Mit ‘Kommunikation’ getaggte Beiträge

Meine (Moderne-) Kommunikationsbiografie

Veröffentlicht: 2. Mai 2010 in Online, Uncategorized
Schlagwörter:,

1. E-Mail-Adresse (die ich auch selbst kannte, vorher bekam man glaube ich schon von der Uni automatisch eine zugewiesen, die man aber gar nicht mitgeteilt bekam): 2000 (wie Sascha Lobo)

1. selbst eingerichtete E-Mail-Adresse: etwas später im gleichen Jahr

1. Anmeldung in einem Forum: August 2003 (hatte da aber vorher schon mehr als zwei Jahre mitgelesen)

1. Handy: Mitte 2005 (Geschenk)

1. Blog: Anfang 2006

1. Anmeldung bei einem Sozialen Netzwerk: 2010

Abmeldung: wenn’s rein privat wäre, bald

Werbeanzeigen

Urbane Kommunikation

Veröffentlicht: 10. April 2010 in Allgemeines, Online
Schlagwörter:, , ,

Mit wem sprechen diese Leute ständig, frage ich mich, wenn ich aus dem Fenster schaue, und mindestens jeder Zweite mit einem Handy am Ohr über den Bürgersteig geht. Manchmal hat man auch das Pech, dass man sich das ja gar nicht zu fragen braucht, weil im Zug oder auf der Parkbank jemand neben einem sitzt, der oder die meint, lautstarke Telefonate führen zu müssen, die man auch noch Wort für Wort mitbekommt, wenn die Person drei Meter weg sitzt. Das sind dann oft Kommunikationsopfer, die es gar nicht mehr ertragen können, mal dreißig oder auch nur fünf Minuten auf sich allein zurück geworfen zu sein, mal mit niemandem zu sprechen.

Da gibt’s dann Leute wie jene Frau von vor ein paar Tagen, die auf einer Bank saß und eine Freundin nach dem anderen Freund anrief. Und mit denen in einer Lautstärke telefonierte, dass man gar nicht anders konnte als mitzuhören. Die Themen waren dann auch schön privat wie etwa: „Wenn die Aids hätte, wüsste es doch eh jeder…Nee, nee, die hat kein Aids, das war jetzt nur so ein Beispiel.“

Ein ähnliches Phänomen kann man als Zugfahrer regelmäßig beobachten: Menschen, die, kaum dass sie eingestiegen sind, ihr Handy aus der Tasche ziehen, um apathisch darauf zu starren, und ab und zu irgendwas einzutippen, wobei man dann bei diesen neumodischen iPhones und Surrogaten nicht weiß, ob sie gerade eine SMS abschicken wollen oder nur ihre Halluzinationen als Gedächtnisstütze verewigen. Und kurz bevor der Zug in den Hauptbahnhof einfährt, rufen sie dann noch schnell ihre Verabredung oder ihr Schatzi an: „Du, ich bin gleich da.“ Faszinierend. Wer hätte das erwartet?

Ältere Menschen wie ich erinnern sich ja noch an eine Zeit, in der es als unhöflich galt, wenn man einen Begleiter zwecks Kommunikation mit anderen, nicht anwesenden Menschen, kurz sich selbst überlassen wollte. In der man sich entschuldigte, bevor man ein Telefonat führen wollte. Heute weiß man manchmal gar nicht mehr, ob der Mensch, der einem am Tisch gegenüber sitzt oder neben einem hergeht, gerade noch mit dir spricht oder mit irgendwem telefoniert, der sich gerade per Vibrationsalarm als wichtiger positioniert hat. Wobei eine eingehende SMS oder ein Handygespräch eh grundsätzlich wichtiger zu sein scheinen als das persönliche Gespräch, das man gerade führt. Aber manchmal führen zwei sich bekannte Menschen auch gar kein Gespräch mehr, wenn sie sich treffen, sondern gehen nur nebeneinander her, während jeder mit einem jeweils anderen Menschen am Handy spricht.

Die Macht der Maschinen, der Zwang, jederzeit für jeden erreichbar zu sein, und das möglichst über alle verfügbaren Kanäle, Handy, Chat, Facebook, StudiVZ, Skype und Twitter, führt dann irgendwann dazu, dass man für persönliche Verabredungen gar nicht mehr verfügbar ist, vielleicht noch körperlich, aber schon längst nicht mehr mit vollem Bewusstsein. Wirklich erreichbar ist eigentlich auch schon fast niemand mehr, jedenfalls nicht kurzfristig und persönlich oder wenigstens telefonisch. Wenn man sich vor zehn Jahren mit jemandem verabreden wollte, rief man ihn in der Regel auf der einzigen Telefonnummer an, die derjenige hatte: dem Festnetz. Dann gab es zwei Möglichkeiten: Der Mensch war zuhause und ging ran, dann konnte man mit ihm sprechen. Oder der Mensch war nicht da und man versuchte es später noch mal. Wenn man jemandem auf einen Anrufbeantworter sprach, soweit er oder sie denn schon einen hatte, rief der Mensch meistens auch zurück – spätestens am nächsten Tag. Heute ruft fast niemand mehr zurück, weil alle denken: Wenn’s was Wichtiges ist, kann er mich ja auf dem Handy anrufen oder ’ne SMS schicken. Ein Kommunikationsversuch, der nicht unmittelbar zum Erfolg führt, hat praktisch nicht stattgefunden und endet als Phantomstimme auf irgendeinem Chip – so lange bis der Speicher gelöscht wird.

Komischerweise glaube ich nicht, dass irgendjemand sich jetzt öfter mit seinen Freunden trifft als früher. Man braucht nur mehr vorbereitende Kommunikationsakte, um überhaupt zu derselben Anzahl von Treffen zu gelangen. Erste SMS: Was machst du heute? Antwort: Weiß nicht, und du? Zweite SMS: Sollen wir uns treffen? Antwort: Wo? Dritte SMS: daundda. Antwort: Wann denn? Vierte SMS: Um acht? Antwort: Lieber um neun. Fünfte SMS: Ok. Antwort: Ach scheiße, ich kann heute gar nicht. Lass morgen mal simsen. Alles Liebe! Sechste SMS: Ok, bis dann. Erinnert sich noch irgendwer an die Zeiten, in denen man einfach unangemeldet bei Freunden an der Tür klingelte, wenn man in der Nähe war? Heute fällt sowas wohl unter die Kategorie unhöflich bis unverschämt.

Im Augenblick leben kann auch fast niemand mehr. Das sieht man an den Konzertbesuchern, die ihre Lieblingsbands lieber abfilmen oder fotografieren statt sich ihren Songs, dem Liveerlebnis und dem Gefühlseindruck des Augenblicks hinzugeben. Da ist die Konserve wichtiger, die man sich dann zuhause eh nie wieder anguckt (von der technischen Qualität mal ganz zu schweigen). Aber man kann den Schrott ja noch bei YouTube hochladen und aller Welt so beweisen: Hey, ich war da!

Die andere Seite der Medaille ist dann, dass man sich mies fühlt, wenn man nicht ständig unterwegs angerufen oder angesimst wird. „Kein Schwein ruft mich an“ hoch drei sozusagen. Nicht nur das Telefon zuhause schweigt, sondern auch Handy, Skype und die Kommentarleiste im Blog. Dann ist man auch ein Kommunikationsopfer geworden, aber eines von mangelnder Kommunikation. Weil es in einer Welt, in der alle global vernetzt sind, eher schwieriger als einfacher geworden ist, Freunde um die nächste Ecke zu finden.

Wenn „urban“ den Widerspruch bezeichnet, dass man in der Stadt von unendlich vielen potentiellen Kommunikationspartnern umgeben ist, tatsächlich aber leichter als anderswo in totale Isolation geraten kann, weil niemand erwartet, dass man ihn oder sie tatsächlich anspricht oder kontaktiert („Aus der Nachbarswohnung riecht’s so komisch, wo der wohl seit Monaten ist?“), dann möchte ich die Auswüchse von Handy, Internet & Co. als urbane Kommunikation bezeichnen oder als kommunikative Urbanität. Irgendwann ist dann jedes dieser Kommunikationsopfer vielleicht wirklich ein geschlossenes System, das nur noch über digitale Datenverbindungen Kontakt zur Außenwelt aufnimmt, wie in Houellebecqs „Die Möglichkeit einer Insel“. Hoffentlich haben sie dann wenigstens auch einen Hund als treuen Freund bei sich.

Ich habe das Gefühl, einige dieser digitalen Bohémians (Schreibt man das so?) beantworten gar keine E-Mails mehr. Wahrscheinlich ist ihnen das schon längst wieder zu old school, wie man in der Jugendsprache zu sagen pflegt(e). Ich stelle mir aber gerade die Reaktion vor, wenn ich einem Autraggeber mitteilen würde (natürlich per Telefon, Skype, Chat oder Twitter), ich hätte keine Mailadresse mehr, weil mailen doch eigentlich total 2007 wäre. Wahrscheinlich würden mich die meisten Redakteure dann fragen, ob ich denn wenigstens ein Faxgerät hätte. Oder Telex.

Dabei waren das doch im Grunde herrliche Zeiten, als E-Mails begannen, sich als Massenkommunikationsmedium durchzusetzen: Man schaute ein- bis zwei Mal pro Woche in sein Postfach, hatte vielleicht eine Handvoll neuer Nachrichten und schrieb dann ein paar Antworten, wofür man sich richtig Zeit lassen konnte. Also richtig viel Zeit natürlich auch wieder nicht, denn damals wurde ja noch pro Minute abgerechnet und die imaginäre Kostenuhr tickte immer im Hintergrund.

Dann kam die Zeit, wo jeder diverse Newsletter abonnierte und man wegen jedem Scheiß erst einmal einen Verteiler oder eine Yahoogruppe einrichtete („Wir sollen nächsten Monat ein Gruppenreferat an der Uni halten? Da mach ich erst mal ’ne Yahoogroup für uns auf, damit wir da rund um die Uhr alles absprechen können.“ ). Wenn man jetzt mal zwei Tage keinen Internetzugang in der Nähe hatte, wurde man beim nächsten Einloggen von Dutzenden von Mails erschlagen, die man über diverse Verteiler weitergeleitet bekommen hatte. Oder man wurde vorwurfsvoll angeguckt, wenn man zur Uni kam und die letzten zwanzig Diskussionsbeiträge noch nicht gelesen hatte. (Dabei bin ich nicht mal bei Facebook oder StudiVZ angemeldet, das hätte die Sache wahrscheinlich noch schlimmer gemacht.) Statt sich einfach mal eine Woche vor einem Referat in der Caféteria zu treffen, postete man als guter Student nun schon sechs Wochen vor dem Termin täglich irgendwelche Links, Arbeitsaufforderungen und Lesehinweise in seine Internetgroup. Das Referat wurde dadurch zwar meist nicht besser, es dösten nicht weniger Kommilitonen im Seminar vor sich hin, aber man hatte das Gefühl, unheimlich fleißig und super vorbereitet gewesen zu sein.

Und heute? Kommen E-Mails schon wieder aus der Mode, chatten die 14-Jährigen lieber mit ihren (realen und virtuellen) Freunden vor sich hin, und erfolgreiche Freiberufler twittern alle zwei Stunden (minimale Frequenz) aus ihrem Leben. Der britische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry („Peter’s Friends“, „Die Entdeckung des Himmels“) hat bei Twitter gut 139.000 Follower, also Menschen, die seinen Channel abonniert haben. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass nur ein paar Prozent von denen ihm auch ab und zu mal irgendwas antworten oder ihm eine Frage stellen, kann man sich ungefähr vorstellen, welcher „Communication-Overkill“ da auf Frys Handy bzw. in seinem Kopf herrscht. Wann kommt der Mann noch zum Arbeiten (und zum Bloggen, Video-Podcasten etc.)? Das Leben als A-Blogger, -twitterer, -podcaster ist wahrscheinlich ganz schön anstrengend. So, und ich melde mich jetzt bei GMX ab.