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Listen, die die Welt nicht braucht: Das Jahr 2009

Veröffentlicht: 19. Dezember 2009 in Film, Print, TV
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Am Jahresende bricht wieder in sämtlichen Medien der Listenwahn aus, und weil auch schon wieder ein Jahrzehnt zuende geht, kommt es dieses Jahr wieder besonders dicke. Da möchte ich natürlich nicht zurückstehen. Deshalb hier mein Rückblick auf einige kulturelle Highlights des ausklingenden Jahres.

Kinotechnisch war 2009 ein äußerst schwaches Jahr (oder es liegt einfach an meinem Alter, dass mich kaum ein neuer Film so richtig begeistern konnte). Meine Top 5 der besten Filme 2009:

1. Der Knochenmann – „Komm, süßer Tod“ war super, „Silentium“ so làlà, die dritte Wolf Haas-Verfilmung mit Josef Hader als Brenner genial: blutig, brutal, sarkastisch, aber auch voll skurrilen Humors und tiefer Menschenliebe (Man könnte sagen: Sie sind solche Arschlöcher, man muss sie einfach gernhaben.). Hader und Bierbichler liefern sich ein österreichisch-deutsches Duell der Spitzenschauspieler, das keinen eindeutigen Sieger hervorbringt.

2. The Boss of it all – ist eigentlich schon  mehrere Jahre alt, fand aber erst Anfang dieses Jahres seinen Weg in vereinzelte deutsche Programmkinos – warum, versteht kein Mensch. Lars von Triers erste richtige Komödie ist nämlich wahnsinnig lustig, dazu noch höchst gesellschaftskritisch und mit der ein oder anderen Metaebene gespickt. Schöne neue Arbeitswelt, in der sich alle lieb haben, aber letzlich doch der Chef am längeren Hebel sitzt.

3. Star Trek – Nichts interessierte mich weniger als Kirks alte Crew, dann kam J.J. Abrams und brachte das Kunststück fertig, einen modernen SF-Film mit mehr als 40 Jahre alten Figuren abzuliefern. Sie mögen anders aussehen, aber vom Charakter her sind sie noch ganz die Alten. Ein fast perfekter Unterhaltungsfilm.

4. Looking for Eric – Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal eine Komödie so gut finden würde, in der es u.a. um einen Fußballer geht. Witzig, menschlich, anrührend, Mut machend: Ken Loachs Film ist das alles.

5. Antichrist – Was ich inhaltlich von diesem Film halten soll, weiß ich immer noch nicht. Aber er hat mich nachhaltig beeindruckt und so verstört, wie wohl kein anderer (neuer) Film in diesem Jahr. Filmisch brilliant, schauspielerisch eine tour de force, vor allem von Charlotte Gainsbourg. Bei Lars von Trier muss man den ganzen Weg mitgehen, aber es lohnt sich, dazu bereit zu sein.

Meine besten Serien, die ich 2009 gesehen habe:

1. Battlestar Galactica, Staffel 4 – ein alles in allem doch befriedigendes Ende für eine der intelligentesten und fesselsten SF-Serien ever

2. The West Wing – hätte nicht gedacht, dass ein Kammerspiel über US-Politik so unterhaltsam sein kann

3. Californication – böse und respektlos, aber saugut

4. Carnivàle – Mystery auf erschreckend hohem Niveau. Visuell ganz großes Kino.

5. Rome – Ganz große Tragik zum Serienende.

Positivste Überraschungen auf dem Print-Markt 2009:

– die neue Filmzeitschrift „Cargo“

– der Relaunch des „Freitag“, der mich dazu gebracht hat, zum ersten Mal seit 12 Jahren eine Zeitung zu abonnieren (und zum ersten Mal überhaupt eine Wochenzeitung)

Traurigste Entwicklung auf dem Print-Markt 2009:

– kein neuer „Liebling“ (mehr) erschienen

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Ich hatte ja neulich schon mal etwas über das neue Berliner Kulturmagazin „Aufstieg und Fall“ geschrieben. Jetzt habe ich es auch gelesen. Und muss leider sagen, dass der Inhalt nicht mit der Aufmachung mithalten kann. Das Heft sieht wirklich gut aus und liegt gut in der Hand – die Macher weisen extra darauf hin, dass sie „gefühlte 999 Papiermuster“ in der Hand hatten. Leider findet sich nicht ein einziger wirklich lesenswerter Artikel. Einiges ist ganz nett geschrieben, so der (englischsprachige) Artikel über einen betrügerischen Aktienhändler, der in den USA zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde, bei vielem ist man hinterher genauso schlau wie vorher – etwa bei einer launischen Geschichte über sexuelle Anziehung -, und einiges ist schlicht unleserlich, so das Interview mit einem Trendscout, der eine Plattitüde an die nächste reiht. Wirklich hervorragend geschrieben ist leider nichts.

Einige Artikel kommen gleich ganz ohne Fakten aus, sondern sind reine Dichtung (die sieben Leben einer Katze und ein selbst ernannter Messias schreibt über sich selbst). Das finde ich vom Ansatz her erst mal nicht schlecht, nur sollten solche Texte dann auch wirklich witzig sein, was die beiden leider nur bedingt sind. Ein roter Faden ist auch nicht wirklich zu erkennen. Angeblich soll das verbindende Thema der Debütausgabe ja Aufstieg und Fall sein. Und was hat der Messias jetzt damit zu tun? Himmelfahrt oder wie? Und die geistig Behinderten in Dänemark? Bei DUMMY ist das Oberthema ja oft auch sehr schwammig gewählt, so dass fast alles dazu passt (Thema des aktuellen Hefts: Männer). Zumindest kann man aber immer noch erkennen, was jeder einzelne Artikel denn nun mit dem Oberthema zu tun hat.

Am besten sind in „Aufstieg und Fall“ noch die Fotostrecken, eine zu einem wilden rituellen Fest in Indien, eine zu einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen in Dänemark. Aber wegen denen allein gibt man ungern knapp sechs Euro aus. Insgesamt wirkt das Heft wie ein DUMMY ohne echten Inhalt. Special Interest-Magazine, also Film-, Musik- oder Comicfachzeitschriften lese ich vor allem wegen der Informationen; wenn die Texte darüber hinaus noch gut geschrieben sind, umso besser. Bei Zeitschriften wie DUMMY oder LIEBLING erwarte ich gar keinen Informationsgehalt, sondern besonders gut geschriebene Texte, die ich einfach gerne zur Unterhaltung lese. In „Aufstieg und Fall“ findet sich leider beides nicht. Schade! Es ist halt doch nicht alles Gold, was aus Berlin kommt und auf glanzlosem schwerem Papier gedruckt wird.

Meine erste Lieblingszeitschrift: Die erste Siehste von 1979  Foto: Springer Verlag

Meine erste Lieblingszeitschrift: "Siehste" von 1979 Foto: Springer Verlag

Die erste Zeitschrift, die ich regelmäßig gelesen habe, war, wenn ich mich recht erinnere, die „Siehste„. Das war so eine Fernsehzeitschrift speziell für Kinder von der „Hörzu“. Die erschien 1979 etwa ein Jahr lang; ich war damals vier (fragt nicht, wieso ich da überhaupt schon lesen konnte). Nach einem knappen Jahr wurde sie wieder eingestellt, das Maskottchen Holly Zolly, eine Art Wurm, dessen Kopf aus dem „Hörzu“-Logo entwickelt worden war, tummelte sich danach noch einige Jahre auf der Kinderseite der „Hörzu“, die wir später auch im Haus hatten. Die alten „Siehste“s, inzwischen 30 Jahre alt und völlig zerfleddert, liegen immer noch in meinem ehemaligen Kinderzimmer. Durch meine spätere Kindheit begleiteten mich vor allem „Yps mit Gimmick“ und die „Micky Maus“ regelmäßig, teilweise auch „Fix & Foxi“. Manchmal trauere ich den alten Zeiten nach, wo es jede Woche am Kiosk drei bunte Zeitschriften gab, die mich begeisterten, und das für ein paar Mark. Die wenigen Zeitschriften, die ich mir heute noch regelmäßig kaufe, erscheinen alle drei Monate bis unregelmäßig, sind schweineteuer und meist nur im Bahnhofsbuchladen zu bekommen.

Ja, die „Bravo“ habe ich auch irgendwann mal ’ne Zeit lang gekauft, ist ja quasi unvermeidlich (oder war es zumindest damals, heute brauchen die Kids dank Internet und Viva die wohl nicht mehr so dringend). Mit 14 hörte ich damit aber wieder auf. Ungefähr zur gleichen Zeit las ich auch die „ASM – Aktueller Software Markt“, die erste deutsche Zeitschrift, die ausschließlich über Computerspiele (und selten über andere Software) schrieb. Als nächstes stieß ich auf den „Musikexpress/Sounds“, den ich mit 15/16 wohl so 1 1/2 Jahre jeden Monat kaufte, kurz darauf kamen dann die beiden Lifestyle- (oder Zeitgeist-, wie man damals sagte) Magazine „Tempo“ und „Wiener“ dazu. „Tempo“ würde ich wahrscheinlich heute noch zu meiner All Time-Lieblingszeitschrift erklären. 1993 wurde ich konservativ und stieg auf etabliertere politische Magazine um, hauptsächlich auf den „Spiegel“, den ich allerdings nur sporadisch las. Außerdem hatte ich ein Comicfachmagazin abonniert, „RRAAH“ aus dem comicplus-Verlag, inzwischen auch längst eingestellt, ebenso wie die „Comic Speedline“, die ich später bis zur Einstellung las. Ende 1994 wurde der deutsche „Rolling Stone“ gegründet, der meine neue Lieblings-Musikzeitschrift wurde.

Als großer Fan (vor allem frankobelgischer) Comics stieß ich natürlich 1999 gleich auf das wiedergegründete ZACK, auch wenn ich das alte Magazin gleichen Namens in den 70ern nicht mehr wahrgenommen hatte. Später kaufte ich auch ab und zu mal die „epd Film“, die mir meistens aber doch zu teuer war und ist. Nachdem ich 1998 meinen letzten „Spiegel“ gekauft hatte, sollte es ungefähr zehn Jahre dauern, bis ich überhaupt mal wieder eine Zeitschrift ohne festes Themengebiet für mich entdeckte. „Dummy“ riss mich wirklich vom Hocker, kurz darauf kam dann noch „Liebling“ hinzu, bei dem mich vor allem die optische Seite fasziniert.

Im Vergleich zu früher bin ich heute ein eher sporadischer Zeitschriftenleser. Außer „Dummy“ und „Liebling“, die beide extrem selten erscheinen, kaufe ich kein Magazin mehr regelmäßig, also blind jede Ausgabe. Wenn mich die Themenmischung anspricht, kaufe ich mir mal eine Film-, Musik- oder Comicfachzeitschrift, aber es gibt keine, auf die ich jeden Monat gespannt warten würde. Wahrscheinlich gehört es einfach zur Kindheit und Jugend, dass man da begeisterungsfähiger war, jede Woche oder jedes Monatsende zum Kiosk  gelaufen ist, um sich das neue „Yps“ oder die neue „Tempo“ zu holen und ja kein Heft verpassen wollte.

Die meisten Zeitschriften, die ich mal eine Zeit lang regelmäßig las, wurden früher oder später eingestellt. An anderen verlor ich altersbedingt das Interesse. In die „Micky Maus“ gucke ich gerne noch, wenn sie irgendwo ausliegt (Z.B. neulich beim Arzt, die Alternative waren allerdings auch lauter Frauenzeitschriften), von der „Yps“ habe ich aus Nostalgiegründen vor einigen Jahren zwei der vier Relaunch-Versuchshefte gekauft. Der alte Zauber stellt(e) sich natürlich nicht wieder ein. Wirklich nachtrauern tu ich vor allem der „Tempo“. Wenn sich hier der Jahreszeiten-Verlag noch mal erbarmen und Markus Peichl ein paar Hunderttausend Euro in die Hand drücken würde, wär das ein Jubeltag für mich. Ansonsten bleiben vor allem nostalgische Erinnerungen an gedruckte Blätter, die einem so viele schöne Stunden bereitet haben.