Mit ‘Helge Timmerberg’ getaggte Beiträge

„Das Wort ICH hat mit eitel und uneitel nichts zu tun. Es gibt gänzlich uneitle Ich-Schreiber, und es gibt Texte, bei denen der Autor nicht ein einziges Mal ich sagt, und trotzdem tropft die Eitelkeit aus den Zeilen wie ranziges Fett.“

Ein Satz, den sich Wolf Schneider mal hinter die Ohren schreiben sollte. Der „Freitag“ bringt diese Woche eine Leseprobe aus dem neuen Buch des wunderbaren Helge Timmerberg: eine Begegnung mit seinem damaligen Vorbild Hunter S. Thompson aus den wilden 80ern, als „Tempo“-Volontärinnen noch Gefahr liefen, von durchgeknallten Gonzo-Journalisten ungewollt unter LSD gesetzt zu werden.

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Es gibt mal wieder ein neues Lifestyle-Magazin in Deutschland: FACES. So neu ist es allerdings gar nicht, denn es ist die deutsche Ausgabe einer Schweizer Zeitschrift, die dort schon länger erscheint. Als ich gestern im Buchladen durch das Heft blätterte, hatte ich beim Betrachten des Inhaltsverzeichnisses ein ziemliches Déjà Vu: Nicht nur, dass es eine Reportage von Tom Kummer über Charles Manson gibt, direkt darüber wurden gleich drei Kolumnen angekündigt, die ebenfalls von ehemaligen TEMPO-Autoren stammen: Uwe Kopf, Peter Glaser und Maxim Biller. FACES hat es also tatsächlich geschafft, das alte Triumvirat der TEMPO-Kolumnisten wieder in einem Heft zu vereinigen. Damals waren die Drei auch als KGB bekannt, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen. Hinzu kommt dann noch Helge Timmerberg, der mit seinen wilden Reisereportagen in TEMPO auch als „deutscher Hunter S. Thompson“ bekannt wurde, und der in FACES eine, allerdings sehr kurze Kolumne schreibt.

Leider sind die weiteren Seiten des Heftes wesentlich uninteressanter als die ersten 40. Da geht es  nämlich hauptsächlich um Mode, Beauty und Reise, mit den üblichen Modefotostrecken und Shoppingtipps für Parfüm, Make up und Accessoires. Artikel über Film- und Popstars sind hingegen nie länger als eine Seite. Am Schluss gibt es dann noch Berichte über irgendwelche Society-Events mit Promifotos, wie man sie aus der BUNTEn kennt. Insgesamt ist das Heft eine merkwürdige Mischung aus der deutschen „Vanity Fair“, BUNTE und TEMPO. Schade, denn mit Autoren wie Kummer, Glaser, Biller und Timmerberg hätte ich echt auf ein insgesamt interessanteres Magazin gehofft.

Immerhin kann man die komplette Ausgabe (sowie die Back Issues) kostenlos als E-Paper im Netz lesen, sogar mit zusätzlichen Videos, die in die Seiten eingebaut sind (wobei die Biller-Kolumne sowie eine Contributors-Seite, auf der die fünf Ex-TEMPO-Mitarbeiter kurz vorgestellt werden, komischerweise fehlen). Vor allem die Kummer-Reportage über einen Besuch bei Charles Manson im Knast ist absolut lesenswert: typischer Kummer eben.

Menschen, die schon mein altes Blog kennen, wissen wahrscheinlich, dass ich ein Anhänger des New Journalism bin. Allerdings eher in seiner deutschsprachigen Ausprägung, denn von den amerikanischen Autoren kenne ich zu wenig, um das wirklich beurteilen zu können. In Deutschland war es vor allem die leider schon lange verblichene Zeitschrift TEMPO, die diesen Schreibstil adaptierte. Mein Gott, was hat dieses Magazin für hervorragende Autoren hervorgebracht: u.a. und vor allem Maxim Biller, Peter Glaser, Tom Kummer…und Helge Timmerberg.

Timmerberg ist ein absoluter Outsider und Einzelgänger des deutschen Journalismus. Damit ist er allerdings ziemlich gut bzw. erfolgreich gefahren, denn er nach seiner Zeit bei TEMPO war er u.a. bei der BUNTEn gut im Geschäft (er schrieb von Marrakesch aus Meldungen für die People-Rubrik; dazu brauchte er nach eigener Aussage einen Tag pro Woche, die Bezahlung reichte aber, um die ganze Woche ein gutes Leben zu führen), schrieb für alle möglichen renommierten Zeitschriften und veröffentlicht regelmäßig Bücher.

2001 erschien ein Taschenbuch namens Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs. Es versammelt eine Auswahl seiner besten Reisereportagen und andere Artikel, die er im Laufe der Jahre für TEMPO, WIENER, BUNTE, PRINZ, Die Zeit und andere Titel geschrieben hat. Die Artikel sind immer höchst subjektiv. Egal, ob es um eine Reise durch Indien geht, Besuche in Kriegsgebieten wie dem Irak oder ob er deutsche Städte bereist, egal, ob es um Drogen geht oder um das Entlieben: Immer lässt uns Timmerberg hautnah nicht nur an seinen Erlebnissen, sondern auch an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben. Dabei ist er ein so begnadeter und unterhaltsamer Erzähler, dass das Thema des jeweiligen Artikels eigentlich völlig egal ist.

Wie sein Vorbild Hunter S. Thompson schreckt auch Timmerberg nicht davor zurück, tief in das Milieu seines Themas einzutauchen und vollen körperlichen und psychischen Einsatz zu zeigen. Bermerkenswert ist z.B. eine hier abgedruckte Zusammenstellung von Artikeln, die sich mit verschiedenen Drogen beschäftigen. Ob Kokain, LSD oder Viagra: Timmerberg hat immer interessante Erkenntnisse mitzuteilen, die fast immer auf eigenen Erfahrungen beruhen. Herrlich etwa seine „Recherchetour“ für den WIENER, bei der er die Wirkung von Viagra testen will. Obwohl er auch vor Selbstentblößung in seinen Texten nicht zurück schreckt, werden seine Stücke doch nie peinlich, sondern bleiben immer sehr klug und authentisch. Inwieweit hier die dichterische Freiheit ins Spiel kommt, ist meistens natürlich nicht so ganz klar. Es sei denn, dies ist so offensichtlich wie in der Indien-Reportage, wo Timmerberg angeblich zehn Minuten (oder länger) die Luft anhält, um einen ihn belauernden Tiger wieder loszuwerden. Ob die Reportagen nun zu 100 Prozent der „Realität“ entsprechen oder nicht, ist aber auch – wie im Grunde bei allen Vertretern des New Journalism oder Gonzo-Journalismus –  mehr oder weniger egal. Denn Ziel dieses Konzeptes ist es ja gerade, die subjektive Realität abzubilden. Wenn es dem Autor gelingt, dabei trotzdem etwas Substantielles über das Sujet seines Artikels zu vermitteln, wie es Timmerberg in nahezu jedem der hier abgedruckten Texte schafft, ist das Konzept vollständig aufgegangen.

Die ebenfalls von mir bewunderte Sybille Berg schreibt im Vorwort dieses Bandes, wenn man Timmerberg gelesen habe, sei es schwer, noch selbst etwas auch nur annähernd Gutes zu schreiben (sinngemäß).  Leider ist es auch schwer, überhaupt noch etwas ähnlich Gutes aus dem journalistischen Bereich zu lesen zu finden.