielzahl von Dokumentarfilmen gedreht). Seine filmischen Vorbilder und Vorlieben sind darin klar zu erkennen. 1984 war es in der Bundesrepublik tatsächlich noch möglich, fürs Kino einen Film Noir in Hamburg zu inszenieren, mit viel Atmosphäre, die wichtiger ist als die Story, die im Grunde nur aus Bruchstücken besteht und bis kurz vor Schluss nie so richtig in Gang kommt. Mit Stadtbildern, die auch in New York oder L.A. hätten entstanden sein können, einsamen Gestalten, die nachts durch neonbeleuchtete Straßen streifen, auf der Suche nach etwas Nähe und Wärme, nach einem freundlichen Wort oder eben dem Blick durch einen Wandschlitz auf eine sich entkleidende junge Frau.

Die Video-Piraten der echten Welt verkauften „Tausend Augen“ damals als „erotischen Thriller“, mit der halbnackten Barabra Rudnik auf dem Cover. Das ist natürlich Quatsch. Erotisch ist der Film höchstens in dem Sinne, in dem auch „Tote schlafen fest“ erotisch ist. Viel eher handelt es sich um einen mutigen Versuch, eine typische Genregeschichte zu erzählen, die dennoch in der deutschen Wirklichkeit verhaftet ist. Natürlich ist diese Geschichte larger than life, aber immer nur ein bisschen, so dass man sich vorstellen kann, dass sie sich vielleicht doch irgendwo im Hamburg der frühen 80er hätte ereignen können. Obwohl man sich ja heute auch kaum noch vorstellen kann, dass Video-Piraterie mal ein einnahmeträchtiges Verbrechen gewesen sein könnte!

Das Medium Videokassette ist aber noch auf einer anderen Ebene ständig präsent: Neben der Eingangstür zu Gabrieles Wohn-Hochhaus befindet sich nämlich eine Videothek mit dem Namen „Cine-Rent“, deren Leuchtreklame „VHS, Beta-Max, V 2000“-Filme verspricht. Dort treffen sich die Gestrandeten der Nacht: alte Frauen, die in den Regalen verloren nach Filmen aus ihrer Jugend suchen (Angestellte: „Alte Filme haben wir nur ganz wenige, die sind meistens in schwarz-weiß, und die gehen nicht mehr.“), junge Männer, die aus idealistischen Gründen Filme klauen (Wim Wenders in einer grandiosen Gastrolle: „Manche Films muss man einfach befreien.“), aber auch der Taxifahrer, um mit der Angestellten zu flirten.

Stilistisch ist „Tausend Augen“ brilliant: die nächtlichen Straßen, Rudnik in ihrem beleuchteten Swimming Pool, die melancholischen Lieder, die die Animierdamen in ihrem Aufenthaltraum singen und am Klavier spielen, um sich die Zeit zwischen ihren Auftritten zu vertreiben. Und dann diese SchauspielerInnen: Barabara Rudnik legte hier den Grundstein für ihre Karriere. Die Sehnsucht nach der Ferne liegt in jedem ihrer Blicke, eine große Verletzlichkeit in ihrem Gesicht, aber sie kann auch ganz tough aussehen, wenn sie als Gabriele die Männer mit ihrem Tanz verrückt macht. Dann Müller-Stahl, 50er-Jahre-Stars wie Peter Kraus (als slackerhafter Taxifahrer!) und Karin Baal an der Seite von 80er-Jahre-Star Gudrun Landgrebe, und dann noch Hannelore Hoger als Peepshow-Tänzerin! Wo sind die deutschen Filmemacher geblieben, die sich solch eine Besetzung trauen? Wo sind überhaupt die deutschen Filmemacher geblieben, die sich einen solchen Film trauen, mit unbedingtem Stilwillen und dem Mut zur ganzen großen Geste?

Die deutschen SchauspielerInnen, die das Zeug hätten, einen solchen Film zu tragen, gäbe es wohl immer noch, aber sie fristen meist ihr Dasein in Fernsehgastrollen, beim „Tatort“ und beim „Polizeiruf“ und ähnlichen Krimireihen, wo sie mal mehr und mal weniger von dem zeigen können, was sie drauf haben. Die Rudnik hat man später (etwa zeitgleich spielte sie auch in Dominik Grafs Motorradcliquen-Film „Treffer“) ja auch nur noch in TV-Filmen gesehen (so wie man heute ja auch nie Barbara Auer im Kino sieht oder meinetwegen Hannelore Elsner).

Wo ist die Tradition des deutschen Genrefilms geblieben, die es in den 80ern ja tatsächlich noch in Ansätzen gab, mit „Die Katze“, „Kaminsky“ und „Tausend Augen“? Ein Jahr später hat Blumenberg einen deutschen Samurai-Film gedreht! Warum hat nie jemand Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“ verfilmt? (Irgendwie sehe ich beim zweiten Lesen immer Fassbinder als Detektiv vor mir.) Aber irgenwie wird diese Tradition hierzulande nicht mehr geschätzt. Ein Zeichen dafür ist auch, dass es „Kaminsky“ nicht auf DVD gibt und „Tausend Augen“ nur in der schweineteuren Filmverlag der Autoren-Box, zusammen mit Hundert anderen Filmen (oder für sagenhafte 55 Euro als altes VHS bei Amazon). Wobei letzteres beim Thema Videopiraten wohl die passendere Ausgabe wäre.

Was wäre die Süddeutsche ohne ihre „Internet = Untergang des Abendlandes“-Autoren? Diesen Samstag durfte ausnahmsweise mal nicht Bernd Graff selbigen herbei reden, sondern sein Kollege Hilmar Klute. Seltsamerweise ist sein ganzseitiger Artikel über die Laienrezensionskultur bei Amazon & Co. mal wieder nicht im Online-Portal der SZ zu finden, wahrscheinlich weil der Redaktion selbst bewusst ist, wie lächerlich sein Inhalt da wirken würde. Gedruckt ist er natürlich auch nicht weniger lächerlich, aber wahrscheinlich denken die, der normale Zeitungsleser ist eh ein Ewiggestriger, weshalb man ihm so eine Meinung ruhig zumuten kann.

Klute findet jedenfalls, die Laienkultur des Internets, wo jeder seine Meinung über Bücher, Musik, Restauraunts und alles mögliche andere verbreiten kann, sei der Niedergang der fundierten Rezension, wie wir sie aus Zeitungen und anderen alten Medien kennen. Jeder, der nur ein Buch in seinem Leben gelesen habe, könne nun Werke der Weltliteratur öffentlich abkanzeln. Was für eine Arroganz, davon auszugehen, dass ein beträchtlicher Teil der Kritiker bei Amazon & Co. nur ein Buch gelesen hätte! Natürlich kann ein Laienkritiker laut Klute gar nicht über den Hintergrund verfügen, ein Buch jenseits subjektiver Geschmackskriterien zu beurteilen. Nein, das kann selbstverständlich nur, wer sich bis auf den Posten eines Feuilleton-Redakteurs hoch geschlafen  gearbeitet hat. Natürlich sind die Rezensionen professioneller Kritiker auch immer völlig frei von Häme und persönlichen Abneigungen, das sieht man ja schon an den jahrzehntealten Fehden zwischen Reich-Ranicki und Martin Walser oder Günter Grass.

Dabei ist das eigentliche Problem doch ein ganz anderes: Dass da, wo man es erwarten würde, in den Feuilletons und auf den Kulturseiten der meisten Tageszeitungen z.B., schon lange gar keine fundierte Auseinandersetzung mit künstlerischen Werken mehr stattfindet. Sondern meistens nur noch Gebrauchskritik mit Servicecharakter. Eine Einordnung in den filmhistorischen, -wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang, wie ihn früher etwa Kritiker wie Hans C. Blumenberg in der „Zeit“ bei fast jeder Filmkritik vorgenommen haben, findet doch fast nirgendwo mehr statt. Man kann ja froh sein, wenn man in der Regionalzeitung überhaupt noch etwas zu Kameraarbeit und Schnitt gesagt bekommt, und nicht nur zu Schauspielern und Drehbuch. Und in den meisten so genannten Literatursendungen im TV, von Elke Heidenreich bis Christine Westermann – die allerdings auch in dem Artikel als Negativbeispiel genannt wird -, wird heutzutage gar nicht mehr kritisiert, sondern nur noch empfohlen.

Das Wesen des Internets, vor allem des Web 2.0, hat Klute natürlich mal wieder überhaupt nicht verstanden. Ja, natürlich geht es dabei um private Meinungsäußerungen, um was denn sonst? Um literaturwissenschaftliche Abhandlungen etwa? Für die würden die meisten Autoren, die sich dazu berufen fühlen, wahrscheinlich lieber bezahlt werden, um diese zu schreiben. Aber die SZ bezahlt dann doch lieber einen Autor, der den Unterschied zwischen professionellem Feuilleton und Web 2.0 nicht versteht, dafür, seine unreflektierte private Meinung (!) auf einer ganzen Seite auszubreiten.