Mit ‘Intro’ getaggte Beiträge

Immer wieder ein Hort der Ermunterung: die Jahrescharts diverser Musikzeitschriften. Z.B. der Poll in der neuen „Intro“. Gut, dass ich bei den „Besten Songs 2009“ sowohl in den Redaktions- als auch in den Lesercharts jeweils genau einen kenne, wundert mich nicht wirklich. Auch nicht, dass das erste Album, das mich halbwegs interessiert, in der Redaktionsliste auf Platz 9 und in der Leserliste auf Platz 11 steht. Ist halt die „Intro“, da kenn ich sowieso 90 Prozent der Bands, die da besprochen werden, nicht. Bei den Lieblingskünstlern der Leser könnte man sich vielleicht noch die Frage stellen, wer um alles in der Welt denn solche Menschen wie Erlend Oye (mit Querstrich durch das O, weiß nicht, wie man das auf dem PC erzeugt) auf Platz 8 oder William Fitzsimmons auf Platz 10 sind. Kann man aber auch sein lassen.

„Stromberg“ und die „Simpsons“ sind als Spitzenreiter bei den „Besten TV-Sendungen“ wohl unvermeidbar, obwohl inzwischen selbst Hardcore-„Simpsons“-Fans meinen, die Serie hätte ihren Zenit schon lange überschritten. Auf den Plätzen 5 bis 7 folgen dann lauter langweilige Sitcoms. Gut, ist halt nicht mein Genre. Aber spätestens bei den Schauspielerlisten dachte ich dann, jetzt sind die Leser wohl jenseits von Gut und Böse angekommen: Nora Tschirner als „Beste Schauspielerin“ ist ironisch gemeint, oder? Und bei den Männern Till Schweiger auf Platz 13? Till „Ich habe nur einen Gesichtsausdruck“ Schweiger? Till „Unser Mann in Hollywood, bei dem es leider nur für zwei, drei Gastauftritte gereicht hat“ Schweiger? OMG!

Erstaunlich geschmackssicher sind die „Intro“-Leser immerhin, was Radiosendungen angeht. In den Top 10 finden sich gleich drei meiner Lieblingsshows: der Bayern2-„Zündfunk“ auf der 2, Grissemanns & Stermanns Comedy-„Show Royal“ (Radio Eins) auf Platz 6 und Klaus Walters ByteFM-Sendung „Was ist Musik?“ auf Platz 8. (Und auch wenn ich kein großer EinsLive-Fan bin, kann ich den ersten bzw. dritten Platz für „Plan B“ und „Fiehe“ zwar nicht teilen, aber zumindest nachvollziehen.)

Bei vielen Kategorien frage ich mich eh, wie man da zu Favoriten kommen soll. Ich hab z.B. letztes Jahr weder ein Konzert besucht noch bewusst ein Musikvideo wahrgenommen (doch, eins: von dem Distelmeyer, aber das fand ich jetzt nicht so toll, dass ich das wählen würde), spiele keine Computerspiele und gehe nie auf Festivals. Aber wahrscheinlich bin ich auch schon längst aus der Zielgruppe raus.

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Wer kennt sie nicht (wollte schon immer mal so einen Artikel anfangen), die „Intro“, jene nerdige Gratis-Musikzeitschrift, für die jeder junge Journalist, der aus der Nähe von Köln kommt, schon mal geschrieben hat (außer mir), und die man gerne mitnimmt, wenn man seinen unabhängigen Plattenladen besucht hat (soweit man überhaupt noch einen solchen in der Nähe hat)? Der Musikgeschmack der „Intro“-Redaktion wird aber auch immer seltsamer. Im neuen Haft wird Tokio Hotel an mehreren Stellen abgefeiert und ihr neues Album „Humanoid“ hat es soger auf Platz 4 der Redaktionscharts geschafft (in denen sich sonst zu 90 Prozent Bands finden, von denen ich noch nie irgendwas gehört habe). Außerdem bejubelt ein Autor die Soundtracks von Horror-Regisseur Dario Argento und der Gruppe Goblin. Der Score zu George A. Romeros „Dawn of the Dead“ sei ein „Meilenstein in Sachen Blutgroove“. Zufällig habe ich den Film vor ein paar Tagen erstmals gesehen, und mein Gott, ging mir dieses elektronische Geplärre nach einer halben Stunde auf die Nüsse.

Über die „Intro“ kann man sich sowieso immer herrlich aufregen, vor allem über ihre Sprache, die meist irgendwo zwischen nerdigem Fangeschwafel und bramarbarsierendem Intellektuellen-Geschwurbel angesiedelt ist. Im aktuellen Heft taucht in jedem zweiten Text, den ich gelesen habe, die Formulierung „Sowieso Sowieso of Irgendwas-Fame“ auf, z.b. „Thommy Ohrner of Tim Thaler- und Manni der Libero-Fame“. Ich möchte mal wissen, wo die Autoren diese unsäglich peinliche Redewendung her haben. Ich kenne jedenfalls niemanden, der so redet, weder Amerikaner noch Deutsche.

Außerdem werden immer wieder gerne berühmte Soziologen zitiert. In der November-Ausgabe stolperte ich über Kracauer, Foucault, Bourdieu und Adorno (letzteren allerdings nur im Zusammenhang mit ersterem). Da möchte man der Redaktion doch zurufen: „Ja, ihr wart alle brave Soziologie-Studenten!“ In einem Artikel über die Geschichte des Gruseligen im Film Kracauer anzuführen, der immerhin das Buch „Von Caligari zu Hitler“ geschrieben hat, macht ja noch Sinn. Was Foucault in einem Text über „Die Goldenen Zitronen“ zu suchen hat, und ob man unbedingt Bourdieus Begriff des kulturellen Kapitals bemühen muss, wenn es um Einflüsse der Globalisierung auf die Popmusik geht, ist fraglich.

Leider bleiben die meisten Artikel trotz aller Theoretisierung seltsam oberflächlich. Am Ende ist man meist nicht viel schlauer als am Anfang. Dass die Autoren oft lieber sich selbst zuhören als ihren Interviewpartnern, konnte man wunderbar in der letzten Augabe sehen, wo die Fragen in einem Jochen Distelmeyer-Interview oft länger waren als die Antworten. Auf eine ellenlange umständlich formulierte Frage, antwortete der Ex-„Blumfeld“-Sänger schlicht mit „Ja.“, auf eine andere mit „Ist mir scheißegal, was die Hörer meiner Platte denken.“ Das fand ich schon wieder konsequent von ihm.

Da gefallen mir die Artikel im „Rolling Stone“ schon besser, obwohl der es auch irgendwie schafft, nach einer Ausgabe mit vielfältigen interessanten Themen eine auf den Markt zu werfen, in der mich wirklich kein einziges interessiert. Titelstar der aktuellen Nummer ist Robbie Williams, einfallsloser geht’s wohl nimmer. Dazu kommt ein Artikel über eine mir völlig unbekannte, dafür gut gebaute und leicht bekleidete US-Schauspielerin (?). Und als Gipfel der Belanglosigkeit noch ein Gespräch mit Heinz Rudolf Kunze und Gunther Gabriel, zwei der sich selbst am meisten überschätzenden Vertreter der populären Musik in Deutschland (Wobei, kann man das eigentlich noch populäre Musik nennen? Die Beiden verkaufen ja wohl schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich viele Platten.). Ist der November musiktechnisch Saure Gurken-Zeit? Oder ist das schon der Einfluss der neuen Redaktionsleitung? Seltsame Dinge kommen noch auf uns zu.

Kaum ist das „blond“-Magazin eingestellt, liegt schon eine neue Zeitschrift des Blond-Verlags in den Regalen. Das heißt originellerweise „blonde“, was wohl Kontinuität und Neuanfang gleichzeitig symbolisieren soll. Anders als die alte „blond“ ist „blonde“ in erster Linie ein Modemagazin. Und damit für mich schon mal uninteressant. (LIEBLING ist ja auch zu einem großen Teil eine Modezeitschrift, aber da gibt es halt noch so viel Anderes zu entdecken.)

Und dann gibt es nach „Missy“ (dessen zweite Ausgabe ebenfalls seit ein paar Tagen erhältlich ist) schon wieder ein neues Popkulturmagazin: „Blank“ wird von den ehemaligen Redakteuren der „Face“ gemacht. Die wurde schon nach drei Nummern wieder eingestellt, weil es Streit zwischen Redaktion und Verleger gab.  Jetzt also ein Magazin mit den Untertiteln „Face your magazine“ und „Gesellschaft, Diskurs, Disco“. Wobei ich letzteres im Gegensatz zu andreaffm schon wieder witzig finde. Das Heft selbst habe ich gestern nirgendwo in Düsseldorf gefunden, hätte doch gerne mal rein geguckt. Wie sich neue Zeitschriften etablieren wollen, die absolut nirgends erhältlich sind, ist mir rätselhaft. Es hat sicher nicht jeder soviel Motivation wie ich, fünf verschiedene Bahnhofs- und Großbuchhandlungen abzuklappern, wenn er von einer neuen Zeitschrift hört.

Andreaffm findet harte Worte für das neue Heft, an dem sie kaum ein gutes Haar lässt:  Es biete eine Mischung aus „Indie-Obskurantismus und strukturellem Analphabetentum“. Außerdem wirft sie dem Verfasser des Editorials vor, ein abgebrochenes Soziologiestudium kompensieren zu wollen, weil er Wörter wie Enkulturation verwendet. Tja, das ist ja eh ein altes Problem der Popkultur-Magazine. Das mit dem Soziologiestudium denkt man ja auch beim Lesen der „Intro“ (die ich ansonsten ganz gerne mag) öfter. Mir gibt mehr zu denken, dass mich von den angekündigten Themen der Debütausgabe von „Blank“ erst mal gar nichts interessiert. Naja, vielleicht sehe ich das Heft ja noch mal irgendwo im Laden.

(Links zu „Blank“ via)